Nr. 06/2005 vom 10.02.2005

Als WOZ-Korrespondentin in Bagdad

Die am Freitag entführte «manifesto»-Reporterin Giuliana Sgrena gehört zu den wenigen westlichen JournalistInnen, die es riskieren, in Bagdad zu arbeiten. Auch Karin Leukefeld ist noch dort. Sie schildert ihre Arbeit in der irakischen Hauptstadt.

Von Karin Leukefeld, Bagdad

Es ist früher Freitagnachmittag. Gerade bekomme ich bei der Familie eines Freundes nach einem guten Mittagessen einen Schnellkurs in der Zubereitung von Tordschi - das ist eingelegtes Gemüse -, da klingelt mein Handy. Adnan, ein anderer Freund, ruft an. Er ist aufgeregt, fragt, wo ich sei und ob es mir gut gehe. Soeben hat er in den Nachrichten von der Entführung einer italienischen Journalistin gehört. Sein Englisch gerät ihm durcheinander, ich gebe das Handy weiter an den Freund, der Adnan beruhigt: «Sie ist bei uns, machen Sie sich keine Sorgen.» Kaum habe ich aufgelegt, klingelt das Handy wieder. Dieses Mal ist es Saad, mein Fahrer, der freitags frei hat. Auch Saad hat von der Entführung gehört und will wissen, ob es mir gut geht. «Mach dir keine Sorgen, die Familie bringt mich später zurück», versuche ich ihn zu beruhigen. «Weisst du, wo sie entführt wurde?», fragt er mich.

Die Falle

Giuliana Sgrena wurde an der Nahrein-Universität in Dschadirija entführt, direkt vor dem Zufahrtstor unter der Brücke. Ich kenne den Ort, kurz vor Weihnachten besuchte ich dort Flüchtlingsfamilien aus Falludscha, um mich über ihre Lage zu informieren (siehe WOZ Nr. 4/05). Das Angebot eines meiner dortigen Gesprächspartner, mich sicher nach Falludscha zu bringen, um «mit eigenen Augen zu sehen», was nach der US-Offensive in der Stadt passierte, brachte mich damals in grossen Zwiespalt: Einerseits reise ich gerade deshalb seit Jahren immer wieder in den Irak, um über das Leben hinter den Schlagzeilen zu schreiben, auch über die Zerstörung. Andererseits kamen in der Region um Falludscha seit dem Ende des Krieges im Jahr 2003 mehrere BerufskollegInnen ums Leben, wurden ausgeraubt oder entführt. Selbst für IrakerInnen ist die Lage dort schwer einzuschätzen. Keiner der vielen Ausweise, die man als Journalistin von den ausländischen und irakischen Behörden einholen muss, kein Begleitschreiben kann einem Sicherheit garantieren. Ich bedankte mich für das Vertrauen, teilte ihm meine Zweifel mit und sagte, ich werde es mir überlegen. Doch meine Vertrauensleute, Dolmetscher und Fahrer, rieten ab: «Vielleicht können sie deine Hinfahrt garantieren», meinten beide. «Aber was ist mit der Rückfahrt?»

Als vor den Wahlen hunderte JournalistInnen aus aller Welt nach Bagdad kamen, begann eine regelrechte Pilgerfahrt zum Flüchtlingslager in der Nahrein-Universität. Leute, die sich mit Entführungen Geld verdienen, sahen ihre Chance. Das Zufahrtstor ist wie eine Falle, wer hineinfährt, muss auch wieder heraus. Neben dem Tor liegt ein stark frequentierter Parkplatz mit Kleinbussen und Autos, die auf StudentInnen warten. Zwei Tage vor der Wahl scheiterte an diesem Tor der Versuch, spanische Journalisten zu entführen, weil ihr Fahrer beherzt auf das Gaspedal trat und sich und die Journalisten in Sicherheit bringen konnte. Der Vorfall hatte sich offenbar nicht herumgesprochen, sonst hätte Giuliana Sgrena die Lage besser einschätzen können.

Im Stau

Einige Tage später gibt es von der gekidnappten Kollegin noch keine neue Nachricht. Ich habe um elf Uhr einen Termin an der Universität Bagdad. Der deutsche Botschafter übergibt eine Spende an die Sprachenfakultät der Universität. Für mich als deutsche Journalistin ist das ein Pflichttermin. Um rechtzeitig in der zehn Kilometer entfernten Universität anzukommen, starten wir um 9.30 Uhr. Durch die schmalen Gassen des Stadtteils Karrada schiebt sich eine Blechlawine. Unterhalb der beiden grossen Hotels Sheraton und Palestine ist eine der wichtigsten Verbindungsstrassen, die Abu Nawas, militärisch abgeriegelt. Unser Wagen holpert durch Schlaglöcher, vorbei an Stacheldrahtabsperrungen und Betonklötzen. Immer weiter müssen wir vom eigentlichen Weg abweichen, um schliesslich am Fussballstadion die Autobahn zu erreichen. Doch an der Auffahrt geht nichts mehr, der Verkehr steht vierreihig dicht an dicht.

Abu Marjam, der Fahrer, bleibt gelassen. Mit schlafwandlerischer Sicherheit sucht und findet er einen Schleichweg, den wir aus Sicherheitsgründen eigentlich nie nehmen dürften. Wir fahren durch eines der ältesten Viertel von Bagdad, Bab asch-Schordschi, wo seit dem Krieg 2003 ausser Waren auch Menschen, Waffen und Drogen gehandelt werden. Abu Marjam lacht in sich hinein, er kennt seine Stadt. 1990 kam er aus zehnjähriger iranischer Kriegsgefangenschaft zurück, fünf Jahre davon verbrachte er in einem unterirdischen Verliess in Maschhad, nahe der Grenze zu Afghanistan. Nach dem Krieg 2003 arbeitete er für eine US-amerikanische Firma als Fahrer, doch den Job hat er aufgegeben: «Zu gefährlich», lautet sein knapper Kommentar.

Plötzlich tritt er auf die Bremse und bringt den Wagen zum Stehen. Aus einer Seitenstrasse kommt ein US-Militärkonvoi. Fünf Panzerwagen fahren langsam um die Ecke, aus den aufgebauten Schützentürmen lugen Schnellfeuergewehre, die sich bedrohlich hin und her bewegen. Unser Wagen steht als Erster in einer Schlange, in direkter Schusslinie. Abu Marjam dreht die Scheibe herunter und zündet sich eine Zigarette an, er ist nervös. Sein Kollege Saad, der mich sonst durch Bagdad fährt, bewegt in solchen Situationen lautlos betend die Lippen. Ich konzentriere mich auf das Geschehen. Als der letzte Wagen an uns vorbeigefahren ist, gibt Abu Marjam langsam Gas. Der mit einer dunklen Brille und Tuch maskierte Soldat im letzten Wagen signalisiert mit hektischen Armbewegungen, dass wir Abstand halten sollen. Um sein Anliegen zu verstärken, zielt er mit einer Pistole direkt auf den Fahrersitz. «Ich mag sie nicht», knurrt Abu Marjam zwischen den ihm verbliebenen Zähnen hervor. «Wenn ich in ein anderes Land komme, versuche ich doch, freundlich zu den Leuten zu sein.» Er habe die Soldaten gefragt, warum sie die Menschen bedrohen und erschiessen würden. Aus Angst, habe ein Soldat ihm geantwortet. Abu Marjam schimpft: «Sollen sie doch nach Hause gehen, wenn sie Angst haben.»

Mantel und Kopftuch

Der Termin an der Bagdad-Universität dauert keine zehn Minuten. Ich spreche noch mit einigen der MitarbeiterInnen und sehe mir die neue Bibliothek an. Ob sie zur Wahl gegangen ist, frage ich die Bibliothekarin Umm Sermed, die ich noch aus der Zeit vor dem Krieg kenne. Erschrocken blickt sie mich an und flüstert mit einem scheuen Seitenblick auf die anderen im Raum: «Nein, ich habe Angst, ich bin zu Hause geblieben.» Bevor ich die Bibliothek verlasse, ziehe ich mein Tuch über den Kopf und verbanne die Haare darunter. Abu Marjam nickt zufrieden: «Sie sehen aus wie eine Christin aus dem Norden.» Ich darf nur den Mund nicht aufmachen, denke ich, und wir verlassen das Universitätsgelände in Richtung Parkplatz. Andere Kolleginnen tragen eine Abbaija, wenn sie sich ausserhalb von Hotel oder Wohnung bewegen, doch ich fühle mich in einem solchen Umhang unbeholfen. Allerdings gehört seit kurzem ein knöchellanger, schwarzer Mantel zu meiner Garderobe, und immer und überall trage ich den Hedschab, das Kopftuch.

Nicht zu viel herumblicken, schärfe ich mir ein, geh zügig zum Auto, steige gleich ein, ohne lange herumzustehen. Wie gern würde ich an den Marktständen auf dem Parkplatz stöbern und mit den Leuten sprechen. Was sie über die Wahl denken, möchte ich sie fragen. Wie es weitergehen wird, wen sie sich als Präsidenten wünschen. Doch ich soll nicht mehr auf der Strasse mit Fremden reden und möglichst auch kein Wort Englisch sprechen. Also steige ich rasch ins Auto. Ich sitze vorne, als sei ich eine Verwandte des Fahrers. Den jungen Mann, der an der Pforte eine Gebühr abkassiert, würdige ich keines Blickes. Auch das gehört zu den neuen Verhaltensregeln: niemanden anblicken, besonders in Staus die Augen immer nach vorne richten.

Abu Marjam blickt aufmerksam in den Rückspiegel, an der Auffahrt zur Autobahn gibt er Gas. «Ich will sehen, ob uns jemand folgt», sagt er und fixiert einen Mercedes, der ihm verdächtig vorkommt. Der Mercedes bleibt hartnäckig hinter uns, Abu Marjam ist misstrauisch. Wie der Verkehr dichter wird, verlangsamt er drastisch die Geschwindigkeit, der Mercedes rauscht an uns vorbei, wir tauchen ins Verkehrsgetümmel ab, Richtung Karrada. In einem Geschäft kaufe ich eine englischsprachige Zeitung, den Ladenbesitzer kenne ich seit Jahren. Wir sprechen über die Wahl, doch als kurz nach mir ein Mann den Laden betritt, wird der Verkäufer einsilbig und unsicher. Ich sehe ihm an, was er denkt: Vielleicht gibt diese Person Kidnappern einen Tipp, dass hier eine ausländische Journalistin ihre Zeitung kauft? «Schukran dschasilan», vielen Dank, sage ich, lasse rasch die Zeitung in meiner Tasche verschwinden und verlasse den Laden. «Maa salama», auf Wiedersehen.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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