Nr. 49/2005 vom 08.12.2005

Die Waldschratschule

Die Waldschule ist mehr als nur Unterricht unter vielen Bäumen. Ein Besuch in der Waldbasisstufe St. Gallen.

Von Sina Bühler

Prinzessinnen-Rucksäckli? Aber bestimmt nicht hier im Wald. Diese Kinder tragen Mammutbildli oder Wolfsstickereien auf dem Rücken. Und dazu haben sie alle diese Entenschuhe an, die mit den Gummizehen. Und wasserfeste Jacken und Hosen, gescheiterweise. Schliesslich verbringen die «Pilzgörpse» und «Waldschrate», die «Stibelwitze» und «Wurzelchnörze» ihren Morgen draussen. Die meisten tun das ohne Handschuhe, wohlgemerkt. Und das ist an diesem grauen Dezembermorgen nicht so banal, wie es jetzt tönen mag. Diese Kinder sind Waldkinder und besuchen die Waldbasisstufe in der Notkersegg, oberhalb der Stadt St. Gallen.

Es ist Viertel vor neun, und rund dreissig Kinder spazieren zum Treffpunkt beim Bauwagen im Hagenbuchwald. Die einen hängen noch ihre Rucksäcke an die Nägel, ein paar reden über Harry Potter (Prinzessinnen - nein, Harry Potter natürlich schon), währenddem zwei Buben wie Tarzan an einem Seil herumhangeln. Dann spielt die Kindergärtnerin Ursina Wegelin auf der Flöte, und die Kinder besammeln sich im Kreis zum Morgenritual. Bis zwölf Uhr verbringen sie ihren Tag im Wald, zwischen Moosplatz und Waldsofa, vom Dachswald bis zum grünen Tor.

Der Wald gibt Themen vor

Den Waldkindergarten gibt es in St. Gallen seit 1998. Er war der erste dieser Art in der Schweiz. Eltern gründeten den privaten Kindergarten nach deutschem Vorbild. In St. Gallen basiert der Unterricht auf drei Grundpfeilern: Naturpädagogik, unstrukturiertem Lern- und Spielzeug und dem freien, individuellen und stufenübergreifenden Lernen. Konkret heisst das: Der Wald gibt das Tagesthema vor. Hüpft gerade ein Reh vorbei, dann wird das Tier zum Mittelpunkt des Gesprächs. Läuft die Gruppe an einem Lehmhaufen vorbei, wird das Material zum Spielzeug. Ist es extrem kalt, lernen die Knirpse ein Feuer machen. Die einen nehmen daran teil, die andern spielen lieber selbständig im Wald.

Die Waldkinder verteilen sich auf zwei Spielgruppen und vier Basisstufengruppen - vom Kindergarten bis zur zweiten Klasse. Die Grundpfeiler des Waldkindergartens passen nämlich so gut zur Idee des «Projektes Basisstufe» (siehe unten), dass sie zu einer der Pilotklassen im Kanton St. Gallen wurden. Zwei Kindergarten- respektive Unterstufenlehrkräfte betreuen gemeinsam mit einer Praktikantin die 32 Kinder zwischen vier und neun Jahren.

Angefangen hat es aber mit einer simplen Kindergartenklasse und einer Spielgruppe. Der ausgebildete Kindergärtner Marius Tschirky war von Anfang an dabei, damals war er 22. Inzwischen gilt er als Experte in der Naturpädagogik, viele Waldlehrkräfte in der Schweiz besuchen seine Kurse. Sechs Waldkindergärten gibt es im ganzen Land und unzählige Schulen und Kindergärten, die regelmässig Waldtage durchführen.

«In St. Gallen führen wir inzwischen das konsequenteste Modell. Nicht nur in der Schweiz, auch in Deutschland, wo es unterdessen weit über 250 Waldkindergärten gibt, gehen die meisten nicht so weit», sagt der mittlerweile 29-jährige Tschirky. So weit gehen, das heisst, dass die Kinder tagein, tagaus draussen im Wald sind. Wenn es furchtbar stürmt, dann finden sie im «Waldsofa» Obdach, einem Rundbau aus Hölzern und Blachen, dessen Boden mit Stroh ausgelegt ist. Warm ists hier auch nicht unbedingt, aber dafür wind- und regengeschützt.

Aus welchen Gründen schicken die Eltern ihre Kinder in die Waldbasisstufe? Das sei ganz unterschiedlich, sagt Tschirky. Die meisten wollten ihnen einen privilegierten Kontakt mit der Natur ermöglichen, viele schätzten das «freie Lernen». Die Waldschule ist zwar privat, aber im Vergleich mit SteinerSchulen oder Monterana-Kindergärten sei das Schulgeld günstiger. Durchschnittlich 500 Franken pro Monat kostet der Kindergarten, 680 Franken die Unterstufe - das Schulgeld ist aber einkommensabhängig. «Das heisst aber nicht, dass nur vermögende Familien ihre Kinder zu uns schicken», sagt Tschirky. Viele sparten sich den Beitrag an den Ferien ab oder leisteten sich zum Beispiel kein Auto, um ihren Kindern den Besuch zu ermöglichen. Ausserdem käme der Verein einkommensschwächeren oder kinderreichen Familien entgegen. Das macht allerdings die finanzielle Situation der Waldbasisstufe nicht gerade einfach. Die Infrastruktur bleibt zwar minimal, und die Löhne der sieben angestellten Lehrkräfte und der zwei administrativen Stellen würden direkt aus den Elternbeiträgen finanziert. Trotzdem sind die Waldkinder auf Spenden und Stiftungsgelder angewiesen - und auf die vielen freiwilligen Arbeitsstunden der Eltern und der Vorstandsmitglieder. Mittlerweile helfen auch die Erträge aus den naturpädagogischen Kursen, die der Verein anbietet, beim Quersubventionieren der Schule.

Verantwortung verschieben

Im Hagenbuchwald trennen sich die Gruppen, und Regula Müller, die ausgebildete Primarlehrerin, läuft mit den älteren Kindern zum Waldsofa. Auf dem Waldboden liegend, sitzend und stehend schreiben die SchülerInnen auf ihre Arbeitsblätter über den Samichlaus, reden miteinander, zeichnen. Sie üben Gross- und Kleinschreibung, und dass man Nomen meist berühren kann. «Kann man einen Bischof wirklich anfassen?», fragt Henry. Zwei kleinere Buben kauern hinter einem Baum und passen sehr genau auf, was ihre älteren Gspänli gerade machen. Fast immer findet der Unterricht im Freien statt. Seit die Basisstufe eingeführt wurde, stehen aber zusätzlich zwei Bauwagen als Schreibstube zur Verfügung.

Das Wichtigste, was ein Kind im Wald lerne, sei, selbst klarzukommen. Die unterschiedlichen Optionen und Lösungswege herausfinden. Es lerne, sich selbst durchzubeissen, Hypothesen zu bilden und im eigenen Tempo zu lernen. An diesem Tag im Wald hat ein Kind grosse Mühe, den Hang hinaufzusteigen. Die Kindergärtnerin steht zwar in der Nähe, aber der Junge versucht es selbst. Drei Minuten später als die anderen und mit noch röteren Backen sitzt dann auch er beim Znüni.

«Wenn ein Kind auf einen Baum klettern will, dann darf es das», sagt Tschirky. Er stehe nicht daneben und sage, wie hoch es hinauf dürfe. Das entscheide das Kind selbst. «Ich lupfe es aber auch nicht wieder runter, wenn es zu weit raufgeklettert ist.» «Verantwortungsverschiebung» wird das genannt. «Die Kinder wissen, dass sie auf mich zählen können, das heisst aber nicht, dass ich für sie die Probleme löse.» Solche Beispiele hat er zu dutzenden. Und ein Unfall sei noch nie passiert. Die Axt beispielsweise, mit der ein Kind gerade zum Moosplatz spaziert. Ein Fünfjähriger mit einer Axt in der Hand? «Die Kinder, die mit der Axt nicht umgehen können, rühren sie gar nicht an», sagt der Waldkindergärtner - das sei eben Selbstverantwortung. Die Kinder könnten sich sehr gut selbst einschätzen. Verantwortung bedeutet auch im Umgang mit Werkzeug ganz etwas anderes als in der Regelschule. «Wenn ein Kind sein Sackmesser nicht im Griff hat, hat das ganz andere Konsequenzen, als wenn das Pinselwasch-Ämtli vernachlässigt wird», sagt Marius Tschirky.

Und beim Übertritt in die Jahrgangsklassen der Regelschule sei bisher auch alles gut gegangen. Die Waldkinder müssten sich zuerst an die Arbeit im Schulzimmer gewöhnen. Die Ansprüche an saubere Arbeitsblätter seien im Wald halt etwas weniger hoch. Und wenns im Turnunterricht heisse: «Alle nehmen einen Medizinball und laufen zur Sprossenwand», dann sei es für ein Waldkind vielleicht nicht klar, was das sei. Obschon die Waldschule genau deshalb dreimal im Jahr eine Turnhalle besucht. Zur Natur aber hätten die Kinder eine unvergleichliche Beziehung. Kenntnisse und Respekt, der allerdings wenig mit einer esoterischen Romantisierung zu tun habe, sagt der Waldkindergärtner. Man sieht dem Hagenbuchwald an, dass er seit Jahren eine grosse Gruppe Kinder beherbergt, die Wege zwischen den Rast- und Lagerplätzen sind vertrampelt, und die spielenden Kinder sind nicht gerade ehrfürchtig leise. «Aber um ein steriles Baumumarmen geht es auch nicht» - im Wald werden Bäume gefällt und wird Wild geschossen. Derselben Logik folgend, darf ein Kind, das ein schönes Blatt zum Spielen braucht, dieses auch abreissen, wenn es ansonsten respektvoll mit Tieren und Pflanzen umgeht.

Die kleineren Kinder haben unterdessen eine verlassene Fuchshöhle entdeckt und versuchen, so weit wie möglich hineinzukriechen. Sie sind von oben bis unten mit Lehm beschmiert. Nach dem Znüni wollen sie Lehmgrittibänzen backen. Auch nach zwei Stunden in der Kälte tragen sie immer noch keine Handschuhe.

Durchlässiger Übertritt

Der Kanton St.Gallen lancierte im Herbst 2004 das «Projekt Basisstufe». Siebzehn Klassen - zwei davon an Privatschulen - beteiligen sich am Versuch, Kindergarten- und Unterstufenklassen gemeinsam zu führen und einen durchlässigeren Übertritt zwischen den Stufen zu ermöglichen. Im Frühling 2009 wird der St.Galler Erziehungsrat entscheiden, ob er künftig eine generelle Einführung der Basisstufe empfiehlt.

Ähnliche Versuche sind gleichzeitig in den Kantonen Aargau, Thurgau und Glarus angelaufen. Der Kanton Bern und die Innerschweiz haben erst in diesem Jahr begonnen, und der Kanton Zürich entschied sich, das Projekt in drei Staffeln zwischen 2004 und 2006 anzubieten. Gesamtschweizerisch gibt es 108 Basisstufenklassen.

«Es fiel auf, dass einerseits immer mehr Kinder Mühe hatten, in die erste Klasse überzutreten», sagt Susanne Bosshart, Projektleiterin «Basisstufe» im Kanton St. Gallen. Anderseits habe eine Studie zu FrühleserInnen und FrührechnerInnen gezeigt, dass 25 Prozent der Kinder beim Übertritt in die erste Klasse den Stoff des ersten halben Jahres schon beherrschten. Mit Klassenüberspringen, Einführungsklassen oder einer längeren Kindergartenzeit versuche man diese Probleme individuell zu lösen. «Das ist allerdings teuer und ausserdem sehr unangenehm für das Kind, das aus dem gewohnten Klassenverband gerissen wird», sagt Bosshart. Eine angenehmere Lösung könnten drei- oder vierjährige Basisstufen sein. Das Kind besucht eine altersgemischte Gesamtgruppe und unterschiedliche «Lernstandgruppen» und auch freie Lernangebote, je nach Wissensstand und Interesse. Sobald es dann bereit sei, könne das Kind in die zweite (beim dreijährigen Modell) oder dritte Klasse (beim vierjährigen) übertreten.

Werden die Lernprobleme damit nicht einfach um ein, zwei Jahre verschoben? «Das kann sein», räumt Susanne Bosshart ein. Die Kinder seien aber auch zwei Jahre älter und gingen dadurch den Übertritt in ihre Jahrgangsklasse ganz anders an. Die Mittelstufenlehrkräfte würden ausserdem in das Projekt eingebunden.

Falls die Basisstufe eingeführt wird, ändert sich auch das Ausbildungsangebot für Kindergarten- und Unterstufenlehrkräfte. «Die pädagogischen Hochschulen würden sofort eine BasisstufenlehrInnen-Ausbildung aufbauen», sagt Bosshart. Den Beruf KindergärtnerIn gäbe es dann nicht mehr.

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