Nr. 22/2007 vom 31.05.2007

Giftiges Geschäft

Der US-amerikanische Obstmulti wirbt mit dem Label einer Umweltorganisation - und erweckt damit den Eindruck, seine Bananen würden fair und umweltfreundlich angebaut. Doch wie sieht es auf Chiquitas Plantagen wirklich aus?

Von Roman Berger, Costa Rica

Bananenplantagen, so weit das Auge reicht. Plötzlich fliegt ein Kleinflugzeug mit dampfenden Sprühleitungen über die Felder. Die Pilzgifte werden auch über Wohnhäuser, über eine Klinik und eine Schule verteilt. Es riecht süsslich, kilometerweit. Auf der Strasse donnern Lastwagen mit sechzehn Meter langen Kühlcontainern zum Hafen Limón, wo die Schiffe der drei grossen Bananenmultis Richtung Europa auslaufen: Del Monte, Dole und Chiquita mit der lächelnden Frau im Logo.

Bei einer Präsentation im vergangenen Februar in der Masoala-Halle des Zürcher Zoos beschrieben Chiquita-ManagerInnen aus Costa Rica, wie sich ihr Unternehmen zum vorbildlichen Multi entwickelt habe. Auf ihren Plantagen werde ökologisch produziert, und man bezahle überdurchschnittlich hohe Löhne. Zudem seien die ArbeiterInnen frei, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Besonders hervorgehoben wurde auch, dass die Chiquita-Plantagen seit 2005 von der US-amerikanischen Umweltschutzorganisation Rainforest Alliance zertifiziert seien. Als Zeichen dafür tragen die Bananen, die in der Schweiz in der Migros verkauft werden, jetzt zusätzlich ein Label mit einem Frosch im Logo, laut Chris Wille von Rainforest Alliance «das Symbol einer intakten Natur».

Von der Zürcher Dschungelkonserve zurück zu den Bananenplantagen in Costa Rica: Julio* hat viel Gewicht verloren, das Atmen macht ihm Mühe. Der 26-Jährige ist «embolsador»: Er überzieht einzelne Bananenbüschel an den Stauden mit Plastiksäcken, die mit dem auch für Menschen giftigen Insektizid Chlorpyrifos imprägniert sind. Der Arzt habe ihm dringend empfohlen, seine Arbeit zu wechseln, sagt Julio. Doch sein Chef erlaube ihm das nicht.

Brilly* ist «Schlepper». Er arbeitet am Bananenzug, einer mit Menschenkraft betriebenen Transportbahn. Sind 25 Bananenbüschel zu je fünfzig Kilo bei der Transportbahn eingehängt, dann zieht Brilly diese Last im Dauerlauf durch die Bananenfarm bis zur Packstation. Die Distanz kann bis zu drei Kilometer betragen. Weil Brilly - wie die übrigen ArbeiterInnen auch - nach Leistung bezahlt wird, versucht er, pro Tag mindestens sieben «Züge» zur Packstation zu bringen. Der drahtige Mann leidet häufig an einem Sonnenstich und muss oft erbrechen. Zudem dauert sein Weg abends nach Hause mit dem Fahrrad anderthalb Stunden.

Plackerei ohne Ende

«Die Produktion ist gross. Wir dürfen die Bananen nicht verlieren.» Mit diesen Worten bat sie ihr Chef auch an diesem Sonntag zur Arbeit auf, erzählt Jeanette. Seit mehr als zwei Monaten hat sie keinen arbeitsfreien Tag mehr gehabt. Wer trotzdem einen Tag ausspannen wolle, nehme eine «Absenz ohne Erlaubnis» in Kauf. Nach drei «unerlaubten» Absenzen können die ArbeiterInnen entlassen werden. Die 27-jährige Frau muss in wenigen Sekunden mit einem kleinen Messer Büschel aus vier bis zehn Bananen schneiden und aussortieren: Zu grosse, zu kleine, zu krumme oder zu gerade gewachsene Bananen haben keine Chance. «Vierzehn Bündel pro Minute» lautet Jeanettes Plansoll. Der Ausschuss - bis zu einem Fünftel der Ernte - wandert auf Fliessbändern auf Kleinlastwagen und wird zum nächsten lokalen Markt gefahren, wo die Bananen für wenige Centavos zu bekommen sind.

Eine stressvolle Arbeit hat auch die Verpackerin Rosa*. «Die Kartonschachteln kommen auf dem Fliessband angerollt. Sie stossen und drücken uns buchstäblich, wenn wir das vorgeschriebene Tempo nicht einhalten können», sagt die 25-Jährige. In der Packstation herrsche seit sechs Monaten eine Krise, weil viele wegen der schlechten Arbeitsbedingungen weggegangen seien. Weil Rosa noch drei Kinder zu versorgen hat, steht sie morgens um vier Uhr auf. Oft kommt sie erst abends um sieben Uhr nach Hause.

Der für Umweltschutz und soziale Fragen zuständige Direktor bei Chiquita, Luis Garnier, spricht Klartext: «Die Arbeit auf den Bananenplantagen ist gefährlich und giftig.» Auf Schautafeln werden den ArbeiterInnen die strengen Schutzmassnahmen erläutert. Ein Embolsador beispielsweise muss eine mit drei Kohlefiltern ausgerüstete Atemschutzmaske, Handschuhe, eine Schürze aus Gummi sowie einen Sombrero tragen. Wenn die vorgeschriebenen Schutzmassnahmen nicht eingehalten würden, habe der Angestellte das Recht, die Arbeit zu verweigern. Blutuntersuchungen alle vier Monate seien obligatorisch, und die ArbeiterInnen sollen sich nach der Arbeit in Entgiftungsschleusen reinigen.

Es ist drückend heiss und feucht unter den Bananenstauden, wo sich eine Gruppe von ArbeiterInnen versammelt hat. Die Sicherheitsmassnahmen seien zwar ein Fortschritt, sagen einige. Doch die meisten klagen über zu viel Arbeit. Bei ständig höheren Mengenvorgaben, aber gleichbleibendem oder gar niedrigerem Lohn sind die Angestellten gezwungen, zwölf bis dreizehn Stunden am Tag, sechs oder gar sieben Tage in der Woche zu arbeiten. Unter diesen Bedingungen haben Sicherheit und Gesundheit das Nachsehen.

Gewerkschaftsführer Ramón Barrantes spricht von einem Klima der Angst. Viele GewerkschafterInnen seien in den letzten Monaten entlassen worden wegen angeblicher Verstösse gegen Arbeitsvorschriften. In Wirklichkeit würden sie wegen ihrer Mitgliedschaft in der Gewerkschaft ungesetzlich entlassen. Das mussten auch zwei Gewerkschaftsmitglieder erfahren, die am 16. März mit giftigen Insektiziden besprayt wurden. Einer der Betroffenen alarmierte die Betriebsleitung über eine Hotline, der andere wurde in einer Klinik behandelt. Das Unternehmen bestreitet jede Vergiftung, beschuldigt aber die Arbeiter der schweren Nachlässigkeit. Verhandlungen mit den Gewerkschaften werden abgelehnt.

Reine Propaganda

Chiquita findet in ihrer gewerkschaftsfeindlichen Haltung Unterstützung beim Solidarismo. Diese von nationalen und multinationalen Unternehmen finanzierte, vom konservativen Flügel der katholischen Kirche getragene Organisation bekämpft seit dem Kalten Krieg die einst starken Gewerkschaften der BananenarbeiterInnen. Chiquita behauptet zwar, Solidarismo nicht mehr zu finanzieren. Aber noch immer nehmen Chiquita-Kadermitglieder dort führende Positionen ein.

«Verträge und Labels sind reine Propaganda, wenn sie nicht durchgesetzt werden können», sagt der Gewerkschaftsführer Gilberth Bermudez. Er wollte kürzlich bei der Welthandelsorganisation in Genf auf die Probleme der Gewerkschaften der BananenarbeiterInnen in Costa Rica aufmerksam machen. Doch er wurde an die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) verwiesen. Tatsächlich hat diese zwar schon mehrmals Verstösse gegen ihre Normen - auch auf Chiquita-Farmen - kritisiert. «Doch im Gegensatz zur WTO, die bei Verletzungen der von ihr beschlossenen internationalen Handelsnormen mit Sanktionen durchgreifen kann, bleibt die ILO mit ihren blossen Empfehlungen ein Papiertiger», sagt Bermudez. Solange sich dies nicht ändere, seien Labels oder Verträge mit Umweltschutzorganisationen und Gewerkschaften für Unternehmen nur Teil ihrer Marketingstrategie.

Noch vor wenigen Jahren stand Chiquita kurz vor dem Bankrott. In der Hoffnung auf einen Nachfrageboom durch die Öffnung der osteuropäischen Märkte hatte der Konzern die Anbaufläche allein in Costa Rica fast verdoppelt. Stattdessen kam es zu einer Überproduktion an Bananen und einem Preiszerfall. Die Fehlkalkulation zwang Chiquita zu drastischen Strukturanpassungen: Entlassungen und mehr Arbeit für die Angestellten. Gleichzeitig hat das Unternehmen in den letzten Jahren die Anzahl eigener Plantagen stark verringert. Nur noch etwa dreissig Prozent der Chiquita-Bananen werden heute von der Firma selbst angebaut. Der Rest stammt von sogenannten unabhängigen Produzenten.

Im Klartext heisst das: Die Überproduktion, die Verteuerung der in grossen Mengen benötigten Pestizide und Düngemittel, die ständige Bedrohung durch Naturkatastrophen und Auseinandersetzungen mit Gewerkschaften und Umweltschutzorganisationen haben die Rentabilität sinken lassen. Als Konsequenz hat Chiquita den risikoreichsten und kostenintensiven Teil des Geschäftes, die Produktion, ausgelagert. Den gewinnbringenden Teil, die Logistik und Vermarktung, behält der Konzern für sich.

Informationen von den unabhängigen, einheimischen Produzenten sind schwer zu bekommen. Sie sind durch Verträge an die Konzerne gebunden. Ihre Früchte müssen sie zu halbjährlich festgelegten Preisen abgeben. Eine langfristige Planung ist unmöglich. Den Multis hingegen erlauben diese Kontrakte grosse Flexibilität beim Ankauf der Bananen, ein schnelles Wechseln von Produktionsstandorten und Umstellungen im Sortiment, vor allem aber Kostenreduzierung und Gewinnmaximierung.

Was aber geschieht mit den von Chiquita so hoch gehaltenen Standards auf den Plantagen der unabhängigen Produzenten? Mehr als achtzig Prozent aller von Chiquita zugekauften Bananen sollen mit dem Froschsiegel von Rainforest Alliance versehen sein. Aber nur wenige unabhängige Anbauer haben das SA-8000-Label, das ausschliesslich soziale Mindeststandards garantiert.

Verhaltenskodex

Chiquita will besser sein als die Konkurrenten. Ein Verhaltenskodex verpflichtet die MitarbeiterInnen auf sogenannte «core values» (Grundwerte). Sie sind auf der Rückseite der Visitenkarte der Kaderleute aufgelistet: Integrität, Respekt, Verantwortungsbewusstsein und so weiter. «Bei uns herrscht Nulltoleranz gegenüber der Korruption», sagt ein Manager. So zahle Chiquita etwa dem Zoll von Costa Rica keine Bestechungsgelder mehr, nehme dafür allerdings jetzt in Kauf, dass gelegentlich Container zu spät abgefertigt würden und die Bananen deshalb zugrunde gingen. «Kurzfristig verlieren wir, aber langfristig werden wir mit dieser konsequenten Haltung die Gewinner sein.» Mit dem Kodex schlecht zu vereinbaren war kürzlich die Meldung, wonach Chiquita in Kolumbien Schutzgelder an die rechtsextremen Paramilitärs bezahlt hat, wofür der Multi vom US-amerikanischen Justizministerium zu einer Busse von 25 Millionen Dollar verknurrt wurde.

In Costa Rica herrschen zweifellos stabilere und demokratischere Verhältnisse als in Kolumbien. Der ehemalige Abgeordnete und bekannte TV-Kommentator Álvaro Montero stellt dennoch die Frage: «Warum müssen Chiquita und die übrigen Multis, die während Jahrzehnten die Natur und Menschen unseres Landes brutal ausgebeutet haben, so wenig an den Staat abliefern?» Seine Erklärung: «Die Parteien, Politiker und einige führende Journalisten werden von den Bananenmultis für ihre grosszügige Haltung um so reichlicher mit Cashzahlungen entschädigt.»

* Namen von der Redaktion geändert.

Frosch in Gefahr

«Dreimal in der Woche müssen wir der Unternehmensleitung über die neueste Lage in den Plantagen Bericht erstatten», erzählen MitarbeiterInnen des wissenschaftlichen Labors von Chiquita in der Finca San Luis. Die Berichte dienen als Grundlage für die Chemiedusche, die jede Woche in neuer Zusammensetzung über die Plantagen versprüht wird.

Das Insektizid Chlorpyrifos, mit dem die Plastiksäcke behandelt sind, die über die Bananenbüschel gezogen werden, ist hochgiftig und greift unter anderem das Nervensystem an. Das Unkraut zwischen den Bäumen wird mit Herbiziden bekämpft.

Zu den grossen Problemen auf den Plantagen gehören auch die Fadenwürmer. Die zu ihrer Bekämpfung verwendeten Pestizide gehören zu den giftigsten Mitteln. Das beispielsweise seit den späten sechziger Jahren und bis 1985 eingesetzte Dibromchlorpropan machte Zehntausende PlantagenarbeiterInnen unfruchtbar.

Für die Rainforest Alliance, die Chiquita mit dem Froschlabel zertifiziert, sind Pestizide erlaubt. Die Plantagen müssen aber eine kontinuierliche Reduktion der Menge und der Giftigkeit der eingesetzten Chemikalien nachweisen. Tatsache ist jedoch: Der Frosch auf der Chiquita-Banane könnte in einer Bananenfarm nie überleben.

Rund vierzig Kilo zum Teil hochgiftige Chemikalien werden in den Bananenplantagen pro Hektar und Jahr versprüht. Die Bananenproduktion der Grosskonzerne ist eine von immer mehr Chemie abhängige Monokultur mit dem Ziel, eine makellos perfekte Banane zu produzieren und maximale Gewinne abzuwerfen.

Roman Berger

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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