Nr. 51/2019 vom 19.12.2019

Kulturgelder aus Britisch-Indien

Woher stammt das Geld, mit dem unser reiches Kulturleben mitfinanziert wird? Unter anderem aus einem Winterthurer Firmenvermögen, dessen Grundstock mit kolonialem Baumwollhandel verdient wurde.

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Rama, Sita, Hanuman und Co.: Die Gebrüder Volkart orientierten sich bei der Gestaltung ihrer Importetiketten an beliebten Motiven Asiens, hier am indischen Nationalepos Ramayana. Foto: Stadtarchiv Winterthur

Das Kunstmuseum Winterthur und die Sammlung Römerholz mit ihren weltbekannten Sammlungen, das Fotomuseum, das Musikkollegium und die Fotogalerie Coalmine, alle in Winterthur. Aber auch der Reinhart-Ring als wichtigster Theaterpreis der Schweiz und der renommierte Suhrkamp-Verlag, dazu eine Unzahl weiterer grosser und kleiner Beiträge für Filme, Ausstellungen, Kulturhäuser, für den Schriftsteller Hermann Hesse, für Greenpeace und das «Filmbulletin», für den Zürcher Verlag Kein & Aber, den Zirkus Chnopf oder das Casinotheater Winterthur – um nur eine winzige Auswahl zu nennen. Dazu die Bankgesellschaft als Vorgängerbank der UBS und die Versicherungsgesellschaft, die heute Axa Winterthur heisst: All diese Institutionen und Engagements hätte es so wohl nie gegeben, wenn der rauschbärtige Niederglatter Salomon Volkart 1851 nicht zusammen mit seinem Bruder Johann Georg die Kollektivgesellschaft Gebrüder Volkart gegründet hätte.

Das Handelshaus mit Sitz in Winterthur und Bombay spezialisierte sich auf das Import-Export-Geschäft zwischen Indien und Europa, ab 1860 mit Schwerpunkt Baumwollhandel. Man machte bald gute Gewinne, die Volkarts gründeten weitere Niederlassungen, erschlossen neue Märkte. Mit der Abschaffung der Sklaverei nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg 1865 wurde die indische Baumwolle noch begehrter.

Vor dem Hungertod

Um 1900 zählte Volkart bereits zu den wichtigsten Baumwollhändlern weltweit. Nach Europa importiert wurden im grossen Stil Rohstoffe, aber auch sogenannte Kolonialwaren wie Gewürze und Kokosbast. Im Gegenzug verkaufte man Maschinen, Uhren, Textilien und Farbstoffe nach Indien und später auch in andere Länder.

Ab 1912 führte Theodor Reinhart die Firma, ein Schwiegersohn des Firmengründers Salomon Volkart, den bereits gut etablierten Namen Volkart behielt man bei. Und auch als man zum hundertjährigen Bestehen 1951 eine Stiftung ins Leben rief, die dem schon länger praktizierten Mäzenatentum der kunst- und kulturvernarrten Reinharts eine institutionelle Gestalt und Struktur gab, nannte man diese Volkart-Stiftung. Ab den fünfziger Jahren wurde zudem die imposante Kunstsammlung von Oskar Reinhart, einem der drei Söhne von Theodor Reinhart, schrittweise öffentlich zugänglich gemacht. Einen Teil der Werke vermachte er der Stadt Winterthur, der andere Teil ging nach seinem Tod an die Eidgenossenschaft – mit rigiden Auflagen betreffend Ausleihen und Hängung.

Das Handelshaus Volkart hatte im 20. Jahrhundert erfolgreich weiter expandiert und überzog nun die halbe Welt mit einem feinmaschigen Geflecht aus Geschäftsbeziehungen und Zweigstellen, im Zentrum dieser Netze: Winterthur – und London als zweiter Hauptsitz. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Kaffeehandel mit Südamerika zum wichtigen Standbein.

Noch um die Jahrtausendwende zählte das Magazin «Bilanz» den damaligen Volkart-Direktor Andreas Reinhart zu den 300 reichsten SchweizerInnen – mit einem geschätzten Vermögen von 100 bis 200 Millionen Franken. Aus dem Rohstoffhandel war er da bereits ausgestiegen: Das Kaffeegeschäft hatte er 1989 verkauft, vier Jahre nachdem er die Firma in fünfter Generation übernommen hatte, indem er seine Teilhaber ausgezahlt hatte. 1997 zog er sich auch aus dem Baumwollhandel zurück. In erfrischend offenherzigen Interviews gab er sich als Geläuterter. Nachdenklich, zuweilen fast angewidert sprach er über den Rausch des Geldverdienens, den er selbst erlebt habe, und über die wachsende «Hysterie und Spekulation» an den Rohstoffmärkten.

Sein Bruder George (1942–1997) gehörte bereits 1993 zu den Mitbegründern des Fotomuseums Winterthur: Er hatte sich schon früh aus der Firma verabschiedet und mit seiner Leidenschaft für Film und Fotografie das Mäzenatentum der Reinharts in diese Felder hinein erweitert. Ebenfalls 1993 hatte der sportaffine Andreas Reinhart der «SonntagsZeitung» auf die Frage, wie dereinst sein Denkmal aussehen solle, zur Antwort gegeben: Ein Baumwollballen und ein Hockeystock. Nun redete er von Nachhaltigkeit, Verantwortung – und auch davon, dass man etwas «zurückgeben müsse».

Mitte der achtziger Jahre hatte Andreas Reinhart noch massiv Geld in die BZ-Gruppe um Martin Ebner investiert, mit dem er sich später überwarf. In den neunziger Jahren verlor er mit Beteiligungen etwa bei der Restaurantkette Back und Brau zweistellige Millionenbeträge. Daraufhin reduzierte Reinhart seine Geschäftstätigkeit drastisch, trat 2001 auch aus dem Verwaltungsrat der UBS zurück. Geblieben sind die Engagements mit der Volkart-Stiftung, die nebst kulturellen Anliegen vermehrt wohltätige Einrichtungen förderte, aber auch Umweltschutz- und Entwicklungszusammenarbeitsprojekte, viele davon in Indien oder Südamerika. Verbriefter Stiftungszweck: «in gemeinnütziger Weise der Allgemeinheit zu dienen».

Doch nicht nur in Reinharts Brust und Portfolio, sondern auch gesamtgesellschaftlich kam einiges in Bewegung. Oder wie es der Historiker Christof Dejung im Katalog zur aktuellen Ausstellung «Indiennes» im Landesmuseum umreisst: Es galt, die «helvetische Amnesie» angesichts der «Verflechtungen mit der Welt – insbesondere der kolonialen Welt», zu durchbrechen. Konkret auf das Baumwollgeschäft der Volkarts bezogen: Die Schweizer Firma profitierte direkt vom imperialistischen System, die vorhandene koloniale Infrastruktur wurde geschickt für die eigene Handelstätigkeit genutzt.

Volkarts Rohstofflieferanten, die indischen BaumwollanbauerInnen, finanzierten mit ihren Steuern die koloniale britische Verwaltung. Sanken die Baumwollpreise, «standen sie wortwörtlich vor dem Hungertod», wie Dejung schreibt, weil sie nur noch für den Export anbauten und nicht mehr zur Selbstversorgung. Bei Hungersnöten zwischen dem späten 18. und dem frühen 20. Jahrhundert starben über sechzig Millionen InderInnen, weil die BäuerInnen kaum eine andere Wahl hatten, als sich dem kolonialen Kapitalismus anzudienen.

Profit aus Ungleichheit

Nachdem die Firmengeschichte der Volkarts jahrzehntelang vor allem bewundernd-anekdotisch nacherzählt worden war, eingerahmt von familiären Erinnerungen der jeweiligen Patrons, lieferte Dejung 2013 mit «Die Fäden des globalen Marktes» die erste unabhängige wissenschaftliche Studie zur Welthandelsfirma Gebrüder Volkart – unter anderem unterstützt von der Volkart-Stiftung, die ihm auch Einsicht in die Firmenakten gewährt hat. Eine Erkenntnis, die herausragt: Die herrschende globale Ungleichheit war für die Firma Volkart ein entscheidender Profitfaktor.

Oder wie etwa auch die HistorikerInnen Patricia Purtschert und Bernhard Schär in anderen Zusammenhängen herausgearbeitet haben: Die Tatsache, dass die Schweiz ja keine eigenen Kolonien besessen habe, wurde viel zu lange als Schutzbehauptung benutzt, hinter der man sich bequem einrichten konnte – die aber zu kurz greift. Die «neutrale Schweiz» hat sowohl vom Kolonialismus wie auch vom Postkolonialismus stark profitiert. Zuerst, indem man die kolonialen Strukturen der anderen für das eigene Geschäft gewinnbringend auszunutzen wusste; in der postkolonialen Zeit danach, indem man mit einer vermeintlich weissen Weste dastand und praktisch nahtlos weitermachen konnte.

Dieses Jahr nun legte die Historikerin Lea Haller eine Studie zum «Transithandel» vor, in der sie untersucht, wie Schweizer Kaufleute, darunter auch die Gebrüder Volkart, Rohstoffe und weitere Waren zwischen entfernten Märkten vermittelten (und bis heute vermitteln), ohne dass diese Waren je in die Schweiz gelangen. In die Schweiz fliesst einzig der Gewinn, wie Haller ebenfalls im Katalog zur «Indiennes»-Ausstellung schreibt. Dieser Zwischenhandel hat etwas seltsam Körperloses: Er bleibt eine weitgehend unsichtbare Branche, kann von ein paar wenigen Büros aus recht unauffällig abgewickelt werden. Und die zum Teil stattlichen Erträge tauchten lange Zeit nicht einmal in den Handelsstatistiken auf.

Schuld und Sühne

Doch was bedeutet all dies nun für das reiche kulturelle und gesellschaftliche Engagement der Firma Volkart? Beim Mäzenatentum und der Sammlertätigkeit der früheren Jahre, so darf man spekulieren, entschädigten Kunstwerke und die oft engen persönlichen Beziehungen zu Malern und Schriftstellern für zurückgesteckte eigene künstlerische Ambitionen, aber sie boten auch eine Art sinnliche und sinnstiftende Kompensation für das weit entfernte, trockene und zahlenlastige Geschäft mit Rohstoffen, mit denen man in der Schweiz kaum je in Berührung kam. Kunst diente als schöngeistige Materialisierung oder gar Verwandlung der unsichtbaren Kapitalströme und unscheinbaren Handelsgüter – ein bürgerliches Repräsentationsmittel, an dem seit den 1950er Jahren auch die Öffentlichkeit ihren Anteil hatte.

Der geschärfte neue Blick auf die globalen Verwicklungen der Welthandelsfirma und ihre historische Komplizenschaft mit dem Kolonialismus wirft somit auch ein neues Licht auf unser eigenes, reich ausgestattetes kulturelles Leben. Wie die Forschung zeigt, wurde dieses gute Leben einst auf dem Buckel und sogar mit dem Leben von indischen Zwangsarbeitern, Tagelöhnerinnen und Bauern bezahlt, die im globalen Baumwollhandel ausgebeutet wurden, der die Firma Volkart und somit ein Stück weit auch uns reich gemacht hat. Bemerkenswert ist zudem, dass dies in einer Weltgegend geschah, die zum Teil bis heute als Entwicklungsgebiet und als Bittstellerin gegenüber der reichen Schweiz wahrgenommen wird.

Es kann heute nicht darum gehen, den anklagenden moralischen Zeigefinger gegen die Volkart-Stiftung zu recken. Diese hat insbesondere auch viele politische KünstlerInnen gefördert, die sich kritisch mit dem globalen Kapitalismus auseinandergesetzt haben. Und es fällt auch auf, dass Andreas Reinhart, der «Mäzen mit Mumm» (NZZ), der Geschäft und Stiftung unterdessen an seine Söhne weitergereicht hat, die Aufklärung der Vergangenheit seiner Firma mit grosser Offenheit begleitet und gefördert hat. Unbestritten ist aber auch: Solche Stiftungen und ihre kulturellen und philanthropischen Engagements wirken oft wie säkulare Sühneaktionen für ein nie klar eingestandenes vergangenes Unrecht – eine Art moderner Ablasshandel.

Auch deshalb tun wir gut daran, uns bewusster damit auseinanderzusetzen, woher das Geld kommt, das unser Leben kulturell bereichert. Was bedeutet es, wenn der finanzielle Grundstock für eine Stiftung ursprünglich aus dem Baumwollhandel der Kolonialzeit stammt? Auch wenn die Fälle nicht direkt vergleichbar sind: Derlei Fragen werden seit einiger Zeit auch international vehement debattiert – etwa im Zusammenhang mit Waffenhändlern und Pharmariesen als Kunstsammler, Mäzenen oder Sponsoren von Kunstbiennalen. Zeit für die Schweiz, endlich auch in diese Debatte einzusteigen. Einmal mehr ist sie nämlich alles andere als ein Sonderfall, sondern unwiderruflich Teil dieser Welt – mitsamt ihren Verwerfungen.

Christof Dejung: «Die Fäden des globalen Marktes. Eine Sozial- und Kulturgeschichte des Welthandels am Beispiel der Handelsfirma Gebrüder Volkart 1851–1999». Böhlau Verlag. Köln/Wien 2013. 516 Seiten. 93 Franken.

Lea Haller: «Transithandel. Geld- und Warenströme im globalen Kapitalismus». Suhrkamp Verlag. Berlin 2019. 511 Seiten. 29 Franken.

Patricia Purtschert, Barbara Lüthi, Francesca Falk: «Postkoloniale Schweiz. Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien». Transcript Verlag. Bielefeld 2012. 422 Seiten. 45 Franken.

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