Nr. 07/2006 vom 16.02.2006

Umdenken von unten

Ohne eine neue Industriepolitik sind Fabrikschliessungen nicht zu verhindern.

Von Helen Brügger

21 Tage lang streikte die Belegschaft der «Boillat» in Reconvilier. Dann war sie am Dienstag bereit, die Arbeit für die Dauer von Verhandlungen wieder aufzunehmen, und stimmte einem Vermittlungsvorschlag des - von Bundesrat Deiss ernannten - Mediators Rolf Bloch zu: Dies unter der Bedingung, dass die Swissmetal-Direktion die 35 ausgesprochenen und 120 angekündigten Entlassungen für die Dauer der Verhandlungen zurücknehme und einen eigenen Direktor für die «Boillat» einsetze. Bis Redaktionsschluss am Mittwoch war die Direktion nicht auf Blochs Vorschlag eingetreten.

Dieser Vorschlag beinhaltet eine zweite Verhandlungsphase, in der das industrielle Konzept überprüft werden soll. Denn das steht im Zentrum des Konflikts: Die Streikenden und mit ihnen die ganze Region sind überzeugt, dass Swissmetal den Standort Reconvilier zerschlagen will. Pierre Kohler, Gründer des Unterstützungskomitees, sagt: «Wir haben am Jurabogen Erfahrung mit Restrukturierungen. Was in Reconvilier passiert, ist keine Restrukturierung. Es ist die Ermordung einer rentablen Firma, die Spitzenprodukte herstellt.»

Pierre Kohler ist kein Linker. Er ist ehemaliger Regierungsrat des Kantons Jura, Nationalrat und Mitglied der CVP, der auch Bundesrat Deiss angehört. Pierre Kohler versteht seinen Kollegen im Bundesrat nicht mehr: «Der Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements müsste seinen Einfluss auf die Aktionäre geltend machen - zum Beispiel auf die Kantonalbanken, die zu den Grossaktionären von Swissmetal gehören.» Ein aktives Eingreifen des Bundesrats fordert auch die Nationalrätin der Grünen Partei, Francine John-Calame, aus dem Nachbarkanton Neuenburg in einem offenen Brief an Josef Deiss. Als Präsidentin des Arbeitslosenkomitees von La Chaux-de-Fonds sagt sie: «Es genügt nicht, nach China oder in die USA zu reisen und über Freihandelsabkommen zu palavern, wenn in der Schweiz Arbeitsplätze gerettet werden müssen.» Auf solche Vorwürfe stellt man sich im Volkswirtschaftsdepartement taub. Sprecher Christophe Hans versichert, der Bundesrat tue sein Möglichstes: «Wir sind dazu da, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu sichern, nicht aber, uns in die industriellen Strategien der Privatwirtschaft einzumischen.» Wenn aber die Zerstörung industrieller Arbeitsplätze in der Schweiz nur zu stoppen wäre, wenn sich die Politik «einzumischen» beginnt?

Cluster im Wallis

Im Kanton Wallis arbeiteten einst 4000 Menschen in der Firma Alusuisse. Blocher-Freund Martin Ebner kaufte und verkaufte sie nach Kanada. Heute heisst der Multi Alcan, er will nach mehreren Entlassungswellen im Wallis nun auch noch das Werk in Steg schliessen. Falls Alcan damit durchkommt, würden noch 900 Menschen in der Walliser Alu-Industrie arbeiten. Im Kanton aber kam es wie in Reconvilier zum Aufstand einer ganzen Region. Und siehe da, Alcan erklärte sich bereit, eine Konsultationsfrist bis zum 10. März einzuräumen. Die Gewerkschaft Unia rechnete ein Modell für eine Übernahme durch und stellte die Idee eines «Clusters» in den Raum. Cluster sind Regionen, die auf der Grundlage eines bestehenden Industriezweigs ein ganzes Netz von Firmen, Forschungszentren, Schulen und Dienstleistungen aufbauen. Im Wallis könnte in Zusammenarbeit mit Frankreich ein Verpackungspool entstehen, der auf der Produktion von Aluminium aufbaut. Dazu braucht es aber ein aktives Eingreifen der Politik, auch des Bundes, um die Zusammenarbeit mit der Forschung zu fördern oder die internationalen Kontakte herzustellen. Nun wartet die Gewerkschaft Unia auf die Antwort der Walliser Regierung und des Bundes.

In Steg wird Aluminium produziert - ein zukunftsträchtiges Produkt, genauso wie jene, die in Reconvilier hergestellt werden: Kugelschreiberspitzen oder besondere Metalllegierungen für die Luftfahrt, die allein die ArbeiterInnen der «Boillat» auf ökonomische Art herzustellen in der Lage sind. Und auch für Reconvilier gibt es Vorstellungen, wie das Unternehmen gerettet werden könnte. Pierre Kohler etwa wirbt für eine Auffanggesellschaft, in der 51 Prozent der Aktien von regionalen Unternehmen übernommen werden, 49 Prozent bei Swissmetal bleiben. Auch die Unia überlegt sich verschiedene Szenarien. Sprecher Bruno Schmucki sagt: «Es gibt am Jurabogen schon einen natürlichen Cluster, die ganze Decolletage- und Uhrenindustrie. Darauf könnte aufgebaut werden.» Dass sich die ganze Region, inklusive der ansässigen Klein- und Mittelbetriebe, hinter den Streik stellte, sei der beste Beweis, wie ein solcher Cluster funktioniere: «Die anderen Betriebe haben gemerkt, dass man nicht einfach einen wichtigen Bestandteil aus dem Ganzen herausbrechen kann, ohne sie zu gefährden.» 4000 Arbeitsplätze zwischen Basel und Neuenburg stehen auf dem Spiel.

«Einzelne Medien stellen uns als Ewiggestrige dar», sagt Schmucki, «sie glauben, in der Schweiz sei eine reine Dienstleistungswirtschaft möglich.» Das aber wäre volkswirtschaftlicher Wahnsinn. Die Schweiz brauche im Gegenteil eine Industriepolitik, die verhindere, dass Unternehmen zu reinen Spekulationsobjekten würden: «Dass bei Swissmetal Spekulanten am Werk sind, zeigt schon die Tatsache, dass während des Streiks die Aktienkurse nach oben gegangen sind!»

Ein wichtiger Schritt

Industriepolitik heisst das Stichwort. Durch den Aufbau von Kompetenzzentren beispielsweise, die das Gegenteil der traditionellen Wirtschaftsförderung sind - Letztere besteht ja nur darin, Unternehmen mit Dumpingangeboten anzulocken, ohne sich um die Nachhaltigkeit der Arbeitsplätze zu kümmern. Industriepolitik betreiben bedeutet, Impulse für nachhaltiges Wachstum und strategische Innovationen zu geben, den ökologischen Umbau voranzutreiben, Cluster zu fördern, die auf das Wissen und die Erfahrung der Arbeitenden aufbauen.

Noch verfügen die Gewerkschaften nicht über eine ausgearbeitete Strategie dazu. Aber Schmucki ist überzeugt, dass der Streik von Reconvilier ein wichtiger Schritt ist: «Das Umdenken kommt nicht von oben. Es kommt von unten, von den Leuten in Reconvilier, die mehr Verantwortungsbewusstsein für ihren Betrieb zeigen als die Direktion. Es kommt von ihren Verwandten und Bekannten, die Lastwagen blockiert und damit verhindert haben, dass Material aus dem Betrieb weggeschafft wurde. Es kommt von all jenen, die dem Streik ein konkretes Gesicht geben, nämlich das Alltagsgesicht des Widerstands.»

Swissmetal

Investorenfreude

Nun gehört die ehemalige deutsche Tochterfirma Busch-Jaeger nach drei Jahren wieder der Swissmetal. Dies gab CEO Martin Hellweg vergangenen Freitag bekannt. Seither wartet die 170-köpfige Belegschaft in Lüdenscheid auf Genaueres, laut Wolfgang Nettelstroth von der Gewerkschaft IG Metall soll sie erst nächste Woche informiert werden. Die Produktpalette von Busch-Jaeger ist vergleichbar mit derjenigen des Standortes Reconvilier, schreibt Swissmetal in ihrer Medienmitteilung vom 10. Februar.

Der Streik in Reconvilier soll massgeblich zur Kaufentscheidung beigetragen haben. Doch Firmenübernahmen werden nicht auf die Schnelle abgewickelt, sondern dauern in der Regel Monate. Hellweg hat also den Streik lediglich genutzt, um seine Strategie noch schneller umzusetzen.

Laut einer nicht offiziellen Quelle sollen erste Fusionsgespräche bereits im September 2005 stattgefunden haben. Damals gehörte Busch-Jaeger der Frankfurter Beteiligungsholding FBH, die wiederum zu einem Drittel Dietrich Twietmeyer gehörte (FBH wurde im Dezember aufgelöst). Dieser ist heute geschäftsführender Gesellschafter bei Busch-Jaeger und soll laut «Lüdenscheider Nachrichten» Verwaltungsrat von Swissmetal werden. Ein weiterer geschäftsführender Gesellschafter, Volker Suchordt, soll als Produktionschef für alle Standorte von Swissmetal verantwortlich werden.

Details über den Deal sind nicht bekannt. Gleichzeitig geht der Streik in Reconvilier weiter, denn das Swissmetal-Management ging bisher nicht auf die Vorschläge des Mediators Rolf Bloch ein. Der Aktienkurs der Swissmetal blieb angesichts des dreiwöchigen Streiks verdächtig stabil. Die InvestorInnen scheinen die Situation anders einzuschätzen. Letzte Woche wurde bekannt, dass ein britischer Hedge Fund, Laxey Partners, knapp elf Prozent von Swissmetal besitzt. Andere Aktionäre sind etwa die OZ Bankers und Swisscanto, das Gemeinschaftsunternehmen der schweizerischen Kantonalbanken. Letzteres hält über sechs Prozent an Swissmetal. Interessant ist jedoch, dass laut dem Informationsdienst Bloomberg keine Schweizer Bank Aktienanalysen über Swissmetal anbietet, auch keine Kantonalbank. Gründe dafür könnten sein, dass die Firma als zu klein oder als zu riskant für «normale» Investoren eingeschätzt wird. Risiken gehen jedoch auch aggressive Investoren nur ein, wenn sie ein Unternehmen für massiv unterbewertet halten und mit einem überproportionalen Gewinn rechnen. Das spricht für die These, dass Hellweg Swissmetal erst fit machen und dann versilbern will.

Elvira Wiegers

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