Nr. 05/2005 vom 03.02.2005

Wie im TV-Spot

In der irakischen Hauptstadt trug sich Erstaunliches zu: Selbst Menschen, die nicht wählen wollten, gingen an die Urnen.

Von Karin Leukefeld, Bagdad

Der Tag beginnt mit einer ungewohnten Stille. Vögel zwitschern im Morgengrauen, die Sonne ist nur schemenhaft am dunstigen Himmel zu erkennen. Die Luft ist lau in Bagdad, es ist wie an einem Frühlingstag. Die Wipfel der Uferweiden am Tigris wiegen sich im Wind, der Staub aufwirbelt und gleichmässig in alle Himmelsrichtungen verteilt. Es dauert nicht lange, da zerreisst das Dröhnen US-amerikanischer Hubschrauber die morgendliche Idylle, kurze Zeit später folgen die ersten Explosionen und Mörsereinschläge. Es ist der 30. Januar, Wahltag im Irak.

Um den Angriffen zu entgehen, suchen die Hubschrauber mit immer gewagteren Kurven und Spiralen einen Weg zu den Landeplätzen in der hermetisch abgeriegelten «Grünen Zone».

An Bord haben sie vermutlich die irakische politische Elite. Interimspräsident Ghasi al-Jawer und Interimspremier Ijad Allawi sind kurz darauf in den Morgennachrichten im Fernsehen zu sehen, wie sie in der «Grünen Zone» ihre Wahlzettel in eine Plastikurne schieben. Währenddessen nehmen rund um die Festung der «Grünen Zone» die Einschläge zu, sonst hört man nur das Heulen streunender Hunde und das hartnäckige Gezwitscher der Vögel. Karrada, am Ostufer des Tigris, wirkt wie ausgestorben. Ein striktes Fahrverbot soll Autobomben an diesem Tag verhindern. Nur Militär- und Polizeifahrzeuge sind zu sehen, mit martialisch aussehenden US-amerikanischen und irakischen Soldaten und Polizisten. Es ist, als hielte die Stadt den Atem an. In den letzten Tagen waren die Drohungen gegen die WählerInnen durch eine blutrünstige Botschaft von Abu Musab as-Sarkaui bekräftigt worden. Auf Flugblättern und an Hauswänden war zu lesen: «Wer zur Wahl geht, ist ein Spion», und: «Deine Stimme ist teuer, aber dein Blut ist billig».

Die Ersten, die sich am späten Vormittag in Karrada auf die Strasse wagen, sind die Jungs aus der Nachbarschaft, die Fussball spielen. Dann folgen andere, Männer, Frauen, junge, alte, mit und ohne Turban, mit und ohne Kopftuch. Manche sind zu alt, um alleine zu gehen, sie stützen sich auf andere oder werden in einem Rollstuhl gefahren. Manche sind noch zu jung, um zu laufen, sie schlafen in den Armen der Eltern. Am frühen Nachmittag wird es auch den SkeptikerInnen klar: Die meisten IrakerInnen wollen wählen. Selbst viele, die eigentlich den Wahlen fernbleiben wollten, gehen nun doch an die Urnen.

Nicht überall konnten die Wahllokale pünktlich um sieben Uhr öffnen. In den Vierteln Seijune und Salam hatte es in der Nacht Schusswechsel gegeben, als Männer versuchten, Wahlunterlagen zu stehlen. In Salam gelang es der kürzlich aufgebauten Bürgerwehr, zwei der Diebe festzunehmen. Auch in Saidija war ein Wahllokal umkämpft, die WahlhelferInnen kamen übernächtigt und nervös erst gegen zehn Uhr, um aufzuschliessen. Vor der Tür stand eine lange Schlange geduldig wartender Männer und Frauen.

Am ganzen Wahltag sind in Bagdad laute Detonationen zu hören, in den Nachrichten ist von Selbstmordattentätern und Autobomben die Rede. In Mansur reisst ein Mann sich und vier umstehende Menschen in den Tod. Sein Sprengstoffgürtel explodiert, als er vor dem Betreten des Wahllokals durchsucht wird. In Sadr City, dem von SchiitInnen bewohnten Armenviertel am Ostrand der Stadt, tötet eine Mörsergranate sechs Menschen und verletzt viele mehr. Bis zum Abend sterben mehr als dreissig Menschen bei weiteren Explosionen, die meisten vor Wahllokalen in Bagdad. Dennoch gehen landesweit mehr IrakerInnen zur Wahl, als erwartet worden war. Selbst in Bejdschi, im «sunnitischen Dreieck» nördlich von Bagdad, wollen Menschen wählen, doch das Wahllokal bleibt mangels WahlhelferInnenn geschlossen.

Es scheint, als seien auf Bagdads Strassen jene IrakerInnen unterwegs, die wochenlang in einem ausgefeilten Fernsehspot zur Wahlteilnahme animiert hatten. Untermalt von der Musik der alten Nationalhymne «Meine Heimat», hatten sich die Mitwirkenden in dem Streifen auf die Wahl vorbereitet wie auf einen Feiertag. Die emotionale Fernsehwerbung hat ihr Ziel offenbar nicht verfehlt. In ihrer besten Kleidung, die Kinder schick herausgeputzt, pilgern hunderttausende an diesem Sonntag zum Wahllokal.

Nicht, weil sie das Spiel der Besatzer spielen, gehen sie zur Wahl, sondern weil sie ein Zeichen setzen wollen, machen die WählerInnen klar. «Früher hat man uns gedroht, wenn wir nicht zur Wahl gingen, wir haben aus Angst gewählt», sagt Chalid A., ein dreissigjähriger arbeitsloser Doktor der Physik, der lieber heute als morgen sehen möchte, dass die US-Amerikaner das Land verlassen. «Jetzt sind wir trotz unserer Angst zur Wahl gegangen.» Die IrakerInnen seien stärker, als er selber gedacht habe, sagt Chalid und zeigt stolz seinen lilafarbenen Zeigefinger zum Zeichen, dass er gewählt hat. Die Botschaft des Wahltages ist für ihn eine klare Absage an die Gewalt von allen Seiten und eine Bestätigung, dass die IrakerInnen sich selber regieren wollten. An den nächsten Wahlen, so hofft er, werden sich auch jene beteiligen, die am 30. Januar nicht gewählt haben, weil sie nicht konnten oder nicht wollten. «Sarkaui findet hier keine Unterstützung, und auch den Amerikanern werden wir zeigen, dass es für sie keinen Grund gibt, noch länger im Irak zu bleiben.»

Zur Autorin
Karin Leukefeld bereist den Irak seit mehreren Jahren. Jüngst erschien ihr Buch «Nimm Abschied und werde stark. Helma Al Saadi - Ein Leben zwischen Hamburg und Bagdad» im Aufbau-Verlag, Berlin.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

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