Nr. 36/2006 vom 07.09.2006

Guten Strom gibts nicht

Soll man umweltfreundlichen Strom kaufen, um den anderen zu ermöglichen, den dreckigen Strom billiger zu bekommen?

Von Susan Boos

Es gibt Strom für schlechte Menschen und solchen für gute. In der Stadt Zürich haben die EinwohnerInnen und Firmen noch bis am 15. September Zeit, sich zu entscheiden, ob sie zu den Guten oder den Schlechten gehören wollen. Wer sich bis dann nicht beim städtischen Elektrizitätswerk EWZ gemeldet hat, gehört automatisch zu den Guten: Diese bekommen den kostbareren Naturpower-Strom, saubere Elek- trizität aus Wasserkraft, vermengt mit ein bisschen Strom aus Wind- und Biomasseanlagen.

Das EWZ frohlockt, haben sich doch erstaunlich wenige entschieden, nicht zu den Guten zu gehören. Dem EWZ geht sogar der saubere Strom aus. Es muss noch zukaufen, um die grosse Nachfrage abzudecken. Eine gute Nachricht, könnte man meinen.

Was aber passiert mit dem schlechten Strom? Das EWZ hat nämlich ausreichend davon. Im letzten Jahr produzierte es insgesamt 4100 Gigawattstunden. Die Hälfte davon stammt aus Wasserkraftwerken, die andere Hälfte aus Atomkraftwerken, aus Gösgen, Leibstadt und aus französischen Anlagen, bei denen das EWZ Bezugsrechte hat. Zwei Drittel des Stroms braucht das Werk, um seine Kundschaft zu beliefern. Mit dem Rest wird gehandelt. Kauft nun die Kundschaft mehr sauberen Strom, geht mehr dreckiger Strom in den Handel. Verschwinden tut er nicht.

Wer glaubt, er mache aktiv etwas gegen Atomstrom, weil er Naturpower bezieht, irrt. Früher hatten alle denselben Strom. Alle bezogen denselben Mix aus Wasser- und Atomstrom. Auch die ohne Gewissen mussten ihren Anteil an den sauberen Wasserstrom bezahlen. Heute bezahlen diejenigen, die ein ökologisches Gewissen haben, dafür, dass die, die keins haben, den Atomstrom billiger bekommen. Abgesehen davon kann der Atomstrom heute nur so billig sein, weil er jahrelang von der öffentlichen Hand und den StromkonsumentInnen subventioniert wurde. Hätte man all die Jahre sauber gerechnet, wäre der Atomstrom heute vermutlich immer noch teurer als Naturpower.

Nun ist er aber da, der dreckige, billige Strom. Also kann man auch etwas damit anstellen: zum Beispiel Pumpspeicherwerke füllen. In Europa gibt es nachts und am Wochenende zu viel Strom aus Atom-, Öl- oder Kohlekraftwerken. Strom kann man nicht lagern, Wasser schon. Man pumpt mit dem billigen, überschüssigen Strom Wasser in Speicherseen und lässt es herunter, wenn die Nachfrage und der Preis hoch sind.

Ende vergangener Woche reichte das Energieunternehmen Axpo im Kanton Glarus ein Konzessionsgesuch für das Pumpspeicherwerk Linth-Limmern ein. Es ist das grösste Pumpspeicherwerk, das zurzeit in der Schweiz geplant ist. Die Anlage kostet eine Milliarde Franken und hat eine Pumpleistung von 900 Megawatt - was etwa dem AKW Gösgen entspricht. «Das Geschäft lohnt sich zurzeit, weil die Preisdifferenz zwischen dem billigen Nachtstrom und dem teuersten Spitzenstrom etwa bei eins zu zwei liegt», sagt Heini Glauser, Energiespezialist und ehemaliger Stiftungsratspräsident von Greenpeace. So gesehen sind die Pumpspeicherwerke reine Geldmaschinen: Jeder raufgepumpte Franken bringt zwei Franken ein.

Neben Linth-Limmern sind noch vier weitere grosse Pumpspeicherwerke geplant, die zusammen sechs Milliarden Kilowattstunden (kWh) produzieren können. Dazu braucht man aber acht Milliarden dreckigen Strom - die irgendwo in Europa bereitgestellt werden müssen. In einer Kilowattstunde Pumpspeicherstrom stecken 1,2 Kilowattstunden schmutziger Strom. Die Schweizer Pumpspeicherwerke werden also dereinst zwei Milliarden kWh vernichten, was reichen würde, um eine halbe Million Haushalte zu versorgen. «Die bestehenden Sonnen- und Windstromanlagen produzieren gerade mal dreissig Mil- lionen Kilowattstunden», konstatiert Glauser - die neuen Pumpspeicheranlagen werden ein Mehrfaches davon vernichten, nur um den grossen Energieunternehmen satte Gewinne zu bringen.

Theoretisch wäre es möglich, Pumpspeicherwerke als Ausgleich zu grossen Windfarmen zu nutzen. Die Energieunternehmen haben jedoch anderes im Sinn. Die Axpo liess in diesem Sommer verlauten: «Ohne zusätz- liche Bandenergie, also ohne neue Gas- oder Atomkraftwerke, können die neuen Pumpspeicherkraftwerke nicht betrieben werden.» Die Axpo wirbt seit Monaten für ein neues Atomkraftwerk. Und wird, sobald die Pumpspeicherwerke gebaut sind, argumentieren, es brauche den AKW-Strom, weil sonst die Pumpspeicherwerke darniederlägen. Eine energetische Fehlinvestition ruft nach neuen Fehlinvestitionen, um die Fehlinvestition zu verbergen. Das gab es schon einmal: Man baute in der Schweiz fünf Atomreaktoren, merkte, dass man zu viel Bandenergie hatte, und begann Elektroheizungen zu fördern, die unsinnig Strom fressen. Die Elektroheizungen trieben den Stromkonsum in die Höhe, was die Energieunternehmen legitimierte, neue Kraftwerke zu fordern ...

Das EWZ ist nicht die Axpo und spricht sich gegen neue AKWs aus. Doch letztlich ist auch das EWZ Teil des grossen Geschäfts - nicht gewillt, sich von seinem Atomstrom zu trennen und auch an einem umstrittenen Pumpspeicherprojekt (Grimsel) beteiligt.

Was soll man da tun als KonsumentIn? Zum Beispiel trotz allem dreckigen Mixpower-Strom beziehen - und gleichzeitig konsequent Energie sparen und nur energieeffiziente Geräte benutzen. Und hoffen, dass mit dem Stromversorgungsgesetz, das zurzeit in den Räten debattiert wird, die kostendeckende Einspeisevergütung kommt: Damit müssten alle für die Förderung erneuerbarer Energien zahlen. Es darf nicht sein, dass die, die sich um die Welt sorgen, die anderen subventionieren, damit diese die Welt noch billiger verdrecken können.

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