Nr. 04/2012 vom 26.01.2012

Bergbaurausch am Hindukusch

Vor zwei Jahren hat Afghanistan riesige Rohstoffvorkommen entdeckt. Für den Westen bietet dieser Fund einen guten Vorwand, um sich aus der politischen Verantwortung zu stehlen. Aber profitiert auch Afghanistans Bevölkerung davon?

Von Thomas Ruttig, Kabul

In diesem Jahr beginnt der Westen den Abzug seiner Truppen aus Afghanistan. Deshalb muss Kabul seine Armee und Polizei aufstocken: 352 000 Mann ist die Zielgrösse für 2014. Wer das bezahlen soll, ist völlig unklar.

Afghanistans Streitkräfte kosten bereits jetzt sechs Milliarden US-Dollar im Jahr. Das entspricht ungefähr den Staatseinnahmen. Mit dieser Ausgangslage bliebe 2014, wenn Kabul alle Rechnungen allein schultern müsste, für Bildung und Gesundheitsversorgung kein müder Afghani übrig. Zwar hat die Staatengemeinschaft Anfang Dezember auf der Bonner Konferenz versprochen, Afghanistan nach 2014 nicht fallen zu lassen. Doch wie viel dieses Versprechen wert ist, steht angesichts des US-Budgetdefizits, der anhaltenden europäischen Schuldenkrise sowie der Folgekosten von Klimawandel, Fukushima und der arabischen Rebellionen in den Sternen.

Da kommt die Sensationsmeldung, die vor zwei Jahren verkündet wurde, gerade recht: Afghanistan sitze auf Rohstoffvorkommen an Kupfer, Gold, Eisen, Kohle, Öl, Gas, Chrom und sogar Lithium von nicht einer, sondern gleich drei Billionen US-Dollar. Die Zahl von einer Billion kam von GeologInnen der US-Regierung, die alte sowjetische Studien aufgepeppt hatten; dann erhöhte Kabuls Bergbauminister Wahidullah Schahrani die Zahl eigenhändig auf drei Billionen. Wenn diese fast unberührten Ressourcen nun zügig erschlossen würden, so der Minister, könne Afghanistan wirtschaftlich bald auf eigenen Füssen stehen und auch seine Streitkräfte selbst bezahlen. Für jene im Westen, die den Abzug planen, ist das eine erfreuliche Nachricht.

Die «Neue Seidenstrasse»

Der Plan heisst «Neue Seidenstrasse» – ein System von Strassen, Eisenbahnlinien und Pipelines, das Afghanistan sowohl an die regionalen als auch an die internationalen Märkte anbinden und so Geld ins Land spülen soll. Ausgearbeitet wurde der Plan im Centcom, dem in Florida stationierten Kommando der US-Streitkräfte für die Region zwischen Ägypten und Kasachstan, unterstützt von einer Pentagon-Taskforce in Kabul. Doch auch Deutschland will nicht abseits stehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel bot Präsident Hamid Karzai in Bonn Ausbildungshilfe und eine verstärkte wirtschaftliche Kooperation an, damit Afghanistan «fairen Zugang zu seinen eigenen Ressourcen» erhalte.

Seit Monaten jettet Bergbauminister Schahrani, einer der jungen englischsprechenden Technokraten in der Kabuler Regierung, nach London, Canberra und Ottawa, wo die Riesen der Rohstoffbranche sitzen. Doch bisher schlugen nur Chinas und Indiens staatlich geförderte Konzerne zu. Die Metallurgical Corporation of China (MCC) sicherte sich bereits 2007 den Zuschlag für Mes-e Ainak (vgl. «Die Buddhas von Ainak»), möglicherweise die zweitgrösste Kupfermine der Welt. Ölfelder im nordafghanischen Sarepul gingen an die nationale chinesische Ölgesellschaft CNPC. Die Konzessionen für Eisenerz- und Kohlevorkommen am Hadschigak-Pass in Zentralafghanistan erhielt ein indisch-kanadisches Konsortium; am Pass wird bereits seit Jahrzehnten unter vorindustriellen Bedingungen Kohle für den Hausgebrauch abgebaut. Nun sollen Milliarden in die Modernisierung der Fördermethoden fliessen.

Dabei stellen sich zahlreiche Fragen: Werden die Minen tatsächlich Arbeitsplätze für Einheimische schaffen? Die Erfahrungen im Rohstoffabbau etwa aus dem Nigerdelta, dem Tschad oder Westpapua sprechen dagegen. Wie soll das Erz in die Walzwerke nach Indien gelangen? Afghanistan hat keine verarbeitende Industrie. Kann man wirklich eine Eisenbahn durch eines der höchsten Gebirge der Welt bauen? Womit werden die örtlichen BäuerInnen heizen, wenn Indien die Hadschigak-Kohle für die Erzverhüttung braucht? Und womit werden die BäuerInnen um Ainak ihre Felder bewässern, wenn für den Kupferabbau Unmengen an Wasser verbraucht werden?

Ainak liegt südöstlich von Kabul in der Provinz Logar am gleichnamigen kleinen Fluss. Der Fluss speist das Grundwasserreservoir der Hauptstadt, doch bereits letzten Sommer war er völlig ausgetrocknet, viel früher als gewöhnlich. «Wir haben seither kein Wasser mehr, um unsere Felder zu bewässern», sagt Fahimullah, der in Kabul arbeitet, aber etwas Land in Logar besitzt. «In den Tiefbrunnen ist noch welches, aber das brauchen wir zum Trinken und Kochen.»

Und dann ist da ja auch noch der Krieg. Schon in den achtziger Jahren versuchten die Sowjets, die Ainak-Mine auszubeuten. Aber die Mudschaheddinguerillas durchkreuzten ihre Pläne. Heute sind Taliban in der Gegend aktiv; das Lager der chinesischen Voraustrupps ist mit Drahtverhauen gesichert und wird von einer 1500 Mann starken Sondertruppe des Kabuler Innenministeriums bewacht. Bereits 2008 gab es erste Angriffe.

In Kabul kennt man all diese Probleme. Der Vizechef des Kabuler Umweltamts, Ghulam Muhammad, sagt der WOZ, jede Firma müsse bei ihrer Bewerbung eine Umweltrisikoprüfung und einen Entschädigungsplan für eventuelle Unfälle vorlegen. Ausserdem dürfe MCC in Ainak kein örtliches Wasser benutzen, sondern müsse es von anderswo heranpumpen. Doch einen Wasserüberschuss gibt es in Afghanistan nirgends.

Unterdessen bereitet Bergbauminister Schahrani Afghanistans Beitritt zur Extractive Industries Transparency Initiative (EITI) vor. Der Initiative haben sich weltweit Regierungen, Grossfirmen und nichtstaatliche Organisationen (NGOs) angeschlossen, um mehr Transparenz im Bergbausektor durchzusetzen. Doch Afghanistan kann frühestens in zwei Jahren beitreten. So ist es fraglich, ob Schahrani – selbst bei bestem Willen – die EITI-Kriterien in Fällen wie Ainak oder Hadschigak rückwirkend gegen unwillige Vertragspartner wird durchsetzen können. «Der politische Wille auf Ministeriumsebene ist erkennbar», sagt Yama Turabi von der NGO Integrity Watch. «Aber die Fähigkeit, Transparenz durchzusetzen, nicht.»

Die Warlords mischen mit

Erschwerend kommt hinzu, dass achtzig Prozent der afghanischen Bergwerke nicht unter Kontrolle der Zentralregierung sind, wie das zuständige Ministerium in Kabul selbst einräumt, sondern unter der Kontrolle regionaler Warlords. Der afghano-usbekische General Abdurraschid Dostam beherrscht die Gas- und Ölfelder Nordafghanistans, Vizepräsident Kasem Fahim nahestehende Kommandeure kontrollieren die Edelsteinminen von Badachschan und des Pandschir-Tals, Ismailitenführer Seyyed Mansur Naderi hält die Goldminen in Baglan, die mit den Taliban verbündete Haqqani-Familie die Bauxitgruben von Khost – von denen aus täglich LKWs illegal über die Grenze nach Pakistan rollen.

Die Warlords werden sich kaum von den Gesetzen des schwachen afghanischen Staats beeindrucken lassen. Und da viele von ihnen eigene Milizen unterhalten, manche als Sicherheitsfirmen getarnt, werden sie wohl auch die Bewachung ihrer eigenen Minen übernehmen.

Afghanistans Rohstoffreichtum, so ist zu befürchten, ist für die bewaffneten Neooligarchen ein Segen. Doch für die Mehrheit der Bevölkerung könnte er zum Fluch werden.

Kulturschätze

Die Buddhas von Ainak

Als sie im März 2001 die beiden riesigen Buddhastatuen von Bamian in die Luft bombten, schrieben sich die afghanischen Taliban in die Annalen der Kunstgeschichte. Gefahr droht nun auch der buddhistischen Klostersiedlung von Ainak, die bei der Kupfermine im zentralafghanischen Logar liegt: die Bagger der chinesischen Bergbaufirma MCC.

Noch haben die ArchäologInnen vor Ort eine Galgenfrist, der Abbau soll erst 2014 beginnen. Bis Mai 2012 dürfen sie in den vier Klosterkomplexen graben. Da die Bergbaufirma in ihrem Zeitplan zurückliegt, ist sogar eine Verlängerung nicht ausgeschlossen. Kulturhistorisch ist Ainak wohl genauso bedeutend wie Bamian, denn es reiht sich in eine Kette buddhistischer Mönchssiedlungen ein, die über Hadda – das dortige Freiluftmuseum wurde in den achtziger Jahren von den Mudschaheddin zerstört – ins heutige Nordpakistan und nach Südafghanistan reichte.

Die bisherigen Funde von Ainak sind sensationell: mehrere Buddhastatuen, darunter eine hölzerne, wohl 1500 Jahre alt, Terrakottafiguren, Münzen und sogar goldener Schmuck, der im Stil Ähnlichkeiten mit dem berühmten, vor dem Zugriff der Taliban geretteten baktrischen Goldschatz aufweist, der unter anderem auch in Deutschland ausgestellt wurde.

Manche BeobachterInnen meinen sogar, die Verzögerung sei Absicht: China wollte sich die Rechte über die Mine von Ainak sichern, um eine Reserve für die Zukunft zu haben. Das könnte eine Chance für die Buddhas von Ainak sein.

Thomas Ruttig

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