Nr. 40/2005 vom 06.10.2005

Gute Jungs, böse Jungs

Für Jugendliche am Rande der Gesellschaft Sierra Leones ist der Staat ein Räuber, korrupt und gefrässig. Die Outsider in den Strassen Freetowns haben keine Chance auf Integration.

Von Mats Utas, Freetown

Eines Abends hält mich an einem der Checkpoints in Freetown ein Polizist wegen des defekten Frontscheinwerfers meines Autos an. Ihm ist daran gelegen, die Angelegenheit sofort an Ort und Stelle zu erledigen. 5000 Leone, das sind ungefähr drei Franken, würden dafür reichen; etwas weniger, wenn ich ein Sierra-Leoner wäre. Ich erkläre dem Beamten jedoch, dass ich nicht die Absicht habe, ihm Geld zu geben. Wenn ich eines Vergehens schuldig sei, so würde ich die formellen Prozeduren bevorzugen. Es stellt sich später heraus, dass dieser Weg durch die Instanzen schwierig und zeitaufwendig ist und schliesslich vor dem Gericht Freetowns enden wird.

Aber zuerst warte ich ungefähr drei Stunden darauf, dass ich auf dem lokalen Polizeirevier meine Aussage machen darf. Es ist ziemlich offensichtlich, was von mir und anderen Verkehrssündern, die hier versammelt sind, erwartet wird. Wir sollen zahlen, damit unsere Fälle eingestellt werden. Hier auf dem Revier würden es knapp fünf Franken tun, da es mehr Taschen zu füllen gibt. Doch ich bestehe auf den Formalitäten und unterzeichne schliesslich die Berichte und eine Erklärung, die mich verpflichtet, am nächsten Tag um ein Uhr mittags vor Gericht zu erscheinen.

Weshalb, das ist klar. Es ist die nächste Gelegenheit, die Beamten zu bestechen und so die Eröffnung eines Gerichtsverfahrens zu verhindern. Doch ich lasse auch diese Gelegenheit verstreichen. Einige Autofahrer, die ohne Fahrerlaubnis angetroffen wurden, haben die Nacht in der Zelle verbracht. Einer erzählt mir, dass er sehr wohl eine Fahrerlaubnis besitze, doch Angst habe, sie vorzuzeigen. Das berge nämlich das Risiko, dass das Papier einfach einbehalten und von den Polizisten an einen anderen Fahrer verkauft wird.

Gegen zwei Uhr erreiche ich das Gericht. Dort sitzen Fahrer und Autobesitzer, von denen jetzt einige versuchen, ihre Vergehen durch Zahlungen an die anwesenden Polizeibeamten aus der Welt zu schaffen. Es dauert eine weitere Stunde, dann erscheint der Richter. Sergeant Mellon, der ranghöchste Polizist im Gerichtssaal, legt ihm die Akten vor. Das ist nun die letzte Möglichkeit, mit einem Bestechungsgeld davonzukommen. Auch hier im Gerichtssaal wird die Zahlung von Schmiergeld ohne jegliche Diskretion praktiziert. Manche Autobesitzer wenden sich also an Sergeant Mellon. Der Richter zieht sich nach einiger Zeit in sein Büro zurück. Der Sergeant folgt ihm, Akten und Geld in den Händen. Als er wieder erscheint, erklärt er die entsprechenden Fälle für erledigt. «Case don don», wie es in Krio, der Lingua franca Sierra Leones, heisst.

Das Bestechungsgeld, das ich zahlen müsste, beläuft sich nun auf schätzungsweise 40 000 oder 50 000 Leone, ungefähr 30 bis 35 Franken. Mein eigenes Vergehen ist gering. Und schliesslich zahle ich 25 Franken Bussgeld, für die ich eine Quittung der National Revenue Authority bekomme. Doch wie viele Sierra-Leoner können es sich leisten, 25 Franken für ein Verkehrsdelikt zu zahlen? Theoretisch müssten alle Verkehrssünder vor Gericht ziehen, denn die Polizei ist nicht autorisiert, Bussgelder zu kassieren.

Es ist also nicht verwunderlich, dass die Jugendlichen in der Hauptstadt Freetown die Polizei und die Justiz als ausserhalb jeder gesellschaftlichen Kontrolle stehend betrachten. Die Polizei gilt generell als legale Räuberbande. Meine laufende Feldforschung in Sierra Leone fokussiert sich auf eine Gruppe junger Männer, die in Downtown Freetown an einem Platz namens Pentagon Autos waschen. Sie sind Teil der so genannten informellen Wirtschaft. Neben dem halblegalen Putzen von Autos überleben sie durch den Verkauf von gestohlenen Waren und Marihuana oder die Vermittlung von Treffpunkten, an denen Prostituierte und ihre Kunden ungestört sind. Für sie sind der Staat und die Regierung nichts als Diebe.

Sisco ist einer von denen, die am Pentagon Autos putzen. Von hier aus sieht man auf einem der Hügel das Parlamentsgebäude, das in den Strassen von Freetown zu einiger Verstimmung Anlass gibt. So sieht einer der Pentagon-Leute das Parlament: «Sieh dir dieses Gebäude an! Sieh auf die Taschen, die dort draussen dran sind, da lagern sie das Geld, das sie den Leuten stehlen.» So wird die Staatsmacht von marginalisierten Jugendlichen und den meisten einfachen Leuten im Freetown dieser Tage gesehen. Für sie sind die Angestellten des Staates Teil einer «indirekten privaten Regierung», deren Parlamentarier, Politiker, Beamte und Sicherheitskräfte auf Kosten der EinwohnerInnen leben.

Viele Sierra-LeonerInnen sehen ihr Land in einer graduellen Loslösung von der modernen Welt begriffen. In gewissem Masse werden der Kolonialismus und die postkolonialen politisch-wirtschaftlichen Gegebenheiten für das Versagen des Staates und der Verwaltung verantwortlich gemacht. Doch für einfache BürgerInnen ist vor allem die Gier der einheimischen Politiker und Geschäftsleute an der Entkoppelung Sierra Leones von einer imaginierten Modernität schuld. Der natürliche Reichtum des Landes, der vor allem im hohen Diamantenvorkommen liegt, würde nach Auffassung vieler für alle BürgerInnen reichen. Der Wohlstand für alle wird aus dieser Sicht nur durch die Gefrässigkeit der wenigen Reichen verhindert. Sowohl in den Augen der jungen Männer in den Strassen von Freetown als auch der Mehrheit der auf dem Lande Lebenden sind die «Borbor Beles» für den sozialen und wirtschaftlichen Niedergang des Landes verantwortlich.

Auf Krio heisst Borbor Junge, und Bele ist der Bauch. Der Borbor Bele ist der Junge mit dem dicken Bauch, der zu viel isst, Alter unerheblich. Vor kurzem wurde der Begriff Borbor Bele durch den Musiker Emmerson populär. Auf seinem Album finden sich Songs, die das politische System Sierra Leones scharf kritisieren. Es erfreut sich grosser Beliebtheit im ganzen Land. Dem Text auf dem Cover der CD zufolge ist ein Borbor Bele ein korrupter Beamter oder Angestellter einer Nichtregierungsorganisation, der öffentliche Ressourcen stiehlt.

Neben dem Borbor Bele gibt es aber auch den «Borbor Pain». Der Borbor Pain leidet unter dem leonischen Staat. Vielleicht ging Borbor Pain zur Schule, vielleicht war er sogar einer der Besten dort. Doch es nützt ihm nichts. Borbor Pain ist der Spitzname für all jene Jungen, die sich auf der Strasse durchschlagen müssen, die Leidenden. Borbor Pain hat keine feste Arbeit und keine Aussicht, je eine Frau zu heiraten. Und falls er Kinder hat, kann er für sie nur schlecht sorgen.

Borbor Pain ist natürlich nicht zufrieden mit seiner sozialen Lage und strebt nach Besserem. Individuelle Wege des Aufstiegs gibt es nur wenige, und die sind erbittert umkämpft. Die einzigen Aufstiegsmöglichkeiten für Borbor Pains sind Sport, Musik, Migration und Gewalt. Letzteres konnte in der jüngsten Geschichte Sierra Leones durch einen Beitritt in die Armee, die Verteidigungsmilizen oder Rebellengruppen verwirklicht werden.

Am Stand Nummer sieben ist die Stimmung äusserst gespannt, Schwaden von Marihuana liegen in der Luft. Muhamed Kallon, Sierra Leones beliebtester Fussballspieler, bereitet sich gerade auf einen Strafstoss gegen die Mannschaft Guineas vor. Das Freundschaftsspiel gegen das Team aus dem Nachbarland füllt das Stadion. Fussball ist in Sierra Leone äusserst populär. Die Strassenkinder am Stand sieben sehen die Karriere Kallons als beispielhaften Ausweg aus der Armut. Er stammt aus einer armen Familie und schiesst heute für den französischen Club AS Monaco die meisten Tore. Eine Gruppe von jungen Leuten in Freetown kleidet und verhält sich in einer bestimmten Art, die ihre Distinktion von der Mainstream-Jugendkultur anzeigt.

Die heute populärste Musik in Sierra-Leone wird von Sierra-LeonerInnen gemacht. Zumindest in Freetown gilt Musik als ein Weg zur Überwindung der Grenzen zwischen Borbor Pain und Borbor Bele. Aik und 2Jay - beziehungsweise Ibrahim und Junior, wie sie mit bürgerlichen Namen heissen - haben gerade ihr erstes Album aufgenommen. Beide schlossen eine der besten Highschools des Landes mit guten Zeugnissen ab und haben dennoch wenig Hoffnung auf einen annehmbaren Job. Reimen im Hip-Hop Style ist ihre Hoffnung. Wie die meisten anderen Gruppen sind sie von US-amerikanischer Musik beeinflusst, aber sie singen in Krio und mischen ihre Beats mit lokalen Rhythmen. Aik und 2Jay singen über Liebe, Täuschung, blockierte Aufstiegsmöglichkeiten für die Jungen und den Niedergang Sierra Leones.

Ein ganzes Genre von systemkritischen Songs klagt die korrupte Politik in Sierra Leone an und fordert den Wandel. Einige sehen dies als eine Revolution mit dem Mikrofon statt mit der Waffe. Die Jungle Leaders zum Beispiel rappen: «De system, de system e morna we.» (Das System bereitet uns Ärger.) Ein anderer Refrain lautet: «Wutete, Wutete - Salone de tete.» Wutete heisst reichlich und ist der Spitzname des Präsidenten Tejan Kabbah, den er für seine übergrossen Versprechungen während des Wahlkampfs erhielt. Salone - Krio für Sierra Leone -, so sagte es das Lied, kriecht wie ein Baby (de tete).

Die Abwanderung in die Diamantengebiete gehört zu den traditionellen Lebenswegen der Jungen. Die meisten Männer hatten irgendwann etwas mit dem Diamantenhandel zu tun, oft auf unterster Stufe, als «San-San-Boys», Gräber und Wäscher. Diese Form von Arbeitsmigration ist von einer Aura umgeben, die schnellen Reichtum und Glück verspricht. In der Realität handelt es sich um extrem harte Arbeit für ein minimales Einkommen. Der erträumte Überfluss bleibt eine Wunschvorstellung, doch das Ausbrechen aus den sozialen Systemen steht für begrenzte Unabhängigkeit von oft erdrückenden Familienbindungen.

Skin Mercy läuft die Berwick Street entlang, in der einen Hand hält er ein Pega-Pack (einen kleinen Plastikbehälter mit Schnaps), in der anderen einen Joint. Skin ist ein hart arbeitender Typ. Er stammt aus einem nahen Slumgebiet, das Jamaica genannt wird. Arme Eltern, keine Ausbildung und kein stabiles Einkommen. Für Leute wie ihn fallen soziale Navigation und Widerstand gegen den Staat zusammen.

Die Pentagon-Jugendlichen sind politischer Gewalt gegenüber aufgeschlossen, wenn sie einen direkten persönlichen Nutzen darin sehen. Sie streben eine Balance des Terrors mit der nahe gelegenen Polizeiwache an, deren Beamte hier sowohl Razzien durchführen als auch Drogen kaufen. Polizisten, die Ärger machen, werden mit dem Tode bedroht, und Pentagonier, die Ärger machen, werden ins Gefängnis geworfen. Die Kommandostrukturen der Kriegsjahre sind nach wie vor präsent, Militärregierungen werden verehrt.

Sisco, der Autowäscher, nennt sich nach einem US-amerikanischen Rapstar. Früher hiess er mal Tupac, dann Eminem, irgendwann einmal Scorpion. Britische und US-amerikanische Flaggen bilden wichtige Symbole für die Jugendlichen Freetowns, doch es gibt auch andere machtvolle Zeichen, die Widerstand signalisieren sollen. Das Gesicht von Usama bin Laden im Zimmer meines Freundes Turkish zählt dazu. Die Symbole des Staates Sierra Leone hingegen gelten wenig.

In ganz Freetown finden sich so genannte Ghettos, in denen Jugendliche Marihuana rauchen und Palmwein oder Rum trinken. Die Pentagonier besuchen die Ghettos regelmässig. Hier rauchen sie sich nicht nur stoned, sondern halten sich auch auf dem Laufenden, was in der Stadt so los ist, diskutieren über Politik und schliessen Bekanntschaften, die sich für ihr eigenes Überleben und ihren sozialen Aufstieg vielleicht als wichtig erweisen können. Ghettos werden nicht nur von marginalisierten Jugendlichen besucht, manchmal finden auch prominente Besucher den Weg hierher.

Das berüchtigte Ghetto in der Lumley Street im Stadtkern von Freetown wurde ungezählte Male geräumt und hätte einen langen Eintrag in Sierra Leones Kriminalakten, wenn es diese Besucher nicht gäbe. Anfang Mai gab es dort eine Razzia. Unter denen, die in der Lumley Street verhaftet wurden, war auch der Sohn des Präsidenten Tejan Kabbah. In den Strassen von Freetown sind die Drogengewohnheiten des Präsidentensohnes weithin bekannt. Einer meiner Mitarbeiter musste einmal ein Interview mit einer jungen Prostituierten unterbrechen, weil Kabbah junior sie rief und Drogen kaufen schickte. Natürlich stören sich die Sufferers, die Armen, nicht am Drogengebrauch des jungen Kabbah, schliesslich halten es die meisten von ihnen ähnlich. Sie stören sich an der Straflosigkeit, die er geniesst. Er ist eben ein Borbor Bele, geschützt vom System, sie sind die Borbor Pain», gejagt von eben diesem.

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