Nr. 12/2011 vom 24.03.2011

«Pumpspeicherwerke sind nicht klimafreundlich»

Auch ohne Schweizer Atomkraftwerke müsste niemand im Dunkeln sitzen. Energieexperte Heini Glauser erklärt, weshalb auch keines der umstrittenen Wasserkraftwerke gebaut werden muss.

Interview: Susan Boos

Der Energieingenieur und Architekt Heini Glauser betreibt ein eigenes Beratungsbüro in Windisch und war Stiftungsratspräsident von Greenpeace.

WOZ: Jetzt sollen die Grünen endlich ihren Widerstand gegen die Wasserkraftprojekte aufgeben – sagen die Chefs der Energieunternehmen, sagt Bundesrätin Doris Leuthard, sagen sogar manche Grüne. Warum tun Sie es nicht?
Heini Glauser: Ich habe auch gehört, wie der Chef der Bernischen Kraftwerke (BKW) am Fernsehen gesagt hat, man müsse das Pumpspeicherwerksprojekt KWO plus auf der Grimsel realisieren, wenn die alten AKWs abgestellt werden sollten. Doch dieses Projekt hat nichts mit zusätzlicher Stromproduktion zu tun. Wenn er das behauptet, hat er keine Ahnung, oder er lügt.

Aber da wird doch Strom produziert?
Schon – aber kein zusätzlicher. Man nimmt billigen Euromix-Strom mit hohem Kohle- und Atomanteil, um Wasser in den Speichersee zu pumpen, damit man beim Wiederablassen des Wassers teuren Spitzenstrom produzieren kann. Das ist weder klimafreundlich, noch bringt es zusätzlich Strom.
Trotzdem finden Vertreter von Umweltorganisationen, man müsse bei den Wasserkraftwerken umdenken …

Es ist ein Drama – seit dem Unfall von Fukushima glauben alle, sie müssten für den Ausbau der Wasserkraft sein, für Projekte, die wir jahrelang gemeinsam bekämpft haben. Bis vor kurzem gab es in Umweltkreisen den Konsens, dass das Potenzial der Wasserkraft ausgeschöpft ist. Die Kraftwerke, die gebaut werden konnten, sind gebaut – nur einige wenige Prozent der nutzbaren Wasserkraft sind noch nicht genutzt.

Mit den Pumpspeicherwerken könnte die Schweiz zur Batterie für europäischen Ökostrom werden. Was ist daran falsch?
In der Nordsee sind heute Windturbinen mit einer Leistung von dreissig Gigawatt installiert. Vielleicht sind es in ein paar Jahren zehnmal mehr. Das Hauptproblem wird sein, den Strom in die deutschen Verbraucherzentren und hierher zu bringen. Für unsere Pumpspeicher müssten in Süddeutschland viele Hochspannungsleitungen gebaut werden – ich denke nicht, dass das die Leute dort akzeptieren. Es ist unsinnig, den überschüssigen Strom durch ganz Europa zu leiten, um ihn zu speichern – es braucht andere, intelligente, dezentrale Ausgleichslösungen.

Wenn die ältesten AKWs abgestellt werden sollen, braucht es doch Ersatz. Woher nehmen wir den Strom?
Zuerst sollten wir über die Effizienz reden. Es gibt in der Schweiz etwa 250 000 Elektroheizungen – das ist reine Stromverschwendung. Würde man sie ersetzen, liesse sich das AKW Mühleberg eineinhalbmal einsparen! Oder der Stromhandel: In den letzten zehn Jahren hat er sich in der Schweiz verdreifacht. Die Stromleitungen sind deshalb viel mehr ausgelastet – was zu einem höheren Stromverlust führt. Hochgerechnet verlieren wir deswegen nochmals so viel Strom, wie ein halbes AKW Mühleberg produziert. Die Pumpspeicherwerke vernichten weitere 600 Gigawattstunden – und es werden noch mehr gebaut.

Sie sagen, ohne Elektroheizungen, exzessiven Stromhandel und Pumpspeicherwerke liessen sich die drei ältesten Schweizer AKWs schon fast einsparen?
Richtig! Alle geplanten Anlagen für erneuerbare Energien nehmen sich dagegen lächerlich aus. Und wir können noch mehr sparen: In der Schweiz gibt es 3,5 Millionen Haushalte. In vielen stehen ineffiziente Kühlschränke – wenn man eine Million durch die besten Geräte ersetzen würde, liessen sich 200 Gigawattstunden einsparen. Mit effizienten Umwälzpumpen für die Heizungen liessen sich nochmals 400 Gigawattstunden einsparen.

Ist es nicht dumm, so viele Geräte wegzuwerfen, die noch gut funktionieren?
Es geht vor allem um die Dauerläufer, um die Geräte, die immer Strom brauchen. Da wäre es sinnvoll, sie schnell zu ersetzen. Bei Fernsehgeräten, Waschmaschinen und Leuchten sieht es etwas anders aus.

Was müsste man da tun?
Die schlechtesten Geräte vom Markt nehmen. Gewisse Dinge gehören einfach verboten. Zum Beispiel diese Deckenstrahllampen mit den Halogenbirnen, die brauchen 500 Watt, das sind kleine Heizungen. Die Grossverteiler bieten sie für wenig Geld an. Junge Leute kaufen sie, danach sind sie zwanzig Jahre in Gebrauch. Würde man sie ersetzen, liessen sich nochmals 600 Gigawattstunden sparen.

All die Geräte zu ersetzen, kostet, das können sich nicht alle leisten.
Kaum jemand weiss, wie viel er für den Strom ausgibt – er ist billig. Deshalb ist der Stromverbrauch beim Kauf eines Geräts kein Thema. In den Mietwohnungen müssten aber die Vermieter dafür besorgt sein, dass die bes­ten Geräte reinkommen. Die Kosten wären in wenigen Jahren amortisiert.

Zurück zu den Elektroheizungen. Wodurch sollen sie ersetzt werden: mit Ölheizungen?
Das ist eine interessante Frage: Die Schweizer Atomkraftwerke produzieren so viel Abwärme, wie man brauchen würde, um alle Wohnbauten der Schweiz zu heizen. Noch mehr ungenutzte Abwärme produzieren die Autos. Das zeigt, wie falsch das ganze System ist. Die zweieinhalbfache Wärmemenge, die wir zum Heizen brauchen, wird in die Umwelt verpufft.

Trotzdem, wie sollen wir heizen?
Bei den meisten Formen der Energieumwandlung fällt viel Abwärme an. Deshalb gehört die thermische Stromproduktion in die Heizkeller. Wärmekraftkoppelung ist der ideale Ersatz für Heizkessel. Diese kleinen Kraftwerke produzieren aus Gas Strom und Wärme. Sie nutzen die Energie optimal. Ein Drittel des Schweizer Strombedarfs liesse sich mit Solarzellen erzeugen. Wer ein neues Haus baut, müsste verpflichtet werden, das Dach mit Solarpanels zu decken. Die einzige Superlösung gibt es nicht, aber es existieren bereits ganz viele Lösungen, die man nur richtig einsetzen müsste – und wir kämen ohne Atomstrom aus und könnten zugleich unseren CO2-Ausstoss verringern.

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