Nr. 22/2005 vom 02.06.2005

Das unentdeckte Leck von Sellafield

Trotz der grössten europäischen Atompanne seit dreizehn Jahren in Sellafield wird die Blair-Regierung neue AKWs bauen lassen.

Von Ralf Sotscheck, Dublin

Es bestehe kein Grund zur Beunruhigung, sagte Barry Sneldon, und wenn ein Mann in seiner Position so etwas behauptet, ist höchste Besorgnis angebracht. Sneldon ist Geschäftsführer der unfallträchtigen Atomanlage Sellafield im Nordwesten Englands. In der dortigen Thermaloxid-Wiederaufbereitungsanlage (Thorp) sind in einem Zeitraum von neun Monaten rund 83 000 Liter eines hochaktiven Uran-Plutonium-Gemischs ausgetreten, ohne dass es jemand bemerkt hätte. Das Material, das aus deutschen Atomkraftwerken stammte, hätte für zwanzig Atombomben ausgereicht.

Es ist die schwerste Panne in einem britischen Atomkraftwerk seit dreizehn Jahren, als ebenfalls in Sellafield ein Leck aufgetreten war. Die Internationale Atomenergiebehörde in Wien hat den Vorfall auf einer Skala von null bis sieben bei Stufe drei eingeordnet. In den vergangenen zehn Jahren ist nur der Unfall im japanischen Tokinawa 1999 schlimmer bewertet worden.

Wie der «Independent on Sunday» gestern berichtete, leckte ein defektes Rohr in Sellafield wahrscheinlich bereits seit August 2004, mindestens jedoch seit Januar dieses Jahres. Trotz verschiedener Warnzeichen fiel das den Angestellten erst Mitte April auf - im britischen Wahlkampf. Deshalb verschwieg die Regierung das Ausmass des Unfalls und der Schlamperei.

Das Rohr sei aufgrund eines Konstruktionsfehlers geplatzt, erklärte Sneldon. Die Ingenieure hatten nicht bedacht, dass das Rohr zu einem Tank führt, der als Waage fungiert und sich je nach Füllmenge nach oben und unten bewegt. Deshalb war das Rohr besonderen Strapazen ausgesetzt. Eine Gefahr für die Umwelt habe aber zu keiner Zeit bestanden, behauptete Sneldon, da das radioaktive Gemisch in einen Auffangbehälter geflossen sei. «Die Anlage befindet sich in einem sicheren, ruhenden Zustand», sagte er.

Ihr Bau war von Anfang an umstritten. Als Thorp 1994 endlich die Arbeit aufnahm, war die Anlage bereits überflüssig: Die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine profitable Operation hatten sich längst verändert. Als die Labour Party 1997 an die Macht kam, verhinderte Premier Tony Blair die öffentliche Untersuchung der Zweckmässigkeit, die er im Wahlkampf versprochen hatte.

Die ehemalige Sellafield-Betreiberfirma British Nuclear Fuels ist nicht zuletzt wegen Thorp seit 2001 eigentlich bankrott. Das Unternehmen hat mehr als vierzig Milliarden Pfund Schulden. Deshalb musste es am 1. April dieses Jahres das rund zehn Quadratkilometer grosse Sellafield-Gelände an die staatliche Atomabwicklungsbehörde abtreten, die als Gegenleistung die Verbindlichkeiten übernahm. Der Unfall in Sellafield hat auch Tony Blair einen Strich durch die Rechnung gemacht. Eigentlich wollte der britische Premier nach den gewonnenen Wahlen die BritInnen auf eine neue Generation von Atomkraftwerken einstimmen. Die Pläne dafür liegen seit Monaten in der Schublade, obwohl im Wahlprogramm davon keine Rede war.

Der Ausbau der Atomkraft soll helfen, den Kohlendioxidausstoss zu senken. Um das ambitionierte Ziel zu erreichen, bis 2050 den Ausstoss um sechzig Prozent zu senken, komme man um Atomkraft nicht herum, verkündet Blair. Der Premier hat vor zwei Monaten eine strategische Einheit gegründet, der John Birt vorsteht, einer von Blairs engsten BeraterInnen. Er gilt als Befürworter von Atomkraft - ebenso wie der wissenschaftliche Chefberater der Regierung, David King. Die Einheit will im Sommer einen Bericht vorlegen, in dem nicht nur die Frage der Klimaveränderung erörtert wird, sondern auch die Bedrohung der Öllieferungen durch terroristische Anschläge. «Die Einheit stellt sorgfältig formulierte Fragen, um die Antworten zu erhalten, die sie haben möchte», sagte ein Regierungsbeamter dem «Independent».

Blair hat sich in den vergangenen zwölf Monaten mehrmals mit Vertreter-Innen der Atomindustrie getroffen, um über eine neue Generation von AKWs zu diskutieren. Britannien gehörte in diesem Bereich stets zu den VorreiterInnen: Der erste Reaktor, Calder Hall im Windscale-Komplex, der nach einer Serie von Unfällen in Sellafield (nach einem anderen Dorf in der Nähe) umgetauft wurde, ging bereits 1956 ans Netz. Seitdem sind weitere achtzehn Atomkraftwerke in Betrieb genommen und zum Teil wieder stillgelegt worden.

Aufgrund des Erstarkens der Umweltbewegung in den achtziger Jahren wurden in Britannien seit zwanzig Jahren keine Atomkraftwerke mehr gebaut. Nun plant die Regierung, die neuen Anlagen neben alte, stillgelegte zu bauen. Dadurch, hofft man, werden die Proteste nicht ganz so lautstark ausfallen, weil die AnwohnerInnen bereits an die AKWs vor ihrer Haustür gewöhnt sind.

Innerhalb des Kabinetts sind Blairs Atompläne umstritten. Vor allem aus den Handels- und Umweltministerien kommen Forderungen, die erneuerbare Stromerzeugung stärker zu fördern. Sie werden sich aber kaum durchsetzen, da die Topriege der Minister die Atompolitik unterstützt. Lediglich die Frage der Finanzierung ist noch offen. Blair, so heisst es, bevorzuge eine Mischfinanzierung unter Beteiligung von Privatinvestoren. Denen müsste man jedoch langfristige Verträge und feste Strompreise garantieren, um ihnen das Geschäft schmackhaft zu machen. Die spätere Entsorgung der Anlagen bleibt ohnehin an den SteuerzahlerInnen hängen.

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