Nr. 22/2005 vom 02.06.2005

Die Krise der Medien und die fünfte Macht

Sie seien die vierte Macht, hiess es. Doch die Medien nehmen ihre Aufgabe nicht mehr wahr, denn sie sind selber zentrale politische und wirtschaftliche Akteurinnen.

Von Ignacio Ramonet

In vielen Ländern sind die Medien, die lange als charakteristische Elemente der Demokratie - quasi als Barometer der Demokratie - angesehen wurden, selber zum Hauptproblem für die Demokratie geworden. Insbesondere das mediale Verhalten gegenüber der Information ist zum Problem geworden, und viele BürgerInnen sind daran, dies zu begreifen.

Die Menschen sind ausserordentlich sensibilisiert für die Manipulationen der Medien. Viele Leute haben erkannt, dass die Medien lügen, täuschen und manipulieren. Und vor allem, dass sie Informationen verschweigen, aufgrund derer sich die BürgerInnen anders verhalten würden. Dafür gibt es einige Beispiele aus jüngster Zeit. Zum Beispiel der Irakkrieg. Die herrschenden Medien haben - vor allem in den USA - monatelang die Behauptungen der US-Regierung wiederholt, dass der Irak Massenvernichtungswaffen habe und dass das Regime von Saddam Hussein Beziehungen zum islamistischen Netzwerk al-Kaida pflege. Es wurde suggeriert, dass das Regime von Saddam Hussein ein Komplize der Attentäter vom 11. September 2001 sei. Damit haben die Medien - auch die seriösen - der Argumentation der Bush-Regierung Glaubwürdigkeit verliehen. Eine Mehrheit der US-AmerikanerInnen war einverstanden mit dieser Invasion - aufgrund der Berichte der Medien. Nach dem Krieg haben wir erfahren, dass es im Irak keine Massenvernichtungswaffen gab, man fand auch keinen Beweis für Beziehungen zwischen Saddam Hussein und al-Kaida. Beide Argumente der US-Regierung für den Irakkrieg waren falsch. Keine einzige seriöse Zeitung hatte diese beiden Behauptungen infrage gestellt. Die Medien haben wirklich Schiffbruch erlitten.

Spaniens medialer Aufstand

Zweites Beispiel: die Attentate in Madrid am 11. März 2003, bei denen vier Vorortzüge explodierten, zweihundert Menschen starben und mehrere hundert Personen verletzt wurden. Gleich danach hatte die spanische Regierung - damals unter José Maria Aznar - sofort eine Anschuldigung gegen die baskische Untergrundorganisation Eta verbreitet. Wir wissen jetzt, dass es keine Beweise dafür gab. Trotzdem haben alle grossen Medien diese Interpretation aufgegriffen. Denn Ministerpräsident Aznar hatte die Direktoren aller grossen spanischen Zeitungen angerufen und ihnen persönlich mitgeteilt, dass er Beweise dafür habe, dass Eta für das Attentat verantwortlich sei. «El País» zum Beispiel hatte die Titelseite bereits im Druck, doch nach diesem Telefonat wurde sie ausgewechselt und mit einer neuen Schlagzeile versehen: «Eta tötet wieder in Madrid». Sehr schnell aber zirkulierten in Spanien Meldungen, wonach diese offiziellen Informationen falsch seien. Das war drei, vier Tage vor der Parlamentswahl. Einige JournalistInnen begannen, Zweifel an der offiziellen Version zu äussern. Und die BürgerInnen fingen an, sich selber zu informieren.

Sie verwendeten Guerillamedien, das Handy oder E-Mails, um sich gegenseitig mitzuteilen, welchen Radiosender oder welche Zeitung man beachten musste, um glaubwürdige Informationen zu erhalten. Über das Handy wurde zu Demonstrationen mobilisiert, an denen zehntausende gegen die offizielle Version der Regierung protestierten und die Wahrheit forderten. Obwohl alle Umfragen einen Sieg der regierenden Partei voraussahen, wurde diese geschlagen, und die linke Opposition gewann die Wahl. Ein paar Tage später kam die Wahrheit ans Licht: Die Attentate waren nicht von Eta verübt worden, sondern von einer islamistischen Gruppierung.

Ich interpretiere das als medialen Aufstand einer Bevölkerung, die sich von den etablierten Medien keine offizielle Wahrheit mehr aufzwingen lassen will. Immer mehr Leute sind davon überzeugt, dass wir in einem Zustand medialer Unsicherheit leben. Man bekommt zwar Informationen, stellt aber später fest, dass diese falsch sind.

Mir geht es nicht um eine Nostalgie für ein goldenes Zeitalter der Medien. Die Medien hatten immer Probleme, sie waren nie perfekt. Doch man hätte erwarten können, dass die Medien in der heutigen Welt mit ihrer ausgeklügelten Technologie, mit der Möglichkeit, in Echtzeit zu intervenieren und sehr diversifiziert zu informieren, präziser informieren würden. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Medien haben noch nie so viel manipuliert wie heute. Die gigantische Manipulation bezüglich des Iraks hat immerhin zu einem Krieg geführt, der bisher 200 000 zivile Todesopfer zur Folge hatte. Das sind mediale Manipulationen mit schwerwiegenden Konsequenzen. Die Autoren dieser Manipulationen sind nie zur Rechenschaft gezogen worden. George Bush wurde sogar wiedergewählt, obwohl man weiss, dass der Präsident gelogen hatte.

Der Verrat der vierten Macht

Früher sagte man von den Medien, dass sie die vierte Macht im Staat darstellen - neben der legislativen, der exekutiven und der judikativen Macht. Der Ausdruck «vierte Macht» entstand in Frankreich anlässlich der Affäre Dreyfus. Nach dem Krieg zwischen Frankreich und Deutschland 1870/71 wurde der französische Offizier Alfred Dreyfus angeschuldigt, den Deutschen geheime Informationen zugespielt zu haben. Dreyfus wurde verurteilt, aus der Armee ausgeschlossen und auf Guyana verbannt. Doch dank der Zeitungen und der Intellektuellen kam heraus, dass Dreyfus kein Spion war. Der Grund für die ganze Inszenierung: Dreyfus war Jude. Es waren die Medien, die diesen Fall aufdeckten. Man sagte damals, dass es zum Glück eine vierte Macht gebe, welche die Fehler der anderen Mächte korrigierte.

Heute haben die grossen Medien diese Funktion immer weniger. Warum? Die Dynamik der Globalisierung hat zu einem Zusammenschluss zwischen den Interessen der Medien, der Konzerne und der Politik geführt. Sie alle sind zentrale Akteure der Globalisierung; die Finanzmärkte, die Konzerne, und auch die grossen Medienkonzerne: Murdoch, Time Warner, Microsoft und andere. Aufgrund der numerischen Revolution gibt es keine Unterschiede mehr zwischen Radio, Print, der audiovisuellen oder der Internetinformation. Alles wird heute vermischt. Die grossen Medienkonzerne arbeiten in all diesen Sektoren. Sie machen Massenkultur, sie machen Fernsehen, sie machen Kino, sie machen Musik, DVDs, manchmal auch Sport. Wir unterscheiden zwischen dem Sektor der Massenkultur, dem Sektor der Werbung und demjenigen der Information. Für die Medienkonzerne ist das alles ein und dasselbe. Sie verfolgen nur ein Ziel: die Rentabilität. Dabei haben sie ihren zivilen Auftrag vergessen, sie haben vergessen, dass sie die vierte Macht sein sollten. Die Information ist nur noch eine Ware - eine Ware, die man immer häufiger gratis verkauft. Der Handel mit Informationen hat sich verändert: Vorher verkaufte ein Medium Informationen an Menschen. Heute verkauft man Menschen an die Inserenten. Wichtig ist, dass eine Zeitung viele Menschen erreicht. Je mehr Leute das sind, umso teurer kann man die Werbefläche verkaufen. Um die Leserschaftszahlen zu erhöhen, gibt man Information fast gratis ab. Die Information wird vereinfacht, damit möglichst viele Meschen sie verstehen. Zudem wird der Sensationsgehalt hervorgehoben.

Die demokratische Zensur

Statistiken zeigen, dass die Leute jeden Tag durchschnittlich zwanzig Minuten aufwenden, um sich zu informieren. Wenn diese Zeit mit trivialen Informationen besetzt ist, bleibt wenig übrig für seriöse Informationen. Das nenne ich die demokratische Zensur. Die klassische Form der Zensur, wie wir sie von autoritären Staaten kennen, ist am Verschwinden. Hingegen gibt es diese demokratische Zensur, die nicht Information wegnimmt oder verbietet, sondern anbietet. Wir werden überflutet von Informationen, die wir nicht brauchen. Dabei merken wir nicht mehr, dass uns viele Informationen vorenthalten werden. Wir merken nicht, dass es Zensur gibt, weil wir Zensur mit Knappheit von Information assoziieren. Deshalb vergleiche ich die Situation der Information mit derjenigen der Nahrungsmittel. Lange Zeit lebten wir in Gesellschaften, in denen die Nahrungsmittel knapp waren. Heute gibt es in den meisten Indus-trieländern einen Überfluss an Nahrungsmitteln, die Supermärkte sind voll davon. Doch diese Nahrungsmittel sind kontaminiert und verursachen Krankheiten. So haben wir die Bioprodukte entwickelt, bei denen garantiert ist, dass sie keine Pestizide oder andere Rückstände enthalten. Bei der Information ist es genau gleich. Wir hatten früher wenig Information, heute haben wir viel Information, doch es ist verschmutzte Information, sie ist voller Lügen, verschwiegene Fakten und falscher Schlussfolgerungen. So entsteht der Wunsch nach einer biologischen Information, die garantiert ohne Verschmutzung und ohne Lügen ist. Die WOZ könnte auf ihrer Frontseite das Label «Bio-Information» einführen: Hier gibt es keine Lügen!

Medienkonzerne sind zu wirtschaftlichen Akteuren geworden, und sie sind eng verschränkt mit der politischen Macht. Die beste Illustration für diese These ist Silvio Berlusconi in Italien. Oder (der ermordete) Rafik Hariri im Libanon. Ein weiteres Beispiel ist der Bürgermeister von New York, Michael Bloomberg.

Die fünfte Macht aufbauen

Wie können wir heute eine Gegenmacht bauen, nicht nur gegen die Legislative, die Exekutive und Judikative, sondern auch gegen die anderen Mächte, die wirtschaftliche Macht und die Medienmacht? All diese Mächte arbeiten heute gemeinsam gegen die Interessen der Bevölkerung. Hier spielen die unabhängigen Medien eine wichtige Funktion. Ich kam gestern aus Korea zurück. Dort gibt es einige Zeitungen, die nur im Internet erscheinen. Zum Beispiel «OhmyNews»: Diese Zeitung wird von dissidenten JournalistInnen gemacht - von Leuten, die mit der politischen Orientierung grosser Tageszeitungen nicht mehr einverstanden waren und jetzt eine kritische, unabhängige Sicht der Dinge vertreten. Diese Zeitung ist gratis. Doch sie lebt davon, dass die LeserInnen für jeden Artikel, der sie interessiert, Geld spenden. So kommen jährlich umgerechnet über 360 000 Franken zusammen.

Wir brauchen einen unabhängigen Journalismus, der über die nötigen Mittel verfügt. Die JournalistInnen brauchen Mittel, um ihre Arbeit zu machen. Oft haben die unabhängigen Medien aber diese Mittel nicht. Heute will das mediale System keine JournalistInnen mehr, die recherchieren und die Wahrheit suchen. Wenn sie die Information gratis abgeben, dann wollen die Verlage auch keine Mittel dafür bereitstellen. Die JournalistInnen sind also nicht mehr in der Lage, seriös zu arbeiten.

Diese anderen, die unabhängigen Medien, die Gegeninformation bringen, die eine wirklich demokratische Information verbreiten, alle diese Akteure müssen sich zusammenschliessen, um eine fünfte Macht zu bilden. Die Qualität der Demokratie hängt von der Qualität der demokratischen Debatte ab. Und die funktioniert nur, wenn unabhängige Medien, die vor ökonomischen Repressalien keine Angst haben, ihr eigenes Informationskonzept entwickeln können.

Ignacio Ramonet
Der Direktor von «Le Monde diplomatique» sprach am 29. Mai im Schiffbau des Schauspielhauses Zürich über die Krise der Medien. Anlass bot das 10-Jahr-Jubiläum des deutschsprachigen «Monde diplomatique», der von der WOZ und der deutschen «taz» gemeinsam herausgegeben wird. Obenstehender Text basiert auf dem Referat von Ignacio Ramonet.

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