Nr. 24/2011 vom 16.06.2011

Die Ukulele ist prächtig im Kommen

Einst spielten nur Spassmacher und Varieté-UnterhalterInnen Ukulele. Die etwas vorlaute kleine Schwester der Gitarre nahm niemand ernst. Nun verleiht Pearl-Jam-Sänger Eddie Vedder dem Instrument zusätzlich Schub.

Von Christoph Wagner

Das kleine viersaitige Zupfinstrument gewinnt in der Popmusik immer mehr an Boden. Noah And The Whale, The Magnetic Fields, Jack Johnson oder die Fleet Foxes – immer mehr PopkünstlerInnen schätzen die Unbekümmertheit des Schrammelklangs der Ukulele. Jetzt tritt Eddie Vedder mit einem Soloalbum an die Öffentlichkeit, das für Popularität sorgen dürfte. Auf «Ukulele Songs» finden sich mehr als ein Dutzend Lieder, auf denen sich der Pearl-Jam-Sänger auf der Ukulele begleitet und beweist, dass sie zu ernsthaftem künstlerischem Ausdruck geeignet ist.

Radikaldemokratischer Charme

«Weniger Saiten, mehr Melodie», so bringt Vedder die Vorteile der Ukulele auf den Punkt. Verliebt hat er sich in die Minigitarre vor mehr als zehn Jahren bei einem Hawaiiurlaub, als er sich von den Strapazen einer Pearl-Jam-Tour erholte. In einem Laden stach ihm das Instrument ins Auge, das er sofort erwarb. Draussen probierte er darauf herum, bis eine Melodie ertönte. «Ein paar Touristen blieben stehen und warfen Geld in die Instrumentenschachtel», erzählt Vedder. «Ich dachte: Sapperlot, das Ding hat etwas!»

Sein radikaldemokratischer Charme ist das grösste Plus des Instruments – fast für jeden Geldbeutel erschwinglich. Dazu leicht zu erlernen: «In fünf Minuten Ukulele spielen!» garantiert ein Unterrichtswerk. Die geringe Grösse macht sie ausserdem für kleine Hände spielbar und zum idealen Schulmusikinstrument. «Mein Daddy zeigte mir ein paar Akkorde auf der Ukulele, bis meine Hände gross genug waren, um Gitarre zu spielen», erinnert sich Bluesgitarrist Johnny Winter. Diese plebejischen Tugenden machen die Ukulele heute zu einer Art Antithese zum immer aufgeblaseneren Musikbusiness.

Die Vorteile sprechen sich herum, und die Verkaufszahlen weisen nach oben. In Britannien, dem führenden Land der aktuellen Ukulelewelle, ist das Instrument ein Verkaufsschlager. Allein im letzten Jahr wurden mehr Ukulelen verkauft als E-Gitarren. Mit mehr als vierzig Prozent verzeichnete das Instrument die grösste Umsatzsteigerung aller Musikinstrumente.

Und sie werden nicht nur gekauft sondern auch gespielt, am liebsten im Verein. Auf der Insel gründet sich eine Spielvereinigung nach der anderen, und das nicht nur in grösseren Städten. Selbst auf dem Land grassiert der Ukulelebazillus, etwa im nordenglischen Hebden Bridge, wo sich ein halbes Dutzend HobbymusikerInnen zum gemeinschaftlichen Musizieren im Cross Inn Pub treffen, oder im benachbarten Halifax, wo regelmässig eine «Ukulele Gang» zusammenkommt. In Deutschland haben sich erste Vereine gebildet, und in der Schweiz sind entsprechende Vorbereitungen im Gange.

Exotische Hawaii-Träume

Ursprünglich war die Ukulele in Hawaii aus dem Zusammenprall zweier Kulturen entstanden. 1879 hatten portugiesische MigrantInnen traditionelle Zupfinstrumente wie die Braguinha und das Cavaquinho von der Insel Madeira in die Südsee gebracht. Auf Hawaii wurden die Instrumente den lokalen Bedürfnissen angepasst, in der Form vereinfacht, in der Stimmung simplifiziert und in «hüpfender Floh» umbenannt: Ukulele!

Nach der Annektion durch die USA avancierte Hawaii 1898 zum beliebten Ferienziel US-amerikanischer Urlauberinnen. Bei ihnen erfreuten sich traditionelle Hulatänze und hawaiianische Folksongs – die oft von einer Ukulele begleitet wurden – besonderer Wertschätzung. Das Instrument avancierte zur Projektionsfläche eskapistischer Sehnsüchte. In westlichen Südseefantasien tanzten braune Schönheiten zu den Melodien einer Ukulele im Mondschein unter Palmen am Strand. Dieses Motiv wurde von Songs wie «Ukulele Sweetheart» oder «My Honolulu Ukulele Baby» um die Welt getragen. In einem Song lautet der Refrain: «The Ukulele melody is nice, the music seems to come from paradise.» Bald tourten erste Musikgruppen aus Hawaii mit solchen «Hapa-baole»-Songs durch die USA: «halbweisse» Lieder – Südseemelodien mit englischem Text.

Im Ukulelefieber

Die Panama-Pacific International Exhibition von San Francisco brachte 1915 den Durchbruch. Viele der siebzehn Millionen BesucherInnen hörten dort zum ersten Mal hawaiianische Musik mit Ukulele. Die Begeisterung schlug hoch. 1926 hatte der Höhenflug seinen Kulminationspunkt erreicht. Die Gitarrenfirma Martin – eine Gitarrenherstellerin unter vielen – verkaufte allein 14 000 Ukulelen. Die Musik aus Hawaii feierte weltweite Triumphe.

Als 1933 das Instrument in einem Film mit Stan Laurel und Oliver Hardy auftauchte sowie ein paar Jahre später in «Waikiki Wedding» mit Bing Crosby, war die Mode wieder abgeebbt. Erst in den fünfziger Jahren bescherte Marilyn Monroe dem Instrument in «Some Like It Hot» ein Comeback. Elvis Presley, der auf dem Plakat zum Film «Blue Hawaii» mit Ukulele posierte, verstärkte es noch. Ende der sechziger Jahre wirbelte der schrille Entertainer Tiny Tim, dessen Markenzeichen die Ukulele war, noch einmal etwas Staub auf.

Heute ist das Ukulelefieber neu erwacht. Nicht ganz unschuldig ist daran das Ukulele Orchestra of Great Britain, das seit 1985 unermüdlich mit dem Instrument missioniert und selbst in Japan grosse Säle füllt. Das professionelle Ensemble aus acht UkulelespielerInnen bietet ein buntgewürztes Programm aus klassischen Vaudevillenummern, alten Schlagern und Rock-Coverversionen à la «Born to Be Wild», «Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll» oder «Anarchy in the UK». Selbst Hawkwinds «Silvermachine» bekommt eine Ukuleleabreibung, wobei die Diskrepanz zwischen Pling-Plong-Tönen und dem Heavy-Rock des Originals komische Wirkung entfaltet.

Im deutschsprachigen Raum ist das japanische Musikerehepaar Coconami aus München angesagt. Sie haben dem Rock ’n’ Roll ade gesagt, ihre E-Gitarren über eBay verkauft, um unbeschwert Musik zu machen. Nami zwitschert wie ein Vogel bei Sonnenaufgang, nur noch lieblicher, während Miyaji dazu auf der Ukulele zirpt. Ob bayrisches Landlerlied, japanische Folkmelodie oder ein Punksong der Ramones – Coconami macht die Ukulele zum kulturübergreifenden Weltenversöhner. «Jeder sollte eigentlich eine Ukulele besitzen», meint Eddie Vedder. «Die Leute müssen sich ausdrücken können, das braucht es einfach!»

Ukulelen in der Schweiz

Stucky und Stahlberger

Kürzlich bei Erika Stucky im Konzert: Neben der Walliser Sängerin und Performerin sitzt Knut Jensen, ihr langjähriger Produzent. «Ping Pong» ist ihr erstes Programm, mit dem sie gemeinsam auf der Bühne stehen. Mit dabei ist neben Jensens Laptop und Stuckys Akkordeon auch eine Ukulele, mit der der Musiker Stucky begleitet. «Endlich eine Band, die bloss mit Handgepäck reist», schreibt Stucky auf ihrer Website. Und im Konzert erzählt sie, wie sie in Amsterdam in ihrem Atelier besessen auf der Ukulele übte und neue Stücke komponierte, während die Frauen auf der Strassenseite gegenüber einem anderen Gewerbe nachgingen.

Einer, der schon länger auf der Ukulele die Saiten zupft, ist der St. Galler Liedermacher Manuel Stahlberger; früher in der Formation Stahlbergerheuss, wo Stefan Heuss Stahlbergers Gesang und Ukulelespiel mit rumpelnden Geräten und scheppernden Maschinen begleitete. 2009 erschien seine wunderbare CD «Rägebogesiedlig», auf der er, begleitet von einer Band und seiner Ukulele, über das Leben in der Regenbogensiedlung singt oder eine Zugfahrt im Bummler nach Rüti beschreibt, während der sein Gegenüber einen rohen Fenchel isst. Auch auf seiner neusten CD «Abghenkt» spielt der grosse, dünne Mann das kleine, feine Instrument.

Zwar lässt die Ukulele musikalisch nicht sehr viel Spielraum zu, und doch ist es schön, dass das lang unterschätzte Instrument den Sprung raus aus den Kinderzimmern musikalischer Lehrersfamilien rauf auf die Bühnen der Welt geschafft hat.

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