Nr. 22/2005 vom 02.06.2005

Etikettenschwindel bei der Axpo

Die Axpo will im Kanton Glarus ein neues Pumpspeicherwerk bauen. Um grosses Geld zu verdienen, wird Wasser den Berg hinauf- und hinuntergepumpt.

Von Heini Glauser

Der Energiekonzern Axpo will mit der grossen Kelle anrühren: In den nächsten fünfzehn Jahren sollen fünf Milliarden Franken in Grossanlagen investiert werden. Eine Milliarde Franken für Hochspannungsleitungen, zwei Milliarden für Pumpspeicherkraftwerke und zwei Milliarden für zentrale Gaskraftwerke. Zusätzliche hundert Millionen Franken sollen für erneuerbare Energien und eine effizientere Energienutzung ausgegeben werden. Später dann will die Axpo noch neue Atomkraftwerke bauen.

«Massive Stromversorgungslücke in den nächsten Jahrzehnten», «Europa muss rasch und zielgerichtet handeln, um Engpässe zu vermeiden» und «Ohne entsprechende Netzkapazitäten können wir den benötigten Strom nicht transportieren» lauten die bedrohlichen Begründungen für die Projekte.

Der grössere Teil dieser Investitionen hat jedoch mit der inländischen Stromversorgung nichts zu tun. Der schweizerische Kraftwerkpark verfügt über eine Gesamtleistung von 17800 Megawatt (MW). Der bisher höchste inländische Leistungsbedarf lag jedoch nur bei 9600 MW. Sogar während inländischer Verbrauchsspitzen exportiert die Schweiz deshalb regelmässig über 3000 MW. Dies entspricht der gesamten Leistung der fünf Schweizer Atomkraftwerke. Schon mit den bestehenden schweizerischen Speicher- und Pumpspeicherkraftwerken allein können die inländischen Verbrauchsspitzen gedeckt werden. Dazu leisten alle anderen Energielieferanten - das heisst Fluss- und Atomkraftwerke, fossile und erneuerbare Energien - weitere 8000 MW. Sogar während inländischer Verbrauchsspitzen kann die Schweiz deshalb regelmässig über 3000 MW exportieren. Dies entspricht der gesamten Leistung der fünf Schweizer Atomkraftwerke.

Die wahren Gründe liegen also anderswo: Mit den zusätzlichen Hochspannungsleitungen und den Pumpspeicherkraftwerken will sich die Axpo für den europäischen Markt stärken, der grosses Gewinnpotenzial verspricht. Wer nämlich in der Nacht oder sonntags billigen Strom aufkaufen kann und ihn zu Spitzenverbrauchszeiten wieder ins Netz stellt, erzielt hohe Profite. Der Tiefpreis lag in den letzten Jahren oft unter zwei Rappen pro Kilowattstunde, mittags und abends steigt er regelmässig über sieben Rappen.

Die Kraftwerke Oberhasli beispielsweise haben innert drei Jahren ihren zugekauften und verpumpten Strom von 300 auf 870 Gigawattstunden gesteigert. Trotz Pumpverlusten von rund 25 Prozent dürfte der Gewinn aus diesem nächtlichen Hochpumpen und täglichem Turbinieren zusätzliche zwanzig Millionen Franken Gewinn eingebracht haben. Auch die Axpo verfügt über Pumpspeicherkapazitäten von mehreren hundert Megawatt - sowohl in eigenen Werken wie Linth-Limmern GL als auch durch Beteiligungen wie der Tessiner Ofima (früher Maggia-Kraftwerke).

Die aktuell grossen Margen verlocken zu zusätzlichen Pumpspeicherprojekten. Ihr Paradeprojekt haben die Axpo-Verantwortlichen Ende April und noch einmal letzte Woche präsentiert: Sie planen im Kanton Glarus ein neues Pumpspeicherwerk - zwischen dem bestehenden Limmerensee und dem zu vergrössernden Muttsee. Mit einer neuen 1000-MW-Pumpe soll nachts Wasser vom Limmerensee durch einen Druckstollen hochgepumpt werden. Der Wasserspiegel des 700 Meter höher liegenden Muttsees steigt dabei einen Meter pro Stunde. Nur wenige Stunden später donnert das Wasser über eine neue 800-MW-Turbine wieder ins Tal und produziert dabei Strom. Zum Vergleich: Das AKW Gösgen hat eine Turbinenleistung von 970 MW.

Die Axpo will so zusätzlich 1500 Gigawattstunden (GWh) Spitzenstrom pro Jahr produzieren, was - selbst bei 500 GWh, die beim Pumpen verloren gehen - ein lukratives Geschäft verspricht. Falls jedoch zukünftig nachts weniger Überschussstrom in AKW oder Kohlekraftwerken produziert wird und wenn die Tagesspitzenpreise sinken, könnte der heutige Goldesel plötzlich verschwinden. Mit flink regelbaren Gaskraftwerken, durch den Konkurrenzdruck der anderen Pumpspeicherwerke oder einen Boom der europäischen CO2-Zertifikate kann dies rasch passieren.

Auch die Kraftwerke Oberhasli, die Ofima und in ganz grossem Massstab die Tiroler Wasserkraft AG wollen von den fetten Margen profitieren. Letztere möchten in Tirol fünfzehn Kraftwerke neu erstellen oder umbauen.

Schlecht oder nicht regelbare Kohle- und Atomkraftwerke überschwemmen den europäischen Strommarkt mit Überschüssen, die unter dem Preis verkauft werden. Die Pumpspeicherung ermöglicht, dass sich dies nicht ändern muss. Anstelle von bedarfsgerechter Produktion mit kleinen Emissionen dominieren weiterhin zentrale Grosskraftwerke mit hohen Emissionen und den Pumpspeicherwerken als Abnehmer. Im Pumpstrom, dem Eurostrom-Mix, stecken pro Kilowattstunde (kWh) 400 Gramm CO2 und ein hoher Anteil von Atomabfällen. Die Energieverluste zwischen Pumpen und Turbinieren verschlechtern die CO 2-Bilanz des Pumpstromes sogar auf 530 Gramm CO2/kWh. Und wenn der Glarner Energiedirektor Pankraz Freitag - als Axpo-Verwaltungsrat einer der Promotoren des Limmeren-Projektes - die ökologische Gesamtbilanz mit dem zugekauften Strom betrachten würde, könnte er nicht mehr von Förderung der erneuerbaren Wasserkraft reden. Die CO2-Fracht, verursacht durch Bevölkerung und Wirtschaft des Kantons Glarus, beträgt heute rund 200 000 Tonnen CO2 pro Jahr. Kommt der geplante Pumpstrom hinzu, steigt der Ausstoss auf eine Million Tonnen. Und die - durch das Hochpumpen - vernichteten 500 Gigawattstunden Strom pro Jahr entsprechen fast einem Prozent des heutigen schweizerischen Stromverbrauches. Die Axpo sorgt damit selber für ein namhaftes Stromverbrauchswachstum, das sie dann wiederum mit neuen Kraftwerken decken will.

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