Nr. 17/2006 vom 27.04.2006

Schrubben in der Wüste

In der texanischen Metropole werden die so genannten Janitors schamlos ausgebeutet. Jetzt haben sie sich organisiert und verlangen eine Krankenversicherung.

Von Daniel Stern, Houston

Es klingt wie ein Märchen zum 1. Mai, doch es ist eine wahre Geschichte: Sie waren aus Mexiko und Guatemala, El Salvador und Nicaragua nach Houston gezogen, weil sie sich ein besseres Leben erträumt haben - und jetzt sieht es ganz so aus, als kämen sie diesem Traum ein Stück näher. Hier, in der texanischen Metropole mit ihren weit über vier Millionen EinwohnerInnen, ist der Reichtum scheinbar allgegenwärtig.

Die grossen Erdölkonzerne organisieren aus ihren Bürotürmen heraus den Abbau, die Verarbeitung, die Verteilung und den Verkauf des schwarzen Goldes: Chevron, Exxon-Mobil, Shell und wie sie alle heissen. Halliburton hat hier seinen Hauptsitz; ein Milliardenkonzern, der Ölförderanlangen und Pipelines baut, aber auch mit Katastrophen und Kriegen seine Profite macht. In der Innenstadt glänzen moderne Wolkenkratzer in der Sonne. So findet sich etwa an der Mainstreet 1000 ein vor drei Jahren fertig gestellter 36-stöckiger Glaspalast, in der die Schweizer Grossbank UBS ihre Geschäfte betreibt. Einige Blocks südlich von Downtown liegt ein zweites, kleineres Hochhausviertel, in dem Spitalkomplexe und medizinische Forschungseinrichtungen einquartiert sind. Diese Gebäude, wie auch die schicken Einkaufszentren an den zwei Autobahnringen, welche die 1200 Quadratkilometer grosse Stadt verschnüren, werden von den EinwanderInnen aus Lateinamerika geputzt.

Doch am immensen Reichtum in dieser Stadt nehmen sie nicht teil. Die grossen Putzfirmen Houstons zahlen den Janitors, wie das Reinigungspersonal hier heisst, nur wenig mehr als den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn von 5,15 US-Dollar die Stunde. Das reicht in einer Stadt wie Houston hinten und vorne nicht. Doch obwohl viele von ihnen als Illegale gelten, sie kaum Englisch sprechen und die Unternehmer sie jederzeit entlassen können, haben sie sich letztes Jahr mit Hilfe der grossen Dienstleistungsgewerkschaft SEIU zusammengeschlossen und fordern jetzt Gerechtigkeit.

Von 0 auf 5300

Sie wollen zumindest ihre Kinder zum Arzt schicken können, wenn sie krank sind. In ihrem Kampf um Gerechtigkeit werden die Putzleute von vielen sozialen Organisationen unterstützt, vom Bürgermeister der Stadt, ja selbst vom katholischen Erzbischof Joseph Fioren-za. Ihr Kampf hat sich bereits gelohnt, die Bosse müssen sie seit kurzem als GesprächspartnerInnen akzeptieren.

Hier endet die Geschichte vorerst. Ob die Janitors von Houston ihre Forderungen durchsetzen können, steht noch in den Sternen. Doch bereits jetzt spricht die SEIU von einem historischen Sieg. Sie zählt heute in Houston 5300 Janitors zu ihren Mitgliedern. Das sind 72 Prozent all derer, die in der Stadt für die grossen Reinigungsfirmen arbeiten. Die Zahl ist nicht zu hoch gegriffen; die unabhängige und neutrale American Arbitration Association hat nachgezählt. Deren Bescheinigung Ende letzten Jahres bedeutete, dass die SEIU jetzt als Gewerkschaft der Janitors anerkannt werden muss und mit den Unternehmen einen Gesamtarbeitsvertrag aushandeln kann.

«Justice for Janitors»

Das ist bemerkenswert, denn der Süden der USA gilt noch immer als gewerkschaftliche Wüste. Die SEIU, mit ihren 1,8 Millionen Mitgliedern, verfügte bis zum letzten Jahr nicht einmal über ein eigenes Büro in der Stadt. Der Erfolg mit den Janitors hilft der Gewerkschaft, endlich Fuss zu fassen. Dies ist ein weitherum beachteter Erfolg in ihrer landesweiten Kampage «Justice for Janitors». Wohl auch deshalb investierte sie für den Organisierungsaufwand eine Million US-Dollar.

Mitgliederwerbung ist für die SEIU ein zentraler Programmpunkt. Sie gehört zu denjenigen Gewerkschaften, die sich letztes Jahr vom nationalen Gewerkschaftsbund AFL-CIO abgespalten hatte (siehe WOZ Nr. 28/05). Sie wirft dem Gewerkschaftsbund vor, zu wenig für die Organisierung neuer Mitglieder zu tun. Ganz im Gegensatz zu den meisten anderen Gewerkschaften verzeichnet die SEIU steigende Mitgliederzahlen. Sie organisiert neben den Janitors auch Beschäftigte im öffentlichen Dienst wie LehrerInnen, Spitalpersonal oder die Angestellten von Altersheimen.

Mit ihrer Kampagne «Gerechtigkeit für Janitors» startete die Gewerkschaft 1987 in Los Angeles. Anfang der neunziger Jahre streikten die Janitors von Los Angeles; die Ausstände brachten ihnen Verträge mit einzelnen Firmen und schliesslich auch einen Gesamtarbeitsvertrag ein. Der britische Regisseur Ken Loach hat diese Auseinandersetzungen in seinem Film «Bread and Roses» nacherzählt. In Los Angeles liegen die vertraglich festgelegten Mindestlöhne für das Putzpersonal inzwischen bei 10,65 US-Dollar plus Krankenversicherung für die ganze Familie. In New York verdienen die gewerkschaftlich organisierten Janitors mittlerweile gar 21,42 Dollar plus Krankenkasse. Anders in Houston: Lokale SEIU-Funktionäre wie auch von der WOZ befragte Janitors sagen, dass die vier grossen Reinigungsunternehmen der Stadt gerade mal rund 5,40 Dollar bezahlen. Das statistische Büro der Bundesbehörden weist für die ganze Branche einen Durchschnittslohn von 7,71 Dollar aus. Zuschüsse an die Krankenkasse gibt es nicht.

Teure Arztbesuche

Dass eine von den Unternehmen bezahlte oder zumindest mitfinanzierte Krankenversicherung das zentrale Anliegen der Janitors ist, zeigte eine Veranstaltung Mitte März in Houston. Die Gewerkschaft SEIU hatte Mitglieder aufgefordert, ihr Leben ohne Krankenversicherung zu schildern. Die Putzfrau Veronica Teno berichtete, dass sie jeweils 150 Dollar bar zu zahlen habe, wenn sie mit einem ihrer beiden Kinder zum Arzt gehen müsse. Deshalb vermeide sie die Besuche - und zwar auch dann, wenn diese ihrer Meinung nach eigentlich nötig wären, da eines ihrer Kinder häufig unter Kopfschmerzen leide. Ihre Kollegin Maria Paolo Bero berichtete von einer Armverletzung, die sie sich während der Arbeit zugezogen hatte. Ihr Boss habe ihr nur gesagt, sie solle besser aufpassen, für die Arztkosten aber nichts bezahlt. Viele der Janitors von Houston sind auch nicht durch die staatliche Krankenversicherung Medicaid abgedeckt, die für Menschen geschaffen wurde, welche in Armut leben. Die einen verdienen nach den strengen Richtlinien von Medicaid immer noch zu viel, den anderen fehlen die Papiere, die ihnen einen legalen Aufenthaltsstatus bescheinigen.

Die SEIU versteht es geschickt, ihre Anliegen auch auf andere gesellschaftliche Gruppen auszuweiten. So lud die Gewerkschaft an ihre Veranstaltung VertreterInnen von Kirchen, Behörden, Spitälern und Universitäten ein. Diese machten deutlich, dass eine Krankenversicherung für Janitors (aber auch viele andere Berufsgruppen) im Interesse der Allgemeinheit sei. Die Spitäler von Houston waren im Jahr 2004 mit nichtbezahlten Rechnungen in der Höhe von über zwei Milliarden US-Dollar konfrontiert. Dazu kommt, dass immer mehr Menschen auch mit kleineren Leiden in die Notaufnahmen der Spitäler strömen, weil sie dort nicht abgewiesen werden können. Ausserdem würden Menschen, die nicht krankenversichert sind, wesentlich weniger Vorsorgeuntersuchungen vornehmen lassen.

Ob der öffentliche Druck in der texanischen Metropole allerdings Wirkung zeigen wird, ist offen. So sagte der Vizepräsident der Immobilienbesitzervereinigung von Houston, Tammy Bettancourt, dass die Löhne der Janitors denen von anderen Teilzeitbeschäftigten in der Stadt durchaus entsprächen. Und das, fügte er hinzu, sei «das, was der Markt diktiert».

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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