Nr. 05/2006 vom 02.02.2006

Hier darfst du fragen

Kleine Universitäten finden Zuspruch. Ein Beispiel ist Luzern, wo viele Studierende das überblickbare soziale Umfeld, ein gutes Betreuungsverhältnis und neue Studienangebote schätzen.

Von René Regenass

Was zählt bei der Wahl des Studienplatzes? Welche Universitäten sind bei den Studenten und Studentinnen gefragt?

Die Grossen unter den zwölf Schweizer universitären Hochschulen verweisen gerne auf die Rankings, jene Ranglisten, die Universitäten weltweit bewerten. So hat die ETH Zürich zum erklärten Ziel, zu den zehn «besten» Hochschulen der Welt zu gehören; auch die Uni Zürich findet sich regelmässig weit vorne im Feld der europäischen Hochschulen. Weil für diese Rankings unter anderem die Zahl der NobelpreisträgerInnen oder die Anzahl Publikationen in wichtigen wissenschaftlichen Fachzeitschriften bewertet werden, haben kleine Universitäten keine Aussicht, hier mitzuhalten. Die Studierenden, so zeigen Gespräche an der Universität Luzern, kümmert das wenig. Für sie zählen Empfehlungen aus dem KollegInnenkreis, Erreichbarkeit, Fächerangebot, der Alltag an der Uni und die Betreuungssituation – das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden.

«In den Vorlesungen kannst du den Dozierenden Fragen stellen, ein Thema besprechen, über das du mehr wissen möchtest. An einer kleinen Universität wie in Luzern gehst du nicht unter!» Das sagt Roger Held, 29-jährig, von Menziken AG. Er hat nach vier Studienjahren an der Uni Zürich an die Geisteswissenschaftliche Fakultät nach Luzern gewechselt, wo er den Bachelor abgeschlossen hat. «In den Vorlesungen sitzen zwischen zehn und dreissig Leute», sagt Held. Dennoch doziere auch hier nicht irgendwer: «In der Theologie, in den Geisteswissenschaften – und hier vor allem in der Geschichte – sind national bekannte Leute am Werk, die sich mit zahlreichen Publikationen einen Namen gemacht haben.»

Die Erinnerungen an Zürich sind bei Roger Held eher trübe. «Es besteht kein Kontakt zu den Dozenten. Der Austausch unter den Studierenden in den Lehrveranstaltungen ist gut, aber ausserhalb gibt es kaum Gespräche und kein soziales Umfeld.» Für den Wechsel nach Luzern entschied er sich innert weniger Tage. «Ich hatte ein gutes Telefongespräch von über einer Dreiviertelstunde mit dem Studienberater für Philosophie und erhielt alle Fragen beantwortet. Man hatte Zeit für mich.»

Schulische Atmosphäre

Lorena Kreis, 22, wohnt in Bassersdorf nahe bei Zürich und hat ebenfalls Luzern zum Studienort gewählt. Auch sie ist an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät immatrikuliert und studiert im fünften Semester Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaft. «Die Wahl fiel schnell auf Luzern, weil man mich gut informierte. Nach dem ersten Semester erhielt ich einen Fragebogen zum Studienverlauf und zum Umfeld. Hier werde ich mit Namen angesprochen.»

Wir sitzen in der Cafeteria der Uni. Lorena Kreis grüsst hier und dort und illustriert damit, was sie sagt: «Es gibt verlässliche Bindungen, eine kleine Gemeinschaft, in der ich mich aufgehoben fühle. Man hat Lust hinzugehen.» Ihre Schwester studiert an der Wirtschaftsfakultät in Zürich und sagt, dort sei die Kontaktaufnahme, das «Andocken» in der Masse der 900 neuen Studierenden, sehr schwierig. Man versinke in der Anonymität.

Und was sind die Nachteile? «Die Austauschmöglichkeiten mit dem Ausland sind vorläufig beschränkt, was aber mit der Wahl der Studiengänge zusammenhängt», meint Lorena Kreis. «Luzern ist ein guter Standort für Studierende mit einem Bedürfnis nach schulischer Atmosphäre. Man trifft oft die gleichen Leute. Das hat Vor- und Nachteile.» Wer das «richtige» Studentenleben suche, komme an einer grossen Uni eher auf seine Rechnung. «Es gibt Studierende, welche die Anonymität schätzen. Und eine grosse Universität kann auch die bessere Plattform für den Einstieg ins Berufsleben sein.»

Ähnliche Argumente für Luzern hat die ebenfalls 22-jährige Andrea Pfister. Sie wohnt in Steinhausen ZG, studiert sowohl in Luzern (Soziologie im dritten Semester) als auch in Zürich (Wirtschaft im ersten Semester). «Ein Riesenunterschied. In den Vorlesungen mit etwa achtzig Studierenden in Luzern ist eine spontane Diskussion möglich. In Zürich sind 600 bis 800 im Hörsaal. Überhaupt: In Luzern sind die Dozierenden interessiert an einer guten Kommunikation und am sozialen Umfeld. In Zürich beschränken sich die Kontakte auf drei bis vier Studierende; alles andere kann man vergessen. In Luzern kann ich jederzeit mit dem Professor reden. In Zürich kommt es nur in den Vorlesungspausen zum Gespräch.» Die von Andrea Pfister angeführten Nachteile von Luzern sind marginal: «Weil ein Uni-Hauptgebäude noch fehlt, gibt es viele Provisorien, die aber immer besser eingerichtet werden. Und Zürich hat bessere Verpflegungsmöglichkeiten.»

In einem Hörsaal im ehemaligen Hotel Union sprechen mich zwei Studenten an. Ja, die kleine Universität sei wirklich gut, sagen beide. Und mit dem Fach Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaften habe Luzern einen Volltreffer gelandet.

Die Welt beschreiben können

Rund neunzig Personen haben sich im dritten Jahr für diesen Studiengang an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät eingeschrieben. Beim Start im Jahr 2003 waren es knapp fünfzig. Gaetano Romano, der Dekan der Fakultät, sieht sich durch diesen Erfolg bestätigt. Romano, Soziologe mit Schwerpunkt Kommunikation, kam 1964 mit seinen süditalienischen Eltern in die Schweiz, studierte in Zürich und wirkte am Aufbau der Università della Svizzera italiana mit. Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaften werden als Studiengang nur in Luzern angeboten. «Es geht darum, aus dem gesellschaftlichen Umfeld ein zusätzliches Angebot in den Kernbereichen Kommunikationsmedien und Organisationen bereitzustellen.» Es sei zwar gut, wenn künftige JournalistInnen ihr Handwerk lernten und etwas über Medien wüssten.

Aber das reiche nicht. «Sie müssen die Welt beschreiben können. Dazu braucht es einen gesellschaftswissenschaftlichen Hintergrund. Das wollen wir vermitteln. Mit der heute üblichen Zuspitzung eines Themas geht vergessen, dass Journalismus auch analytische Kompetenzen voraussetzt.»

Szenenwechsel: Ein Seminar über Organisationssoziologie wird von Raimund Hasse geleitet. Der deutsche Soziologe wirkte an der Universität Aachen und wurde vor zwei Jahren nach Luzern berufen. Obwohl ein grosser Teil der Studierenden den Professor noch nicht kennt – es ist der zweite Vormittag in diesem Herbstsemester – ist reger Austausch spürbar. Das zeigt sich in der zweiten Stunde, als die Studentinnen und Studenten mögliche Themen für die Organisationsforschung benennen, die sie für den Bachelor-Abschluss bearbeiten könnten. Viele erzählen aus Organisationen oder Institutionen, die sie aus ihrer Arbeitssituation oder aus der Freizeit kennen. Andere sehen politische Parteien, Menschenrechtsorganisationen oder Verwaltungsstellen als mögliche Forschungsbereiche. Raimund Hasse geht ein auf die Vorstellungen, ergänzt mit eigenem Wissen. Er schätzt die Arbeit in Luzern. «Es ist gut, am Aufbau einer jungen Universität mitzuarbeiten. Und es ist so vieles wieder veränderbar hier, wenn man einen andern Weg versuchen will.»

Das Doppelmaster-Novum

Sonia Yebra, 26, gebürtige Spanierin, wohnhaft in Neuchâtel, ist die erste Studentin französischer Muttersprache, die vom neuen Jus-Doppelmaster-Programm der Universitäten Neuchâtel und Luzern profitiert. Sie hat in Neuchâtel das Wirtschaftslizenziat und den Jus-Bachelor gemacht und bereitet sich jetzt in Luzern und Neuenburg auf den Masterabschluss vor. Als Grund für diese Wahl nennt Sonia Yebra das zweisprachige Studium. «Es gefällt mir in Luzern; man spürt die Dynamik einer kleinen, wachsenden Universität. Das Fächerangebot ist breit, ich habe gute Gesprächsmöglichkeiten, man spricht Hochdeutsch mit mir.» In Neuchâtel studierte Sonia Yebra vor der Haustür. «Das Fächerangebot und die Betreuung vor allem auf Dekanatsebene waren hervorragend; und es war für mich vor allem kostengünstiger als in Luzern.»

Die Doppelmaster-Vereinbarung der Universitäten Luzern und Neuchâtel ist ein Novum in der Geschichte der schweizerischen Rechtswissenschaft. Zwei Überlegungen standen dabei im Vordergrund: Einerseits soll der Wechsel zwischen den Rechtsfakultäten attraktiver, anderseits der kulturelle Austausch zwischen der Romandie und der Deutschschweiz gefördert werden. Für Alfred Strohmeier, Rektor der Uni Neuchâtel, gehört dieser gemeinsame, zweisprachige Master zu den Spezialitäten, zu den Trümpfen der kleinen Universitäten. «Das war mit Luzern in sehr knapper Zeit abgesprochen. Die zweisprachige Ausbildung ist aus nationaler Sicht sehr wichtig.» Eine Rolle gespielt habe laut dem Luzerner Fakultätsmanager Martin Vonplon auch die Tatsache, «dass zwei kleine Rechtsfakultäten ihre individuellen Profile und Beweglichkeiten zu einem besonders interessanten Gesamtangebot zusammenführen wollten».

Markus Ries, Rektor der Uni Luzern, sieht für JuristInnen mit einem zweisprachigen Master klare Wettbewerbsvorteile. «Für eine Karriere in der Bundesverwaltung zum Beispiel ist diese Ausbildung Gold wert.» Die These wird unterstützt durch eine Anfang Dezember eingereichte Motion von Nationalrat Claude Ruey (LPS, VD). Wer in der Bundesverwaltung eine Spitzenposition wolle, müsse einer zweiten Landesprache mächtig sein, verlangt der Präsident von Helvetia-Latina, einem Verein, der über die Vielsprachigkeit der Bundesverwaltung wacht.

Uni Luzern: Fünfmal Nummer eins

Wie kann sich eine kleine Universität einen Namen schaffen? Welche Strategien kann sie verfolgen? Markus Ries: «Die Universität Luzern will in einer europäischen Region die Nummer eins in fünf Wissensgebieten sein: Gesellschaft, Staat, Recht, Kultur und Religion. Hier wollen wir etwas zu sagen haben. Wir wollen Studiengänge anbieten, die es sonst nicht gibt und die auf eine intelligente und zukunftsweisende Art Wissen vermitteln.» Und das funktioniere, sagt Ries. Als Beispiel nennt er den Bachelor-Studiengang in Kulturwissenschaft, den es sonst nirgends gibt. «Es kommen Deutsche nach Luzern, die nur das wollen.»

Bei allem Qualitätsanspruch sind der Uni Luzern Grenzen gesetzt, und zwar bei den Betriebskosten. Schon heute reagieren Volksschullehrkräfte oder Staatsangestellte sauer auf die Uni-Pläne, weil bei ihnen nur noch gespart wird. Dabei wollen die Uni-ProfessorInnen noch mehr. Paul Richli zum Beispiel, der als Dekan die erfolgreiche juristische Fakultät aufgebaut hat, reklamiert in einem Interview im «uniluAktuell» eine Verbesserung der Anstellungsbedingungen für ProfessorInnen und der für die Forschung relevanten Ausstattung. «Da liegt Luzern gegenüber Basel, Bern und Zürich klar im Hintertreffen.» Der Trägerkanton werde noch etwas mehr Geld in die Hand nehmen müssen, «wenn Luzern an der Spitze bleiben will. Thun wird auch Thun bleiben und nicht in Richtung Arsenal vorrücken können, wenn die Mittelausstattung für den Klub nicht verbessert wird.»

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