Nr. 35/2006 vom 31.08.2006

Wer hat Angst vor H5N1?

Wenn das Virus von Mensch zu Mensch springe, breche eine Pandemie aus, fürchteten viele. Nun ist es gesprungen. Und kaum jemand hats zur Kenntnis genommen.

Von Roland Fischer

Wenn ExpertInnen in den letzten Monaten Stellung nahmen zur Vogelgrippe, war immer dieselbe heruntergebetete Litanei zu hören: Ja, das Virus ist gefährlich für alle Arten von Vögeln; ja, es kommt in Einzelfällen auch zu Ansteckungen von Menschen; nein, es gibt keinen Anlass zur Sorge, solange das Virus nicht direkt von Mensch zu Mensch übertragbar ist. H5N1 kam indessen immer näher und scherte sich dabei nicht um Landesgrenzen, das Geflügel bekam den Auslauf gestrichen, auch in der Schweiz starben ein paar Enten und Schwäne. Das Virus blieb aggressiv; Vögel tötet es, und auch bei knapp der Hälfte der infizierten Menschen führt es zum Tod. Diese Quote ist durchaus besorgniserregend, die Zahl der tatsächlich erkrankten Menschen ist es bislang nicht - die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vermeldet bis heute 241 bestätigte Vogelgrippefälle beim Menschen. 141 davon verliefen tödlich.

Eine Pandemie, die noch keine war, ging um die Welt, eine virale Drohung stand im Raum, es war die Rede von möglicherweise hunderten von Millionen Opfern. Und immer derselbe beschwichtigende Befund: Wir sind sicher, solange das Virus den direkten Sprung vom Menschen zum Menschen nicht schafft. Man war von offizieller Seite sichtlich bemüht, die Hysterie zu dämpfen. Die ExpertInnen stimmten zu, was die akute Gefahrenlage anging, doch viele von ihnen betonten, es sei nur eine Frage der Zeit, bis H5N1 sein pandemisches Potenzial ausschöpfen würde.

Im Juni dieses Jahres dann meldete die WHO, dass das Befürchtete eingetreten sei: In Indonesien hatte sich eine ganze Familie mit der Vogelgrippe angesteckt - nachweislich war das Virus dabei auch direkt von Mensch zu Mensch übertragen worden. Kein medialer Aufschrei folgte, und auch die Behörden sahen keine Veranlassung, etwas an ihren Vorkehrungen und Empfehlungen zu ändern. Warum läuteten keine Alarmglocken, obschon die WHO-Meldung augenscheinlich genau dem Schreckensszenario entsprach, das einige Monate zuvor durch die Öffentlichkeit geisterte?

«Es hat uns tatsächlich auch erstaunt, dass die Medien die Meldung nicht stärker aufgenommen haben», sagt Patrick Mathys vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). Dieses Desinteresse kam den Behörden gelegen - so musste man nicht ebenfalls die Medienmaschinerie laufen lassen, um sich in einer aufgeheizten Stimmung um Entwarnung zu bemühen («wir haben das nicht an die grosse Glocke gehängt», sagt Mathys). Denn für einmal entsprach die Rezeption der neuen wissenschaftlichen Erkenntnis ziemlich genau ihrer Bedeutung: «Es war ja nichts ganz Neues», sagt Christian Griot, Direktor des Instituts für Viruskrankheiten und Immunprophylaxe in Mittelhäusern, «solche Fälle hat es schon vorher gegeben.» Im Juni war lediglich das erste Mal der eindeutige Nachweis gelungen, dass in einem konkreten Fall die direkte Übertragung stattgefunden hatte - vermutet hatte man dies schon bei mindestens zwei früheren Fällen. Entscheidend sei, dass es nach wie vor keine einfache und rasche Übertragung von Mensch zu Mensch gebe, betont Mathys. «Das Virus hat sich nicht dahingehend verändert, dass es pandemisch werden könnte.»

Anders gesagt: Wir haben es nach wie vor mit demselben Verdächtigen zu tun, der sich allerdings nicht ganz entsprechend den Erfordernissen der Medienberichterstattung verhält. Das Bild zeichnet sich, wie so oft in der Wissenschaft, nicht in Schwarzweiss, sondern in Grautönen. So war es von Anfang an nicht ganz ausgeschlossen, dass das Virus von Mensch zu Mensch überspringt (es wäre auch nicht einzusehen, weshalb es das auf keinen Fall tun sollte, wenn es schon Menschen zu infizieren vermag), bloss ist bis heute die Wahrscheinlichkeit dafür sehr gering. In der Fachwelt wäre man erst beunruhigt, wenn mutierte Varianten des Virus auftauchen würden, die ebenso leicht von Mensch zu Mensch übertragbar sind, wie es momentan bei Vögeln der Fall ist.

Ob diese Gefahr bei H5N1 aber überhaupt ernsthaft besteht, daran gibt es in Fachkreisen erhebliche Zweifel. «Das Virus ist seit 2003 in Zirkulation. Wenn es so leicht pandemisch werden könnte, dann wäre das vermutlich schon lange passiert», meint Griot. Seiner Meinung nach dürfen wir nicht auf H5N1 fokussieren, denn es gebe auch noch andere Kandidaten für die nächste Grippepandemie. Der amerikanische Virologe Paul Offit teilt diese Sicht in einem Hintergrundartikel im Magazin «Science». Für die letzten sechs Pandemien seit 1800 seien immer Viren der Subtypen H1, H2 und H3 verantwortlich gewesen, ein H5-Virus sei dem Menschen noch nie gefährlich geworden. Im selben Artikel kommt der Direktor des WHO-Grippeüberwachungs- und -forschungszentrums zum grundsätzlichen Schluss, unser Wissen über die Entwicklung von Virulenz und Pathogenität sei noch so lückenhaft, dass es keine wissenschaftliche Basis für jegliche Voraussagen gebe.

Das stellt Medien wie Behörden vor dasselbe Problem: Wie vermittelt man der Öffentlichkeit eine Gefahrenlage, die auch für ExpertInnen äusserst schwer einzuschätzen ist? Wo die Behörden brisanten Informationen oft die Schärfe zu nehmen versuchen (man erinnert sich an die beschwichtigenden Äusserungen von Gesundheitsminister Pascal Couchpin zum Beginn der Vogelgrippehysterie), spitzen die Medien gern noch ein wenig zu. Gewisse Vereinfachungen sind beiderseits unumgänglich, schliesslich wendet man sich an LaiInnen. Mathys spricht von einem «Spagat zwischen wissenschaftlichem Anspruch und kommunikativer Vereinfachung». Im Fall der direkten Übertragbarkeit war die kommunikative Vereinfachung beim BAG die denkbar einfachste: Man liess die Meldung einfach unter den Tisch fallen. Doch hat diese Gratwanderung zwischen Aufklärung und Beruhigung der Bevölkerung ihre Tücken. Es ist schwierig abzuschätzen, welches Echo die Meldung ausgelöst hätte, wenn sie im letzten November mitten hinein in den grossen Vogelgrippetrubel geplatzt wäre. «Dann hätte es auf jeden Fall eine aktivere Kommunikation gegeben», sagt Mathys, doch hätte man damit unter Umständen nur für noch mehr Verunsicherung gesorgt. Es war also nichts als ein glücklicher Zufall, dass die brisante Erkenntnis aus dem Labor gerade in eine mediale Flaute hineingeriet und deshalb gar nie Fahrt aufnahm.

Dazu kommt, dass Informationskampagnen mitunter verwickelten Interessen gehorchen. Es wurde oft moniert, dass Roche im Zusammenhang mit dem Grippemittel Tamiflu nicht eben vornehme Zurückhaltung an den Tag gelegt hat. So wurden in Pressemitteilungen Studien zur Wirksamkeit des Mittels laut angepriesen, die nach harten wissenschaftlichen Standards kaum verlässliche Zusammenhänge aufzeigten, zumindest nicht, was die Vogelgrippe betraf. Dennoch war das Thema Tamiflu bald überall präsent, und in der Öffentlichkeit verbreitete sich die Ansicht, das Medikament biete den einzigen verfügbaren Schutz gegen die Vogelgrippe - obwohl das bis heute nicht nachgewiesen ist.

Und auch staatliche Informationen sind nicht gefeit vor Doppelbödigkeiten. Der US-amerikanische Mediensoziologe Allan Mazur hat öffentliche Warnungen vor Gesundheitsrisiken über mehr als dreissig Jahre untersucht. Er hat die Regierung Bush in Verdacht, ein wahres Vogelgrippe-Informationsfeuerwerk veranstaltet zu haben, um von ihren desaströsen Fehlleistungen nach dem Hurrikan Katrina abzulenken. So habe die Regierung die KritikerInnen zum Verstummen bringen können, die ihr Inkompetenz im Krisenmanagement vorwarfen.

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