Nr. 25/2005 vom 23.06.2005

Deutsche Grössen

Von Andreas Fanizadeh, Berlin

Es ist schwer vorstellbar, dass Zeitungen wie der «Arbeiterkampf» in den siebziger Jahren einmal 100 000 Exemplare abgesetzt haben. Dies soll jedoch 1977, während der Schleyer-Entführung und vor Gründung der «tageszeitung» («taz») der Fall gewesen sein. Der Arbeiterkampf heisst heute «Analyse und Kritik» und fristet eher ein Schattendasein. Die alternative «taz» hingegen mauserte sich zu Westdeutschlands Branchenführer links der sozialdemokratischen «Frankfurter Rundschau».

Die verkaufte Auflage der «taz» liegt heute bei 60 000 Exemplaren, darunter 45 000 Abonnements (siehe WOZ Nr. 14/05). Die Berliner Zeitung begleitete den Aufstieg der Grünen in den achtziger Jahren. Von der rot-grünen Regierungskoalition aber habe man nicht profitiert (so der stellvertretende «taz»-Chefredaktor Peter Unfried zur WOZ), und schon deswegen will man sich von Rot-Grün nun nicht mit runterziehen lassen. «taz»-RedaktorInnen droschen zuletzt mit Vorliebe auf den früheren Grünenliebling Joschka Fischer ein; auch Kanzler Gerhard Schröder dient als Watschenmann. So lautete ein «taz»-Titel aus letzter Zeit: «Schröder - raus hier. Aber dalli!». Ein Teil der Redaktion scheint schon bereit für neue Taten und erklärt den LeserInnen, warum Lesben, Ausländer oder Ökos vor Angela Merkels CDU keine Sorge zu haben brauchen. Der andere Teil der Redaktion schreibt am nächsten Tag garantiert das Gegenteil. Nur in einem scheint man sich einig zu sein: in der Ablehnung des angestrebten Linksbündnisses von ostdeutscher PDS und westdeutscher WASG. Für das Linksbündnis hat die «taz» nur Spott übrig: «Der ‹taz›-Alternativ-Vorschlag, speziell für die ältere PDS-WASG-OST-Wählerschaft: ... Soziale Erneuerung Deutschlands (SED)».

In der Tageszeitung «Neues Deutschland» (ND) kontert PDS-Chef Lothar Bisky routiniert. «Die PDS mit ihren östlichen Wurzeln ist überdies auch von staatssozialistischen Ideen geheilt (...), auch wenn die veröffentlichten Meinungen es gern anders beschreiben.» Bisky und das ND sehen sich als Wortführer der Linken in Ostdeutschland und als Streiter für ein demokratischeres Europa. Wäre das ND nicht nach wie vor so kulturkonservativ, es wäre auch für Westlinke eine lesenswerte Alternative. Aber so wird es vorerst bei der «grössten überregionalen Qualitätszeitung des Ostens» bleiben.

Als frühere Staatszeitung der DDR (einstige Auflage 1 100 000) hat das ND nach der «Wende» rasant LeserInnen verloren. Ab 1995 konnte sich das Blatt stabilisieren. Zuletzt lag die verkaufte Auflage bei 60 000 Exemplaren, davon über 45 000 Abonnements. Geschäftsführer Dietmar Bartsch betont gegenüber der WOZ, dass die Zeitung mit einem Jahresumsatz von 11,6 Millonen Euro lebensfähig sei, aber auch, dass langfristig weitere Reformen notwendig seien.

Neben ND und «taz» sind an den Bahnhofskiosken bundesweit noch die zwei Wochenzeitungen «Freitag» und «Jungle World» erhältlich, ebenso das Monatsmagazin «konkret» sowie die Tageszeitung «Junge Welt». Die Genannten pendeln bei einer verkauften Auflage von etwa 10 000 Exemplaren. Zumindest die drei Letztgenannten tendieren zu «monokausalen Erklärungszusammenhängen», mit denen sie all die Vorkommnisse in der kapitalistischen Welt zu erklären suchen. Davon abgesehen, finden sich aber in allen manchmal auch weniger ideologisch gefärbte und damit lesenswerte Beiträge. Wäre der «Freitag» nicht ähnlich kulturkonservativ wie das ND, hätte er - von der politischen Vernunft aus betrachtet - sicherlich ein wesentlich grösseres Publikum verdient. Gleiches gilt umgekehrt auch für die Berliner «Jungle World». Deren Nähe zu Sub- und Popkultur und ausserparlamentarischen Bewegungen nützt aber wenig, solange die sektiererische «antideutsche» Linke die politische Richtung dieser Wochenzeitung bestimmt.

Dies ist der zehnte Beitrag unserer Serie «Linke Medien in Europa». Bisher erschienen Texte zu
Frankreich, Österreich, Dänemark, der Türkei, Norwegen, Polen, Italien, Britannien und Griechenland.

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