Nr. 23/2005 vom 09.06.2005

Filzreiche Hilfe

Die Entwicklungsorganisation spannte einst das erste schweizerische Netz für die Dritte Welt. Heute besinnt sich Helvetas wieder auf das ursprüngliche Erfolgsrezept: politische Aufklärung und Volksbewegung.

Von Thomas Möckli

Filz ist kein schönes Wort. Insbesondere, wenn es im Zusammenhang mit einer wohltätigen Organisation fällt. Der am Jubiläumstag - dem 18. Juni 2005 – abtretende Helvetas-Geschäftsleiter Werner Külling benützt es dennoch; nicht in öffentlichen Verlautbarungen, aber jedem gegenüber, der sich für die Geschichte Helvetas interessiert, eine Geschichte, die an den Ursprung der Schweizer Entwicklungshilfe zurückreicht.

Was ist am Filz so schlecht, wenn er den Armen nützt, müssen sich die GründerInnen des Schweizerischen Hilfswerks für aussereuropäische Gebiete (SHAG) gesagt haben. Das in internationalen zivildienstlichen oder sozial-religiösen Kreisen verkehrende Grüppchen von Dritte-Welt-AktivistInnen wählte 1955 einen Basler Unternehmer zum Präsidenten, liess sich von einem gutbürgerlichen Vorstand kutschieren und holte sich seinen ersten Bundeskredit beim FDP-Bundesrat Max Petitpierre.

Widersprüchlich ist das nur auf den ersten Blick. Entwicklungspolitisch schienen die linke Vizepräsidentin, die ehemalige Kinder- und Flüchtlingshelferin Regina Kägi, und der Präsident, der Reeder Ludwig Groschupf, zu harmonieren: 1957 ergatterte das SHAG als erstes Hilfswerk einen Bundesbeitrag. 1958 hatte es bereits mehrere Projekte angebahnt: Milchwirtschaft, Hängebrücken und eine mechanische Produktions- und Lehrwerkstätte in Nepal und ein Berufsbildungszentrum für Waisenkinder in Tunesien. Den ideell völlig gegensätzlichen Persönlichkeiten gelang nach dem epochalen Schritt in den Himalaya eine zweite Pioniertat: die Umsetzung der Bedingung, die der Bundesrat an dereinstige Subventionen knüpfte: «Mobilisiert und sensibilisiert zuerst die Bevölkerung.» Mit seiner beispielhaften Kampagne «Eine Hand voll Reis» erreichte das SHAG tausende von Mitgliedern. Die Spenden überschritten die Hunderttausendfrankenmarke schon im zweiten Vereinsjahr. Eine eklatante Schmach für die an staatliche Pfründen gewohnten Präsidenten etablierter Hilfsorganisationen, welche die Dritte-Welt-IdealistInnen zurückgewiesen hatten, weil man im Nachkriegseuropa «zuerst vor der eigenen Türe» wischen wollte.

Befeindet und bevettert

Die SHAG-Gründung setzte die anderen Hilfswerke unter Druck: Schon 1956 mussten Caritas, Heks und Arbeiterhilfswerk das konfessionell und politisch neutrale SHAG in ihre Sammelgemeinschaft Schweizer Europahilfe aufnehmen und Letztere in Schweizer Auslandhilfe umtaufen. Ab 1958 begannen sie, vom SHAG erprobte Methoden auf eigene Projekte zu übertragen.

1961 vervierfachte das Parlament den Kredit für die bilaterale, technische Hilfe und rief den Vorläufer der heutigen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) ins Leben. Einer der ersten Mitarbeiter war Rolf Wilhelm, SHAG-Mann erster Stunde, später stellvertretender Deza-Direktor. Der heute zunehmend in Frage stehende, pluralistische Korporatismus in der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit – staatliche Subventionen gegen Verankerung in der Bevölkerung – war installiert. Das SHAG, 1965 in Helvetas umbenannt, spielte von Anfang an die Hauptrolle in der Schweizer Entwicklungshilfe und pflegte ein weitgespanntes Netz in Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Mit einer Ausnahme kamen die Präsidenten stets aus der Wirtschaft oder dem diplomatischen Corps. Ein stattlicher Teil der Vorstandsmitglieder waren bürgerliche Bundesparlamentarier. Allerdings prägte ein Linker als Vizepräsident das Geschick des Vorstandes während 33 Jahren schwergewichtig mit: Walter Renschler, in Entwicklungshilfekreisen geadelt als Vater des Entwicklungshilfegesetzes von 1976. Als SP-Nationalrat wollte er partout nicht Präsident werden, «um zu vermeiden, dass Helvetas zur linkslastigen Organisation gestempelt wird». Stattdessen verwandte er sein Gewicht für einen Verein, dessen Vorstand und Patronat sich laut einer soziologischen Untersuchung aus den siebziger Jahren «mehrheitlich aus Angehörigen des Establishments zusammensetzt, das entwicklungspolitische Forderungen zuweilen als aggressive Provokation empfindet».

Idealisten, Manager, Netzwerker

Renschler gegenüber sassen gewiefte Manager wie Nestlé-Direktor Hans Ulrich Vetsch oder Peter Arbenz, beide tief im bürgerlich-liberalen Milieu verhaftet und zu Wundertaten fähig, wenn es darum ging, Helvetas vor dem Bankrott zu retten, die Vereinsbewegung in professionelle Strukturen zu lenken oder Spenden lockerzumachen. Lang ist die Liste von Helvetas-Vettern im öffentlichen Dienst: Ohne das Zutun von

Deza-Kader Rolf Wilhelm hätte es Helvetas kaum zur meistgeschätzten und-subventionierten Entwicklungsorganisation beim Bund gebracht. Zumindest eine seiner hilfreichen Taten lässt sich in alten Protokollen nachvollziehen: 1965 konnte der Bankrott abgewendet werden, weil Wilhelm die Aufhebung eines Finanzierungsstopps erwirken konnte, den die Deza wegen innerer Selbstzerfleischung über das Vereinswerk verhängt hatte.

Der einstige SHAG-Entwicklungshelfer zog andere nach: 1968 arbeitete der ehemalige Präsident von Helvetas, Martin Menzi, als Viehzüchter für das Deza im indischen Kerala. 1980 wurde er an der ETH Zürich der erste Professor für Entwicklungshilfe. Ähnliches gilt für Helvetas-Zögling Rudolf Högger: In den sechziger Jahren leitete er gemeinsame Deza- und Helvetas-Aktionen in Nepal, später wurde er Deza-Vizepräsident, und in den neunziger Jahren war er der einzige linke Helvetas-Präsident.

Seit 1955 gab es kaum eine Initiative aus der Entwicklungshilfeszene, an der Helvetas nicht beteiligt war: Die Gründung der heutigen Swisscontact 1959 lässt sich auf eine an die Privatwirtschaft gerichtete SHAG-Aktion zurückführen. 1982 initiierte Helvetas die Gründung der Intercooperation mit, diesmal nicht, um mehr Geld zu äufnen, sondern um die im Boom der siebziger Jahre schwer verdaulich gewordenen Staatsgelder zwischenzulagern.

Langfristig betrachtet funktionierte die Triade entwicklungspolitischer Idealisten, struktureller Realisten aus der Wirtschaft und staatlicher Netzwerker ausgesprochen erfolgreich: Helvetas konnte den Ärmsten der Welt bis heute eine runde Milliarde Franken zukommen lassen. 2005 sind weit über 40 000 SchweizerInnen Vereinsmitglieder. Die Spenden haben die Zehn-Millionen-Grenze im Jahr überschritten.

Gefangen im eigenen Netz

Zwischenzeitlich ging sich Helvetas aber auch selbst ins Netz: Zum einen war der Filz bei der Erfüllung des Doppelauftrages – Projektarbeit und Aufklärung – ausserordentlich hilfreich. Zum anderen brachte das heterogene Geflecht an der Basis und in der Führung mit sich, dass Helvetas jede neue Laune der Entwicklungshilfe durchexerzieren musste. In den sechziger Jahren hatten nette Linke böse Sozialisten aus dem Verein auszuschliessen, weil bürgerliche Einflüsterer glaubten, Entwicklungshilfe sei dazu da, Marx aus der Dritten Welt zu verscheuchen. Helvetas hörte auch auf Führerfiguren, die für den Schweizer Aufklärungsdienst oder die Kommunistenjäger von der Aktion Freier Staatsbürger operierten. In einem internen Dokument von 1969 – genannt «Arbeitspolitik» – figuriert ein Argument, das späteren Entwicklungshilfeprofis im Halse stecken blieb: «Helvetas kann die Markterschliessung in den Einsatzländern fördern und gute Dienste leisten bei der Vertretung schweizerischer Unternehmen.» Weder vorher noch nachher versuchte sich die Organisation derart offen an die Interessen der Privatwirtschaft anzubiedern. Aus derselben Zeit stammt eine andere, später überholte Aussage von Helvetas: «Die Industrienationen vermitteln der Dritten Welt ihr Wissen, damit diese den Anschluss an unseren Fortschritt findet.»

Bis in die siebziger Jahre war Helvetas zur konsolidierten Institution geworden, die sich still am wachsenden Subventionskuchen bediente, aber die Entwicklungshilfe «weisser Experten» selten hinterfragte. Den neuen Pionierpart übernahmen entwicklungspolitische Organisationen wie die Erklärung von Bern (EvB). Diese stellte die «Fehl-Entwicklung» des Nordens mit ihrer Forderung «weniger nehmen statt mehr geben» radikal an den Pranger. Über Walter Renschler oder den neuen Geschäftsleiter Werner Külling flossen diese Positionen zwar in den Helvetas-Vorstand und zurück in die Öffentlichkeit. Aber das Gremium verstrickte sich in jahrelange Grabenkämpfe um die Informationspolitik und die Neuausrichtung der Projektarbeit.

Laute Kritik

1984 erhielt die Vereinszeitschrift «Partnerschaft» auf eine Reportage über Fluchtgelder stapelweise Zuschriften, die kontroverser nicht hätten sein können: Manche kündigten die Mitgliedschaft, da sie glaubten, Helvetas unterstütze die Bankeninitiative der SP. Andere zogen ihre Spende zurück, weil sie der Organisation mangelndes Engagement für dasselbe Volksbegehren unterstellten. 1973 konnte der Geschäftsleiter Peter Arbenz das Engagement in Diktator Alfredo Strössners Paraguay noch damit rechtfertigen, dass man bei der Entwicklungshilfe nicht darum herumkomme, mit dem offiziellen Regime Beziehungen zu unterhalten, auch wenn diese «x-fach Todesurteile unterschreiben». Bis in die achtziger Jahre wurde die Kritik am Regierungs- und Expertenvertrauen derart laut – «Helvetas-Brunnen lassen Exportprodukte wachsen, wo Nahrungsmittel für die Ärmsten angepflanzt wurden» –, dass sich die Progressiven durchsetzen konnten. Ab Mitte der achtziger Jahre konzentrierte Helvetas ihre Projektarbeit verstärkt auf nichtstaatliche Organisationen (NGO) und die Eigenständigkeit ihrer Partner. Das öffentliche Anfassen heisser Eisen wurde in den Statuten verankert.

Jetzt war der Doppelauftrag – Projektarbeit und Aufklärung – institutionalisiert: Die Projektarbeit blieb zwar auf zwei Dutzend Länder beschränkt, dehnte sich aber von den Stammbereichen «Infrastruktur im ländlichen Raum» und «nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen» auf die Förderung von «Bildung und Kultur» sowie «Zivilgesellschaft und Staat» aus. Vor allem der zivilgesellschaftliche Aspekt folgt der Vision, welche die GründerInnen im Sinn hatten, als sie dazu aufriefen, Friedensarbeit zu leisten. Sie umzusetzen, war jedoch kaum möglich, solange die Dritte Welt zwischen zwei ideologischen Polen hin und her getrieben wurde. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass nach dem Zusammenbruch des Sowjetblocks die Hoffnung auf eine Verschmelzung zur «einen Welt» aufkam.

Aber das Marktdenken, das durch die Globalisierung auch in der Entwicklungshilfe Einzug hielt, hat Löcher in den pluralistischen Korporatismus gerissen. Staatliche Vetter sind pensioniert, angestammte Subventionsprivilegien ausser Kraft: «Hilfswerke laufen in der Wettbewerbskultur Gefahr, zu blossen Auftragsnehmern und Weisungsempfängern des Bundes zu werden», bedauert Külling im Schlusswort der Geburtstagsschrift. Nach beinahe vierzig Helvetas-Jahren beschwört er zum letzten Mal die Wurzeln, auf die sich die Gesellschaft zum Jubiläum besinnen soll: «Der Doppelauftrag ist so aktuell wie vor fünfzig Jahren.» Neben der Entwicklungsarbeit im Trikont müsse Helvetas ihre Lobbyarbeit in der Schweiz verstärken, damit Entwicklungszusammenarbeit (EZA) nicht zur blossen Amtshandlung verkomme.

1955 wollten PionierInnen eine Volksbewegung lostreten. 2005 soll sich Helvetas ihre Legitimität wieder verstärkt in der Bewegung von aktiven Mitgliedern und Regionalgruppen holen und dem Konzentrations- und Effizienzdruck aus Bundesbern entschlossen entgegentreten. Gemeint ist aber dieselbe Adressatin wie 1955. Sie trägt nur ein anderes Gewand: eine egoistische Nord-Gesellschaft, deren Süd-Ideale jahrzehntelang wenig mehr als korporatistische Almosen hervorbrachten. Ideale, die heute in einer pseudo-effizienten Wettbewerbs-EZA unterzugehen drohen.

Helvetas feiert am 18. Juni im Palais X-Tra in Zürich den fünfzigsten Geburtstag. Am Vormittag werden Bundesrätin Micheline Calmy-Rey und Alpha Oumar Konaré, Präsident der Kommission der Afrikanischen Union, zu den GönnerInnen und Mitgliedern sprechen. Am Abend gibt es ein öffentliches Konzert mit Habib Kioté aus Mali und danach Musik zum Abtanzen.
Weitere Information finden sich bei www.helvetas.ch.

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