Nr. 21/2005 vom 26.05.2005

Polens Portal für die Linke

Von Piotr Dobrowolski

Die Suche nach linken Zeitungen gestaltet sich in Polen frustrierend: obskure Postillen diverser K-Gruppen auf der einen, Parteiblätter der Postkommunisten auf der anderen Seite. Und dazwischen gähnende Leere.

Anders als die Kampfblätter verschiedener Splittergruppen kann sich die aus dem einstigen Zentralorgan der polnischen KP hervorgegangene Tageszeitung «Trybuna» (Tribüne) wenigstens zugute halten, ein professionelles Produkt zu sein. Mit rund 35 000 Auflage (bei fast 39 Millionen EinwohnerInnen) ist sie in ihrer Reichweite zwar beschränkt, dennoch aber das einzige grössere Printprodukt in Polen, das sich selbst als links definiert.

Ob dieses Etikett wirklich zutreffend ist, bleibt allerdings umstritten. In sozialen Fragen bisweilen populistisch (aber stets engagiert) und den Nato-Angriffen auf Jugoslawien gegenüber ebenso kritisch eingestellt wie der polnischen Teilnahme am Irakkrieg, bringt die «Trybuna» immer wieder klassisch linke Positionen ins Spiel. Zugleich hat das Blatt aber zumindest zwei Eigenschaften, die seinen Genuss schwer verdaulich machen: eine massive Tendenz zur Schönfärbung der autoritär-kommunistischen Vergangenheit Polens und eine unangenehme Nähe zu ehemaligen Offizieren der kommunistischen Staatssicherheit.

Wenig attraktiv für kritische Leser ist auch die starke Einbettung der Zeitung in die Parteipolitik. Immer wieder wird sie so zum Spielball verschiedener Interessengruppen innerhalb der regierenden postkommunistisch-sozialdemokratischen SLD-Partei. Unter dem seit März amtierenden neuen Chefredaktor Wieslaw Debski hat sich «Trybuna» zum Sprachrohr jener Fraktion gemacht, die einen gemeinsamen Kandidaten der Linken für die PräsidentInnenwahlen im Herbst lancieren möchte: «Wir wollen die Politiker der Linken dazu bringen, ein breites Bündnis zu schliessen. Denn das Gespenst der Rechten geht um in Polen», gibt sich Debski kämpferisch.

Dem kämpferischen Willen stehen allerdings bescheidene finanzielle Mittel gegenüber, der Anzeigenverkauf hinkt seit Jahren. Dass «Trybuna» ihr Monopol als linke Tageszeitung nicht annähernd in LeserInnenzahlen umzusetzen vermag, ergibt sich nicht zuletzt aus ihrem Dogmatismus: Während die Zeitung einerseits immer wieder an die gute alte Zeit des realsozialistischen Volkspolen erinnert, schafft sie es andererseits nicht, sich gegenüber neuen sozialen Bewegungen wie etwa den GlobalisierungsgegnerInnen zu öffnen.

Das offensichtliche Loch am linken Flügel der polnischen Medienlandschaft hat inzwischen allerdings ein bemerkenswertes Alternativprojekt entstehen lassen. Das Internetportal lewica.pl («Die Linke»), bietet nicht nur tägliche Nachrichten abseits des Medien-Mainstreams, sondern auch eine betont linke Publizistiksektion. Getragen und basisdemokratisch verwaltet wird das Projekt von einem Kern aus rund zehn Personen, hauptsächlich Studentinnen und jungen Absolventen traditionell «linker» Studienrichtungen wie Soziologie, Philosophie oder Publizistik. Die redaktionellen Inhalte (nicht die dazugehörigen Diskussionen in den Foren) sind weitgehend frei von Fraktionsgeplänkel; in den Personen der ehrenamtlichen RedaktorInnen (Durchschnittsalter 25) spiegelt sich eine grosse Bandbreite wider: von grün über anarchistisch bis zur Sozialdemokratie.

Einen Ersatz für eine professionelle linke Zeitung kann das Portal zwar nicht bieten, aber solange es in Polen diese nicht gibt, spielt es für die Linke eine wichtige Rolle. So gehörte lewica.pl nach dem Tod von Johannes Paul II. zu den ganz wenigen polnischen Medien, die sich auch deutlich kritische Töne in der Bewertung seines Pontifikats erlaubten.

Dies ist der sechste Beitrag unserer Serie «Linke Medien in Europa». Bisher erschienen Texte zu Frankreich (16/05) www.woz.ch/artikel/inhalt/2005/nr16/Wirtschaft/11706.html, Österreich (17/05) www.woz.ch/artikel/2005/nr17/international/11734.html, Dänemark (18/05) www.woz.ch/artikel/2005/nr18/wirtschaft/11773.html der Türkei (19/05) www.woz.ch/artikel/2005/nr19/kultur/11791.html, Norwegen (20/05) www.woz.ch/artikel/2005/nr20/international/11833.html.

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