Nr. 18/2005 vom 05.05.2005

Aschenputtels Tauben

Die Herausforderungen der Neurowissenschaften sind auch in der Geschichtsschreibung angekommen. Zwei Historiker greifen sie unterschiedlich auf.

Von Peter Kissling

Mit ihrer Verwissenschaftlichung im 19. Jahrhundert hat sich die Geschichtsschreibung von der Geschichtsphilosophie befreit. Vollwertiger Ersatz war dafür nicht zu haben: An ihre Stelle trat die historische Methode, und seither ist die Geschichtsschreibung zuvorderst ein Handwerk. Seither, um es zugespitzt zu sagen, verstehen die HistorikerInnen nur noch wenig von Theorie, während die spärlich gesäten TheoretikerInnen kaum etwas vom Handwerk wissen.

Der «Historismus», der die Geschichtswissenschaft im deutschsprachigen Raum bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts beherrschte, konzentrierte sich auf Ereignisse und Persönlichkeiten, also auf das Besondere und die Einzelfälle, und hatte deshalb kaum Bedarf für Theorien, die Wandel erklären. Nach dem Ende des Historismus rückten Strukturen und gesellschaftliche Prozesse als Erkenntnisgegenstände in den Vordergrund einer Geschichtswissenschaft, die sich als «historische Sozialwissenschaft» verstand und auf Theorieimporte aus anderen Fächern angewiesen war. Doch sie hat ihre beste Zeit hinter sich, und unter den heutigen Bindestrichdisziplinen haben nur wenige das Potenzial, dem Fach eine einheitliche Kontur zu geben. Dazu gehört sicher die «historische Anthropologie». Der Zürcher Historiker Jakob Tanner hat ihr eine kurze, aber ambitionierte und dezidierte Einführung gewidmet.

Das Buch informiert präzise, wenn auch die Entstehung der historischen Anthropologie zu sehr als Königsweg beschrieben wird, auf dem die üblichen Verdächtigen, die Grossmeister der französischen «Annales»-Schule zuvorderst, voranschritten. Tanner verfährt dabei gemäss Aschenputtels Anweisung an die Tauben und sortiert das Gefundene danach, ob es sich an sein Konzept anschliessen lässt oder nicht. Was nicht passfähig ist, wird als verfehlt abgelehnt. So lehnt er auch die zurzeit die öffentliche Diskussion dominierende materialistische Deutung der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse ab - mit der Konsequenz, dass er nicht lernen muss, aber auch nicht lernen kann.

Tanner zielt auf eine «symmetrische Anthropologie» ab. Er sieht den Menschen sowohl als bedingendes - handelndes - als auch bedingtes - Zwängen unterworfenes - Wesen. Und er hält die Spannung zwischen Kulturrelativismus und Universalismus aufrecht. Das Konzept läuft darauf hinaus, auch das Besondere, das Vielfältige, das nicht Determinierte fassen zu können; eine überzeitliche Erkenntnis dessen, was Menschen sind, weist Tanner als verfehlte Fragestellung ab. Es geht ihm darum, nach dem «Wandel von Menschenbildern» und «Selbstbeschreibungen», nach «sozialen Praktiken und symbolischen Formen» des Zusammenlebens und nach der «Geschichtlichkeit der menschlichen Natur» zu fragen.

Johannes Frieds grosser Entwurf einer neuen Grundlegung der Geschichtswissenschaft läuft dem diametral entgegen. Gerade die parallele Lektüre der beiden Bücher macht zunächst deutlich, wie unterschiedlich man auf fachfremde Entwicklungen und Herausforderungen aus der Wissenschaft reagieren kann. Fried lässt sich von den Neurowissenschaften, aber auch von Verhaltensforschung und Evolutionstheorie irritieren und will ihre Erkenntnisse für die Geschichtswissenschaft fruchtbar machen. Besonders vom Erkenntnisoptimismus der Neurowissenschaften, die das wissenschaftliche Tagesgespräch glänzend beherrschen, lässt er sich überzeugen. Fried führt einen im Wesentlichen hirnlastigen, im Evolutionsprozess entstandenen, unveränderten Menschen in die Geschichtswissenschaft ein, der sowohl Erkenntnisgegenstand als auch Erkennender ist. Fried präsentiert seinem Fach ein Gehirn, das über ein Dutzend Schliche kennt, die historiografische Arbeit zu erschweren, wenn nicht gar zu verunmöglichen, und dabei erst noch erfolgreich vorgaukelt, es arbeite exakt. Offensichtlich sind Menschen zwar auf Erkenntnisse aus der Vergangenheit angewiesen, doch nicht nur die Wahrnehmung, auch die Erinnerung richtet sich - ob bewusst oder unbewusst - auf die Bedürfnislage der Gegenwart und Zukunft aus. Gerade das episodische, für die Rekonstruktion von Ereignissen unabdingbare Gedächtnis ist fehleranfällig.

Doch was Frieds Importe für die Geschichtswissenschaft bedeuten, ist alles andere als klar. Gerade seine eigenen Formulierungen ordnen die Befunde so unterschiedlich ein, dass sie eher verwirrend wirken. Seine schärfsten Formulierungen laufen darauf hinaus, dass weder Individuen noch Kollektive in lebenspraktischer Hinsicht historischer Wahrheit oder der wissenschaftlichen Annäherung an diese bedürfen. Einen Mehrwert aus der Gehirnforschung zu ziehen, gelingt Fried immer nur da, wo die Quellenlage eine Prüfung der Fakten erlaubt; also genau da, wo die herkömmliche historische Methode auch ansetzen konnte.

Die beiden Bücher belegen zweierlei: Die Herausforderungen der Neurowissenschaften sind in der Geschichtswissenschaft angekommen und werden die starre Unterscheidung von Natur und Kultur auch hier unterlaufen. Dass dies geschieht, scheint ausgemacht; wie es passiert, ist nicht allein eine Frage wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern tiefer liegender Überzeugungen, die die jeweilige Wahrnehmung der Resultate zu einem guten Teil vorherbestimmen. Daher ist es nicht weiter erstaunlich, dass es nicht eine Diskussion geben wird, in der sich Natur- und Geisteswissenschaften gegenüberstehen, sondern die Fronten werden sich in den Einzelwissenschaften aufbauen. Diese Einsicht fehlt beiden Autoren, sie würde es aber erlauben, die Diskussion ergebnisoffener zu führen.

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