Nr. 47/2018 vom 22.11.2018

Der Kampf gegen die Riesenschlange im Boden

Um von Russland unabhängig zu werden, baut die EU eine Pipeline für Erdgas aus Aserbaidschan. Das derzeit teuerste Infrastrukturprojekt Europas, an dem auch der Schweizer Energiekonzern Axpo beteiligt ist, zerstört die Lebensgrundlage Tausender von Menschen in Griechenland und Albanien.

Von Lena von Holt (Text) und Ilir Tsouko (Fotos)

Es ist ein Donnerstagmorgen im August, der über die Zukunft entscheiden soll. Um 9 Uhr steht die Sonne im griechischen Kavala schon hoch am Himmel. Die vierzig Bauern warten im Schatten einiger grosser Walnussbäume.

Es herrscht jene aufgeladene Stille, die eintritt, bevor Entscheidendes passiert. Eigentlich würden die Bauern jetzt auf ihren Feldern arbeiten, aber heute gibt es Wichtigeres zu tun. Denn ihnen gegenüber stehen, an einen alten Traktor gelehnt, fünfzehn Arbeiter. Die Spaten bereit, warten sie darauf, weiterarbeiten zu können. Am frühen Morgen hatten die Bauern sie an ihrem Tun gehindert und eine Genehmigung verlangt – dafür, dass die Männer Rohre der Transadriatischen Pipeline unter ihre Felder legen. «Das werden wir nicht zulassen!», ruft Themis Kalpakidis, der Vorsitzende der Bauernvereinigung, der vor dem Maisfeld steht.

Bauern und Arbeiter streiten um die Transadriatische Pipeline, kurz TAP. Ab 2020 soll das transnationale Grossprojekt der EU Erdgas von einem Gasfeld in Aserbaidschan nach Europa transportieren – und so die Energiequellen für die Menschen in Europa diversifizieren.

Am Maisfeld in Kavala ist die Stimmung aufgeheizt, es droht ein Handgemenge. Die Lippen aufeinandergepresst, beugen sich die Arbeiter und die Bauern nun gemeinsam über die Kühlerhaube eines weissen Jeeps. Skeptisch mustern die Bauern die Papiere, die die Arbeiter ausgebreitet haben. Bis einer der Arbeiter entnervt den Bebauungsplan zusammenfaltet und Plastikhocker und Messgeräte wieder in die Jeeps wuchtet. Für heute haben die Bauern gewonnen – aber der Kampf um die Pipeline ist damit noch lange nicht entschieden.

Themis Kalpakidis, griechischer Biogasbauer

Drei Tage zuvor sitzt der Biogasbauer Themis Kalpakidis in seinem blauen Traktor und zieht lange Bahnen auf einem abgeernteten Feld. Vor ein paar Wochen blühte hier in grellem Gelb der Raps, jetzt bedeckt dunkelbraune Jauche den Boden. «Seit ich klein bin, bin ich mit aufs Feld gegangen», sagt Kalpakidis. «Wir lieben unser Land und kämpfen gegen die Pipeline, weil wir Angst haben, dass sie unsere Region zerstört.»

Die Fensterscheiben schirmen ihn vom stechenden Gestank ab. Mit seinem Handrücken wischt er sich Schweissperlen von der Stirn. Die Finger, die das Lenkrad umgreifen, sind abgenutzt. Kalpakidis, 51, sonnengegerbtes Gesicht, graue Haare und Bartstoppeln, öffnet eine Landkarte auf seinem Smartphone. Eine pinke Linie zieht sich quer durch den dunkelgrünen Bildschirm. Kalpakidis würde sie am liebsten ausradieren. Es ist die Route der TAP, die auch mithilfe des Schweizer Bundesrats realisiert werden konnte.

Themis Kalpakidis, griechischer Bauer: «In diesem Kampf geht es nicht um persönliche Vorteile. Wir tun das für unsere Gemeinschaft.»

TAP ist auch der Name des Unternehmens, das für den Bau verantwortlich ist – in diesem Fall ein Schweizer Konsortium mit Sitz in Baar. Anfang der nuller Jahre gehörte es noch zu 42 Prozent dem Schweizer Energiekonzern Axpo, inzwischen hat dieser seinen Anteil auf 5 Prozent reduziert. Dafür hat sich die Axpo laut ihrem Pressesprecher Tobias Kistner «langfristig ein beträchtliches Volumen» des Erdgases aus Aserbaidschan gesichert, um dieses in ganz Europa zu vermarkten.

«In diesem Kampf geht es uns nicht um persönliche Vorteile, wir tun das für unsere Gemeinschaft, für unsere Kinder», sagt derweil Themis Kalpakidis. Seit fünf Jahren führt er diesen ungleichen Kampf. Dabei hat er nichts gegen die Pipeline, nur etwas gegen deren Route. Denn die verläuft direkt durch die Felder, die bekannt für ihre fruchtbare, moorige Erde sind und den BäuerInnen ihre Zukunft sichern. Für diese Felder fühlt sich der Präsident der Bauernvereinigung verantwortlich – auch wenn seine eigenen Grundstücke ausserhalb der geplanten Route liegen.

Festim Malka, Bauer in Westalbanien

517 Kilometer westlich von Kavala, im kleinen Dorf Strum im Westen Albaniens, hockt Festim Malka auf seinem Wassermelonenfeld. Er sticht einen runden Deckel aus einer Melone und schneidet eine Spalte heraus. «Echt bio, komm her und probier!», ruft er mit kratziger Stimme, die selbstgedrehte Zigarette zwischen den Zähnen.

Anders als sein griechischer Kollege hat er den Kampf gegen die Gasleitung schon verloren. Zwei Meter tief verläuft die Pipeline quer durch sein Grundstück. Als die Leute von Abkons, dem albanischen Subunternehmen von TAP, vor zweieinhalb Jahren das erste Mal zu ihm kamen, weigerte er sich zu unterschreiben. Aber dann hätten sie gesagt, dass es Gesetze gebe, mit denen sie ihm die Grundstücke wegnehmen könnten, die dann in Grundstücke der Regierung umgewandelt würden. Also unterschrieb er und bekommt seither 350 Euro Grundstücksmiete – pro Jahr.

«Hätte ich den Sommer über auf diesem Feld Wassermelonen angepflanzt, hätte ich mindestens 2800 Euro im Jahr verdient», sagt Malka. Jetzt aber drohen seine Melonen und Tomaten immer wieder zu ertrinken. Wenn es regnet, sammelt sich das Wasser auf seinem Feld und kann nicht mehr abfliessen. Schuld daran sei die Drainage, die im Zuge des Pipelinebaus erstellt wurde und die natürliche Laufrichtung des Wassers änderte. Die Dämme, die er notdürftig errichtet hat, halten den Wassermengen nicht stand. Malka sagt, er habe sich bei den Arbeitern vor Ort beschwert. Ein Anwalt wäre zu teuer und zu weit weg gewesen. Und um nach Tirana zu fahren, habe er keine Zeit: «Ausserdem: Seit wann kann der kleine Fisch den grossen fressen, und das in diesem Land?»

Von Aserbaidschan nach Lecce (Grosse Ansicht der Karte) Karte: WOZ

Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Bankwatch sind in Albanien etwa achtzig Gemeinden, die zu einem grossen Teil von der Landwirtschaft abhängig sind, von der TAP betroffen. Die TAP AG weist darauf hin, dass 2374 der 10 585 Grundstücke, die in Albanien auf ihrer Route liegen, wegen des Baus enteignet wurden. Dies sei das letzte Mittel und werde vor allem angewendet, wenn Landbesitzer und -nutzerinnen keine entsprechenden Dokumente vorweisen könnten. Wie auch Malka haben viele AlbanerInnen keine offiziellen Urkunden, die ihren Besitz dokumentieren. «Das Ganze hat meiner Familie, aber nicht mir gehört. Ich baue hier seit zwanzig Jahren an, aber nun musste ich erst einmal die Papiere fertig machen, um zu beweisen, dass das mein Grundstück ist», sagt Malka. Die anderen 88 Prozent der LandbesitzerInnen haben ihr Grundstück an TAP vermietet oder verkauft. So wie Festim Malka am Ende auch.

Mehr als zwei Drittel der Röhren der gesamten TAP-Strecke sind bereits im Boden. Schon ab 2020 soll sie das Gas aus Aserbaidschan bis nach Italien bringen, von wo es über bestehende Leitungen in andere europäische Länder geleitet wird. Auf ihrer Strecke von Ost nach West passiert die TAP 19 060 Grundstücke. Für Europa bedeutet die Pipeline vor allem eines: etwas mehr Unabhängigkeit vom russischen Gas, das derzeit rund 34 Prozent der europäischen Nachfrage befriedigt. Damit ist der russische Anteil an Europas Gasimporten so hoch wie noch nie. Indem die Pipeline zur Diversifizierung der Gaslieferungen beitrage, fördere sie auch die Versorgungssicherheit der Schweiz, behauptet das Bundesamt für Energie. Derzeit bezieht die Schweiz rund 35 Prozent ihres Erdgasverbrauchs aus Russland. In den kommenden Jahren soll die Nachfrage in Europa weiter steigen. Auf dem Weg zu einer Umstellung auf erneuerbare Energien soll Erdgas – quasi als Brückentechnologie – Kohle und Atomkraft ersetzen.

Um den russischen Anteil zu verringern, nimmt Europa viel Geld in die Hand: Die TAP ist mit geplanten Gesamtkosten von 4,5 Milliarden Euro das aktuell teuerste Infrastrukturprojekt Europas. Ein Projekt, das für sich reklamiert, im Sinne aller europäischen BürgerInnen zu sein, und dabei die Not einer Gruppe von BäuerInnen in Kauf nimmt. Deshalb erzählt diese Pipeline eine Geschichte über diese Fragen: Inwiefern dürfen die Interessen der Mehrheit gegen jene einer Minderheit durchgesetzt werden? Wie viel Kollateralschaden darf ein Projekt mit sich bringen? Und wer darf letztlich darüber entscheiden?

Wie eine unterirdische Schlange windet sich die TAP auf 870 Kilometern durch albanische Bergdörfer und dichte Wälder, vorbei an archäologischen Ausgrabungen. Kurz vor Philippi, einer antiken römischen Stadt, die 2016 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde, ist ihr Bau am Fuss des griechischen Lekani-Gebirges vorerst unterbrochen. Mühsam kämpft sich Lefteris Kotaidis’ alter Geländewagen den Berg hoch, vorbei an orangen Absperrbändern. Oben auf dem Berg stoppt Kotaidis, der die Region als ehemaliger Bürgermeister gut kennt. Entlang des Bergrückens hinterlässt die Pipeline eine hellbraune Narbe im dunkelgrünen Waldteppich. Geht es nach den Bauern, würde die Route an dieser Stelle nicht ins Tal hinunterführen, sondern einfach hier oben bleiben. Kotaidis zeichnet mit einem Stein zwei Linien in den sandigen Boden – eine Route, die der TAP-Betreibergesellschaft ebenfalls vorgeschlagen wurde. «Es ist die Pflicht von TAP, beide Routen zu prüfen. Sie aber sind gleich bei der geblieben, die sie anfangs vorgeschlagen hatten», sagt Kotaidis.

Die geotechnische Kammer Griechenlands hat die Route ebenfalls untersucht und weist auf die landwirtschaftlichen Schäden hin, die sie mit sich bringen würde. Lisa Givert von der TAP AG hingegen schreibt, dass man beide Verläufe untersucht und sich für jene mit den geringsten Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft entschieden habe.

«Nur über unsere Leichen!»: Spyros Prousaef

Am Fuss des Lekani-Gebirges, wo die Pipeline den Berg verlassen soll, sitzt Spyros Prousaef auf seinem hellgrünen Traktor und schreit sich den Frust aus dem Bauch: «Sie werden hier nie vorbeikommen, nur über unsere Leichen!» Prousaefs Feld ist das erste auf der elf Kilometer langen Strecke des Widerstands. Siebzig Prozent der hiesigen LandbesitzerInnen weigern sich, einen Miet- oder Kaufvertrag mit der TAP AG zu unterschreiben. Prousaef, Anfang vierzig, grünes Poloshirt, bulliger Typ, war einer der Ersten. Nicht nur, dass die schweren Maschinen der TAP die Struktur der Erde zerstören und so die Bedingungen für den Ackerbau verändern: Prousaef wehrt sich auch gegen die Art und Weise, wie sich das Unternehmen den Bauern gegenüber verhält. Man habe versucht, sie zu spalten und einzelne Bauern mit Geld zu ködern, sagt Prousaef: «Man hätte sich auch mit uns allen an einen Tisch setzen können, um eine gemeinsame Lösung zu finden.»

Vertrocknet von der Augustsonne, lassen Prousaefs Sonnenblumen ihre Köpfe hängen. In 25 Tagen wird das Feld abgeerntet, samt Stängel werden sie zu Biodiesel verarbeitet. Liegt das Feld erst einmal brach, befürchtet Prousaef, werde es für die TAP ein Leichtes sein zu graben. So wie damals, am 6. Oktober 2016, als er einen Anruf von einem Freund erhält, der unbekannte Leute in gelben Westen auf seinem Feld gesichtet hat. Kurz darauf steht Prousaef dort fünfzehn Arbeitern gegenüber. Wenig später stehen auch siebzig Bauern auf dem Feld. Die Arbeiter hätten eine gerade Ebene bereits mit gelben Pfeilern markiert, sagt Prousaef. Ihm aber hätten sie erzählt, dass sie sich verlaufen hätten.

Vor fünf Jahren war Prousaef im Internet auf eine Karte gestossen. Erst so hatte er von der Pipeline erfahren: «Von der Firma habe ich nie etwas gehört.» Prousaef sagt, dass die TAP AG nie auf ihn zugekommen sei, ihm nie einen Kauf- oder Mietvertrag vorgelegt habe. Sie hätten kein Recht, sein Feld ohne seine Erlaubnis zu betreten, deshalb habe er sie angezeigt – seit zwei Jahren wartet er darauf, dass die Justiz etwas unternimmt. Für Prousaef ist die TAP eine Diebin – nur dass sie statt in sein Haus in sein Feld einbricht. Ohne dafür von der Justiz bestraft zu werden. Mindestens zweimal am Tag kommt er auf sein Feld, um zu kontrollieren, ob es jemand unerlaubt betreten hat.

Die TAP AG dagegen behauptet, seit 2013 mehrere öffentliche und auch persönliche Treffen durchgeführt zu haben, an denen sie die Betroffenen über ihre Rechte und den Verlauf der Pipeline informiert hätten. Nur in Fällen, in denen eine Einigung nicht zustande gekommen sei, hätten sie von ihrem Recht Gebrauch gemacht, das Grundstück ohne Zustimmung der BesitzerInnen zu betreten. Rechtliche Grundlage für dieses Vorgehen sei der sogenannte «forced process», eine im griechischen Recht verankerte Praxis. Anders als bei einer Enteignung würden die EigentümerInnen laut der TAP AG nicht ihr Eigentumsrecht verlieren – nach Abschluss der Bauarbeiten werde das Grundstück an die rechtmässigen EigentümerInnen zurückgegeben. Enteignung auf Zeit sozusagen. Spyros Prousaef allerdings sagt, er habe von diesem Gesetz noch nie gehört.

Die Schweiz macht mit

Soll man tatsächlich Rücksicht auf die Interessen von hundert Personen nehmen, wenn es für ganz Europa darum geht, sich energiepolitisch von Russland zu lösen? Wo hört das individuelle Recht zugunsten eines Grossprojekts für alle auf? Das griechische Gesetz hat darauf eine klare Antwort: Wenn das öffentliche Wohl betroffen ist, in diesem Fall die Versorgungssicherheit in Bezug auf Erdgas, können Grundrechte wie jenes auf Eigentum oder Natur eingeschränkt werden. Am Anfang eines solchen Prozesses steht eine Güterabwägung. Was ist wichtiger: dass der Bauer sein Geld verdient – oder dass das Projekt umgesetzt wird? Auch in der Schweiz ist dieses Verfahren gängig, etwa wenn eine neue Autobahnstrecke gelegt wird. Die Demokratie hat eine Lösung für solche Konflikte. Kurz gesagt: Die Mehrheit gewinnt.

Mit der TAP gibt es zum ersten Mal eine Pipeline, die Erdgas aus dem kaspischen Raum nach Europa bringt. Das ist auch geopolitisch von Bedeutung – nicht zuletzt, weil Europas eigene Gasreserven abnehmen. Im Zuge der Ukrainekrise, in der es zu Gasversorgungsengpässen gekommen war, wird die Abhängigkeit von russischem Gas in Europa zunehmend infrage gestellt. Mit dem dritten Energiepaket distanziert sich die EU erstmals von Russland. Unter anderem verbietet es dem Betreiber einer Pipeline, gleichzeitig Gaslieferant zu sein. Diese Regelung zielt eindeutig auf den russischen Gasmonopolisten Gazprom. Die Schweiz beteiligt sich am Vorhaben der EU.

Für Elmar Grosse Ruse vom WWF Schweiz ist es zwar richtig, die Abhängigkeit von Russland zu reduzieren. «Wir sind aber überzeugt, dass man das am besten erreicht, indem man den Gasverbrauch an sich reduziert», sagt er. «Die Schweiz braucht Erdgas nicht als Brückentechnologie. Wir haben keine Kohlekraftwerke, die durch Erdgas ersetzt werden könnten, um den Strom ein bisschen sauberer zu machen, und wir haben durch die Wasserspeicherwerke die nötige Flexibilität im Stromsystem, um erneuerbare Energien zu ergänzen.» Statt das Geld in überflüssige fossile Infrastruktur zu stecken, solle es besser in Energieeffizienz und erneuerbare Technologien wie Wärmepumpen und Fernwärmenetze investiert werden. Zumal die Schweiz dem Pariser Klimaabkommen zufolge schon sehr bald (fast) komplett ohne fossile Energien zurechtkommen muss.

Natasha Ceta, Hausfrau, Südalbanien

Die Region Skrapar im südalbanischen Bergland ist eine der letzten Albaniens, in der die Pipeline noch nicht im Boden ist. Neben einem Wohnhaus manövrieren Arbeiter schwarze, etwa vier Meter lange Stahlrohre mit einem Kran in eine Grube. Mit rund eineinhalb Metern Durchmesser sind sie gerade so gross, dass ein Mensch gebückt hindurchgehen kann. Skrapar gehört zu den ärmsten Gegenden in Albanien. Isoliert durch schlecht erschlossene Strassen, konnte sie sich nur langsam entwickeln. Elektrizität gibt es in Albanien seit den siebziger Jahren, aber die meisten Menschen hier kochen und heizen mit Gas aus zugekauften Flaschen. Doch seit hier vor vier Jahren mit dem Bau der Pipeline begonnen wurde, hat das Konsortium viel Geld in neue Strassen und andere Projekte gesteckt: einen neuen Kindergarten, neue Geräte für das Krankenhaus – Investitionen in Höhe von sechzig Millionen Euro. Über tausend Menschen haben zudem bei der TAP einen Job gefunden – die Pipeline hat ihre Lebensverhältnisse verbessert.

Ob die TAP am Ende auch Gas ins eigene Land bringen wird, ist ungewiss. Zurzeit bezieht Albanien seinen Strom zu hundert Prozent aus Wasserkraft, die Wetterschwankungen ausgesetzt ist. In Zeiten von Stromknappheit muss teuer aus dem Ausland zugekauft werden. Auch deshalb hofft man in der Hauptstadt Tirana neben den Einnahmen aus dem Gastransit auf einen erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen zwischen der Regierung und TAP.

Natasha Ceta hat die Pipeline bislang nur Unglück gebracht. Die schweren Transporter, die eben noch um die Serpentinen bogen, wirbeln den Staub in die Rosen in ihrem Garten. Ceta hockt auf einem durchgesessenen braunen Stoffsofa auf ihrer Terrasse und knetet ihre Hände. Sie hat Angst, dass die TAP ihr nimmt, was ihr am wertvollsten ist: ihr Haus. Zwanzig Jahre hat Ceta dafür in Griechenland gearbeitet.

Genau zwanzig Meter liegen zwischen ihrem Sofa und der Pipeline. Genug, um ausserhalb der Sicherheitszone zu sein, in der keine Häuser gebaut werden dürfen, um äussere Einflüsse auf die Pipeline fernzuhalten und Gaslecks zu verhindern. Sicher fühlt sich Ceta deshalb nicht. «Plötzlich fängt der Boden an zu beben, ein grosser Riss tut sich vor meinem Haus auf. Am Ende wird er es verschlingen.» Jede Nacht träume sie den gleichen Traum.Geld, um sich woanders ein Haus zu kaufen, wollte TAP ihr keines geben. Erst, wenn ihr Haus tatsächlich Schaden nähme, hätte sie Anspruch darauf. Aus einer Plastiktüte zieht Ceta einen Papierstapel heraus, den sie auf den Tisch legt. Auf den Dokumenten: der Stempel des Kantons Zug, wo die TAP AG ihren Sitz hat. «Als sie am Anfang hierherkamen, haben sie gesagt, ich solle nun endlich unterschreiben und nicht erst den ganzen Vertrag lesen, weil das Wochen dauern würde.» Also unterschrieb sie.

Hinter dem Haus, im Schatten eines Berges, bleibt Ceta vor einem leeren Acker stehen. «Das hier war mein Grundstück. Hier standen Olivenbäume, die waren mindestens sechs Jahre alt», sagt sie. Zwar hat sie dafür eine Entschädigung von 170 000 Lek, umgerechnet etwa 1300 Euro, bekommen. Aber das wiegt nicht auf, was sie verloren hat: Als die Mitarbeiter von TAP anfingen, die Olivenbäume auszureissen, fuhr ihr Mann nach Griechenland. Er konnte nicht mit ansehen, wie die Bäume, die er aus Griechenland hergebracht und eigenhändig gepflanzt hatte, in weniger als einem Tag zerstört würden. Seitdem lebt Ceta allein. Warum die Pipeline gebaut wird, weiss sie nicht. Aber sie weiss, wer davon profitiert: «Das sind die Europäer. Bei uns hier bleibt das Problem. Wir haben verloren. Ich persönlich jedenfalls.»

Narben europäischer Energiepolitik

Auch an Themis Kalpakidis, dem Vorsitzenden der Bauernvereinigung im griechischen Kavala, geht der Kampf gegen die TAP nicht ohne Spuren vorbei. Er hat abgenommen, wieder angefangen zu rauchen. Als er am 27. Juni in den Gerichtssaal von Kavala geführt wird, taumelt er: Tags zuvor hatten Polizisten ihn und sieben weitere Männer vom Feld weg verhaftet, wo sie die TAP-Arbeiter behindert hatten. Aus Protest gegen die leeren Versprechen der Politik und die Untätigkeit der Justiz war er acht Tage zuvor in den Hungerstreik getreten. Im Gerichtssaal bricht er zusammen, das Verfahren wird auf Dezember verschoben, er und seine Mitstreiter werden freigelassen. Von den Kindern im Dorf wird Kalpakidis seit dem Hungerstreik als Held gefeiert, die Bevölkerung steht zum Protest. Immer wieder gelingt es den Bauern, mit Sitzblockaden die Grabungen zu stoppen. Auch, weil die Genehmigungen der Baufirma mittlerweile nicht mehr gültig sind und die Arbeiter Überreste einer Strasse aus der Antike gefunden haben.

Was also ist diese Pipeline: Fluch oder Segen? Am Ende ist es eben meist das Anliegen der Minderheit, das im Interesse der Mehrheit geopfert wird. In dieser Geschichte sind das die BäuerInnen, deren Verluste zum Kollateralschaden der europäischen Energiepolitik werden. Ihre Ängste und Sorgen erscheinen Europa im Vergleich zur Grösse des Projekts vernachlässigbar. Ist es überhaupt möglich, ein derartiges Projekt umzusetzen, ohne dabei die legitimen Interessen einiger Menschen zu verletzen? Im Fall der TAP ist es nicht gelungen.

Zwischen Strandbar und Menschen in Liegestühlen im albanischen Fier verlässt die TAP Albanien in Richtung Italien. Noch in diesem Herbst soll sie hier in die Adria geführt werden. Zehn Stunden braucht die Fähre vom nahen Hafen in Vlora bis nach Brindisi. Das Erdgas, das in zwei Jahren entlang des Meeresbodens in etwa die gleiche Strecke nehmen wird, wird nur halb so lang brauchen. Ab 2020 wird hier 200 Grad heisses Gas transportiert. Europa ist glücklich: In zwei Jahren wird die Pipeline mit einer grossen Feier eingeweiht werden. Medien, PolitikerInnen, sie alle werden die Pipeline als wichtige Versorgungsroute der EU feiern. Welche Narben sie in den Transitländern hinterlässt, bleibt vermutlich unerzählt.

Diese Reportage wurde unterstützt durch ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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