Nr. 10/2005 vom 10.03.2005

Chaos bei der IRA

Von Pit Wuhrer

Weiss die irisch-republikanische Bewegung eigentlich noch, was sie tut? Und wie das, was sie sagt, ankommt? Am Dienstag gab die IRA in einer Erklärung bekannt, dass sie den Familienangehörigen von Robert McCartney die Bestrafung von dessen Mördern angeboten habe. McCartney war Ende Januar bei einem Kneipenstreit von einem IRA-Mitglied erstochen worden, ein anderer IRA-Mann half bei der Tat. Der Mord hatte grosses Aufsehen erregt, da die Untergrundorganisation das Verbrechen vertuschen wollte (siehe WOZ Nr. 8/05). Das Statement der IRA hat weltweit für Empörung gesorgt. Allerdings ist unklar, ob die Organisation mit dem darin verwendeten Begriff «to shoot» die Erschiessung ihrer ehemaligen Mitglieder oder eine Strafe etwa in Form der heute noch üblichen Knieschüsse offerierte. In der Erklärung gab die mittlerweile unpolitische Organisation auch bekannt, dass die Familienangehörigen von McCartney «physical action», also körperliche Gewalt, an den Beschuldigten abgelehnt hätten.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist kein Zufall. Wenige Stunden zuvor hatte die US-Regierung mitgeteilt, dass zum diesjährigen St. Patrick’s Day nicht - wie bisher üblich - VertreterInnen der IRA-nahen Partei Sinn Féin ins Weisse Haus geladen würden, sondern die Schwestern von McCartney. Diese Meldung hat offenbar Panik ausgelöst. Der St. Patrick’s Day ist der wichtigste Feiertag für die in den USA lebenden IrInnen. Auf deren politische Unterstützung aber ist Sinn Féin angewiesen. Inzwischen hat die Sinn-Féin-Führung die IRA-Erklärung verurteilt. Völlig unklar ist dabei, wer wen kontrolliert: Schliesslich sitzen die wichtigsten Sinn-Féin-Politiker - und das sind keine Dummköpfe - auch im Armeerat der IRA. Sicher ist jedoch, dass die IRA mit solchen Erklärungen ihre Demontage betreibt. Das wiederum macht es Sinn Féin leichter, sich von einer Organisation zu trennen, die nur noch Ballast darstellt.

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