Nr. 40/2005 vom 06.10.2005

Die erste Frau am Klavier

Das Filmporträt von Gitta Gsell über die Jazzmusikerin ist kurzweilig und informativ, aber nicht in jeder Hinsicht gelungen, findet unser Hamburger Gastkritiker.

Von Ulrich Stock

Eine Schweizer Regisseurin mit dem Porträt einer Schweizer Jazzpianistin, die obendrein noch Schweizer heisst; an Schweiz ist kein Mangel im 75-minütigen Dokumentarfilm «Irène Schweizer», der demnächst in den Kinos anläuft und später als DVD in den Handel geht. Der auswärtige Rezensent versteht zunächst einmal nichts, weil nur Schwyzerdütsch gesprochen wird; dankbar schaltet er die in der DVD-Version enthaltenen deutschen Untertitel zu. Und fragt sich, ob er die Betonung der Region jetzt besonders authentisch finden soll oder heroisch marktfern, denn immerhin gibt es 130 Millionen Menschen, die des Deutschen mächtig sind und von denen sich einige hunderttausend vielleicht schon diesen Film ansehen würden, könnten sie ihn denn verstehen.

Die Schweiz als ein Besonderes dieser Jazzmusikerin spielt über den Dialekt hinaus eine Rolle im Film. Irène Schweizer schwimmt im Zürichsee, sie lässt sich umspülen in der zumthorschen Felsentherme zu Vals, sie fährt in die Berge hinauf und setzt die nackten Füsse in den Schnee, oder sie spielt in Zürcher Cafés mit jungen MusikerInnen. Die 64-jährige Pionierin hat sich - im Landgasthof zu Schaffhausen mit Boogie-Woogie-Tanzbetrieb aufgewachsen - früh den jazzmusikalischen Einflüssen geöffnet, die naturgemäss von anderswo kamen, in ihrem Fall aus Südafrika. Für ihre Erweckungserlebnisse in den fünfziger, sechziger Jahren musste sie ihr Heimatland nicht verlassen; die inspirierende Fremde kam ins Café «Africana» nach Zürich, es waren schwarze Musiker aus einem schwarzen Land, die sich vor dessen weissem Regime nach Europa geflüchtet hatten und ihre Musik nun dort spielten.

Im Film fährt Irène Schweizer nach Südafrika, allerdings erst vier Jahrzehnte später, 2003; sie reise nicht gern, vertraut sie der Kamera an. Nach dem Jazz schlafe sie am liebsten im eigenen Bett, alles andere sei so anstrengend. Und eine Freundin erzählt, wenn die Irène könnte, würde sie ihre Konzerte am liebsten übers Telefon geben.

Im Film wirkt das gar nicht so schrullig, wie sich das jetzt liest. Die Pianistin erscheint als eine Frau, die von Jugend an ihren eigenen Weg ging. Was andere dachten und machten, konnte ihr zuweilen herzlich egal sein. Rock ’n’ Roll oder was sonst en vogue war, interessierte sie nie; ohne den Jazz wäre sie keine Musikerin geworden, was aber nicht heisst, dass sie sich alles Jazztypische anverwandelt hätte. Eine vielleicht aus Schaffhausen mitgebrachte Beharrlichkeit nutzte sie, um ihre Offenheit und Experimentierfreude gegen jedwede Beschränkung zu verteidigen, auch gegen die gängigen Regeln ihrer Lieblingsmusik.

Wo sie auftrat, war sie über lange Zeit hinweg stets die erste Frau, hatte also schon qua Geschlecht eine Sonderrolle und spielte sie, indem sie den Vorstellungen der Männer in aller Freundschaft ihre eigenen gegenüberstellte, als Feministin und bekennende Homosexuelle.

Ein rebellischer Zug kennzeichnet ihre frühen und mittleren Jahre, vom Studentenprotest bis zum Freejazz und schliesslich der Gründung musikalischer Frauengruppen; dabei glitt sie nie in Hass oder Bitterkeit ab, wenn die Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderung in wichtigen Punkten unerfüllt blieb. Heute kommentiert sie ihre Kämpfe so entspannt wie verschmitzt, ohne sich im Mindesten zu distanzieren - im Film sind das die schönsten Stellen: Die ZuschauerInnen spüren etwas von den Wonnen des Alters, der Gelassenheit, der Reife. Die Jugend war schön, weil man sich bewiesen hat; jetzt ist es auch schön, weil man nicht mehr so viel beweisen muss.

Die Pianistin fühlt sich befreit vom Druck der musikalischen Leistung, vielleicht auch von jener Last, immer die erste Frau auf der Bühne zu sein; denn inzwischen gibt es ein paar andere, und im Film sind sie aufs Schönste zu besichtigen: wuchtige, sprühende Charaktere.

Irène Schweizer braucht vor der Kamera stets nur wenige Sätze, um in eigener Sache auf den Punkt zu kommen. So ähnelt ihre knappe Art ihrem kompakten Spiel, in dem sich Rhythmus und Ökonomie vereinen, um die melodischen Ideen zur Geltung zu bringen. Erst als die Pianistin, die auch Schlagzeug spielt, nach ihrem Verhältnis zur Musik gefragt wird, gerät sie aus dem Takt. Sie sagt irgendwie nichts, scheint aber sagen zu wollen: Nach dieser Antwort suche ich doch mein Leben lang - das braucht noch etwas!

Also, wie man am Erzählen über die Heldin dieses Filmes erkennen kann, es kommt einiges rüber über Irène Schweizer. Ihre Persönlichkeit wird beschrieben, erklärt und ausgedeutet von den Weggefährten ihres Plattenlabels Intakt, vom deutschen Freejazzproduzenten Jost Gebers, von ihrem holländischen Partner am Schlagzeug, Han Bennink, von ihrer französischen Partnerin am Bass, Joëlle Léandre, ihrer englischen Vokalistin, Maggie Nicols, und vielen anderen mehr. Hinzu treten Bilder von Auftritten und Landschaften; nebenher und zwischendurch wird in historischen Sequenzen die Nachkriegsentwicklung des Jazz in der Schweiz erzählt.

Genau hier liegt ein Problem des Films: Er will so viel zeigen, dass ihm die Projektionsfläche zu klein wird. So spaltet sich das Geschehen in zwei, manchmal drei parallele Fensterchen, und man weiss als ZuschauerIn gar nicht recht, wo man hinsehen soll, und weiss manchmal auch nicht mehr, welche Szenen nun eigentlich von der Dokumentarfilmerin Gitta Gsell eingefangen wurden und welche aus anderen Quellen oder dem Archiv stammen; offenbar war der Regisseurin diese Unterscheidung nicht wichtig.

Der nervöse Duktus des Films passt so gar nicht zur ruhigen, konzentrierten Musikerin. Und was - angesichts des getriebenen Aufwands - noch bedauerlicher ist: Die Musik kommt im Film zu kurz. Ihr werden stets nur Momente zugestanden; immer wieder wird sie textlich oder bildlich zerschnitten. So hat man manchmal das Gefühl, keinen tief durchatmenden Film zu sehen, sondern einen ungewöhnlich langen Fernsehbeitrag im Zackzackschnitt mit Windows-Ästhetik.

Besonders stört dies in der südafrikanischen Episode: Der ins Exil gezwungene Schlagzeuger Louis Moholo kehrt in seine Heimat zurück, in weisser, weiblicher, schweizerischer Begleitung und spielt mit ihr eine Musik der Befreiung. Da gibt es wunderbare Konzertmomente, aber die Kamera nimmt sich nicht die Zeit, bei den so unterschiedlichen Musikern zu verweilen und in den staunenden, glänzenden, amüsierten, gelangweilten Gesichtern des jugendlichen Publikums zu lesen, sondern sie bricht auf zu einer kleinen Bildersafari in die Umgebung, offenbar um die Nähe zwischen Klang und Landschaft zu illustrieren.

So hinterlässt der Film einen zwiespältigen Eindruck: Obwohl an keinem Punkt langweilig, verfehlt er das Eigentliche.

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