Nr. 36/2005 vom 08.09.2005

Früherer Talib kritisiert Bin Laden

Von Judith Huber

Noch vor vier Jahren waren sie Mitglieder der Taliban-Regierung und galten als Feinde der USA. Heute kandidieren sie für das afghanische Parlament - in Wahlen, die von den USA tatkräftig gefördert werden. Die Rede ist von drei ehemaligen hochrangigen Taliban: Wakil Achmed Mutawakil, Aussenminister, Mohammed Abdulsamad Chaksar, Vizeinnenminister, und Maulawi Kalamuddin, Chef der gefürchteten Religionspolizei. Letztere verprügelte Frauen ohne Burka oder mit zu hohen Schuhen und Männer mit zu kurzen Bärten auf offener Strasse. Mindestens vier ehemalige Taliban-Grössen und mehrere Kommandanten wollen am 18. September ins Unterhaus des Parlaments gewählt werden. Präsident Hamid Karsai hat alle Taliban ermuntert, sich loszusagen, und ihnen ein Versöhnungsprogramm angeboten. Das haben bisher rund 300 einfache Soldaten und gegen 50 hochrangige Taliban getan.

Mutawakil, der nach dem Sturz der Taliban drei Jahre in US-Gefangenschaft sass, kandidiert als Unabhängiger in der ehemaligen Taliban-Hochburg Kandahar im Süden des Landes. Nun macht er mit einer aussergewöhnlichen Wahlstrategie auf sich aufmerksam: Er hat ein Buch über die Taliban-Herrschaft veröffentlicht. Titel: «Afghanistan und Taliban». Darin beschuldigt Mutawakil den Kopf des Terrornetzwerkes al-Kaida, Usama Bin Laden, Afghanistan ruiniert zu haben, wie die indische Nachrichtenagentur Ians berichtet: Bin Laden habe sein Versprechen gebrochen, die afghanische Landwirtschaft zu beleben und zerstörte Strassen und Parks wieder aufzubauen. Ausserdem habe Bin Laden nicht einmal einen Bruchteil seines unermesslichen Reichtums in das Land gesteckt, das ihm trotz grossen internationalen Drucks Zuflucht geboten habe. Der Taliban-Chef Mullah Omar hätte nach den Terroranschlägen in New York die Forderung der USA, Bin Laden auszuliefern, nicht ignorieren dürfen, so Mutawakil.

Der ehemalige Taliban-Aussenminister kritisiert auch die eigene Regierung: So sei etwa die Zerstörung der Buddha-Statuen in Bamian unnötig gewesen. Schliesslich enthüllt er, dass russische Vertreter den Taliban bei einem Treffen in Turkmenistan angeboten hätten, sie offiziell als Regierung anzuerkennen. Dafür habe Russland von den Taliban verlangt, Tschetschenien nicht mehr anzuerkennen. Die Taliban lehnten den Vorschlag ab.

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