Nr. 03/2005 vom 20.01.2005

Wissenschaft, die Grenzen schafft

Von Christian Leder

Freizeitjacken im Outdoorstil erfreuen sich in Meteorologie und Botanik grosser Beliebtheit. Im pharmazeutischen Labor dämpfen Gesundheitssandalen die Schritte. Und Architekten legen Wert auf klassische Eleganz mit einem Sinn für das unauffällig Ausgefallene. Solchen Beobachtungen spüren die drei Autorinnen der soziologisch-ethnografischen Studie «Wissenschaft, die Grenzen schafft» nach, welche die Geschlechterdifferenzen in der Wissenschaft untersucht.

Die Statistik zeigt: Die Geschlechter verteilen sich nicht gleichmässig auf die Disziplinen, und Frauen sind im akademischen Oberbau weiterhin krass untervertreten. Eine Erklärung dafür bietet der vergleichende Blick auf die disziplinären Kulturen. Als zentral erweisen sich in der Studie neben den traditionellen Stereotypen das jeweilige Berufsverständnis der WissenschaftlerInnen sowie die Verflechtung mit dem ausseruniversitären Berufsfeld.

Durch das Ethos des Pflegens und Heilens gewinnt die Pharmazie eine weibliche Konnotation. Der Apothekerinnenberuf bietet hohen Status, herausfordernde Arbeit und grosse Familienverträglichkeit. In der Pharmazie sinkt der Frauenanteil denn auch von 81 Prozent bei den Studierenden auf 47 Prozent bei den Doktorierenden.

Auch der auf Funktionalität getrimmte Outdoorlook ist Chiffre einer disziplinären Kultur. Die befragten Meteorologinnen und Botaniker stilisieren die «Arbeit im Feld» als kräftezehrende Aufopferung im Dienste der Wissenschaft. Doch den im 19. Jahrhundert gängigen Schluss, dass solch harte Forschung nichts für Frauen sei, ziehen sie nicht. Die Unisex-Kleidung steht hier gleichsam für die Geschlechtsneutralität im wissenschaftlichen Alltag.

Anders bei der Architektur. Neben Sinn für Ästhetik sind im Beruf hauptsächlich männliche Tugenden wie Aggressivität, Taktik und Hartnäckigkeit gefordert. Architekten stilisieren sich als kultivierte Männer, die in ihrer Leidenschaft für den Beruf aufgehen. Die strengen Regeln dieser Selbstdarstellung machen das Etablieren von Frauenrollen schwer. Originell ist, wie die Autorinnen vor Augen führen, wie ein Architekt in professionellem Gestus den Fineliner aus der Brusttasche zückt, um die geniale Eingebung sogleich auf Papier zu bringen - und darauf hinweisen, dass Frauenblusen keine Brusttasche haben.

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