Nr. 13/2005 vom 31.03.2005

Kirschblüten der Musik

Von Fredi Bosshard

Es sind rund sechzig Mitglieder aus Stans und Umgebung, die die Musiktage tragen und erneut ein facettenreiches Programm zusammengestellt haben. Es lädt ein zu einer musikalischen Reise, die einiges an Entdeckungen verspricht und auch Bewährtes integriert. Bereits zum elften Mal werden verschiedene Räume der Kleinstadt bespielt, der Jazzpavillon und das Partyzelt tragen massgeblich zum guten Gelingen bei. Stans hat mit dem Kollegium St. Fidelis, dem Theater an der Mürg, der Kapuzinerkirche, der Pfarrkirche St. Peter und Paul, dem Unteren Beinhaus und dem Saal auf dem Stanserhorn Räumlichkeiten zur Verfügung, die optimal auf den jeweiligen musikalischen Stil einstimmen können.

So findet die aus der Slowakei stammende Sängerin und Violinistin Iva Bittová in der Kapuzinerkirche ein stimmiges Ambiente für ihre feinsinnig fabulierenden Lieder. Durch den Film «Step Across the Border» aus dem Jahr 1989, über den Multiinstrumentalisten Fred Frith, ist sie auch bei uns bekannt geworden. Eine der schönsten Szenen ist, wenn sie frühmorgens im Hotelzimmer - noch schlaftrunken - zum Läuten des Weckers ein Lied zu improvisieren beginnt. Seither hat Iva Bittová in unzähligen Formationen gespielt, das Spektrum erweitert, doch am berührendsten ist es immer wieder, wenn sie alleine auf der Bühne steht.

Musik aus Spanien

Mit den Sängerinnen Amparo Sánchez und Fátima Miranda, dem Flamenco-Programm von Gerardo Núñez y Carmen Cortés und dem Akkordeonisten Kepa Junkera aus dem Baskenland sind verschiedene Regionen Spaniens abgedeckt. Die geografischen Regionen sind dabei so unterschiedlich wie die musikalische Ausdrucksweise der vier auftretenden Gruppen. Die Gruppe Amparanoia eröffnet das Festival mit einem gefühlvollen Mix aus katalanischem Rumba, kubanischem Son und Flamenco, der mit Ambient und Dub in Verbindung gebracht wird und so auch die Freundschaft zu Manu Chao nicht verleugnet. Die Sängerin Amparo Sánchez, die der Band den Namen gegeben hat, hielt sich vor fünf Jahren bei den Zapatisten im Süden Mexikos auf - auch dies hat musikalische Spuren hinterlassen.

Fátima Miranda aus Madrid, die eine ihrer letzten CDs «Arte Sonado» betitelt hat, bewegt sich über vier Oktaven hinweg im Spannungsfeld zwischen zeitgenössischer Musik, freier Vokalimprovisation und Performance. Lautpoesie in der Tradition der Dadaisten spielt dabei eine wichtige Rolle, aber es ist auch immer wieder ihre intensive Auseinandersetzung mit mongolischem Obertongesang, japanischen und indischen Gesangstechniken hörbar.

Mit Gerardo Núñez y Carmen Cortés aus Jerez de la Frontera in Andalusien sind VertreterInnen des modernen Flamenco aus dem Süden Spaniens zu Gast, während die dank dem Akkordeon von Kepa Junkera aus dem nördlichen Baskenland stammende Musik für aktuelle Strömungen des urbanen Folk steht, die die eigene Tradition mit derjenigen aus Galicien und Irland verbindet.

Christliche und jüdische Musik

Die Mezzosopranistin Anna Mailian und das Mesrob Mashtots Ensemble präsentieren in der Pfarrkirche St. Peter und Paul geistliche Lieder aus Armenien. Das Quintett Brave Old World spielt jüdische Musik aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, und die Schauspielerin Claudia Carigiet liest dazwischen Briefe des deutschen Dramatikers Max Mohr (1891-1937). 1934 flüchtete dieser vor den Nazis nach Schanghai und schrieb von dort hunderte von Briefen nach Hause. Die gleiche Gruppe bringt im Rahmen der Musiktage ein theaterähnliches Musikprogramm unter dem Titel «Dus geszang fin Geto Lodzh» (Lieder aus dem Ghetto von Lodz) zur Aufführung, das aus seltenen jüdischen Strassenliedern aus dem zwischen 1940 und 1944 bestehenden Ghetto besteht.

Musik von Winter & Winter

Neben dem spanischen Schwerpunkt stehen vier Produktionen aus dem Umfeld des deutschen Labels Winter & Winter auf dem Programm. Der Gitarrist Noël Akchoté aus Frankreich, der seit einigen Jahren in Wien lebt, hat vor kurzem mit «Sonny II» eine äusserst gelungene CD vorgelegt, die als Hommage an Sonny Sharrock gedacht ist. Der 1994 im Alter von 54 Jahren verstorbene Sharrock hatte mit Grössen wie Pharoah Sanders, Don Cherry, Miles Davis gespielt und formierte Mitte der achtziger Jahre mit Bill Laswell, Peter Brötzmann und Shannon Jackson die Supergruppe Last Exit. Noël Akchoté ist es mit «Sonny II» gelungen, den Geist des stilbildenden Gitarristen und seiner im erdigen Blues verwurzelten Spielweise aufleben zu lassen, ohne billige Kopien oder Plagiate abzuliefern.

Eine weitere Produktion, die ebenfalls bereits auf CD vorliegt, wird in Stans erstmals live aufgeführt. Der japanische Pianist und Komponist Fumio Yasuda hat mit «Heavenly Blue» ein Werk für das Kammerorchester Basel und den Akkordeonisten Teodoro Anzellotti geschrieben. Es ist eine musikalische Auseinandersetzung zwischen japanischer und europäischer Kultur, die Zuordnungen überflüssig macht und im Kopf einen imaginären Film aus dem Land der Kirschblüte ablaufen lässt.

Die Produktion «Perpetual Rhythm» vereint das Ritual-Groove-Konzept des Zürcher Pianisten Nik Bärtsch und seiner Gruppe Mobile mit demjenigen des in Tokio lebenden Imre Thormann, der sich seit Jahren mit Butoh-Tanz auseinander setzt. Auch Bärtsch und Thormann bieten Gelegenheit zu einer Reise zwischen Ost und West, und das auf dem Stanserhorn auf 1898 Metern über Meer - mit Sicht in alle Richtungen.

Peaches, Bitch Lap-Lap und Chilly Gonzalez gehören zu einer Clique von KanadierInnen, die sich seit einigen Jahren in Europa rumtreiben. Bitch Lap-Lap blieb etwas im Schatten zurück, obwohl sie lange zur kanadischen Indieszene gehört. Sie musste sich an ihren ursprünglichen Namen erinnern und hat nun als Leslie Feist oder verkürzt als Feist die Geschichte von hinten aufgerollt. Ihre Stimme setzt sich mit dem ersten Song in den Gehörgängen fest, wie wir seit der CD «Let It Die» wissen.

Nebst einem Rahmenprogramm mit Filmen und der audiovisuellen Installation «Der Kastanienball - Der Fall der Lucrezia Borgia oder das Schicksal des Girolamo Savonarola» unter der Regie von Stefan Winter, bei der Ernst Reijseger und andere mitgewirkt haben, sind natürlich auch die Livedarbietungen von Transglobal Underground, dem Lucien Dubuis Trio, The Bad Plus und die brasilianische Nacht mit dem Badi Assad Trio und Chico César zu empfehlen.

STANS, diverse Orte, Mo, 4., bis Sa, 9. April. Infos: www.stansermusiktage.ch

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