Nr. 46/2005 vom 17.11.2005

Haben Sie Visionen?

Interview: Marcel Hänggi, Foto: Ursula Häne

Angelika Hilbeck: «Ökologen werden als Dissidenten hingestellt. Das ist Stra­tegie.»

WOZ: Die ETH feiert diese Woche Geburtstag unter dem Motto «Visionen» ...
Angelika Hilbeck: (Lacht) Meine Visionen unterscheiden sich da oft etwas von denen der Schulleitung ...

... erzählen Sie!
Meine Idealwissenschaft würde über ihren eigenen Gartenzaun hinausschauen und versuchen, die Geschehnisse auf diesem Planeten in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Für sich allein greift jede Einzelwissenschaft zu kurz.

Das ist ja bestens: Schliesslich ist «Interdisziplinarität» ein Modewort!
Richtig. Was Sie nun in den Medien finden, ist – verkürzt – der Teil der Wissenschaft, der versucht, die Welt aus einer Disziplin heraus zu erklären und eventuell zu retten. Nun ist es die Molekularbiologie, zuvor waren es Chemie und Physik. Auf der anderen Seite haben viele begriffen, dass die Dinge so einfach nicht funktionieren. Sie haben aber oft keine fertigen Antworten. Es ist eine viel schwierigere Position, wenn Sie immer sagen müssen: Alles hängt irgendwie zusammen, aber wie, wissen wir auch nicht genau – insbesondere, wenn Sie versuchen, negative Auswirkungen zu verhindern. So entstehen dann so unterschiedliche Erklärungen von Forschern wie jetzt zur Gentechfrei-Initiative.

Haben Sie Horrorvisionen, wie die Forschung sich entwickeln könnte?
Der Trend geht in Richtung Zulieferung der Industrie. Das geht ja so weit, dass Unternehmen sich Rechte auf die Entdeckungen öffentlicher Institute kaufen. Sie lagern ihre Forschung an die Universitäten aus, weil diese mit günstigen Studenten arbeiten. Dieses Outsourcing von Kosten und Risiken geht zu Lasten der Gesellschaft und der Vielfalt und Freiheit der Forschung.

Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?
Etwa, indem Fächer, die kommerziell nicht interessant sind, aussen vor bleiben. Etwa die Taxonomie. Wir haben immer mehr Schwierigkeiten, Leute zu finden, die die Tiere, die wir sammeln, bestimmen können und in ihrem Naturzusammenhang kennen.

Apropos Tierarten: Sie arbeiteten unter anderem mit Florfliegen.
Als Kind habe ich mal die Florfliege zu meinem Lieblingstier deklariert, weil sie so schön ist. (Lacht und zeigt auf ein Florfliegen-Poster über dem Schreibtisch.)

Wie wichtig ist die Liebe zum erforschten Objekt?
Ohne sie würde ich meine Arbeit gar nicht aushalten. Mich fasziniert die Natur, die so unglaublich delikat und raffiniert ist. Ich wollte aber immer auch etwas zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft beitragen. Schädlinge flächendeckend mit Gift zu töten, schien mir primitiv: Da musste es Besseres geben! So begann ich mich der biologischen Schädlingsbekämpfung zuzuwenden.

Der Gentech-Lobbyist Klaus Ammann sagte im letzten «Magazin»: Wenn ich alles Unkraut mit Breitbandherbizid vernichte, muss ich nicht mehr pflügen; Pflügen ist eine Steinzeittechnik und ein Massaker an Regenwürmern ...
Man muss den Pflug richtig einsetzen. In der Intensivlandwirtschaft wird oft nach fixen Zeitplänen operiert. Wer dann mit den schweren Maschinen in nasse Böden hineinfährt, verdichtet sie nachhaltig – da kann ein Pflug ruinös sein. Wenn man zum richtigen Zeitpunkt richtig pflügt, dann hat man kaum ein Unkrautproblem. Aber wenn Sie auf hundert Hektar ohne Fruchtfolge immer nur Mais anbauen wollen, dann geht es nicht ohne Herbizide. Für solche Landwirtschaft wurden gentechnisch veränderte Pflanzen entwickelt – und das ruiniert die Böden bestimmt, Pflug hin oder her.

Werden Sie von Bauern ernst genommen?
Sie sehen in uns oft die Theoretiker, das ist klar. Aber ich bin gelernte Gärtnerin, ich arbeitete im intensiven Gemüseanbau. Ich hatte jahrelang eigene Gärten und verkaufte Produkte. Wenn die Bauern merken, dass ich auch schon Mistgabeln angepackt habe, dann habe ich keine Probleme. Man darf ihnen natürlich nicht von oben herab kommen. Die Landwirte verfügen über ein Wissen, das wir oft nicht haben.

Zum Beispiel?
Ich besuchte einst einen österreichischen Rapsbauern. Ich schnitt etliche Stängel auf. Da war alles drin, was Sie sich an Schädlingen vorstellen können. Wenn ich ihn hätte beraten sollen, ich hätte ihm eine Liste von Schädlingen gegeben, die er bekämpfen soll. Aber für den Landwirt war der Bestand gut. Der Mann kannte die Tiere nicht mit Namen, aber er wusste: Ja, wenn dieser Käfer erst um die und die Jahreszeit kommt und eine gewisse Dichte nicht überschreitet, ist er kein Problem ... Er war sich bewusst, dass er keinen Spitzenertrag erntete, aber er sparte sich das Geld für Pestizide, und unter dem Strich ging die Rechnung auf.

Angelika Hilbeck ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Geobotanischen Institut der ETH und Mitglied der Eidg. Kommission für Biosicherheit.

Nachtrag: Siehe auch das Interview in WOZ Nr. 9/15.