Nr. 43/2005 vom 27.10.2005

Federn lassen

Von Rachel Vogt

Die Behörden erlassen einen Stallzwang für Geflügel, die Menschen fürchten sich vor der Vogelgrippe. Deshalb die Frage: Ergibt solche Angst Sinn?

Berthold Rothschild, Psychoanalytiker: Die Vogelgrippe ist bis jetzt nur ein Gerücht, und die Angst vor Gerüchten ist ziemlich schlimm. Das Diffuse schreckt mehr als das Konkrete. Gerade Viren sind beste Panikmacher: Sie sind gefährlich - und winzig. Je kleiner, desto unheimlicher. Eine Maus ist unheimlicher als ein Elefant.

Armin Zink, momentan als Arzt in Ganzi, China: Hier haben die meisten noch nie von der Vogelgrippe gehört. Mein Freund Sonam erzählte, das Virus sei vor einem Jahr in der Provinzhauptstadt aufgetaucht, aber hier sei nichts gewesen. Vor kurzem sei am Fernsehen jedoch davor gewarnt worden, Yakfleisch zu essen, warum weiss niemand.

Jürg S., Dorfapotheker in M.: Hören Sie bloss auf! Diese Panikmache vom «Blick» ... Sicher verdienen wir mit Tamiflu keine goldene Nase! Aber wenn einer Angst hat, dann verkaufen wir ihm das Mittel. Auch ohne Rezept.

Christian Schwarzenegger, Kriminologe, Universität Zürich: Angst macht durchaus Sinn. Man lebt vorsichtiger. Andererseits gibt es auch Überreaktionen. Statistisch gesehen fürchten sich Jugendliche, Frauen und Personen über sechzig Jahre mehr vor der Kriminalität - dabei leben gerade ältere Menschen am sichersten.

Rothschild: Je mehr Sicherheit, desto grösser die Angst. Das ist der Nachteil aller Festungsbauten - die archaische Angst vor dem Fremden, dem Kleinen, dem Unheimlichen, das die Bewohner der Burg ergreift. Das Positive an der Angst? Wenn ich daraus die richtige Lehre ziehe: dass der Mensch viel ohnmächtiger ist als angenommen. Aus dieser Einsicht kann Solidarität mit anderen Ohnmächtigen entstehen.

Andrea Hämmerle, Biobauer und SP-Nationalrat: Dieser Aufruhr ... Der gesunde Menschenverstand sagt: irrational. Die Beamten etwas anderes. Vielleicht haben sie Recht.

Schwarzenegger: Es gibt das Phänomen der Moral Panics: Es geschehen nicht mehr Verbrechen, doch die Angst davor steigt sprunghaft. Öffentliche und veröffentlichte Meinung reagieren in einem zirkulären Kreislauf. Die Stimmung der Leute reagiert auf die Medienberichte; die Medienberichte auf die Stimmung.

Philipp Sarasin, Historiker, Universität Zürich: Bei der grossen Choleraepidemie im neunzehnten Jahrhundert sprachen die Leute vom indischen Todesengel. Der Begriff Vogelgrippe ist vorurteilsfrei, das ist doch positiv. Aber abgesehen von der Metaphorik: Diese Bedrohung ist real. Am Schluss sterben wir alle an so was.

Zink: Die Hysterie in der Schweiz ist lächerlich und gefährlich: Tamiflu ist verflucht noch mal nicht für Hinz und Kunz gedacht. Also ehrlich: Wie viele Menschen wurden in Asien angesteckt? Um die 200? Und es gibt wirklich viele Menschen hier.

Kranke Tiere, bekümmerte Menschen. Mein Deutschlehrer erklärte uns den Sinn von Gross- und Kleinschreibung, indem er wortlos diesen Satz auf die Tafel schrieb: helft den notleidenden vögeln.

Rachel Vogt ist Journalistin in Zürich. Alle Interviews vom 20./21. Oktober.

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