Nr. 28/2005 vom 14.07.2005

Krieg im Betrieb

Zwei Dienstleistungsgewerkschaften zeigen, wie mans macht: Entgegen dem Trend gelingt es ihnen, stark zu wachsen. Jetzt setzen sie ihren Dachverband unter Druck.

Von Max Böhnel, New York

Mitgliederwerbung für eine US-amerikanische Gewerkschaft beginnt nicht selten nach Sonnenuntergang in einem Müllcontainer. «Wir haben mit Ratten zu tun», sagt Fernando Lopez kurz vor Mitternacht.

Der Satz ist doppeldeutig. Er meint damit sowohl seinen Arbeitgeber, ein Privatkrankenhaus in Newark im Bundesstaat New Jersey, als auch die langschwänzigen Allesfresser, die soeben verschreckt aus den Abfalleimern hüpfen. Lopez arbeitet als Krankenpflegehelfer und ist seit kurzem Gewerkschaftsmitglied. Da er nach drei Jahren Nachtarbeit in dem Krankenhaus nicht nur die Route des Wachpersonals kennt, sondern auch weiss, wo die Verwaltung hinter dem Gebäude ihren Büromüll abladen lässt, ist er auf die Suche gegangen. Vielleicht ist in einem der Container ja tatsächlich eine Akte mit Adressen und Telefonnummern von Angestellten zu finden. Als Mitglied des Organisierungskomitees, das seit sechs Monaten eng mit der Dienstleistungsgewerkschaft Service Employees International Union (SEIU) zusammenarbeitet, weiss er um die Bedeutung seiner nächtlichen Aktivität. Denn der erste Schritt, den Betrieb zum «union shop» zu machen – zu einem Betrieb mit anerkannter Gewerkschaft – besteht in der Erstellung einer Liste mit Namen und Adressen potenziell Interessierter. Im Gegensatz zur Unternehmensverwaltung verfügen die GewerkschafterInnen über keine Unterlagen. Dann kommt der zweite Schritt: Hausbesuche und Überzeugungsgespräche.

Und wenn eine grosse Mehrzahl der Angestellten von der Notwendigkeit gewerkschaftlicher Vertretung überzeugt ist und darüber erfolgreich abgestimmt wurde, erfolgt der dritte Schritt: die Verhandlung mit der Betriebsleitung.

Fernando Lopez, der aus Uruguay stammt und wie die Mehrzahl der SEIU-Mitglieder ein Einwanderer der ersten Generation ist, macht aus seiner Entrüstung über die gewerkschaftsfeindlichen Zustände in den USA keinen Hehl. Dass er «wie im 19. Jahrhundert wie ein Krimineller in Mülleimern herumwühlen» müsse, um irgendwann mit ihm unbekannten Kollegen über die gemeinsame Interessenvertretung sprechen zu können, das habe er vor seiner Abreise ins «Land der unbegrenzten Möglichkeiten» nicht erwartet.

Der Vorgang heisst «dumpster diving» (im Müll herumtauchen) und ist gewerkschaftlichen «Organizern», OrganisiererInnen, nicht fremd. Gern sprechen sie nicht darüber, denn immer wieder strengen Unternehmen Gerichtsklagen gegen Leute an, die so was machen. Dumpster Diving fällt in die Kategorien Diebstahl beziehungsweise Betreten eines Privatgrundstücks und ist ein Entlassungsgrund.

US-Einzelgewerkschaften wie die SEIU, welche die massiv betriebene Organisierungsarbeit als letzten Ausweg vor dem schrittweisen Absterben erkannt haben, bedienen sich freilich auch anderer Methoden, um potenzielle Mitglieder ausfindig zu machen und anzusprechen. So schlendern sie in unauffälligen Runden über die Parkplätze von Betrieben, sprechen PendlerInnen an und händigen Kontakttelefonnummern aus. Ziel ist es, über die Schaffung von Organisierungskomitees in einem Betrieb Fuss zu fassen. Dazu genügen einige wenige Interessierte, die dann Ausgangspunkt für ein Multiplikatorensystem sind. Diese werden bewusst noch nicht zur Gewerkschaftsmitgliedschaft angehalten. Stattdessen werden sie aus Schutzgründen über die Taktiken der Betriebsleitung aufgeklärt, falls diese von den Organisierungsanstrengungen Wind bekommt. Die Erfahrungsgespräche zwischen GewerkschafterInnen und ihnen freundlich gesinnten ArbeiterInnen und Angestellten finden ausserhalb des Betriebsgeländes statt.

Die SEIU, welche Beschäftigte in den Bereichen Gesundheit, öffentlicher Dienst sowie Gebäudereinigung und -sicherheit vertritt, verdreifachte damit ihre Mitgliedschaft seit 1980 auf heute 1,8 Millionen. Dank ihrer aggressiven Mitgliederarbeit ist sie die grösste und am schnellsten wachsende US-Gewerkschaft mit mehr als 300 örtlichen Vertretungen. Sie vereint ÄrztInnen und Pflegepersonal, GefängniswärterInnen, Reinigungskräfte und Hausabwarte. Das Erfolgsmodell SEIU veranlasste deren Vorsitzenden Andrew Stern vergangenes Jahr, den Vorstand des Dachverbandes AFL-CIO mit den Worten «den AFL-CIO verändern oder etwas Stärkeres aufbauen» anzugreifen. Heftige Debatten waren die Folge. Inzwischen haben sich der SEIU vier weitere Einzelgewerkschaften angeschlossen und die dissidente Change To Win Coalition gegründet. Sie haben eine Diskussion um das finanzielle und personelle Ausmass der Organisierungsarbeit in Gang gesetzt, die nicht nur den Mitgliederschwund im AFL-CIO umkehren, sondern zur Wiedererringung gewerkschaftlicher Macht in der Gesellschaft führen soll. Ende Juli, an der Generalversammlung des Dachverbandes in Chicago, kommt es zur Machtprobe. Zwar ging die Führung um AFL-CIO-Chef John Sweeney auf die Reformforderungen ein – in der Verwaltung wurden 167 von 426 Stellen gestrichen, auch der Vorschlag, die Organisierungs- und Rekrutierungsmittel auf 22,5 Millionen Dollar jährlich zu verdoppeln, machte die Runde. Doch dies geht Stern und den KollegInnen der Change To Win Coalition nicht weit genug. Sie fordern neben sehr viel mehr Geld für die Mitgliederwerbung die Zusammenführung von Gewerkschaften derselben Branchen und weniger Wahlunterstützung für PolitikerInnen. Die SEIU allein vertritt immerhin elf Prozent der AFL-CIO-Mitgliedschaft, zusammen mit den anderen Dissidenten sind es vierzig Prozent. Angesichts des erfolgreichen SEIU-Organisierungsmodells hätte ein Austritt aus dem Dachverband keine negativen Konsequenzen.

Zur Chance to Win Coalition gehört auch die Textil- und Nahrungsmittelgewerkschaft Unite Here. Für deren stellvertretende Koordinatorin für Mitgliederwerbung, Julie Kelly, geht es schlicht und einfach darum, «den Tod der organisierten amerikanischen Arbeiterbewegung zu verhindern». Auch Unite Here ist mit derzeit 450 000 Mitgliedern eine wachsende Gewerkschaft. Dem AFL-CIO wirft Kelly vor, er habe die Globalisierung der Wirtschaft und «die Herausforderungen, die sich damit für die Gewerkschaften ergeben, verschlafen». Mit 300 fest angestellten OrganisiererInnen, die ähnlich wie die SEIU operieren, sei es denkbar, gewerkschaftsfeindliche Konzerne wie Wal-Mart anzugehen. Wal-Mart ist der grösste Einzelhandelskonzern der USA und das umsatzstärkste Unternehmen der Welt. Der Billiganbieter zahlt durchschnittlich um ein Drittel tiefere Löhne als jene Konkurrenten, die mit Gewerkschaften Verträge unterzeichnet haben. Was Kelly an den gewerkschaftsfeindlichen Konzernen kritisiert, hört sich an wie eine Beschwerdeliste von Arbeiterführern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das reiche von höheren Löhnen für ArbeiterInnen, die Gewerkschaft ablehnen bis hin zum «Krieg im Betrieb», wie es Kelly nennt, wenn Mitglieder von Organisierungskomitees schlagartig in die Nachtschicht versetzt werden oder ihnen gekündigt wird. Diese müssten auch mit Mobbing rechnen. Es komme auch vor, dass Manager die gesamte Belegschaft antreten lassen, um zu erklären, dass der Betrieb gewerkschaftliche Aktivitäten nicht dulde. Um die Organisierungstätigkeit der Gewerkschaften aufzuhalten, setzen Konzerne nicht zuletzt auf eine boomende «union busting»-Industrie, die aus Anwaltsfirmen besteht. Ihr Ziel: die Gewerkschaften mit Klagen zu überziehen.

Das weiss auch Fernando Lopez, der beim «dumpster diving» hinter dem Newarker Krankenhaus dieses Mal leer ausgeht. Seinen wirklichen Namen will er auf keinen Fall veröffentlicht wissen.

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