Nr. 32/2005 vom 11.08.2005

Auf Plutos Schädeldecke

Schwarzenburg ist ein gross gewordenes Bauerndorf und hat eine Attraktion, die es sich eigentlich verbitten müsste. Dass Schwarzenburg das nicht tut, ist nicht die geringste Leistung des Künstlers Jürg Ernst.

Von Fredi Lerch

Morpheus, der Gott des Traums, hebt seinen strengen Betonkopf aus dem Nesselhügel. Das lange, verschlungene Rohr, in das er bläst, heisst das «Letzte Posthorn». «Eine aktuelle Arbeit», sagt der Betonplastiker Jürg Ernst bei seiner Führung, «immerhin löst sich die Post zurzeit gerade auf». Statt des Lieds vom letzten Postillon hallt aber urweltliches Röhren aus dem Horn: «Das ist der Gesang der Wale.» Einige Schritte weiter steht die neueste Figur: «Pluto, der Gott des Reichtums und des Wohlstandes». Zwischen zwei vergoldeten Eckzähnen betritt man Plutos Mund, steigt im Rachen eine Leiter hoch, kommt im Hirn an «Kairos» vorbei, dem Gott des richtigen Augenblicks, und tritt auf die Aussichtsplattform der göttlichen Schädeldecke. Hier steht man auf dem Schriftzug «I’m the best» und blickt über die mächtige Krone aus rostendem Eisen hinunter in den Gnomengarten: verwunschene Rasenweglein zwischen Inseln aus üppigem Kraut und hochgeschossenem Gesträuch, in der Mitte ein Weiherchen - und überall fantastische Betonfiguren, bald hüfthoch, bald übermannsgross, bald blinkend mit elektrischen Augen, bald Wasser speiend, esoterisch summend oder rustikal rülpsend. «Der Ausblick von dort oben», unterhielt Ernst bei Plutos offizieller Einweihung im letzten Juni sein Publikum, «ist ein ausserordentlich günstiges Therapieangebot zur Hebung des Selbstwertgefühls und wirkt garantiert eine Woche.»

Jetzt sitzt Jürg Ernst am Tisch seines Ateliers und sagt: «Das Leben ist der Wartsaal vor dem Tod. Die Frage ist nur, wie man ihn einrichtet.» Das Atelier ist ans Elternhaus seiner Partnerin angebaut und steht in Schwarzenburg - «einer Endstation», wie er betont. Hierher ist er vor dreiundzwanzig Jahren mit seiner Familie aus Bern gezogen. Die beiden Töchter sind unterdessen erwachsen und leben als Studentinnen in der Stadt, seine Partnerin Maria Messerli, Leiterin des Bereichs Nachdiplomausbildungen an einer Krankenpflegeschule, bezeichnet er als seine «zweite Säule»: «Ohne sie wäre mein Projekt finanziell unmöglich.» Seine erste Säule steht übrigens beim Eingang des Gnomengartens einige Schritte neben der Ateliertür. Sie heisst «Mundart-Skulptur», hat oben einen fünflibergrossen Schlitz und soll wegen Verstopfungsgefahr nur mit Münzen gefüttert werden.

In den frühen achtziger Jahren, als er hierher kam, war Jürg Ernst ein freier Fotograf, zunehmend erfolgreich, dank PR-Aufträgen auch finanziell. Fotografiert habe er damals «alles zwischen Kitsch und Quatsch». Bekannt geworden ist er in den folgenden Jahren durch inszenierte Fotografien, deren spektakuläre Absurdität seither durch die unbegrenzten Möglichkeiten der elektronischen Bildmanipulation entwertet worden sind. Das vielleicht verblüffendste Bild zeigt im Hintergrund hoch auf einem Hügel die Kirche Rüschegg. Davor schleppt ein gehörnter Teufel einen riesigen schwarzen Sack über die Wiese, aus dem sich makaber ein Dutzend hilfesuchende Arme recken. Im Himmel über dieser Szenerie schwebt ein Pfarrer mit halb resignierter, halb segnender Geste. Das Bild ist keine «Photoshop»-Collage: Der an unsichtbaren Ballonen Schwebende ist tatsächlich der damalige Pfarrer von Schwarzenburg, der Teufel tatsächlich der damals pointierteste Schwarzenburger Kirchenkritiker und die Opfer im Sack sind die damaligen Konfirmanden des Dorfs.

Solche Fotos macht man in einem Bauerndorf nicht am ersten Tag. Auch Ernst war hier zuerst einmal ein Auswärtiger, ein linksgrüner Spinner, ein Hausmann mit umgeschnalltem Baby-Snuggly. Als er einmal vor dem Kindergarten mit Schwarzenburger Müttern zusammen auf das Ende des Unterrichts wartete, das Gespräch aufs Glätten kam und er sagte, er glätte seine Wäsche auf jeden Fall nicht, wurde er kurz und frostig zurechtgewiesen: «Me gsets.» Und als er sich erfrechte, in der Region die Grüne Freie Liste mitzugründen, die prompt einen Sitz in der Dorfregierung eroberte, hatte er es sich auch mit den einheimischen Sozis verdorben.

Es gibt mehrere Gründe, warum trotzdem später Aktionsfotos und schliesslich gar der Gnomengarten möglich geworden sind: Zum einen ist Ernst ein begeisternder Erzähler und Motivator, der diese Fähigkeiten mit der Ausbildung zum «Animator soziokultureller Fachrichtung» zum nie ausgeübten Beruf machte. Zweitens stammt seine Partnerin aus einer weitherum angesehenen Notarenfamilie. Und schliesslich half ihm seine ehrliche Bewunderung für den Schlag des ländlichen, paternalistisch-sozialen Unternehmers. «Das sind Künstler», sagt Ernst und meint damit die kreative Energie, mit der diese Chefs sich für ihre Angestellten verantwortlich fühlen und alles daran setzen, ihre Betriebe auch durch schwierige Zeiten zu bringen: Otto Vivian zum Beispiel, damals Chef einer Schwarzenburger Möbelschreinerei, der dem Auswärtigen schliesslich im Dorf zum ersten Fotoauftrag verholfen hat. Daraufhin nahm auch der Glacen-Gasser seine Arbeit in Anspruch, später der Antiquar Hauser und das Bauunternehmen Binggeli.

Und dann grub Jürg Ernst eines Tages vierzehn Potentaten des Dorfs - unter anderen einen Gemeinderat, zwei Ärzte, drei Lehrer und den Pfarrer - in seinem Garten bis zum Hals in die Erde ein, liess die «Männerkopfsalate» von einer Frau mit der Giesskanne wässern, fotografierte die Szene und verkaufte das Bild dem «SonntagsBlick». Die Zeitung war bis fast nach Bern hinunter ausverkauft, Ernsts Ruf gefestigt und Anfang der neunziger Jahre wurde er zum Präsidenten des Ortsvereins gewählt.

Aber die lustvolle Art zu fotografieren hatte eine Kehrseite: «Du stehst im Labor und verhungerst.» Dabei hat Jürg Ernst die skurril-absurde Kreativität quasi im Blut, nämlich von seinem Vater geerbt: Hans Ulrich Ernst war ein surrealistischer Kunstmaler (1924-1980, siehe WOZ Nr. 15/98), dessen Werk der Kunsthistoriker und Schriftsteller Paul Nizon einmal «als eigenständigen und herausragenden Beitrag an den schweizerischen Surrealismus» bezeichnet hat. Sohn Jürg wurde 1950 in Grenchen geboren und hat schon als kleiner Knirps versucht, die Bilder, die auf der Staffelei des Vaters standen, abzuzeichnen: «Allerdings schien es mir schade, dass Vaters Figuren nicht dreidimensional waren.» Zweifellos waren sie aber ein erster Anstoss für die Gnomen, die er heute baut.

Anfang der neunziger Jahre geriet Jürg Ernst in eine berufliche Krise. Ein guter Kollege, der ihm die Farbvergrösserungen machte, verunfallte; der Expressdienst der Post wurde teurer und schlechter; durch Firmenfusionen verlor er Kunden. Gleichzeitig setzte der Umbruch zur Digitalfotografie ein. Ernst weigerte sich standhaft umzustellen: «Ich schaffe es bis heute nicht, an einen Compi zu sitzen.» Mitte der neunziger Jahre war er als Profifotograf so ziemlich am Ende.

Zur entscheidenden Weichenstellung wurde im Sommer 1995 dann die letzte von über dreissig Fotoausstellungen, die er im In- und Ausland gemacht und bei denen er zumeist Geld draufgelegt hat. Längst habe er gewusst, sagt er, dass er als Fotograf den Durchbruch nicht schaffen werde. Im Gwatt-Zentrum stellte er diesmal neben den Aktionsfotografien deshalb auch seine ersten fünf kleinen Betonfiguren aus. Und siehe da: Sie wurden alle gekauft. Da habe er sich gesagt: «Wieso soll ich mir weiterhin ein Bein ausreissen, um einen fotografischen Auftrag von einigen hundert Franken zu bekommen? Wenn ich Betonfiguren mache, habe ich viel mehr meditative Zeit für mich.» Ermuntert von seiner Partnerin, brach er die beruflichen Brücken ab und begann zwischen Euphorie und Selbstzweifeln kontinuierlich Figuren zu bauen.

Eine krisenhafte Übergangszeit: Zwar tat er, was er wirklich tun wollte, fiel aber endgültig aus seiner Rolle als Familienvater: «Vorher hatte ich den Stempel Fotograf. Jetzt war ich gar nichts mehr.» Wenn die richtigen Schwarzenburger Väter mit ihren Mäppchen unter dem Arm zum Bahnhof hinunter hasteten, habe er ihnen aus dem Atelier nachgeschaut. Es habe gedauert, bis er sich habe sagen können: «Egal. Ich habe nichts mehr zu verlieren.»

Ende 1999 entschloss er sich, die bisher entstandenen Figuren, die er nun «Gnome» nannte, «richtig zu inszenieren». Er pachtete von der aufgeschlossenen Nachbarin Lory Billeter-Binggeli das angrenzende, brachliegende Areal, schaufelte kreuz und quer Gräben, verlegte, unterstützt vom gratis arbeitenden Dorfelektriker Remo Breu, ein Netz von elektrischen Kabeln. Längst sieht man von den Gräben nichts mehr. Aber im Holzschopf neben dem Gnomengarten steuert Ernst heute über verschiedene Relais die blinkenden Augen des «Schnellen Brüters» so gut wie den Regenwasser-Spuckstrahl des «Schreckgümpers» oder das hallende «Oohmm» des heiligen Zyriakus in seinem Betontipi.

Trotz eines Bandscheibenvorfalls, den er als plötzlicher Schwerarbeiter erlitt und der ihn mit einer IV-Abklärung konfrontierte, hatte Ernst seinen Weg gefunden. Am 11. August 2001 wurde der Gnomengarten offiziell eröffnet. Und jetzt, nach fünf Jahren, ist er aus dem Dorf kaum mehr wegzudenken: Der Schwarzenburger Verkehrsverein hat ihn in sein Programm aufgenommen. Die Pinwand über Ernsts Notarenschreibpult, auf dem eine mechanische Schreibmaschine steht, ist voll von Anmeldungen: Firmen und Stiftungsräte buchen einen Ausflug zu den Gnomen; Schulklassen kommen zum Zeichnen; Hochzeiten, Vereinsausflüge und Klassenzusammenkünfte sind angesagt. Mit jeweils zwanzig Personen macht Ernst eine Führung; ist die Gruppe grösser, wird sie halbiert. Dann bietet der Künstler von seiner Referentenliste einen pensionierten Lehrer oder einen ehemaligen Gemeinderat auf, der der anderen Hälfte der Gruppe im Atelier das Schwarzenburgerland vorstellt. Seit auch die Leute im Dorf ihre ursprüngliche Skepsis überwunden haben, hat der Garten an den Besuchstagen auch dann sicher zwanzig Gäste, wenn keine Gruppe angemeldet ist.

Und was tut Jürg Ernst während des Winters? Er arbeitet im Atelier an der nächstjährigen Attraktion für sein begehbares Bild. Und daneben baut er zum Geldverdienen hie und da einen Auftragsgnom. Das reicht zwar nicht, um sich finanziell an der Ausbildung seiner Töchter zu beteiligen. Aber immerhin kann er nun seine Krankenkasse wieder selber bezahlen.

Neben den surrealistischen Figuren seines Vaters gibt es übrigens eine kleine Erinnerung aus der Militärdienstzeit, die Ernst als eine Wurzel seiner heutigen Arbeit betrachtet. Als Soldat habe es ihn in Melide einmal in das «Swissminiature« verschlagen. Dort habe er fasziniert einem italienischen Arbeiter zugeschaut, der mit feinstem Gerät die Betonzinnen eines Miniaturschlosses modelliert habe. «Das habe ich jahrzehntelang vergessen. Aber genau das, was dieser Mann damals tat, tue ich heute. Stundenlang, tagelang, monatelang.»

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