Nr. 38/2005 vom 22.09.2005

Buddha hilf!

Von Andreas Fanizadeh

«Ich bin jetzt überzeugt, dass die Buddha-Statue nicht demoliert worden ist. Sie zerbröckelte aus Scham. Aus Scham wegen der Ignoranz des Westens gegenüber Afghanistan.» Der Schweizer Regisseur Christian Frei («War Photographer», 2001) stellt dieses Zitat von Mohsen Makhmalbaf leitmotivisch seinem neuen Dokumentarfilm «The Giant Buddhas» voran. Makhmalbaf, ein iranischer Filmemacher, sowie der Al-Dschasira-Fernsehjournalist Taysir Alony vertreten in Freis Produktion die These, die Uno-Embargopolitik habe Schuld daran, dass die Taliban im März 2001 die zwei riesigen Buddha-Statuen im afghanischen Bamiantal in die Luft gesprengt hatten.

Frei arbeitet auch mit historischem Filmmaterial, das die Taliban bei ihrem Aufsehen erregenden und tagelangen Bemühen zeigt, die kolossalen Statuen aus dem 13. Jahrhundert zu sprengen. Im Bild festgehalten hatte die Aktion der Buddha-Zerstörung im März 2001 Al-Dschasira-Mann Alony, natürlich mit Wackelkamera. Alony behauptet, er habe die Aufnahmen heimlich und als Talib verkleidet tun müssen. Die Sensationslust hätte ihn getrieben.

Letzteres mag ein Motiv gewesen sein. Frei hinterfragt dies allerdings nicht, obwohl es insgesamt nicht so recht plausibel klingen will. Sollte Alony wirklich ein so grosses Risiko eingegangen sein? Oder könnte nicht vielmehr eine medienpolitisch geschulte und den Taliban nahe stehende Fraktion ein Interesse daran gehabt haben, dass ein zuverlässiger Kollege die Aktion für die Weltöffentlichkeit festhielt? Bekannt ist, dass Alony beruflich beste Kontakte zu den Taliban unterhielt. Ob seine Verbindung zu ihnen und al-Kaida rein journalistisch blieben oder darüber hinausreichten, versucht derzeit ein spanisches Gericht zu klären. Die spanische Anklage hält Alony für ein aktives Mitglied des Terrornetzwerks von al-Kaida und glaubt, ihm entsprechende Kurierdienste nachweisen zu können. Alony stellt dies in Abrede.

Ungeachtet der juristischen Auseinandersetzung ist das Naive an Freis Perspektive, dass er in seinem Film die kulturalistischen Thesen Alonys oder Makhmalbafs gegen «den» Westen unwidersprochen und unhinterfragt stehen lässt. Dabei wäre es interessant gewesen, mit den Mitteln des Dokumentarfilms etwas über die Hintergründe der Taliban-Ideologie und ihres Aufstiegs in Afghanistan zu erfahren. Stattdessen delegiert Frei die Verantwortung für Bilderstürmerei und Zerstörung in Afghanistan einfach ans Ausland, um sich in mehr oder weniger bedeutsamen Stimmungsbildern und persönlich anmutenden Spleens über den Hindukusch bis nach Kanada und China zu ergehen. Eine vertane Chance.

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