Nr. 23/2005 vom 09.06.2005

Laute Stimmen für die Unabhängigkeit

Heftige Zusammenstösse zwischen Jugendlichen und marokkanischen Polizisten zeugen vom Frust in der Westsahara. Kommt es zu einer sahrauischen Intifada?

Von Beat Stauffer

Was sich in der letzten Maiwoche in al-Ajun, der Hauptstadt der marokkanisch besetzten Westsahara, und in einer Reihe anderer Städte genau ereignet hat, ist bis heute nur in groben Umrissen bekannt. Klar ist aber, dass es an mehreren Tagen zu heftigen Zusammenstössen zwischen zumeist jugendlichen DemonstrantInnen und der marokkanischen Polizei gekommen ist. Dabei zündeten die DemonstrantInnen marokka- nische Fahnen an, skandierten Slogans gegen die marokkanischen Besatzer, attackierten die Polizei mit Steinen und Molotowcocktails und zündeten Pneus an. Die Reaktion der Polizei war laut den vorliegenden Berichten äusserst heftig. Über die Anzahl der Verhaftungen und das Ausmass der Repression gehen die Aussagen allerdings weit auseinander: Während die sahrauische Presseagentur von über fünfzig Verletzten, von dutzenden von Verhaftungen und schweren körperlichen Misshandlungen spricht, spielen offizielle marokkanische Quellen die Vorfälle herunter.

Auslöser der gewaltsamen Zusammenstösse war, dies ist unbestritten, die Verlegung eines sahrauischen Gefangenen von al-Ajun in ein Gefängnis in der Nähe von Agadir. Es handelte sich um einen jungen Mann namens Ahmed Mahmud Hadi, der aufgrund seines öffentlich angekündigten Verzichts auf die marokkanische Staatsbürgerschaft in den letzten Jahren zu einer Symbolfigur des Widerstands der jungen Sahrauis geworden war. Der Proteststreik vor den Gefängnistoren weitete sich anschliessend zu einer grossen Demonstration im Quartier Maâtallah aus und erfasste an den folgenden Tagen auch andere Quartiere von al-Ajun. Eine Woche später wurden auch Unruhen in andern Städten der Westsahara gemeldet.

Während die einen nun bereits die Anzeichen einer sahrauischen Intifada zu erkennen glauben, sehen andere in diesen Ereignissen vor allem die Unfähigkeit der marokkanischen Behörden, auf Druck von der Strasse anders als mit nackter Gewalt zu reagieren. Am Anfang sei bloss eine kleine Demonstration von Unzufriedenen gestanden, wie es sie in Marokko praktisch täglich gebe, schreibt etwa die kritische marokkanische Wochenzeitung «TelQuel». Wirklich gravierend sei einzig die Mentalität der lokalen Behörden gewesen, die nicht in der Lage gewesen seien, mit einer solchen Demonstration auf vernünftige Weise umzugehen. Dass die marokkanischen Behörden in der Folge zwei Journalisten verboten, den Flughafen von al-Ajun zu verlassen und über die Vorfälle zu recherchieren, habe alles nur schlimmer gemacht: Auf diese Weise seien die Demonstrationen erst recht zum medialen Thema geworden und hätten eine Bedeutung erhalten, die sie eigentlich gar nicht verdienten.

Hinter den jüngsten Ereignissen steht aber auf jeden Fall die zunehmende Unzufriedenheit und Frustration der sahrauischen Bevölkerung in der Westsahara. Das Malaise scheint vor allem unter den jugendlichen Sahrauis gross zu sein. Immer mehr junge Sahrauis, so wird in Marokko mit grossem Befremden konstatiert, drücken offen ihre Sympathien für die sahrauische Befreiungsbewegung Polisario aus, die aus Flüchtlingslagern in Algerien operiert und seit langem einen unabhängigen Staat in der Westsahara fordert. Für den spanischen Westsahara-Spezialisten Bernabé Lopez-Garcia ist die Idee einer sahrauischen Identität heute «lebendiger denn je», und zwar sowohl bei den Sahrauis, die in der Westsahara leben, wie auch bei jenen, die in den grossen marokkanischen Städten studieren oder arbeiten. Unklar ist dabei allerdings, ob es diesen jungen Sahrauis tatsächlich um die Unabhängigkeit ihres Landes geht.

Die Jugendarbeitslosigkeit in al-Ajun ist mit offiziell 29 Prozent höher als in Marokko, und die Lage in den dortigen Vorstädten ist offenbar mindestens so prekär wie in den Banlieues von Tanger oder Casablanca. Während aber die Jugend im marokkanischen «Kernland» tendenziell zu den radikalen Islamisten überläuft, um ihren Missmut kundzutun, drücken die jungen Sahrauis ihre Ablehnung des herrschenden Systems eher durch die Unterstützung der Polisario aus.

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