Nr. 08/2006 vom 23.02.2006

«Hellweg kanns nicht»

Die Unia kämpft gegen eine Unternehmensleitung, die nicht an einer schnellen Einigung interessiert ist. Darauf ist die Gewerkschaft schlecht vorbereitet.

Von Johannes Wartenweiler

WOZ: André Daguet, die Verhandlungen mit Swissmetal sind sehr schwierig. Warum?

André Daguet: Wir wollten uns unter der Vermittlung von Rolf Bloch auf Gespräche über den Unterbruch des Streiks und die Zukunft von Boillat in Reconvilier einigen, ohne dass eine Seite bedingungslos ihre Positionen aufgeben muss. Am Montagabend hofften wir schon, einen Kompromiss erzielt zu haben, den wir der Belegschaft vorlegen können. Tags darauf machte eine weitere Provokation von Swissmetal-Chef Martin Hellweg diese Hoffnung wieder zunichte. Wir mussten deshalb am Dienstag erneut bei Bloch intervenieren. Nun steht ein neuer Vermittlungsvorschlag.

Es scheint, als habe es Hellweg darauf angelegt, den Verhandlungsprozess immer wieder zu verzögern. Kann man denn auf dieser Basis überhaupt verhandeln?

Das war ja gerade die Schwierigkeit. Darum trat die Belegschaft in Reconvilier in den Streik. Das Vertrauen in die Geschäftsleitung und in den Verwaltungsrat ist weg. Niemand kann wirklich glauben, dass das industrielle Konzept von Swissmetal darauf hinausläuft, den Standort Reconvilier langfristig zu erhalten.

Es war nicht das erste Mal, das Swissmetal während der laufenden Verhandlungen neue Tatsachen schafft. Zuerst wurde bekannt, dass zusätzliche 120 Stellen abgebaut werden sollten, dann kaufte die Firma einen Betrieb in Lüdenscheid. Die Kaderleute wurden fristlos entlassen, und die Angestellten erhielten die Aufforderung, die Arbeit wieder aufzunehmen, sonst würden sie entlassen. Wie reagieren die Verantwortlichen des Unternehmens eigentlich, wenn man sie auf dieses Verhalten anspricht?

Ich habe Friedrich Sauerländer gesagt, dass wir von ihm als Verwaltungsratspräsidenten erwarten, dass er endlich auf den Tisch klopft und die Geschäftsleitung zurückpfeift. Wenn er das nicht schafft, dann hat er in seiner Funktion versagt.

Und hat er das gemacht?

Nein, natürlich nicht. Der Verwaltungsrat ist machtlos. Und das Management nimmt die Belegschaft nicht ernst. Es ist nicht in der Lage, mit Leuten umzugehen, die nicht einfach jeden Entscheid akzeptieren. Es ist das gute Recht jeder Betriebskommission, von der Direktion transparent über die Strategie des Unternehmens informiert zu werden. Verschiedene Unternehmer haben sich ja inzwischen in deutlichen Worten darüber geäussert, was sie von den Qualitäten des Swissmetal-Managements halten. Man hört, Nicolas Hayek habe gesagt, er hätte wohl eine Klage am Hals, wenn er sich öffentlich darüber äussern würde.

Sie sagten der «SonntagsZeitung», der Streik müsse aufhören, die Angelegenheit laufe aus dem Ruder. Was haben Sie damit gemeint?

Bereits kurz nach Streikbeginn bot die Belegschaft an, mit der Unternehmensleitung Gespräche zu führen und die Arbeit wieder aufzunehmen. Deswegen kam es auch zu einer mehrstündigen Aussprache in Biel. Verwaltungsratspräsident Friedrich Sauerländer erklärte dabei, man nehme die Kritik der Angestellten sehr ernst. Das Nächste, was man daraufhin von ihm hörte, war die Ankündigung, weitere 120 Stellen abzubauen. Und wenn der Direktor sagt, das Unternehmen könne den Streik vier bis fünf Monate aushalten, dann ist er ein Zyniker, der seine eigenen Leute nicht ernst nimmt.

Aber es gibt auch Stimmen, die sagen, man müsse bis zum bitteren Ende kämpfen.

Ich bin ganz klar gegen falsches Heldentum. Wer Derartiges sagt, weiss nicht, wie hart die Situation für die Betroffenen ist. Es besteht die Gefahr, dass es am Ende überhaupt keine Arbeitsplätze mehr gibt. Darüber soll man sich keine Illusionen machen. Selbstverständlich muss man auch Alternativen prüfen. Aber selbst dann ist es ungewiss, wie viele Arbeitsplätze erhalten werden können.

Die Unia hat diesen Streik nicht ausgerufen, sie kam erst dazu, als die Belegschaft das schon entschieden hatte. Woran liegt das?

Es ist ein Unterschied, ob die Gewerkschaft in einem GAV-Konflikt selber einen Streik ausruft oder die Belegschaft eines Betriebes über den Streik entscheidet. Darum ist es absurd, der Unia im Fall Swissmetal den Vorwurf zu machen, sie suche derartige Konflikte, um sich zu profilieren. Das heisst aber überhaupt nicht, dass wir uns von der Belegschaft absetzen wollen. Im Gegenteil: Unia unterstützt die Streikenden, egal, ob der Arbeitgeberverband diesen Streik als wild oder illegal bezeichnet. Wir sind davon überzeugt, dass sie legitime Interessen vertreten. Und wir unterstützen unsere Mitglieder, die sich dafür einsetzen, dass die 2004 gemachten Versprechungen eingehalten werden. Darum zahlen wir unseren Mitgliedern auch das Streikgeld aus.

Ist es nicht so, dass die Unia die Entwicklung ein bisschen verschlafen hat? Hätte sie nicht früher konzeptionell arbeiten und sich auf den nun eingetretenen Fall vorbereiten müssen?

Man könnte die Frage auch umkehren. Es kann doch nicht sein, dass ein Werk mit dieser Tradition und diesen Qualitäten ein Management erhält, das nicht in der Lage ist, normale Gespräche mit der Belegschaft und den Kommissionen zu führen! Umgekehrt ist es auch nicht so einfach, Boillat aus der Gruppe herauszulösen und ein eigenes Unternehmen zu gründen. Es hat sich nämlich gezeigt, dass sich niemand auf die Äste hinauslässt, solange die Situation noch völlig offen ist - weder andere Unternehmen, noch potenzielle Investoren und auch nicht der Kanton Bern.

Ist denn Hellweg überhaupt bereit, den Betrieb abzustossen?

Es gibt zumindest entsprechende Signale. Dies ist ein Punkt der Verhandlungsagenda. Klar ist aber: Die Ausgliederung ist eine komplizierte Angelegenheit.

Warum hat Hellweg ein Interesse daran, den Betrieb auszugliedern?

Weil er mit dem Werk nicht klarkommt. Und weil er zum Schluss gekommen ist, dass er mit diesem Werk seine Strategie nicht umsetzen kann. Das zugekaufte Werk Lüdenscheid ist zwar eine Provokation, aber das restrukturierte Werk liefert auch gute Ware. Es ist deshalb eine Illusion, davon auszugehen, dass die Qualität langfristig konkurrenzlos sei.

Genau das sagen die Leute vor Ort.

Das ist ein kulturelles Phänomen, das man bisweilen ein bisschen relativieren muss. Tatsache ist: Es gibt Spezialitäten in Reconvilier, die konkurrenzlos sind. Nur Hellweg glaubt, sie liessen sich problemlos auch anderswo produzieren.

Warum schaffen es die Gewerkschaften nicht, eine minimale Kooperation zwischen den Beschäftigten von Reconvilier und Dornach herzustellen?

Die sprachlichen und kulturellen Differenzen sind zweifellos vorhanden. Zusätzliche Spannungen entstehen, weil die Leitung die beiden Betriebe gegeneinander führt. Was sollen zum Beispiel die Inserate der Kader von Dornach, die sich gegen die Streikenden richten?

Die Metallindustrie ist in der Tradition der ehemaligen Metallarbeitergewerkschaft Smuv eher auf Konsens ausgerichtet.

Das stimmt. Dennoch: Reconvilier ist ein typischer Smuv-Betrieb. Aber die Mentalitäten variieren zwischen den Sprachregionen. Dies zeigen auch Erfahrungen mit anderen Unternehmen mit Produktionsstätten in beiden Sprachregionen. Wenn eine Direktion versucht, noch mehr Flexibilität durchzudrücken, dann kommen die Leute aus der Westschweiz und verlangen sofort unsere Intervention. In der Deutschschweiz unterschreibt eine Betriebskommission unter Umständen eine derartige Vereinbarung eher, auch ohne dass die Gewerkschaft eingeschaltet wird.

Sie führen eine dramatische Auseinandersetzung in Reconvilier. Gleichzeitig droht die Schliessung der Elektrolyse in Steg. Es geht in beiden Fällen um Arbeitsplätze in der Industrie. Warum stellt die Unia zwischen den einzelnen Arbeitskämpfen keine Klammer her?

Selbstverständlich sehen wir die Zusammenhänge. Steg bedeutet die drohende Deindustrialisierung einer ganzen Region. Das Risiko ist hoch, dass Alcan allmählich alle Betriebe im Wallis schliesst. Aber allein schon der Schulterschluss zwischen dem Valais romand und dem Oberwallis ist schwierig herzustellen. Die Gewerkschaft muss aber immer wieder versuchen, übergeordnete Zusammenhänge herzustellen - etwa mit einer gemeinsamen Lohnkampagne, wie sie für dieses Jahr geplant ist. Wir fordern, dass die Lohnabhängigen endlich das bekommen, was ihnen zusteht. Umso mehr, als die meisten Unternehmen grosse Gewinne machen.

Braucht es nicht eine aktive Industriepolitik, um aus der Defensive herauszukommen?

Unbedingt. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass uns die Industrie einfach wegbricht. Das industrielle Innovationspotenzial ist beträchtlich. Untersuchungen im europäischen Raum widerlegen die Thesen, dass die industrielle Produktion in Westeuropa nicht mehr aufrechtzuerhalten sei. Die Chancen der Investitionsgüterindustrie in Osteuropa sind sogar sehr gut. Zweistellige jährliche Wachstumsraten sind möglich. Das heisst, dass die Schweizer Unternehmen dort gute Geschäfte machen können. Es lohnt sich also, eine aktive Industriepolitik zu machen und den Werkplatz Schweiz aktiv zu fördern.

In der Finanzindustrie sind höhere Renditen möglich als in der industriellen Produktion - Hellweg will mindestens neun Prozent, in der Industrie sind deutlich tiefere Renditen üblich. Wie schützt man die produzierende Industrie vor den hohen Erwartungen der InvestorInnen?

Wenn Manager an der Spitze stehen, die keine andere Aufgabe haben, als den Börsenwert eines Unternehmens hochzutreiben und durch Finanztransaktionen Geld zu verdienen, werden die Auseinandersetzungen immer härter. Die Konflikte wegen der Ansprüche der Shareholder werden zunehmen. Entscheidend ist, dass wir derartige Konflikte auch gewinnen können.

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