Nr. 42/2005 vom 20.10.2005

Kampf der Mythen und Legenden

Bald soll es Gespräche über die Zukunft des Kosovo geben. Warum eigentlich wird um die kleine Balkanprovinz so heftig gestritten?

Von Judith Huber

Der Kosovo ist ein kleines Gebiet im ehemaligen Jugoslawien mit einer Bevölkerung von etwa 1,8 Millionen Menschen. Zum Vergleich: In der Schweiz leben rund sieben Millionen Menschen. Während Jahrhunderten haben dort serbische und albanische Bauern weitgehend friedlich nebeneinander gewohnt. Erst im 19. Jahrhundert begann der Streit darum, wem das Land gehört. Das hat unter anderem damit zu tun, dass damals die Idee des Nationalismus Mode wurde. Nationalisten sind der Meinung, dass alle Menschen, die die gleiche Sprache, Tradition und Kultur haben, zusammen in einem Staat - einer Nation - leben sollen. Die Nationalisten idealisieren die Gruppe, der sie sich zugehörig fühlen, und grenzen sich gegenüber anderen Gruppen ab. Serbische und albanische Nationalisten begannen im 19. Jahrhundert, die Geschichte auf verschiedene Art zu interpretieren. Damit versuchten sie, ihre Ansprüche auf das Gebiet zu untermauern. Die serbische Version lautet, der Kosovo sei die «Wiege der serbischen Nation». Tatsächlich befand sich im Gebiet des Kosovo im Mittelalter das Zentrum mehrerer serbischer Reiche. Und dort befindet sich Kosovo Polje, das Amselfeld, wo 1389 die Truppen der christlichen Balkantruppen dem Heer des türkischen Sultans Murat unterlagen. Dass damals Serben zusammen mit Albanern gegen das vorrückende türkische Heer kämpften, wird gern verschwiegen. Die albanischen Nationalisten greifen noch weiter in die Geschichte zurück. Sie seien die eigentliche «Urbevölkerung» der Region; die Serben seien erst viel später gekommen. Deshalb gehöre das Land ihnen.

Als Politiker und politische Bewegungen diese beiden Versionen der Geschichte zu vertreten begannen, kam es zu ersten Gewalttaten. Seither herrscht abwechselnd der eine Bevölkerungsteil über den anderen: Von 1918 bis 1941 waren es die Serben, von 1941 bis 1945 die Albaner, anschliessend in den ersten Jahren des sozialistischen Jugoslawien erneut die Serben. 1974 gab die neue jugoslawische Verfassung dem Kosovo Autonomierechte. Bis 1981 erlebte das Kosovo unter der Leitung lokaler kommunistischer Führer, die mehrheitlich Albaner waren, ein «goldenes Zeitalter». Als dann albanische NationalistInnen 1981 auf Massendemonstrationen noch mehr Rechte forderten, gingen serbische Polizisten und das Militär brutal gegen sie vor. Von da an erhielt die Forderung nach Unabhängigkeit immer mehr Auftrieb.

Nach dem Tod des Staatspräsidenten Tito 1980 schlug die Stunde der NationalistInnen. 1989 hielt der aufstrebende Politiker Slobodan Milosevic anlässlich des 600. Jahrestages der Schlacht auf dem Amselfeld im Kosovo vor einer Million Menschen seine Rede, in der er den serbischen Nationalismus wieder salonfähig machte. Er benutzte die alten serbischen Mythen und Legenden, um politische Karriere zu machen. Doch auch bei den Kosovo-AlbanerInnen wuchs der Nationalismus. Ein Teil der Unzufriedenen engagierte sich in der Guerilla UCK und setzte auf Gewalt. 1999 griff das europäische Militärbündnis Nato in den eskalierenden Konflikt ein: Es bombardierte Jugoslawien. Offizielles Ziel war, die Übergriffe der serbischen Armee und der Polizei im Kosovo zu stoppen - die auf Aktionen der albanischen Guerilla reagierten - und den massenhaft vor der Gewalt geflüchteten Kosovo-AlbanerInnen die Rückkehr zu ermöglichen. Seither gehört das Kosovo offiziell zwar noch zu Serbien-Montenegro - dem Nachfolgestaat Jugoslawiens -, wird aber von den Vereinten Nationen (der Uno) verwaltet. Nach dem Eingreifen der Nato war die Gewalt aber keineswegs zu Ende: SerbInnen und Angehörige anderer Minderheiten wurden angegriffen, getötet und vertrieben, serbische Kirchen und Klöster zerstört. Die albanischen NationalistInnen versuchen getreu ihrer Vorstellung, dass nur «ein Volk» in dem von ihnen gewünschten Staat leben soll, die anderen Bevölkerungsgruppen gewaltsam zu vertreiben. Damit wollen sie ihrem Ziel, der Unabhängigkeit, näher kommen.

Wem also gehört der Kosovo? Die Frage ist sehr schwierig zu beantworten. Eines aber ist sicher: Eine Lösung kann nicht gefunden werden, wenn beide Seiten sich auf Ereignisse berufen, die vor Jahrhunderten passiert sind.

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