Nr. 32/2005 vom 11.08.2005

Neues Gas in alten Rohren

Von René Hornung

Eine alte, unbenutzte Öl-Pipeline soll in St. Gallen und Graubünden für Gas- und Stromtransporte neu genutzt werden. Die Bevölkerung vor Ort findet das Projekt nicht nur toll.

Sie wurde in den frühen siebziger Jahren als Meilenstein moderner Energieversorgung gefeiert: die Öl-Pipeline, die vom Hafen in Genua an Mailand vorbei durchs Splügenmassiv und durchs Rheintal bis zur Raffinerie im süddeutschen Ingolstadt führte. Im St. Galler Rheintal war der Bauplatz für eine eigene Raffinerie bereits reserviert, die Region rechnete mit «eigenem» Heizöl und Benzin.

Doch daraus wurde nichts, die Raffinerie wurde nie gebaut, und im Laufe der Jahrzehnte verlor die Pipeline immer mehr an Bedeutung: Die Brenner-Leitung lief ihr den Rang ab. 1997 drehte die italienische Eni respektive deren Tochtergesellschaft Oleodetto del Reno nördlich von Mailand den Hahn zu. Die Rohre wurden geputzt, mit Stickstoff gefüllt und so konserviert.

Mit Hochdruck durch Wohngebiete

Nun bekommt die alte Transportinfrastruktur neuen Wert. Die Süddeutschen machten es vor: Sie rüsteten die Leitung vom Bodensee bis Ingolstadt mit neuen Schiebern aus und transportieren in der für einen Druck von sechzig bar zugelassenen ehemaligen Öl-Pipeline nun Erdgas - mit einem Druck von fünfzig bar Druck. Die Erdgas Ostschweiz AG will diese Umrüstung nun auch für den sechzig Kilometer langen Abschnitt von St. Margrethen bis Bad Ragaz vornehmen. Bis zu fünfzehn Millionen Franken soll dies kosten. Damit erhielten die lokalen Gasnetze im Rheintal neue Einspeisepunkte und eine parallele Transportinfrastruktur. Das bedeute eine höhere Versorgungssicherheit, heisst es bei der Erdgas Ostschweiz AG.

Die St. Galler Kantonsregierung befürwortet das Projekt. Doch einzelne Gemeinden, vorab Au und Widnau im unteren Rheintal, äussern Sicherheitsbedenken, denn die Leitung führt durch dicht besiedeltes Gebiet, was nach heutigen Vorschriften für eine neue Leitung nicht zulässig wäre. Die Gemeinden verlangen deshalb zusätzliche Sicherheitsmassnahmen wie Tieferlegung oder Abdeckung der ehemaligen Pipeline - an einigen Stellen sogar eine Verlegung.

Dies wiederum lehnen die Verantwortlichen der Erdgas Ostschweiz ab mit der Begründung, die Leitung sei in sehr gutem Zustand und brauchbar. Eine Weiterverwendung sei doch klüger, als die Rohre mit Sand zu füllen oder sie herauszureissen, sagt Erdgas-Ostschweiz-Direktor Werner Hirschi. Selbst mitten durch Zürich führten Gasleitungen mit einem Druck von 25 bar. Mit dem gleichen Druck soll die Rheintalleitung betrieben werden.

Gelingt die Umrüstung nach dem süddeutschen Abschnitt auch auf St. Galler Gebiet, will auch die Erdgasversorgung Bündner Rheintal weiter südlich, zwischen Bad Ragaz und Thusis oder Sils im Domleschg, für Gas umbauen.

Strom im Kabel in Röhre

Doch es existieren noch andere Ideen zur Neunutzung der Pipeline. Für die Strecke durch das Splügenmassiv gibt es das Stromleitungsprojekt «Greenconnector»: In die Rohre sollen Gleichstromkabel eingezogen werden. Die «merchant line», eine Stromtransportstrecke, die private Energieversorgungsunternehmen «mieten» können, ist eine Reaktion auf eine Ausschreibung des italienischen Staates, der eine weitere 1000-Megawatt-Zuleitung ins Land führen will. Italien ist zu rund zwanzig Prozent von Importstrom abhängig und wegen der europaweit höchsten Strompreise gerade für Schweizer Produzenten ein interessantes Absatzgebiet. Die Gleichstromleitung soll vom Domleschg bis südlich des Splügenmassivs in die Pipeline eingezogen werden und auf italienischem Gebiet auf einem teilweise neuen Trassee bis Verderio bei Bergamo geführt werden.

Der «Greenconnector» sei alles andere als grün, protestieren inzwischen BewohnerInnen im Domleschg. Die Gleichstromleitung brauche ein grosses Transformatorenwerk mit einem Flächenbedarf von 250 x 150 Metern. Es entstünden starke eletromagnetische Felder, und das Projekt sei mit total 450 Millionen Franken auch sehr teuer. - Ob es zustande kommt, hängt im Wesentlichen vom Ausgang der Ausschreibung Italiens für die neuen Stromzuleitungen ab.

Ein weiteres Stück alter Pipeline-Infrastruktur am Comersee wird heute ebenfalls schon als Gasleitung benutzt und versorgt das Veltlin. Nur zwischen dem Hafen von Genua und Mailand wird in den Rohren noch immer das gepumpt, für das sie einst verlegt wurden: Öl.

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