Nr. 07/2006 vom 16.02.2006

Ewige Sündenböcke

Gibt es heute wieder mehr Verschwörungs- und Sündenbocktheorien, diskriminierende Bilder und offenen Judenhass? Ein Sammelband regt zur Diskussion an.

Von Bettina Dyttrich

Das Bild auf dem Buchumschlag weckt ungute Erinnerungen. Es war an der zersplitterten Anti-Wef-Demo 2003: Als Affen verkleidete DemonstrantInnen mit Masken von Bush, Scharon, Bin Laden, Rumsfeld und anderen tanzten um ein selbst gebasteltes goldenes Kalb, das von «Kapitalistenschweinen» getragen wurde. «Rumsfeld» trug einen grossen gelben Stern, der wohl ein Sheriffstern hätte sein sollen, aber sehr wie ein Judenstern aussah. War das wirklich nur ein Versehen, wie die AktivistInnen später in Leserbriefen und Internetdiskussionen behaupteten? «Man ist fast geneigt, ihnen zu glauben», schreibt Hanno Loewy, der Direktor des Jüdischen Museums Hohenems. «Was, wenn sich die Beteiligten dabei wirklich ‹nichts gedacht haben›, alles im Grunde noch viel schlimmer macht. Denn eine derart vollständige Inszenierung klassischer antisemitischer Bilder hat es lange nicht gegeben.»

«Gerüchte über die Juden. Antisemitismus, Philosemitismus und aktuelle Verschwörungstheorien» heisst der von Loewy herausgegebene Sammelband. Sechzehn Beiträge thematisieren das «Reden über die Juden» im globalisierten Europa, das eher ein Flüstern ist - eine Sprache der Andeutungen und Auslassungen, der frei schwebenden Bilder, die alle irgendwie kennen, auch wenn sie nicht genau wissen woher.

Verteufeln oder glorifizieren

Ist die globalisierungkritische Bewegung antisemitisch? Thomas Haury zeigt, dass einiges an ihr tatsächlich «anschlussfähig an antisemitische Denkformen» ist: zum Beispiel die vereinfachende, (auch bei Nazis) beliebte Unterscheidung zwischen gutem «Realkapital» und «parasitärem Finanzkapital». Oder die Tendenz, für alles Übel der Welt mächtige Einzelpersonen verantwortlich zu machen. Auch die Solidarisierung mit islamistischen Bewegungen, wie sie an Sozialforen beliebt ist, und die Verdammung der USA findet Haury bedenklich. Doch bei Letzterem übertreibt er. Es stimmt, dass auch - längst nicht nur! - viele Linke alles Böse in den USA vermuten und Europa idealisieren. Das ist zwar dumm, aber noch nicht antisemitismusverdächtig. Und richtig absurd wird es, wenn der Autor auch José Bovés Verteidigung der französischen Esskultur gegen McDonald’s für problematisch hält.

Nur scheinbar das Gegenteil des Antisemitismus ist der Philosemitismus, die undifferenzierte Begeisterung für alles Jüdische. Mehrere Autoren - darunter Yves Kugelmann in einem gelungenen Beitrag über die Schweiz - wehren sich vehement gegen die Umarmung der «wohlgesinnten Christenmenschen». Zu Recht: Wer «die Juden» pauschal idealisiert, nimmt sie genauso wenig als mündige Menschen ernst wie der Antisemit, der sie pauschal verteufelt. Und noch schlimmer: Viele ChristInnen unterstützen Israel, weil mit der Rückkehr aller Juden und Jüdinnen nach Palästina laut Bibel die Endzeit beginnen kann - und wenn Jesus zurückkommt, sollen sie bekehrt werden oder zur Hölle fahren. Mit solchen Endzeitfantasien beschäftigt sich Richard Bartholomew.

Israel und Palästina lassen sich ohnehin nicht ausklammern, wenn es um Antisemitismus geht - auch in einem Buch, das sich vor allem mit Europa beschäftigt. Fast immer, wenn in den letzten Jahren der Konflikt zwischen Israel und Palästina eskalierte, nahmen die antisemitischen Übergriffe in Europa zu. Die Täter, häufig Jugendliche aus islamischen Ländern, machen in einem fatalen Kurzschlussdenken alle jüdischen Menschen verantwortlich für die Taten rechter israelischer PolitikerInnen. Ist also der Islam an allem schuld? Der Iranist Kurt Greussing zeigt in seinem Beitrag, dass aus dem Koran sowohl Militanz als auch Toleranz abgeleitet werden kann. Interessant ist Zafer Senocaks kurzer Text über das türkisch-jüdische Zusammenleben während Jahrhunderten - erst in der modernen Türkei seien eifrig antisemitische Bücher ins Türkische übersetzt worden, «als müsse man etwas Bedeutendes nachholen». Ein fundierter Text über den heutigen Antisemitismus in den arabischen Ländern und seine Hintergründe fehlt dem Buch, würde allerdings wohl auch seinen Rahmen sprengen.

Entlastungsdiskussionen

Beim Reden über Antisemitismus gehe es häufig in erster Linie um die eigene Befindlichkeit, gerade in Deutschland, schreibt Moshe Zuckermann. In einem wohltuend bösen Essay entlarvt er die «hauptamtlichen Antisemitenjäger» aus dem «antideutschen» Lager: «Was bombardieren in den Augen deutscher Israel-Anhänger israelische Kampfflugzeuge, wenn sie über palästinensische Ziele fliegen? Etwa auch die Deutsche Wehrmacht? Gar Auschwitz?» Zuckermanns Text gehört zu den spannendsten des Buches. Allerdings wäre ein kurzer Überblick über die Antisemitismusdebatten in Deutschland hilfreich für jene, die sie nicht genau mitverfolgt haben (eine gute Einführung gibt das Stichwort «antideutsch» in der Internetenzyklopädie Wikipedia, http://de.wikipedia.org).

Die Grenze zwischen legitimer und illegitimer Kritik an Israel liegt nicht für alle am gleichen Ort: Während Werner Dreier die «tiefe Skepsis gegenüber dem modernen Israel» einer österreichischen Israelreisenden bereits verdächtig findet, schreibt Moshe Zuckermann: «Man beurteile den Nahostkonflikt, wie man möchte - an dem von Juden am palästinensischen Volk begangenen historischen Unrecht kommt man schlechterdings nicht vorbei.» Die Debatte geht weiter, und dieses Buch ist eine Gelegenheit, die eigene Meinung immer wieder zu hinterfragen, zu differenzieren, neue Aspekte sehen zu lernen. Damit, wenn das nächste Mal antisemitische Stereotypen auftauchen - sei das am Beizentisch, an einer Demo oder in einer politischen Debatte wie jener über die nachrichtenlosen Vermögen -, nicht wieder alle sagen können, sie wüssten von nichts.

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