Durch den Monat mit Daniel Winkler (Teil 3) : Ist hier immer noch das Armenhaus des Kantons?

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Dass Daniel Winkler in Riggisberg Pfarrer wurde, war nicht geplant. Heute fühlt er sich im Berner Dorf jedoch zu Hause und schätzt auch die lokalen SVP-Vertreter:innen – im Gegensatz zu den nationalen Protagonist:innen der Partei.

Daniel Winkler: «Als ich hier anfing, kam das Thema Verdingkinder bei fast jeder zweiten Beerdigung vor.»

WOZ: Daniel Winkler, Sie haben Grund zum Feiern: Letzte Woche hat der Berner Grosse Rat in Ihrem Sinne entschieden. Abgewiesene Asylsuchende müssen jetzt definitiv nicht mehr immer in Nothilfezentren. Sie dürfen auch bei Privatpersonen wohnen, und der Kanton bezahlt ihnen trotzdem das Nothilfegeld von acht Franken pro Tag.
Daniel Winkler: Wir von der AG Nothilfe sind sehr glücklich über diesen Entscheid. Die Diskussion hat gezeigt: Der Grosse Rat ist mehrheitlich der Meinung, dass Familien mit Kindern nicht in Nothilfezentren gehören. Das ist ein deutlicher Stimmungswechsel. Wir wurden verstanden.

Die Motion, über die der Rat abgestimmt hat, hat ein SVP-Politiker eingereicht. Sie haben dafür mit ihm zusammengearbeitet.
Ja, mit Walter Schilt. Er war dann allerdings der Einzige seiner Partei, der unser Anliegen in der Schlussabstimmung unterstützte.

Vor der Abspaltung der BDP, die inzwischen zur «Mitte» gehört, hiess es immer, die SVP Bern sei ganz anders als die SVP Zürich. Spürt man davon noch etwas?
Die SVP ist janusköpfig. Die nationalen Protagonisten oder auch jene im Kanton, die vorne hinstehen, bewirtschaften vor allem Themen mit sehr viel Reibungsfläche. Aber auf der anderen Seite steht die kommunale Ebene: Dort wird sachpolitisch gearbeitet, nicht parteipolitisch. Da gibt es in der SVP sehr angenehme Leute, die gute Arbeit machen. Wie unser Gemeindepräsident Mike Bürki.

Warum sind sie denn in der SVP? Weil man da am ehesten ein Amt bekommt?
Das kann sein. Es ist die grösste Partei, und sie ist so gross geworden, weil sie jahrzehntelang Vorurteile gegenüber Ausländern und Geflüchteten bewirtschaftet hat. Das ist bei der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden gefallen – und ist für mich ein absolutes No-Go.

Aber Sie können trotzdem mit den Vertreter:innen der SVP reden?
Absolut. Wir spürten auch viel Sympathie von SVP-Gemeinderäten gegenüber unserer Arbeit mit Flüchtlingen. Sie haben uns immer den Rücken freigehalten.

Sind Sie eigentlich hier in der Region aufgewachsen?
Nein. Meine Familie stammt aus Worb auf der anderen Seite des Aaretals, aber aufgewachsen bin ich grösstenteils in Dietikon bei Zürich. Dann habe ich in Basel studiert und in Bern geheiratet. Dass ich hier gelandet bin, ist ein totaler Zufall. Unsere erste Tochter kam schon während meines Studiums auf die Welt, und dann bekamen wir während meines Vikariats Zwillinge. Da wusste ich, jetzt brauche ich einfach unbedingt eine Arbeit – egal wo. Jetzt sind wir schon fast siebzehn Jahre hier, und Riggisberg ist mein Daheim geworden.

Die Gegend wirkt sehr ländlich, dabei ist man schnell in Bern. Ist Riggisberg mehr Agglo, als es scheint?
Wir sind fast urban. Mit der Infrastruktur, die wir haben, dem Spital, einem renommierten Museum, zwei Drogerien … Wir haben jetzt auch viele Neuzuzüger. Aber das Dorf ist schon ländlich geprägt. Das zeigte sich auch bei der Abstimmung über das Covid-Gesetz: Es gab ein Ja, aber sehr knapp.

Das Gantrischgebiet zwischen Riggisberg und Schwarzenburg galt lange als das Armenhaus des Kantons. Merken Sie das noch?
Ja, das Verdingkindwesen war im letzten Jahrhundert sehr stark verankert. Als ich 2005 hier anfing, kam das Thema fast bei jeder zweiten Beerdigung in irgendeiner Art vor. Entweder waren die Verstorbenen selbst verdingt worden oder hatten mit Verdingkindern zu tun gehabt. Und unsere Nachbargemeinde Rüschegg war der Inbegriff für die, die dem Teufel «ab em Charre gheit» sind. Wirklich arm, schattig, kaum ebenes Land …

Haben engagierte Christ:innen im Raum Bern Tradition? Ich denke an Andreas Nufer, den Pfarrer der Heiliggeistkirche, oder die Theologieprofessorin Isabelle Noth …
Ja. Schon in den achtziger Jahren mit den Pfarrern Jacob Schädelin und Klaus Bäumlin, die sich für Flüchtlinge engagierten.

Bräuchte es da nicht noch einen Dachverband? «Progressive Christ:innen Schweiz»?
Es gibt ja jetzt die Migrationscharta, die verbindet. Ich habe die auch unterschrieben, allerdings widerwillig. Im Herbst 2015 «freie Niederlassung für alle» zu fordern, direkt vor den Wahlen, mitten in der Flüchtlingskrise …

Unterstützen Sie diese Forderung nicht?
Doch, von mir aus können sich alle jederzeit überall niederlassen – aber 2015 mit einer solchen Maximalforderung zu kommen, hielt ich einfach nicht für sinnvoll. Damals kamen wirklich viele Leute in die Schweiz. Das war eine grosse Aufgabe. Und ich finde auch: Menschen, die keine Aussicht auf Asyl haben, aber gute Chancen, in ihre Heimat zurückzukehren, muss man ermutigen zurückzukehren. Die anderen, die das nicht können, brauchen hier eine Lösung. Das Nothilferegime ist eine Schande für ein Land mit humanitärer Tradition.

Daniel Winkler (54) ist Pfarrer von Riggisberg BE und unter anderem in der AG Nothilfe aktiv. Das Riggisberger Engagement hat sich unterdessen nach Westen ausgebreitet: Rund um Niederscherli in der Gemeinde Köniz setzt sich der Verein Offenes Scherli für den Austausch zwischen Geflüchteten und dem Rest der Bevölkerung ein.