Nr. 38/2012 vom 20.09.2012

Wenn das eigene Wohnzimmer zum Hörsaal wird

Die grösste Universität im deutschsprachigen Raum funktioniert über eine virtuelle Plattform im Internet. Mit den besonderen Lern- und Prüfungsformen, die das mit sich bringt, tun sich manche allerdings schwer.

Von Daniel Stern

Die Fernuniversität im deutschen Hagen existiert seit 1975. Sie ist mit derzeit über 80 000 eingeschriebenen StudentInnen zur grössten Universität im deutschsprachigen Raum angewachsen. Unter ihnen sind auch Studierende aus der Schweiz, die teilweise von den Studienzentren in Brig und Pfäffikon SZ betreut werden. Die Schweizer Studienzentren bieten auch eigene Studiengänge in Wirtschaft, Recht und Psychologie an. Allerdings braucht es als Voraussetzung dafür eine Matura. Wer an der Fernuni Hagen studieren will, braucht diese nicht, es genügt ein staatlich anerkannter Lehrabschluss und das Bestehen einer Eintrittsprüfung.

Als PDF oder mit der Post

Studieren an der Fernuni ist kein Zuckerschlecken. «Achtzig Prozent der Studenten sind berufstätig», so Pressesprecherin Susanne Bossemeyer. Im ersten Studienjahr entscheide sich in der Regel, ob man mit der Doppelbelastung klarkomme – fast jedeR Zweite in Hagen Eingeschriebene bricht das Studium in diesem Zeitraum ab.

Für die Fernuniversität Hagen ist die analoge Paketpost immer noch ein zentraler Vermittlungskanal: Von ihrem Logistikzentrum aus verschickt sie vor jedem Semester Zehntausende meist individuell zusammengestellte Pakete in über hundert Länder – kiloweise Bücher und Broschüren, die sogenannten Studienbriefe. Das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern, so Susanne Bossemeyer: «Die Studierenden haben in einer Befragung klar signalisiert, dass sie die Dokumente weiterhin zugeschickt bekommen möchten.»

Die meisten der Lernmaterialien sind jedoch auch passwortgeschützt als PDF-Dokument auf dem Server der Universität zu finden. Sie könnten also auch direkt am Computer, iPad oder Handy gelesen und bearbeitet werden.

Zentrale Internetplattform für den Austausch zwischen den Dozierenden und den StudentInnen ist das Lernprogramm Moodle, das inzwischen auch viele Präsenzuniversitäten anwenden. Für jeden Kurs wird auf Moodle eine eigene Website aufgeschaltet, auf der die Beteiligten miteinander kommunizieren können. Die Dozierenden stellen etwa Fragen zum Lernstoff ins Netz, die Studierenden setzen ihre Antworten in das entsprechende Forum auf der Website. So gibt es je nach Kurs eine Vielzahl von Foren, in denen einzelne Fragen und Themen in schriftlicher Form diskutiert werden.

Die Struktur von Moodle ist offen: Auch die Studierenden können neue Foren gründen. Moodle kann von den DozentInnen darüber hinaus benutzt werden, um den StudentInnen Textdateien, Filmsequenzen und Bilder zur Verfügung zu stellen.

Ausserdem besteht die Möglichkeit, dass sich Studierende via Moodle zu einem Livechat verabreden. Auf Moodle finden zudem sogenannte virtuelle Seminare statt, bei denen in einem vorgegebenen Zeitrahmen ein Thema vertieft behandelt wird. Studierende können dabei zum Beispiel gemeinsam an einem Text arbeiten.

Für die Fernuniversität Hagen ist das Internet ein zentrales Instrument der Wissensvermittlung. Sogenannte Kick-off-Veranstaltungen für NeueinsteigerInnen zum Beispiel werden per Video aufgezeichnet und ins Netz gestellt. Mehr und mehr Vorlesungen sind online zu finden. Und in sogenannten Connect-Sitzungen können Studierende und DozentInnen im Internet zeitgleich miteinander kommunizieren.

Lange Reise für zwanzig Minuten

Das Bologna-System gilt auch an der Fernuniversität. Jeweils zu Semesterende finden Prüfungen statt und werden ECTS-Punkte vergeben. Studierende aus der Schweiz können in der Regel die schriftlichen Prüfungen in den Studienzentren Brig und Pfäffikon oder an der Universität Bern ablegen. Schwieriger gestaltet sich bislang die Abnahme von mündlichen Prüfungen. Wenn Dozentin und Proband dafür zusammenkommen müssen, bedeutet das oft eine stundenlange Anfahrt für eine vielleicht gerade mal zwanzigminütige Befragung. Die Fernuni Hagen bietet als Alternative dazu die Möglichkeit der Videokonferenz. Allerdings ist dieser Service nicht ganz billig – 250 Franken pro Prüfung muss hinblättern, wer diese Variante wählt.

www.fernuni-hagen.de

«Ist das prüfungsrelevant?» – ein Erfahrungsbericht

Lange Zeit war es für mich undenkbar, dass ich noch studiere. Doch als ich auf das Angebot der Fernuniversität Hagen stiess, dachte ich: «He, probiers einfach mal», und schrieb mich für das Fach Soziologie ein. Die Eintrittsschwelle ist tief: Die Studiengebühren sind niedrig, eine Matura ist nicht erforderlich, und vor allem: Man kann lernen, wo man will und wann man will. Auch das Studienpensum lässt sich frei wählen. Es spielt für die Fernuni keine Rolle, ob ich drei oder sechs Jahre für einen Bachelorabschluss brauche.

Ich lernte meist abends, nachdem mein Sohn zu Bett gegangen war. Hauptsächlich arbeitete ich die sogenannten Studienbriefe durch – dicke Stapel A4-Blätter. Das Gelesene fasste ich im Computer zusammen. Täglich zwei Stunden sowie einige freie Nachmittage – dieses Pensum hielt ich ein, und so schaffte ich pro Semester ein Modul. Notwendig sind zehn Module plus Abschlussarbeit.

Daneben knüpfte ich auf der Internetplattform Moodle Kontakte zu anderen Studierenden (vgl. Haupttext). Tiefschürfende Diskussionen über soziologische Themen haben sich in den virtuellen Diskussionsforen allerdings nie ergeben. Die meistgestellte Frage war: «Ist das prüfungsrelevant?» Der Austausch auf Moodle schnellte vor allem im Vorfeld der Semesterprüfung hoch. Bei einigen schien das isolierte Lernen gelegentlich zu Panikattacken zu führen: Oft war aus den Fragen grosse Unsicherheit herauszuspüren, ob man denn auch wirklich genug gelernt habe.

An der Fernuni besteht auch die Möglichkeit der realen Begegnung. In jedem Modul wird ein zwei- bis dreitägiges Seminar angeboten. Die siebenstündige Zugfahrt dafür habe ich jedes Mal auf mich genommen. Auch wenn es meist nur um eine vertiefte Vorbereitung auf die Klausur ging. Und auch wenn das Unigelände, das an einer Autobahnausfahrt am Rande der Stadt liegt, den Charme eines Steueramts versprüht. Allerdings haben sich die dort geknüpften Kontakte als recht hilfreich erwiesen. Man merkt, dass andere in ähnlichen Situationen stecken, lernt die Professorinnen und Assistenten kennen, geht abends mit ihnen ein Bier trinken.

Drei Module habe ich an der Fernuni absolviert. Dann reduzierte ich mein Jobpensum und ging an eine normale Uni – ein Schritt, den ich ohne den Umweg über die Fernuni wohl nicht gemacht hätte. An der Präsenzuni merkte ich dann schnell: Lernen ist auch ein sozialer Akt. Der viel häufigere Austausch mit Lernenden und Lehrenden macht nicht nur Spass, er schafft auch mehr Möglichkeiten, sich mit den Themen vertieft auseinanderzusetzen. Eine Anwesenheitspflicht bräuchte es dazu allerdings nicht.

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