Nr. 26/2005 vom 30.06.2005

Rote Spritzer

Von Ingo Keck

Ein an Schulen beliebter Versuch, der den Nutzen von Styropor-Velohelmen zeigen soll, geht so: Man bindet einen Helm um eine Melone, lässt diese helmvoran senkrecht auf den Boden fallen, und die Melone bleibt ganz. Beim Fallversuch ohne Helm zerplatzt sie. Reif muss die Melone dafür sein und blutrot, damit sich das Bild der platzenden Melone in den Köpfen der Jugendlichen festsetzt, die fortan ohne Helm nicht mehr Velo fahren sollen.

Die Demonstration ist Schlangenölverkauf: Sie ist so suggestiv, dass man nur schwer auf die Idee kommt, die Analogie Melone - Kopf zu hinterfragen.

Dabei gibt es entscheidende Unterschiede. Wer bei einem Velounfall die gleiche Situation wie beim Schulversuch schaffen will, muss vor dem Umfallen anhalten (am besten vor einer Metzgerei), den Kopf vom Hals trennen, ruhig in Händen halten und dann auf glattes Gelände fallen lassen. Die meisten Velounfälle verlaufen nicht so, und trotzdem platzen nicht dauernd Köpfe. Das taten sie auch nicht, als es noch keine Velohelme gab.

Warum wird für die Helmverkaufsveranstaltung eine Melone gewählt? Weil sie von der Evolution darauf ausgelegt wurde, zu platzen (wenn auch von innen heraus). So pflanzt sie sich fort. Dieselbe Evolution hat dafür gesorgt, dass Köpfe in der Regel nicht platzen, wenn sie aus Kopfhöhe herunterfallen. Würde man den bildhaften Schulversuch ernst nehmen, müsste man Kokosnüsse verwenden. Nur gehen die leider (aus Sicht des Helmverkäufers, nicht aus Sicht der Palme) nicht so einfach kaputt.

Die grösste Irreführung aber liegt anderswo: Die meisten Velounfälle sind komplex. Fliehkräfte spielen eine Rolle, die Beweglichkeit des Kopfes, allfälliger Ballast wie Rucksack oder Helm.

In Ländern mit Radhelmobligatorium stieg die Kopfverletzungsrate statt zu fallen. In den USA gibt es zwar immer weniger Radfahrer, diese fahren aber vermehrt mit Helm - nur gab es bei den Todeszahlen keinen Rückgang, tendenziell nahmen sie sogar zu.

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) möchte in der Schweiz ein Velohelmobligatorium einführen. Mehr dazu: www.woz.ch/artikel/archiv/11915.html

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch