Nr. 08/2006 vom 23.02.2006

Filetiert und serviert

Wird die Aluhütte in Steg geschlossen? Oder von einem neuen Konsortium übernommen? 180 Arbeitsplätze hängen vom Strompreis ab.

Von Helen Brügger

Die Aluhütte in Steg soll bis Ende April geschlossen werden. Dies kündigte der kanadische Multi Alcan am 12. Januar an. Betroffen sind 180 Personen in Steg und in Sierre. Die Gewerkschaften befürchten, die Einstellung der Elektrolyse, das heisst der Produktion von Rohaluminium, in Steg werde für alle Alcan-Niederlassungen im Wallis Folgen haben. Dann ginge es um 1100 Arbeitsplätze. Die Gewerkschaft Unia versucht seit langem, Wirtschaft und Politik für alternative Lösungen zu mobilisieren - ein Streik wie in Reconvilier liegt nicht drin. «Man kann die Öfen der Elektrolyse nicht stilllegen, sonst ist alles aus», sagt German Eyer, der zuständige Sekretär der Unia Oberwallis.

Eine Gruppe von Investoren aus dem In- und Ausland um den Walliser Treuhänder Albert Bass zeigt sich interessiert, das Werk zu übernehmen. Knackpunkt für diese Investorengruppe ist der Strompreis - bei der energieintensiven Elektrolyse ist Strom der entscheidende Kostenfaktor. Glaubte man Anfang Woche noch, ein an den Aluminiumpreis gebundener, variabler Strompreis könnte eine schnelle Lösung bringen, haben die mit dem Konsortium verhandelnden Stromproduzenten (EnAlpin, Walliser Elektrizitätsgesellschaft, EOS, Atel, BKW, Axpo) um eine neue Fristerstreckung um zehn bis vierzehn Tage gebeten. «Es wird langsam eng», sorgt sich Eyer, denn Alcan hat den Gewerkschaften eine Konsultationsfrist bis zum 10. März eingeräumt. Nachher, so fürchtet Eyer, könnte Alcan versucht sein, die Öfen kontinuierlich zurückzufahren.

Volle Auftragsbücher

Die Aluhütte in Steg gehört technisch zu den besten und modernsten Werken in Europa. Aluminium gilt als Werkstoff der Zukunft, Nachfrage und Preise steigen. Die Auftragsbücher der benachbarten Giesserei sind bis Oktober 2006 voll. Im Jahr 2005 erwirtschaftete Alcan in Steg einen Gewinn von zwanzig Millionen Franken. Doch all das ist für den «global player» Alcan zu wenig. Der Multi rüstet nach der Fusion mit dem französischen Aluwerk Péchiney zum Kampf um den weltweit ersten Platz in der Branche. Die Gewerkschaft Unia ist trotz anders lautenden Äusserungen der Firmenleitung überzeugt, dass Alcan sich über kurz oder lang aus dem Wallis zurückzieht. Sie entwickelt deshalb Szenarien für eine industrielle Umrüstung.

Ein mögliches Szenario ist die Entwicklung eines «Aluminium-Clusters» im Wallis. Ein auf der Aluindustrie aufbauendes Kompetenzzentrum soll verschiedene Aktivitäten, Produktionen und Dienstleistungen in einem Netzwerk zusammenfassen, das erlauben würde, lokale Produkte mit grossem Mehrwert herzustellen. Bereits existiert dafür eine Vorstudie. Sie wurde vom französischen Ingenieurbüro Syndex verfasst, das den Gewerkschaften nahe steht. Sie stellt fest: Obwohl Chemie und Metallindustrie die beiden Hauptpfeiler der Walliser Industrie sind, tue der Kanton wenig für die Entwicklung der Aluindustrie. Dafür gebe es einen Grund: Die lokale Verankerung des Industriezweigs habe sich seit der Übernahme durch Alcan stark gelockert.

Die Studie liegt bei der Walliser Regierung und im Volkswirtschaftsdepartement bei Bundesrat Joseph Deiss - die Gewerkschaft fordert eine gemeinsame Sitzung zum Thema. Denn industrielle Alternativen, so German Eyer, könnten von der Gewerkschaft nur initiiert werden, anschliessend müssten Kanton und Bund das Zepter übernehmen: «Der Aufbau eines Clusters ist eine Sache von mehreren Jahren. Er setzt eine wirkliche Industriepolitik voraus, das heisst konzertierte Aktionen zwischen Unternehmen, Kantons- und Bundesbehörden.»

Eine sofort machbare Lösung schlägt Eyer mit dem so genannten «Heimfall» des Werkes vor: «Der Kanton unterstützt Alcan seit fünf Jahren mit Energie- und Steuerrabatten in der Höhe von 4,9 Millionen Franken pro Jahr - da wäre es nur natürlich, dass das Werk in Steg, wenn Alcan es liquidiert, an den Kanton heimfällt.» Ein Heimfall kombiniert mit einem Cluster wäre ökonomisch ein gangbarer Weg, sagt Eyer, auch wenn er sich keine Illusionen macht: «Der Heimfall ist in der heutigen Zeit politisch wahrscheinlich nicht mehrheitsfähig.» Eines sei sicher: Wenn die Elektrolyse in Steg nicht gerettet werden könne, falle auch der Cluster: «Die Aluhütte ist das Herzstück des künftigen Kompetenzzentrums.» Doch die Zeit drängt. Eyer hofft deshalb noch immer auf eine schnelle Einigung zwischen dem Konsortium um Albert Bass und den Stromproduzenten. Für die Gewerkschaft wäre eine Übernahme durch das Konsortium eine gute Lösung: «Unter den Interessenten befindet sich die deutsche Trimet, eine Aluhütte in Essen. Das sind echte Profis, die vor einigen Jahren in einer ähnlichen Situation bewiesen haben, dass auch kleine Firmen auf dem Weltmarkt eine Chance haben.»

Blochers Werk

Doch wie konnte es so weit kommen, dass ein ganzer Industriezweig von der Höhe des Strompreises abhängig ist? Vor sieben Jahren kauften Unternehmer Christoph Blocher und Financier Martin Ebner die traditionsreiche Firma Alusuisse, die ihren eigenen Strom produzierte. Sie teilten sie in Stücke auf und verkauften die Teile einzeln weiter. Die Produktion und Verarbeitung von Aluminium ging an Alcan. Die Alusuisse-Lonza-Kraftwerke wurden an die EnAlpin verkauft, eine Tochter der teilprivatisierten deutschen EnBW. Begleitet war die Zerschlagung von vollmundigen Versprechen: mehr wirtschaftliche Dynamik, mehr Arbeitsplätze für das Wallis.

Passiert ist das Gegenteil. Seit Alusuisse zu Alcan gehört, finden an den zusammengekauften Standorten Restrukturierungen statt. Und die Zukunft der Aluminiumproduktion im Wallis ist abhängig von einem Strompreis, den «drei bis vier Stromoligarchen in Europa bestimmen», sagt Eyer. Die Situation stimme ihn nachdenklich: Vorläufig sei der Strommarkt in der Schweiz noch mehrheitlich in der Hand von Kantonen und Gemeinden, und trotzdem habe die Öffentlichkeit nicht viel zu sagen. Soeben habe der von der Gewerkschaft angerufene Preisüberwacher festgestellt, er habe keinen Spielraum, eine Preissenkung durchzusetzen. «Wie viele Arbeitsplätze sind erst in Gefahr, wenn der Elektrizitätsmarkt geöffnet wird?»

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