Nr. 12/2013 vom 21.03.2013

Der Pipeline-Wanderer

Der 2700 Kilometer lange Marsch von Kanada nach Texas, den der US-Amerikaner Ken Ilgunas vor kurzem beendete, war teils Umweltprotest und teils Abenteuer: Seine Route folgte der geplanten und höchst umstrittenen Pipeline Keystone XL.

Von Ken Ilgunas und Lotta Suter

«Ein bisschen verrückt muss man schon sein, um so was zu tun»: Pipeline-Wanderer Ken Ilgunas irgendwo in der kanadischen Provinz Saskatchewan in der dritten Woche seiner Wanderung. Foto: Ken Ilgunas

Am ersten Tag bucht der US-Amerikaner Ken Ilgunas in der boomenden kanadischen Ölstadt Fort McMurray einen einstündigen Rundflug über die Athabasca-Ölsande von Alberta, das reichste Teersandvorkommen der Welt. Mit 140 000 Quadratkilometern ist dieses noch grösstenteils vom borealen Regenwald bedeckte Gebiet dreieinhalbmal so gross wie die Schweiz. Ilgunas blickt erst auf in grün-goldenen Herbstfarben leuchtende Wälder herab und dann auf eine grau-schwarze Mondlandschaft, die von vielen Lastwagen befahren und von Bulldozern durchpflügt wird. Als die Stunde um ist, hat er erst zehn Prozent der Teersandabbaufläche gesehen.

Ken Ilgunas hatte vorgängig Nahrung für hundert Tage eingekauft, die er an Postämter entlang seiner Wanderroute schicken liess, denn da gibt es oft kaum Lebensmittelläden. In Fort McMurray packt er seine erste Ration ein und fährt per Autostopp zum nördlichen Startpunkt der Pipeline Keystone XL. Mitgenommen wird er meist von Ölarbeitern, die den hohen Lohn loben, über die harten Arbeitsbedingungen klagen und behaupten, im Grunde genommen seien sie Umweltschützer. Abends kommt Ilgunas in Hardisty an, einer Kleinstadt am Rand der Prärie. Der lange Marsch entlang der Pipeline kann beginnen.

Tag 14: 28. September 2012, Consort, Alberta

Das Land hier ist karamellfarben. Bewachsen von buschigen Weizenähren, dazwischen einzelne feuchte Grashalme. Die Prärie wirkt ländlich. Doch es ist Ölförderland: Unter den Stacheldrahtzäunen sind Pipelines für Öl und Erdgas ausgelegt, man sieht Tanklager, Pumpstationen und Bohrtürme.

Die Keystone-XL-Pipeline (Grosse Ansicht der Karte)

Bald gibt es nur noch wenige Strassen und noch weniger Häuser. Ich bin im Weideland. Jede Farm ist hier wie ein kleiner Nationalpark, zivilisiert, aber zugleich auch wild. Ich springe zwanzigmal am Tag über Stacheldrahtzäune oder rolle unten durch. Manche Kühe begleiten mich ein Stück, andere fliehen bei meinem Anblick. Einmal stürzt ein Wolf vor mir aus dem Gebüsch und setzt in langen Sprüngen über die Prärie.

Als ich in Consort ankomme, sind meine Füsse in miserablem Zustand. Bei der Bibliothek wundert sich ein Lehrer über meine Wanderstöcke und den riesigen Rucksack. Er bietet mir Essen, eine Dusche und ein Bett für die Nacht an. Meine Zehen tun immer noch fürchterlich weh, und ich muss wohl die nächsten Tage etwas gemächlicher angehen. Aber ich weiss, ich werde es schaffen, nicht zuletzt dank der Grosszügigkeit von Fremden entlang des Wegs.

Tag 17: 1. Oktober 2012, Oyen, Alberta

Hier gibt es massenhaft Ölleitungen, aber die ursprüngliche Keystone-Pipeline gehört zu den wenigen, die auf meiner Karte eingezeichnet sind. Zwar verläuft sie unterirdisch, aber an jeder Kreuzung gibt es Markierungen, die den Verlauf angeben. Den ganzen Tag sehe ich keine Strassen und Häuser, nur weit weg eine Fernleitung, die ins Nirgendwo führt.

Endlich treffe ich auf eine kleine Farm. Der Bauer fragt mich, was ich da tue. «Ich folge der geplanten Keystone-XL-Route», sage ich und sehe über seine Schulter hinweg, dass die alte Keystone-Röhre mitten über sein Land führt. «Diese Pipeline ist das Beste, was mir je passiert ist», sagt der Bauer.

Bevor diese erste Keystone-Leitung gebaut wurde, hatten er und etliche andere Bauern sich zusammengetan und die Ölfirma dazu gebracht, das Dreissigfache der ursprünglich vorgeschlagenen Entschädigung an die LandbesitzerInnen zu bezahlen. «Das gab der lokalen Ökonomie gewaltig Aufschub.» Er lädt mich zum Essen ein. Und während seine Frau Hamburger grilliert, erklärt er mir, wie sehr er und seine Kollegen mit dem Bau der Keystone XL im nächsten Sommer rechneten.

Als ich nach zwei 35-Kilometer-Etappen Oyen, Alberta, erreiche, sind meine Füsse einigermassen geheilt, aber nun bin ich schwer erkältet.

Nicht nur die Nase trieft. Die Beine schmerzen und wollen nicht mehr. Der Pipeline-Wanderer kommt an seine Grenzen, obwohl er sich mit langen Fussmärschen auf sein Abenteuer vorbereitet hatte. Doch jetzt ist er nicht mehr bloss einzelne Tage oder höchstens eine Woche unterwegs, sondern monatelang. Ohne Pause. Doch Ilgunas ist entschlossen, Texas zu erreichen. Und er muss sich beeilen, denn er ist spät im Jahr aufgebrochen und der Winter überrascht ihn, als er noch weit oben im Norden ist.

Tag 39: 23. Oktober 2012, Glasgow, Montana

Am Morgen kommt ein grimmiger Wind auf. Das Präriegras gleicht den Wellen im Meer, denke ich zuerst. Aber es ist eher wie ein wildes Feuer, das flackert und tanzt, sich hebt und senkt. Ich mache einen weiten Umweg nach Monchy, wo ich die Grenze von Kanada in die USA legal überschreite und meine Wasserflaschen fülle. In Montana ist der Wind ebenso stark. In diesem Wetter kann ich mein Zelt nicht aufstellen. Ich suche nach einem Windschutz und finde eine zerfallene Hütte. Normalerweise zelte ich an verborgenen Plätzen ausser Sichtweite. Doch gerade jetzt ist es mir ziemlich egal, ob ich beim widerrechtlichen Betreten eines Grundstücks erwischt werde. Meine einzige Sorge gilt dem Überleben.

Tag 46: 30. Oktober 2012, Fallon, Montana

Die Landschaft hat sich verändert. Die Prärie ist grauer, felsiger und älter geworden. Die Hügel, bekannt für Fossilienfunde, sind trocken und zerfallen. Die Steine sind weich und zerbrechen, wenn ich damit meine Zeltpflöcke einhämmern will. Doch es ist eine geologische Supershow. Die gigantischen Felsbrocken balancieren auf jäh abfallenden Erdsäulen: Denkmäler einer grandioseren Zeit.

Auf einem Feldweg begegne ich einer Reihe von Lastwagen. Die Arbeiter sondieren die Gewässer der Umgebung für den Bau der Keystone XL. Im zweiten LKW sitzt ein älterer Mann, der sagt, ich dürfe das Pipeline-Gelände nicht betreten. Als ich ihm mitteile, genau das hätte ich im letzten Monat getan, macht er einen Spruch und fährt davon. Ein anderer Arbeiter mit Cowboyhut und langem weissem Bart rät mir, auf den Strassen zu bleiben, wenn ich nicht mit einem Viehdieb verwechselt und abgeknallt werden wolle.

Bald marschiere ich aber doch wieder entlang der geplanten Pipeline nach Südosten. Um meine Wasserflaschen zu füllen, halte ich bei einer Ranch. Ein junger Mann tritt aus der Scheune. An seiner Hüfte baumelt ein lächerlich langes Gewehr. Ich bitte ihn um Wasser. «Nein», sagt er, nimmt aber dann doch meine Flaschen und füllt sie auf. Als ich ihn frage, wo ich mein Zelt aufbauen könnte, zeigt er zur Strasse. Also nicht auf seinem Land.

«Ich bin der Sheriff. Guten Morgen.» Es ist 8 Uhr, ich habe an der Strasse gezeltet, wie der Bauer vorgeschlagen hatte. Jetzt ziehe ich die Reissverschlüsse auf, schlüpfe in meine Schuhe und wünsche dem Sheriff ebenfalls einen guten Morgen. Ich sehe, dass er eine ganze Schar bewaffneter Männer mitgebracht hat, darunter auch den jungen Mann von gestern. «Ich habe einen Anruf vom Nachbarn bekommen», sagt der Sheriff. «Ich bin gekommen, um sicherzustellen, dass du nicht verrückt bist.» – «Nun ja, ein bisschen verrückt muss man schon sein, um so was zu tun», sage ich. Der Sheriff lacht. Aber der Mann neben ihm mit Wollhut und Ohrenklappen lässt sich von meinem Charme nicht beeindrucken. Er sagt: «Die Leute hier sind so was nicht gewohnt. Der Besitzer des Landes, auf dem wir stehen, sagt, er hätte dich erschossen, wenn er dich unterwegs gesehen hätte. Was du tust, ist nicht normal. In meinem ganzen Leben sah ich hier noch keinen Tramper. Und mein Vater in seinem Leben auch nicht. Abartig ist das …»

Schliesslich wünschen der Sheriff und seine Männer mir alles Gute, und ich gehe die Strasse weiter, die jetzt von einer weichen Schicht Schnee bedeckt ist.

In der Umgebung von Fallon, Montana, trifft Ilgunas auf Farmer, die vom Energiekonzern Trans Canada umworben werden, weil die Keystone XL über ihr Land führen soll. Gauner seien das, die ihre Geschäfte im Geheimen abwickeln, sagen die LandbesitzerInnen; die Trans Canada habe alle BäuerInnen zum Schweigen verpflichtet. Niemand wisse, was in Kanada oder in Texas oder nur schon beim Nachbarn abgehe. Welche Preise gezahlt werden. Wer sauber macht, wenn ein Rohr bricht.

Eine Ortschaft weiter, in Baker, Montana, werden gerade zwei Pipelines gebaut. Die Stadt boomt mit all den Ölarbeitern, die da wohnen, essen und trinken. Aber das ist nur eine kurzfristige Blüte. Bald werden die Motels wieder leer sein. Die BarbesitzerInnen werden ihre Angestellten entlassen. Das Geld wird so knapp sein wie zuvor.

Tag 66: 19. November 2012, South Dakota

Wieso ist eigentlich die Keystone XL so wichtig? Wieso bekämpfen die UmweltschützerInnen mit beispielloser Hartnäckigkeit diese transnationale Pipeline? In den USA gibt es über 250 000 Kilometer verlegte Ölleitungen (zusammen mit den Gasleitungen sind es gar über drei Millionen Kilometer). Bereits seit 1870 werden Ölleitungen gebaut. Wieso gerade jetzt der grosse Aufruhr?

Mich erinnert der Kampf gegen die XL an den Kampf, den John Muir und seine Umweltorganisation Sierra Club zu Beginn des 
20. Jahrhunderts gegen den O’Shaughnessy-Staudamm im kalifornischen Hetch Hetchy Valley führten. Dieser Versuch, ein wunderschönes Tal im Yosemite-Nationalpark zu retten, war deshalb bemerkenswert, weil sich noch nie zuvor so viele BürgerInnen zusammengetan und gegen ein öffentliches Projekt gekämpft hatten. Muir und der Sierra Club verloren schliesslich, das Reservoir wurde gebaut; doch die erste moderne Umweltschutzbewegung war geboren. Nun, hundert Jahre später, findet ein ähnlicher Kampf statt, nur geht es diesmal nicht um die Bewahrung von Schönheit, sondern um die Eindämmung des Klimawandels.

Für mich jedenfalls ist die Keystone XL im Moment der Nabel der Welt. Obwohl: Das Landesinnere Amerikas, durch das ich gehe, hat nichts Weltbewegendes. Es kommt mir alt vor, nutzlos, am Ende. Viele Scheunen sind verfallen. Der Stacheldraht rostet an verrottenden Pfählen. Ich sehe keine Kinder, und die gebärfähigen Frauen sind wie vom Erdboden verschwunden. Die wenigen Männer meines Alters stehen vor den Spielautomaten der Bars. Es fehlt hier an Vitalität. Alles Asche und keine Funken. Vielleicht ist dieses Land, diese Lebensart nichts für die Heissblütigen, die Leidenschaftlichen, die Ehrgeizigen. Vielleicht ist es ja ganz in Ordnung, das Land zu übernehmen, das schon Vater, Grossvater und Urgross-
vater bebaut hatten, und ein betuliches Leben zu führen. Aber etwas fehlt. Der Reiz des Neuen, Unerwarteten, Ungewöhnlichen.

Tag 79: 2. Dezember 2012, Mills, Nebraska

Ich treffe auf Stan. Es scheint, als seien er und ich aus gleichem Holz geschnitzt. Wir sind etwa gleich alt, haben eine vergleichbare Collegeausbildung und bewundern beide die Schönheit der Prärie. Beide sind wir froh, einen offenen Diskussionspartner gefunden zu haben. Doch dann kommen wir auf die globale Erwärmung zu sprechen. Stan meint, das sei alles ein «Schwindel». «Wir können selbst zu unserem Land Sorge tragen», sagt er. «Wir brauchen keine Regierung, die kommt und uns vorschreibt, wie wir leben sollen.» Umweltschutz ist für ihn bloss ein fauler Trick, mit dem sich die Regierung mehr Macht und Kontrolle verschafft.

Das macht mich sprachlos. Für mich heisst Umweltschutz, den nächsten Chemieskandal zu verhindern. Oder das nächste Fracking-Projekt. Den Nationalpark in Alaska zu erhalten. Dem Karibu Lebensraum zu lassen. Es geht um Nahrung aus gesundem Boden und darum, unsere Erde für die nächsten sieben Generationen zu erhalten. Für mich ist Umweltschutz nichts anderes als Leben. Wie kann man nur dagegen sein? Wir wechseln das Thema und verabschieden uns bald. Ich gehe weiter in Richtung Südosten durch die Prärie von Nebraska und fühle mich sehr allein.

In Petersburg, Nebraska, einem Ort mit etwa 200 EinwohnerInnen, wird Ilgunas verhaftet, weil zwei Hausbesitzer einen Einbruch vermuten und weil es, wie der Sheriff sagt, im Ort selbst keine Diebe gibt. Die Polizei eskortiert den Wanderer weg aus ihrem Bezirk.

In Albion, Nebraska, versammeln sich am 4. Dezember Hunderte von EinwohnerInnen, um die revidierte Route der Keystone XL zu diskutieren, die ursprünglich mitten durch ihr Trinkwasserreservoir hätte führen sollen. Die meisten der anwesenden BäuerInnen sind um das Wasser besorgt, ein paar wenige fürchten den Klimawandel. Auf der andern Seite gibt es GewerkschafterInnen und VertreterInnen der konservativen Gruppierung Americans for Prosperity, die sagen, Nebraska brauche die Keystone XL wegen der nationalen Sicherheit, der Energie und der Jobs. Begründungen, die mit Daten und Fakten zu widerlegen sind.

Die nächsten Tage wird Ken Ilgunas von Rick begleitet, Bauer und vehementer Gegner der Pipeline. Rick organisiert ein Interview mit der lokalen Presse und sogar mit dem National Public Radio und macht seinem Spitznamen Governor alle Ehre. Doch sehr marschtauglich ist er nicht. Wieder allein, erreicht Ilgunas Steele City an der Grenze zu Kansas, Endpunkt des Nordabschnitts der XL, die hier in die 2010 gebaute «alte» Keystone-Leitung einmündet.

Tag 99: 22. Dezember 2012, Chapman, Kansas

Sobald ich die Grenze zu Kansas überschreite, bin ich wieder ein anonymer Penner. Ein Vater mit Tochter auf dem Nebensitz hält sein Auto an und erkundigt sich: «Bist du ein Vagabund?»

Später am Tag frage ich einen Mann mit zwei grossen Bernhardinerhunden, was er von der Pipeline halte. «Es gibt Pros und Kontras», sagt er. «Die Leute sind ziemlich wütend wegen der Steuergeschenke.» – «Steuergeschenke?» – «Ja, aus unerfindlichen Gründen entschied Kansas, der Trans Canada einen zehnjährigen Steuererlass zu gewähren. Wir sind der einzige Bundesstaat, der das tut.» – «Und was sind die Pros?» – «Nun», sagt er und denkt nach, «vermutlich gibt es gar keine.» Das Steuergeschenk an den Energiekonzern ergibt wirklich keinen Sinn, denn die Keystone XL muss so oder so durch Kansas geführt werden, um die Raffinerien in Oklahoma und Texas zu erreichen.

Tag 112: 4. Januar 2013, Cushing, Oklahoma

Ich nähere mich dem Pipeline-Knotenpunkt Cushing, Oklahoma. Hier endet die «alte» Keystone-Röhre, von hier soll das Öl zu den Raffinerien in Texas gepumpt werden. Oklahoma ist eine Ölregion. Rohre gehören hier zur Landschaft wie die Erde, der Wald, die Flüsse. Den ganzen Tag rattern Laster vorbei, die riesige Keystone-XL-Rohre (neunzig Zentimeter Durchmesser) geladen haben, die in Oklahoma oder Texas in den Boden versenkt werden. Denn der südliche Teil der XL – von Cushing nach Port Arthur, Texas – ist von Präsident Obama bereits abgesegnet worden und befindet sich trotz Protesten von AktivistInnen und LandbesitzerInnen im Bau. Es ist entmutigend, dem Treiben zuzuschauen. Ich fühle mich klein und machtlos. Wenn die halbe Keystone XL bereits im Boden liegt, wieso das Unvermeidliche noch bekämpfen?

Da Cushing eine globale Öldrehscheibe ist – mit einem gewaltigen Leitungsnetz, mit Raffinerien und riesigen Tankanlagen –, habe ich erwartet, dass die Stadt eine Insel des Wohlstands in einem Meer der Armut sein würde. Aber das stimmt nicht. Die Gehsteige sind mit Gras überwachsen. Die Backsteinbauten zerfallen. Familien leben in schäbigen Wohnwagen. Immer sagt man uns, dass die Pipelines Reichtum und Arbeit bringen. Doch hier in Cushing, im Ölzentrum, ist man nicht einmal sicher, ob man noch in der Ersten Welt lebt.

Tag 140: 1. Februar 2013, Rye, Texas

Ich habe auf meiner Wanderung eine ganze Reihe von Büchern über den amerikanischen Bürgerkrieg des 19. Jahrhunderts gelesen. Wie damals haben wir heute eine Hälfte des Landes, die grausam und ungerecht handelt – einst war das Übel die Sklaverei, heute ist es eine destruktive und nicht nachhaltige Lebensweise. So wie wir heute die SklavenbefürworterInnen von damals als rückschrittlich, einfältig, ja kurios einschätzen, so könnten künftige Generationen die KlimaleugnerInnen von heute mit einer Mischung aus Unglauben, Verachtung und Spott beurteilen.

Aber vielleicht ist das Ganze nicht so simpel. Präsident Abraham Lincoln sagte über die Situation von damals sinngemäss: Wenn die Sklaverei im Süden der USA nicht bereits existierte, dann würden die Menschen sie dort bestimmt nicht einführen. Und wenn es die Sklaverei im Norden gäbe, dann würden die Menschen dort sie nicht von einem Tag auf den andern aufgeben wollen.

Tag 146: 7. Februar 2013, Ankunft in Port Arthur, Texas

Die West Port Arthur Road führt an gigantischen weissen Auffangbehältern für Erdöl vorbei, die aussehen wie übergrosse Katzenfutterdosen. Auf dem Weg zur Raffinerie riecht jede Meile anders. Zuerst überfällt mich eine Duftwelle von faulen Eiern. Dann folgt der etwas angenehmere, aber beunruhigende Geruch von schwelendem Feuer. Und schliesslich stinkt es giftig nach einem brodelnden Kessel von Chemikalien. Meine Zunge beginnt zu kribbeln, und ich vermeide das Schlucken.

Ich komme zur Raffinerie Valero mit ihren rauchenden Schloten und Feuer speienden Türmen, wo das XL-Öl verfeinert wird. So unerfreulich die Gegend für Augen und Nase ist: Wenn man ins Zentrum der USA vordringen will, darf man nicht bloss ihre Wälder und Felder durchwandern. Man muss auch ihre industrielle Schattenseite auskundschaften.

Nicht dass ich Müll, Umweltverschmutzung und Industriebrachen in Ordnung finde oder ihnen gegenüber gefühllos geworden bin. Aber ich bin es leid, ständig zornig und machtlos und frustriert zu sein. Ich stelle fest: So ist es. Das ist die Welt, in der wir leben, und ich kann nicht alles wegwünschen oder wegfluchen. Aber ich kann mich an dem freuen, was übrig bleibt. Für das kämpfen, was richtig ist. Und weiterhin einen Fuss vor den andern setzen. Das tue ich denn auch. Ich kicke einen Bierkarton aus dem Weg, stampfe über eine leere Getränkedose, und schliesslich wate ich ins Wasser des Sabine-Neches-Kanals. Das ist der letzte Schritt meiner Reise.

Ken Ilgunas hat die Pipeline-Tour auf seiner Website www.kenilgunas.com ausführlich dokumentiert. Lotta Suter hat Auszüge daraus 
zusammengestellt, aus dem Amerikanischen übersetzt und mit Zwischentexten ergänzt.

Die Pipeline Keystone XL

Occupy Klimawandel!

Die 2700 Kilometer lange Pipeline Keystone XL ist ein 7-Milliarden-US-Dollar-Projekt des Energiekonzerns Trans Canada. Durch dieses Rohr sollen täglich über 800 000 Barrel Rohöl von den Teersandvorkommen in Alberta, Kanada, zu den Raffinerien im Süden der USA geführt werden. Da die Leitung nationale Grenzen überquert, muss sie in den USA nicht bloss von Präsident Barack Obama, sondern auch vom Aussenministerium bewilligt werden. Dieses hat Anfang März einen 2000-seitigen Bericht über die Umweltauswirkungen des Projekts in Vernehmlassung gegeben. Darin wird die Bedeutung der Pipeline heruntergespielt: Kanada würde die Ausbeutung des Teersands mit oder ohne Keystone XL fortsetzen. Und auch am Energiebedarf der USA ändere das Projekt nichts. Ausserdem seien auch andere Transportwege (Eisenbahn oder Strasse) umweltbelastend; ein Ölaustritt sei da sogar noch wahrscheinlicher. Alles in allem gebe es keine zwingenden Gründe gegen das Projekt. Die Entscheidung der US-Regierung wird frühestens Mitte April fallen.

Die GegnerInnen der XL, eine Koalition von UmweltschützerInnen und von Enteignung bedrohten LandbesitzerInnen, bezweifeln die Unabhängigkeit des Berichts, an dem auch eine mit Trans Canada verflochtene Beratungsfirma mitgewirkt hat. Sie sind sich sicher, dass die umweltbelastende Teersandextraktion in Kanada mit der geplanten Pipeline steht und fällt. Und dass die Gefahr eines Lecks des unterirdisch geführten Rohrs nicht zu unterschätzen ist.

Für die Grünen in den USA ist die Keystone XL ein Testfall: Ist es Obama ernst mit seiner Umweltpolitik? Letzten Monat versammelten sich in der Hauptstadt Washington 40 000 Menschen, um gegen das Grossprojekt zu demonstrieren. In den USA war das die bisher grösste Kundgebung zum Thema Klimawandel.
Lotta Suter

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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