Nr. 36/2020 vom 03.09.2020

Wem gehört die Aussicht von Lacoste?

Vom Hort der AbweichlerInnen zum Immobilienschlachtplatz: Wie ein kleines südfranzösisches Dorf zur Beute von zwei Millioneninvestoren wurde. Und wie es sich wacker dagegen wehrt.

Von Marc Zitzmann, Lacoste

Ein jahrhundertealtes Dorf in Südfrankreich. Mitternacht naht. Riesig und kreisrund starrt der Mond über die verwitterten Schlossmauern, in der lauen Augustnacht regt sich kein Hauch. Um das Portal jenseits des Burggrabens zieht sich wie von Geisterhand gezeichnet ein überlebensgrosses Konterfei: das Profil des letzten Schlossherrn, wie ein Schattenriss des Ancien Régime. Mit leichtem Schaudern erinnert man sich, dass dieser berüchtigte Marquis de Sade einst den Begriff «Sadismus» inspirierte. Durch die gepflasterten Strässchen hangabwärts hallt einzig das Echo der eigenen Schritte. Aus einer Vitrine glimmt es blutrot. «Art for sale» liest man im Vorbeigehen.

Zwei millionenschwere Käufer haben sich zu Beginn dieses Jahrtausends in Lacoste niedergelassen, einem charaktervollen Dorf im Luberon, der provenzalischen Gebirgskette südöstlich von Avignon. Sie kamen im Gewand von Kunstfreunden daher und vermochten über Jahre hinweg viele zu täuschen. Als endlich über ihre wahre Natur kein Zweifel mehr bestehen konnte, war es zu spät: Heute besitzen der französische Excouturier Pierre Cardin und das US-amerikanische Savannah College of Art and Design je ein Drittel des Immobilienbestands von Lacoste. Sie haben das Dorf buchstäblich besetzt.

Es ist kein Zufall, dass sie diesen Ort ausgewählt haben. Lacoste geniesst seit langem den Ruf – oder Ruch – der Andersartigkeit. Nach dem für die Grafschaft Provence wie für das benachbarte Königreich Frankreich desaströsen 14. Jahrhundert war die Region wie ausgeblutet. Pestepidemien und die Nachbeben des Hundertjährigen Kriegs hatten Lacostes Bevölkerung dezimiert. Im Gefolge der Einverleibung der Provence durch das Königreich Frankreich 1481 wurden auch noch die wenigen Jüdinnen und Juden vertrieben, dafür waldensische EinwanderInnen aus dem Piemont und aus der Dauphiné zugelassen.

Der kontinuierliche Zuzug Andersgläubiger, die sich 1532 der Reformation anschlossen, derweil die BewohnerInnen der umgebenden Dörfer allesamt katholisch blieben, sorgte über gut zwei Jahrhunderte hinweg für Spannungen, Verfolgungen, sogar Massaker. Inquisitoren und Truppen wurden entsandt, der Sonnenkönig Louis XIV. hob 1685 im ganzen Reich die Religionsfreiheit auf, doch zäh und listig, wie weitgehend autarke BergbäuerInnen eben sein können, hielten die Lacostoises und Lacostois an ihrem Glauben fest. Unter dem Strich zeitigten Schikane und Schinderei bloss ein bleibendes Resultat: die Herausbildung einer Kultur, die man als «Anderssein in der Minderheit» umschreiben kann.

Lacoste wurde zu einem Hort der Toleranz für AbweichlerInnen. Und namentlich für die schillerndsten unter ihnen: für KünstlerInnen. Der – chronologisch – erste mit dem Ort assoziierte Schöpfer erhielt am 17. Mai 1763 das Lehen über Lacoste als Hochzeitsgeschenk: Mit knapp 23 Jahren wurde Donatien Alphonse François de Sade (1740–1814) zum letzten Herrscher des Dorfes. Kulturell verband ihn so gut wie nichts mit diesem. In Paris geboren, in einer Welt von Verschwendung und Verführung, von Frivolität und Freidenkerei aufgewachsen, war Lacoste für ihn bloss der Flecken, auf dem sein Schloss stand. Dieses schätzte er als Bühne für Bälle und Theaterspiele, als Bunker für sadistische Orgien mit kleinen Mädchen und als Versteck während mehrerer Fluchten aus dem Gefängnis. In der Revolutionszeit wurde das Anwesen geplündert, 1796 musste der zum geldlosen Citoyen gewordene Marquis es blutenden Herzens verkaufen.

Pablo Picasso und Gérard Depardieu

Der zweite dem Ort verbundene Künstler war in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von Sade. Cyprien Agricol Louis Malachier (1823–1900) kam zeit seines Lebens kaum je aus dem nächsten Umkreis von Lacoste heraus, wo er nahe dem Schloss die Mühle betrieb. «Im Verkehr mit den Steinbrucharbeitern dort», erklärt sein Biograf, Yves Le Mahieu, am Telefon, «fand er das Material und erlernte das Handwerk für seine Leidenschaft, die Bildhauerei. Ein früher Vertreter der Kunstkategorie, die man später ‹Art brut› nennen würde, schuf Malachier geschätzte 500 ‹naive› Plastiken.» Nach seinem Tod wurden fast alle Skulpturen zerstört, nur noch knapp 60 Werke sind erhalten.

1930 pilgerte André Breton nach Lacoste. Der Papst der Surrealisten kam wegen Sade – eine spätere Fotografie zeigt ihn vor einer kopflosen Skulptur von Malachier, die man fälschlicherweise für ein Standbild des Marquis hielt. Bretons Reisegefährte war 1930 der Dichter René Char. Aus L’Isle-sur-Sorgue unweit von Lacoste stammend, lockte er über sechs Jahrzehnte hinweg grosse Namen in den Luberon: Pablo Picasso, Max Ernst, Man Ray, Lee Miller, Henri Cartier-Bresson und andere flanierten durch die Gässchen im Schatten von Sades Schloss. Bedeutsamer – weil nachhaltiger – ist, dass sich in der Nachkriegszeit eine KünstlerInnenkolonie in Lacoste etablierte: der US-Schriftsteller Gustaf Sobin, der schwedische Zeichner und Schöpfer «schwebender Skulpturen» Curt Asker, die Bildhauer Evert Lindfors und Yasuo Mizui. Bernard Pfriem, ein Vertreter der progressiven New Yorker Kunstpädagogik, gründete 1971 die Lacoste School of Arts, die drei Jahrzehnte später durch das Savannah College of Art and Design übernommen wurde.

Der heute 98-jährige Pierre Cardin hätte zu einem weiteren Glied in dieser langen Kette künstlerischer Liaisons werden können. Zwar war Cardin, als er 2001 Sades Schloss übernahm, schon seit langem kein Impulsgeber für die Modewelt mehr. Aber in einem alteingesessenen Pariser Theater nahe den Champs-Élysées, das in «Espace Pierre Cardin» umgetauft wurde, hatte er seit 1970 Kunstausstellungen, Filmprojektionen, Theater- und Musikaufführungen organisiert. Anfangs sehr ambitioniert, hatte sich das künstlerische Profil bis zum Auslaufen von Cardins Konzession 2016 verwässert.

In Lacoste rief Cardin sogleich ein Sommerfestival ins Leben. Dieses findet jeweils in einem ehemaligen Steinbruch unweit des Schlosses statt. Auf dem Programm der heurigen 20. Ausgabe stand Mitte August eine für das Potpourriprofil der Veranstaltung repräsentative Mischung aus Soloauftritten grosser Namen (der blinde Tenor Andrea Bocelli, der Schauspieler Gérard Depardieu, die ehemalige Primaballerina und Choreografin Marie-Claude Pietragalla) und betulich-boulevardesken Produktionen mit Titeln wie «Si choc so chic» oder «Toulouse-Lautrec chez Maxim’s» – die Marke Maxim’s gehört Cardin und wird von ihm ausgiebig vermarktet.

Die Festspiele sind nie richtig in Lacoste angekommen. Das liegt nicht nur an den Ticketpreisen – 157 Euro für Depardieu, 262 Euro für Bocelli –, sondern auch am Umstand, dass Cardin als Programmgestalter nie den Dialog mit dem Dorf, seiner Geschichte, seinen BewohnerInnen gesucht hat. Der seit 1970 in Lacoste beheimateten niederländischen Bildhauerin Ans Hey etwa, die vor Cardins Ankunft im besagten Steinbruch mit eigenen Skulpturen, professionellen Tänzerinnen und lokalen Amateuren avantgardistische Gesamtkunstwerke inszenierte, beschied der neue Besitzer, er bringe seine eigenen KünstlerInnen mit. Von den gut 170 seit 2001 präsentierten Produktionen hatten lediglich sechs einen lokalen Bezug: Vier handelten von Sade, in zwei weiteren wirkte eine ortsansässige Schauspielerin mit. Es ist gewiss schmeichelhaft, Stars wie Roberto Alagna, Martha Argerich, Renée Fleming, Jonas Kaufmann, Fabrice Luchini und Mireille Mathieu in einem 400-Seelen-Dorf gastieren zu sehen. Aber Cardin tut gern so, als habe er den Lacostoises und Lacostois nicht nur Strom und Wasser gebracht, sondern auch das Licht der Hochkultur – eine dreiste Behauptung.

Nicht zu kaufen

«Er ist nicht nett, er spricht schlecht über uns», klagt Colette Truphémus über den Geschäftsmann, derweil ihr Mann, Jackie, leidvoll die Stirn runzelt. Die RentnerInnen sind Lacostes Vorzeige-Cardin-GegnerInnen. Jedem angereisten Journalisten erzählen sie bereitwillig, wie der Multimillionär eines Tages den – berauschenden – Panoramablick vor ihrem Haus bewundert habe. «Diese Aussicht gehört allen», beschied ihm Jackie. «Sie ist nicht zu kaufen – und jetzt hau ab!» Hatte Cardin diese Kränkung im Hinterkopf, als er 2008 vor laufenden Kameras erklärte, die DorfbewohnerInnen seien kleine Leute, die nicht dieselbe internationale Spannweite, nicht dasselbe Niveau wie er besässen und nie über den Rand ihres Krähwinkels hinausgeblickt hätten?

Den viel beschworenen Geist von Lacoste sucht einem Gabriel Sobin, Sohn des Autors und René-Char-Übersetzers Gustaf Sobin, zu vermitteln. Man trifft sich zu Bier und Rosé auf der Veranda von Sobins Atelierhaus am Dorfrand, einem traumverlorenen Bildhauerbungalow mit Skulpturenpark und japanischem Steingarten. Sobin erzählt von der lokalen Fussballmannschaft, für die der Couturier Cardin keine Trikots entwerfen mochte («Je n’aime pas le football»), in der zu Geld gekommene Migrantenkinder und alteingesessene Landwirte, deren Familie für den rechtsextremen Rassemblement National stimmt, zu einem Team verschmelzen. Er erzählt von der Besitzerin des Café de France, deren Mutter Deutsche ist und deren verstorbener Vater eine mobile Imbissbude betrieb. Sie hat drei Kinder mit dem Präsidenten des Fussballklubs, der von den kapverdischen Inseln kommt.

Cardins Gesuche, ihr einfaches, geräumiges Hotelrestaurant zu kaufen, hat sie stets ausgeschlagen – auch als er nach einem Angebot von acht Millionen Euro mit einem Blankoscheck nachdoppelte. «Sie bewahrt den Geist von Lacoste», schwärmt Sobin. «Menschen mit völlig verschiedenen Horizonten leben hier miteinander – Reiche und Arme, Geistes- und Handarbeiter, Alteingesessene und Neudazugekommene. Das hat keinen Preis.»

Wie ein Don Quichotte

Doch Cardin zahlt gut, oft weit über dem Markttarif. Nach einem ersten Haus kaufte er ein zweites. Dann ein drittes. Dann ein viertes. Heute sind es fast fünfzig, Liegenschaften in Nachbardörfern mitgezählt, jedes vierte davon mit einer ebenerdigen Boutique oder Galerie. Das Problem: Fast alle stehen leer. Der Geschäftsmann erwirbt Häuser, renoviert sie – und verliert dann, wie es scheint, das Interesse. Die Rue Basse, wo Colette und Jackie Truphémus mit einer Handvoll Nachbarn Asterix und Obelix gleich dem mächtigen Eroberer trotzen, besitzt Cardin fast ganz. Ein Blick durch die staubigen Fensterscheiben ins Innere seiner Häuser zeigt überall dieselben seelenlosen Interieurs mit Betonböden, grell farbigen Wandanstrichen und einem zusammengewürfelten Mobiliar wie vom Luxusflohmarkt. Die Wandschirme hängen schräg, die Bilder stehen noch am Boden, elektrische Kabel liegen unverbunden am Fuss der Steckdosen. Ein Dekor wie für einen postapokalyptischen Provencewestern.

Aufgrund der Wohnungsknappheit leben laut dem Bürgermeister von Lacoste, Mathias Hauptmann, nur noch dreissig bis vierzig Personen ganzjährig im Herzen des Dorfes. Die restlichen 400 BewohnerInnen siedeln auf dem sogenannten Plateau, dem flachen Hügelgipfel jenseits des Schlosses. Sie sind vom Ortskern abgeschnitten, wo sie mangels Einkaufsmöglichkeiten ohnehin nichts hinzieht. 2018 konnte die Gemeinde hangabwärts dreizehn Sozialwohnungen bauen lassen, die heute alle belegt sind. Aber dreizehn neue Wohnungen wiegen nicht fünfzig leer stehende Häuser auf.

Aus Empörung über den Ausverkauf «seines» Dorfes hat der Schriftsteller Cyril Montana ein filmisches Pamphlet gedreht. «Cyril contre Goliath», ab dem 9. September in Frankreichs Kinos zu sehen, wurde am 4. August als Vorpremiere in Lacoste ausgestrahlt. Die Freiluftprojektion hinter der Kirche war besser besucht als jene von «Singing in the Rain» an Cardins Festival am Folgeabend. Die Kamera des Dokumentarfilmers Thomas Bornot hält Montanas wiederholte Schlappen beim Versuch, einen Dialog mit Cardin herzustellen, fest. Montana wirkt wie ein Don Quichotte, der sich zum ersten Mal in seinem behüteten Bohémiendasein konkret zu engagieren sucht. Der Film ist nicht zuletzt eine teils belustigende, teils berührende Reflexion über die Frage, was ein Normalbürger überhaupt zu bewirken vermag.

«Cardin hat ein ungeheures Schadenspotenzial», klagen Bornot und Montana beim Gespräch auf einer Pariser Caféterrasse. «In den ersten Jahren nach seiner Ankunft hat sich die Bewohnerschaft in Gegner und Anhänger aufgespalten. Wer an ihn verkaufte, wurde beschuldigt, zum Dorfsterben beizutragen. Aber wenn dir jemand eine Summe weit über dem Marktpreis für dein Haus anbietet und du dafür zwanzig Kilometer weiter ein schöneres Domizil kaufen und obendrein noch das Studium deiner Kinder finanzieren kannst, wirst du es dir fünfmal überlegen, Nein zu sagen.»

Die grosse Dame

Verbreitet sei auch die Angst, Cardin werde sich, falls zu hart angegangen, ganz aus Lacoste zurückziehen. Letztes Jahr habe er nach einem kritischen Zeitungsartikel kurzfristig einen Teil seines Festivals abgesagt. Zwei Bewohnerinnen, die gegenüber Journalisten – nicht einmal sonderlich negative – Äusserungen über den Geschäftsmann gemacht hatten, erhielten Drohbriefe. Wir treffen eine von ihnen, Danièle Breille Cohen, vor ihrem Haus. «Man werde mich auf der Strasse niederstechen, hiess es in dem Wisch», erzählt sie und zuckt die Schultern. «Wie ich es wagen könne, über einen grossen Mann wie Cardin schlecht zu reden. Aber ich bin auch eine grosse Dame und lasse mich nicht durch Feiglinge verschrecken, die sich hinter anonymen Schreiben verstecken.» Laut Schätzung seiner Entourage hat der Geschäftsmann über zwanzig Jahre hinweg insgesamt fünfzig Millionen Euro in das Dorf gesteckt. Das weckt Begehrlichkeiten.

Cardin selbst war während unseres Aufenthalts in Lacoste zwar anwesend, aber nicht zu sprechen. Dafür stand Fabienne Fillioux für ein Interview zur Verfügung: Sie präsentiert sich als «Augen und Ohren» des Geschäftsmanns vor Ort. Kritik lässt sie nicht gelten. Cardin werde angefeindet, weil er weltberühmt sei und in Lacoste fünfzig Häuser besitze, wo in anderen Dörfern fünfzig Auswärtige je ein Ferienhaus besässen – was aufs Gleiche herauskomme. Natürlich habe der Geschäftsmann ein Faible für den Erwerb alter Gemäuer. Aber die BewohnerInnen würden ihm die Tür einrennen mit Verkaufsangeboten.

Achtzig Prozent der Ankäufe seien «Ruinen», von daher die Notwendigkeit, Betonböden einzubauen. Von herausgerissenen Treppen, Parketten, Cheminées will Fillioux nichts gehört haben. Und auch nichts von Plänen, Herrenhäuser in TouristInnenherbergen zu verwandeln – 2008 hatte Cardin in der Zeitung «Le Monde» die Schaffung von nicht weniger als drei Hotels angekündigt, um Lacoste in ein «Saint-Tropez de la culture» zu verwandeln. Ausserdem würden die Liegenschaften schlicht deshalb nicht vermietet, weil man sie brauche, um während des Festivals Gäste wie Bocelli und Depardieu unterzubringen.

Der Hochzeitsjux

Ob all dem Wirbel um Cardin geht der andere millionenschwere Käufer fast vergessen: der lokale Ableger des Savannah College of Art and Design (Scad). Dieses hat 2002 die Lacoste School of Arts erworben. Cécile Lindfors hat die US-amerikanische Schule gut gekannt. Sie sitzt im Atelier ihres 2016 verstorbenen Vaters, des Bildhauers Evert Lindfors. Von treppenförmig ansteigenden Regalen aus lauschen Hunderte kleine Tonfiguren unserem Gespräch. «Mein Vater unterrichtete Bildhauerei, ich selbst war rund zehn Jahre lang dort tätig. Zwischen 1971 und 1991, zur Zeit ihres Gründers und ersten Leiters, Bernard Pfriem, war die Schule eine integrative Kraft mit familiärer Aura. Pfriem organisierte bei jeder Gelegenheit Feste mit allen Dörflern. Im Gegenzug lud Maurice vom Café de France die Studenten zu Gastgelagen ein. Als junges blondes Ding habe ich einmal aus Jux meine Hochzeit mit einem Amerikaner inszeniert. Ganz Lacoste spielte mit: Der eine verkleidete sich als mein Vater, der andere als Mafioso, ‹Gaby› Sobin gab den Priester … Wir alle sind dank der Schule mindestens einmal in die USA gereist. Wenn ehemalige amerikanische Studenten heute erstmals wieder nach Lacoste kommen, bricht es ihnen das Herz zu sehen, was aus dem Dorf und aus der Schule geworden ist.»

Die grosse Tageszeitung «The Atlanta Journal-Constitution» hat 2018 eine lange Untersuchung über das Scad veröffentlicht. Ihr Fazit: Wiewohl eine steuerbefreite Stiftung für gemeinnützige Zwecke, werde das College eher wie ein Privatunternehmen geführt, dessen übergeordnetes Ziel es sei, seiner Gründerin Ruhm und Reichtum zu bescheren. Paula Wallace, eine frühere Grundschullehrerin ohne künstlerische Referenzen, habe innert zwanzig Jahren gut sechzig Millionen US-Dollar für sich und ihre Angehörigen erwirtschaftet. 2014 sei sie mit 9,6 Millionen Dollar die bestbezahlte Universitätspräsidentin der USA gewesen. Dabei verkaufe die Schule auf dubiose Weise den Traum vom glamourösen Dasein der «Kreativen», um ihren AbsolventInnen horrende Studiengebühren abzuverlangen.

Der Artikel listet eine lange Reihe von Rauswürfen, von Gerichtsklagen und Einschüchterungen, ja sogar von Beschattungen durch Privatdetektive auf, mit denen missliebige Fragesteller – auch und gerade im Lehrkörper – zum Schweigen gebracht werden sollten. «Ich habe Professoren und sogar Direktoren gekannt», bestätigt Lindfors, «die von einem Tag auf den andern entlassen wurden, weil sie Kontakte zwischen den Studierenden und den Dörflern knüpfen wollten.»

Das Scad besitzt laut Auskunft des Bürgermeisters ein weiteres Drittel von Lacoste. Vor allem in seinem oberen Teil, gleich unterhalb des Schlosses, erscheint das Dorf als Savannah-Land. Doch während die «Galerien» von Cardin (in denen es nichts zu kaufen gibt) vollgestopft sind mit Jeff-Koons-Imitaten und grellbunten Tierskulpturen, wirken die Liegenschaften der Kunstschule dezent – dem Hörensagen nach sind die Restaurationen im Innern sogar mustergültig.

Das ändert jedoch nichts am Umstand, dass auch das Scad potenziellen Wohnraum besetzt. Hinzu kommt, dass das College expandieren will, Cardin auf die hundert zugeht – und rege Gespräche zwischen den beiden Parteien im Gang sein sollen. «Dass das Scad einen Teil der Liegenschaften des Geschäftsmanns übernehmen könnte, mag ich nicht einmal in Betracht ziehen», wehrt Lindfors ab.

Zeichen und Wunder?

Was tun? Was vermag ein Normalbürger, was vermag eine klitzekleine Gemeinde mit einem Jahresbudget von 750 000 Euro für den Betrieb (zuzüglich plus/minus eine halbe Million Euro für Investitionen) gegen zwei übermächtige Investoren zu bewirken? Die Truphémus geniessen die Aussicht vor ihrem Häuschen und sagen: «Hau ab!» Montana und Bornot versuchen, Medien und öffentliche Meinung zu mobilisieren – Mitte September etwa planen die beiden eine Veranstaltungsreihe, die den Fokus auf alle lokalen Reichtümer richtet, die nicht «Cardin» oder «Scad» heissen: Sade, Malachier, die SurrealistInnen, der im 19. Jahrhundert gepflanzte Zedernwald. Andere setzen auf die Stärkung der Dorfgemeinschaft, sei es via den Fussballklub, sei es via den – durch Lindfors und Sobin mitgetragenen – Verein Art Lacoste und sein Café für einsame Wintertage. Mathias Hauptmann endlich, der im Frühjahr wiedergewählte Bürgermeister und kunstsinnige Garagist mit dänischen Wurzeln und provenzalischem Akzent, hat sich für sein zweites Mandat vorgenommen, «durch Cardin und Scad so weit wie möglich unbeirrt» seinen Weg zu gehen. Er will ein kleines Malachier-Museum und einen Entdeckungsparcours durch Steinbrüche mit historischen Graffiti einrichten, eine durch Spenden finanzierte Stiftung gründen, um strategisch wichtige Liegenschaften auf dem Weg des Vorkaufsrechts zu erwerben.

Zeichen und Wunder? Cardin hat seit kurzem das Café de Sade im Herzen des Dorfs wiedereröffnet – für einen, wie er gelobt, ganzjährigen Betrieb. Und obendrein in der Rue Basse endlich einen Tante-Emma-Laden ins Leben gerufen, in dem man Nahrungsmittel und Haushaltsprodukte findet und am Tresen einen Kaffee trinken kann. Montana höhnt, das sei ein Tropfen auf den heissen Stein, und verweist auf die zehn oder zwölf Boutiquen, die nach wie vor leer stehen. Andere hoffen, diesem ersten Schritt in die richtige Richtung würden bald weitere folgen. Wer von ihnen recht hat, wissen womöglich nicht einmal die Sterne über dem Schloss des Marquis de Sade.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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