Nr. 08/2005 vom 24.02.2005

Sex, das Biest

In den USA gehört der Sex entweder in den Himmel oder - häufiger - in die Hölle. Dazwischen gibts nichts. Auch darum bräuchte das Land dringend wieder einen Kinsey.

Von Lotta Suter, Boston

Nach Bill Clintons Affären und George Bushs Abstinenzpropaganda, nach Michael Jacksons Kindereien in seiner Villa «Neverland» und nach der berühmten «wardrobe malfunction» seiner Schwester Janet Jackson, die in der Halbzeit des Footballfinals 2004 vor Millionen von Zuschauern eine ihrer Brustwarzen entblösst hatte, wissen wir eigentlich alles, was man über Amerikas Verhältnis zur Sexualität wissen muss. Doch Europa bleibt fasziniert vom geilen Puritanismus aus den USA, von diesem ständigen und extremen Hin und Her zwischen Verführen und Verstecken. Vielleicht weil sogar bei den Moralmuffeln, etwa dem Ex-Justizminister John Ashcroft, der noch die bronzenen Brüste der Justitia in seinem Büro mit einem Tuch bedeckte, die Lust und nicht die Langeweile im Zentrum steht. Vor Jahren habe ich in Deutschland an einer Radiodiskussion über Sexualität teilgenommen, bei der meine Gesprächspartnerin Sex, besonders Sex in langjährigen Beziehungen, so reizvoll fand wie Dentalhygiene. Das würde einem in den USA kaum passieren. Sex ist hier selten selbstverständliche Routine; eher schon ist sie das wilde Biest, das widerspenstige, das gezähmt werden muss.

Unter George Bush läuft natürlich auch in Sachen Sexualität der Kampf von Gut und Böse auf Hochtouren; höchstens noch in der McCarthy-Ära wurde mit so viel Eifer zensuriert und überwacht. Auf der einen Seite versuchen die wiedergeborenen christlichen Regierenden, ein rigides Mikromanagement der öffentlichen Sexualmoral durchzusetzen. Auf der andern Seite will der viel gepriesene freie Markt wie überall auf der Welt mit sexuellen Reizen spielen und Profit maximieren. Im Vergleich zu den fünfziger Jahren verfügt die heutige Kulturindustrie über weitaus mehr wirtschaftliche Macht und technische Möglichkeiten. Da wird dann etwa denselben jungen Frauen, die sich «Sex in the City» und «Bridget Jones' Diary» und all die sexschwangeren Teenagerfilme ansehen, von der Schulverwaltung vorgeschrieben, dass die Träger ihrer Tops mindestens fünf Zentimeter breit sein müssen - und das in einer Modesaison, die spaghettidünne Halter diktiert. Oder ein Politiker aus Virginia, ein Demokrat obendrein, hat vor kurzem ein Gesetz durchgesetzt, das Geldbussen für das Tragen von Hosen vorsieht, die so tief auf der Hüfte sitzen, dass die Unterwäsche hervorlugt.

EuropäerInnen lieben solche Geschichten. Sogar die aussenpolitisch äusserst amerikafreundliche NZZ veröffentlicht ganz gerne augenzwinkernde Berichte darüber, wie die USA das Sexleben ihrer erwachsenen Bevölkerung zu regeln versuchen. In vielen Einzelstaaten war Analverkehr bis vor kurzem als «Sodomie» gesetzlich verboten, manchmal bloss für homosexuelle Partner, manchmal für alle Paare; Sodomie umfasste mancherorts das gesamte menschliche Sexualverhalten - mit Ausnahme der Missionarsstellung unter EhepartnerInnen. In Utah misslang noch 1997 ein Versuch, oralen Sex zwischen Verheirateten zu entkriminalisieren. Erst am 26. Juni 2003 hat das Oberste Gericht der USA die «Sodomie-Gesetze» allesamt als verfassungswidrig beurteilt; die unterlegene Minderheit des Supreme Court prophezeite prompt den Untergang der Zivilisation.

Vieles, was aus der Ferne gesehen bloss komisch wirkt, ist im Einzelfall bitterer Ernst und hat Konsequenzen. In Connecticut wurde einem Mann noch 1970 wegen seiner Homosexualität die Ausstellung eines Führerscheins verweigert; er beging kurz darauf Selbstmord. Die Auswirkungen des 1969 von Ronald Reagan (damals noch Gouverneur von Kalifornien) unterzeichneten Gesetzes, das die Behandlung von sexuellen Psychopathen ausschliesslich «durch Gebet» vorsieht, wagt man sich gar nicht auszudenken.

Selbst konservative KommentatorInnen bezeichnen Bushs milliardenschwere Abstinenz-Kampagne an den Schulen als «Sex-Skandal». Während Ende der achtziger Jahre bloss zwei Prozent aller Lehrkräfte im Sexualunterricht Abstinenz als einzige Verhütungsmethode propagierten, sind es heute 25 Prozent. Die sexuelle Aktivität der Teenager hat das erwiesenermassen nicht gedämpft, bloss der Gebrauch von Verhütungsmitteln ist zurückgegangen - dafür ist die Zahl von Geschlechtskrankheiten (vier Millionen neue Fälle unter Teenagern pro Jahr) und unerwünschten Schwangerschaften (850000 schwangere Mädchen pro Jahr) gestiegen. Wie in Europa und Kanada haben etwa zwei Drittel der US-Teenager Sex, bevor sie achtzehn werden, aber die jungen Frauen werden in den USA vier- bis zehnmal häufiger schwanger als in Europa, haben mehr Babys und mehr Abtreibungen. Doch regierungsnahe Gesundheitswebsites behaupten immer noch wider besseres, durch Studien erhärtetes Wissen, dass Kondome unsicher sind und auch gegen Aids nicht helfen. Oder dass eine Abtreibung das Brustkrebsrisiko erhöht - so wie in den fünfziger Jahren Masturbation zu Rückenmarkschäden und Blindheit führte.

Das ist die dunklere Seite der Widerspenstigen Zähmung: die Rückkehr oder der Rückfall in eine Zeit, in der bloss ein sehr enger Ausschnitt aus dem breiten Spektrum menschlicher Sexualität von der Gesellschaft gebilligt und zugelassen wurde.

Vor gut einem halben Jahrhundert hatte der Pfarrerssohn und Zoologe Alfred Kinsey beschlossen, die enge Definition von Sexualität mithilfe der Wissenschaft zu sprengen und die «verschwörerische Stille» mit grossangelegten Sex-Umfragen zu durchbrechen. In seinen Marriage Courses, ursprünglich als Aufklärung über die damals grassierenden Geschlechtskrankheiten gedachte Vorlesungen für Studierende mit Trauring, dozierte er bereits 1938, es gebe bloss drei sexuelle Krankheiten, nämlich Abstinenz, Zölibat und zu späte Heirat. Durch seine Feldforschung unter Tausenden von AmerikanerInnen wurde dann klar, dass nicht bloss fiktive Ausnahmefiguren, sondern auch alltägliche, reale Menschen farbige und bisweilen abenteuerliche Sexualleben haben - «sogar meine Schwester oder meine Mutter», wie ein verschreckter Zeitgenosse im Dokumentarfilm «Kinsey» realisiert.

Dr. Alfred Kinsey wird in den USA wieder diskutiert. Ich ziehe dabei die Dokumentation der Fiktion vor - auf der Leinwand und beim Buch. Also Barak Goodmans leider bloss im US-Fernsehen gezeigte Kinsey-Rekonstruktion mit viel authentischem Bildmaterial aus dem Kinsey-Institut statt Bill Condons Kinsey-Interpretation und die Biografie «Alfred C. Kinsey. A Life» von James H. Jones (2004) statt T. C. Boyles Roman «Dr. Sex» (vgl. nebenstehenden Text). Wenn der Sexpionier samt seinen Verdiensten und seiner eigenen Voreingenommenheit klar in der Zeit- und Sittengeschichte der fünfziger Jahre verortet wird, entgeht er eher ideologischer Überhöhung oder Verdammung, das heisst dem amerikanischen Cultural War, dem Kulturkampf, der auch die Diskussion um Sexualität dominiert.

Kinseys Idee, menschliches Sexualverhalten «wissenschaftlich und getrennt von der Gesellschaft» zu benennen und zu vermessen, ist aus heutiger Sicht, nach all den Sex-Gender-Debatten, zwar überholt. Doch immerhin wurde damit das, was zuvor als «krankhafte Abweichung» ausgegrenzt wurde, vorab die Homosexualität, als «gleichwertige Variante der Natur» integriert. Das allgemeine Gesellschaftsbild von Kinsey, einem Republikaner von konservativer Erscheinung, ist eher vage. Das sexuelle Paradies, das sich das Kinsey-Team erträumte und zum Teil privat zu leben versuchte, kommt einem heute so unerreichbar oder zeitlos idealistisch vor wie die «freie Liebe» der Sozialutopisten des 19. Jahrhunderts oder später das «Make Love not War» der Hippiebewegung. Das sexuelle «anything goes» ist eine Paradiesvorstellung und eben deshalb nicht von dieser (sozialen) Welt. Paul Gebhard, ein enger Mitarbeiter und Nachfolger von Kinsey, berichtet im Dokumentarfilm, wie Kinsey das Sexualleben seiner Umgebung zu lenken und zu kontrollieren suchte. Einmal habe ihn sein Boss auch zur Homosexualität animieren wollte, lacht er, doch das sei nicht sein «cup of tea», nicht seine Sache, gewesen. Wie sauertöpfisch wirkt neben diesem fröhlichen Alten (Jahrgang 1917), der das Leben mit all seinen Verrücktheiten gekannt und geliebt hat, der Schriftsteller Tom Coraghessan («T.C.») Boyle, der in Lederjacke und Piercing doziert, dass Sex immer auch ein moralisches Gegenüber brauche.

Sex, das Biest. Natürlich will es Aufmerksamkeit, Sorgfalt, Zuwendung, gar Zähmung. Doch ist es selten so eindeutig schwarz oder weiss, gut oder böse, harmlos oder gefährlich, wie es FundamentalistInnen aller Schattierungen haben wollen. Deshalb scheitern die Zensurversuche der Puritaner in den USA - oder sie erheitern allenfalls das europäische Publikum.

Als Nachfolger für Janet Jackson hat man beim diesjährigen «Super Bowl» den 62-jährigen flachbrüstigen Sir Paul McCartney gewählt. Vor seinem Auftritt hat die National Football League sämtliche Songtexte nach anstössigen Stellen durchgekämmt, «California Grass» hat man dem Ex-Beatle gerade noch zugestanden. Das Ganze wurde eine saubere Sache. Aber wie der Kulturkritiker Frank Rich in der «New York Times» bemerkte: Bei Zuschauerrückgang würden die Programmverantwortlichen beim nächsten Mal ohne Zögern auf noch gewagtere Kleiderakrobatik setzen.

Anders verhält es sich bei kleineren oder von staatlichen Subventionen abhängigen Medienunternehmen. Vor kurzem hat die öffentliche Fernsehstation PBS auf Initiative der Erziehungsministerin Margaret Spelling ihre Kindersendung «Postcards from Buster» zensuriert: Der Comic-Hase, der jede Woche einen andern Ort in den USA besucht und von seinen Erlebnissen berichtet, wollte nach Vermont, um dort ein paar Leuten beim Abzapfen des Ahornsaftes zuzuschauen. Sein Pech war, dass die betreffende Familie mit den drei Kindern zwei Mütter hatte. «Viele Eltern möchten nicht, dass ihre kleinen Kinder dem Lebensstil ausgesetzt werden, der in dieser Sendung porträtiert wird», schrieb Frau Spelling und drohte eine Kürzung der öffentlichen Gelder an. Derweil haben die privat organisierten Anstandswauwaus des reaktionären «Parents’ Television Council» ihre Beschwerden von 111 im Jahr 2000 auf über eine Million im letzten Jahr erhöht.

Neue Kinseys braucht das Land - und findet sie trotz allem in der Populärkultur: Homer Simpson segnete am letzten Sonntag am amerikanischen Fernsehen Schwulenehen gleich im Dutzend und Marges Schwester hatte ein eindrucksvolles Coming-out.

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