Nr. 09/2006 vom 02.03.2006

Wenig Respekt, viele Tabus

Vor zehn Jahren gründeten argentinische Prostituierte die Gewerkschaft Ammar. Seither kämpfen die Frauen um bessere Arbeitsbedingungen und für mehr gesellschaftliche Anerkennung.

Von Stefan Kohler, Buenos Aires

«In Buenos Aires gibt es etwa 100 000 Prostituierte, das sind fünfmal mehr als noch vor zehn Jahren», sagt Elena Reynaga. Die energiegeladene 52-Jährige muss es wissen: Sie ist nicht nur Generalsekretärin der Prostituiertengewerkschaft Ammar, sondern auch Präsidentin von Redtrasex, dem Netzwerk der Sexarbeiterinnen in Lateinamerika und in der Karibik.

Die Prostituierte ist die Gründerin von Ammar: «Bis 1994 waren wir einer ungeheuren Repression ausgesetzt. In Buenos Aires gab es damals etwa 20 000 Frauen, die als Prostituierte arbeiteten. Es kam vor, dass wir aus der Haft entlassen wurden, zu Hause duschten, neue Kleider anzogen, und kaum waren wir wieder draussen auf der Strasse, landeten wir wieder im Knast. Die Polizei zog jedes Mal Geld ein. Sie bestimmte, wann wir arbeiten durften und wie viel Geld wir verdienten. Darüber hinaus wurden wir gedemütigt und geschlagen. Es war unerträglich.»

Die Frauen verbrachten manchmal ganze Wochen im Gefängnis. Das - und auch die Lohnausfälle - wollte sich Reynaga nicht länger gefallen lassen: Sie überredete Arbeitskolleginnen, gemeinsam eine Petition bei der Polizei einzureichen, damit diese sie wenigstens ab und zu 24 Stunden frei arbeiten liesse. «So klein haben wir angefangen. Wir waren uns nicht bewusst, worauf wir uns eingelassen hatten. Aber es ging uns damals und geht uns heute noch darum, unsere Arbeit in Würde ausführen zu können.»

Reynaga realisierte, dass die Prostituierten nur organisiert und in Allianzen etwas würden erreichen können. 1995 trat sie deshalb, zusammen mit achtzig weiteren Sexarbeiterinnen, als eigenständige Sektion der CTA (Central de los Trabajadores Argentinos) bei, dem alternativen Gewerkschaftsbund Argentiniens mit mittlerweile etwa 1,5 Millionen Mitgliedern. Die holländische Botschaft unterstützte damals finanziell den Betrieb eines kleinen Büros.

In den ersten drei Jahren nach der Gründung von Ammar war Reynaga zahllosen Übergriffen durch die Polizei ausgesetzt: Sie wurde nicht nur regelmässig auf der Strasse herausgepickt oder gezielt aus einer Bar heraus verhaftet, sondern auch bedroht, geschlagen und nicht zuletzt von eingeschüchterten Kolleginnen verraten. Es dauerte auch innerhalb der CTA eine ganze Weile, bis die anderen Gewerkschaftsangehörigen die Prostituierten als vollwertige Mitglieder respektierten.

Anfänglich bestand die Arbeit von Ammar vor allem darin, gemeinsam mit Kolleginnen die Polizeistationen aufzusuchen, wo Prostituierte inhaftiert waren, und mit Hilfe von Anwälten deren Freilassung zu bewirken. Da es zu viele waren - «wir hätten ohne weiteres monatlich 20 000 US-Dollar dafür ausgeben können; Geld, das wir nicht hatten» -, verlegten sich die Prostituierten auf den Kampf gegen die Polizeiwillkür.

Zusammen mit anderen BürgerInnenrechtsbewegungen erreichten sie, dass im Jahr 1998 das «Gesetz über das städtische Zusammenleben» von Buenos Aires frei von Schikanen gegenüber der Arbeit der Sexarbeiterinnen war. Zwar wurde Artikel 71 dieses Gesetzes 1999 wieder zum Nachteil der Sexarbeiterinnen geändert, doch ist die Prostitution in Buenos Aires seither legal.

Die teilweise extrem konservativen Provinzen machten diese Öffnung nicht mit, sondern fuhren fort, die Prostituierten zu unterdrücken und zu kriminalisieren. Polizei, Richter, Staatsanwälte und Anverwandte sahnten derweil im Sexbusiness kräftig ab. Missliebige Prostituierte wurden ermordet oder verschwanden. Das prominenteste Beispiel ist die Gewerkschaftsführerin Sandra Cabrera, die ihr gewerkschaftliches Engagement im Januar 2004 mit ihrem Leben bezahlte. Ein anderes Beispiel stellt die Mordserie an mehreren Sexarbeiterinnen im Badeort Mar del Plata dar. «1999 gab es dort nur fünf Bordelle. Die meisten Mädchen gingen also auf der Strasse ihrem Gewerbe nach. Die Polizisten kassierten bei jeder Frau einzeln die Schmiergelder. Das war umständlich», erklärt Reynaga. Nach den Morden seien die Mädchen aus Angst in die Bordelle geflüchtet. «Heute gibt es in Mar del Plata 250 solche Häuser. Die Polizei muss sich nur noch mit den jeweiligen BordellbesitzerInnen arrangieren. Dagegen unternimmt niemand etwas.» Trotz dieser Schwierigkeiten und Rückschläge gelang es Ammar, in 16 der 23 Provinzen Fuss zu fassen.

Ab 1998 engagierte sich Ammar auch im Kampf gegen die Ausbreitung von Aids und arbeitete mit einer Vielzahl von Organisationen zusammen. Sie vernetzte sich etwa international mit Redtrasex, der lateinamerikanischen Vereinigung der Prostituierten - deren Präsidentin Elena Reynaga schliesslich wurde.

Heute zählt Ammar landesweit 3700 Mitglieder. Ihre Aktivitäten finanzieren sie durch Mitgliederbeiträge. Reynaga und die zahlreichen Delegierten leisten freiwillige Arbeit, entlöhnt werden nur ein paar Teilzeitangestellte im Büro der Zentrale in Buenos Aires. Die Frauen von Ammar gehen immer wieder auf die Strasse, sprechen Sexarbeiterinnen an und informieren sie über die Vorteile einer Gewerkschaftsmitgliedschaft. Sie veranstalten Workshops über das Verhalten bei Gewalt, über Menschenrechte, über den Umgang mit der Polizei und der Justiz, über Gesundheit, Sexualität und Aidsprävention.

Die Gewerkschaft offeriert auch Kurse zum Erlernen anderer Berufe und betreibt eine Primarschule in der Provinz Córdoba. «Wir sind stolz auf die Schule. Ich war früher Analphabetin, wie viele meiner Arbeitskolleginnen auch. Mit zehn Jahren hab ich als Hausmädchen angefangen, als 19-Jährige ging ich auf die Strasse.» Mit 46 hat die Mutter zweier erwachsener Kinder ihre Schulbildung nachgeholt, mittlerweile wurde sie sogar vom Weltverband CATW (Coalition Against Trafficking in Women) der Sexarbeiterinnen für das Präsidentinnenamt vorgeschlagen.

Reynaga ist seit acht Jahren Single: «Viele Männer genieren sich einfach, mit einer bekannten und bekennenden Prostituierten auszugehen.»

Reynaga wehrt sich vehement gegen alle Versuche von aussen, die Arbeit der Prostituierten zu reglementieren. «In allen Ländern, wo solche Gesetze von berufsfremden Leuten eingeführt wurden, hat das dazu geführt, dass die Frauen mehr ausgebeutet werden, und dass von ihrem Verdienst ein grösserer Prozentsatz an die GeschäftsinhaberInnen geht.» In Chile beispielsweise gingen deshalb bis zu achtzig Prozent des Verdienstes der Frauen an die BordellbesitzerInnen. Reynaga: «Wir kämpfen für die gleichen Arbeitsrechte, wie sie für die ArbeiterInnen existieren: Für Selbstbestimmung, Sicherheit, Ausbildung und Pensionierung.»

In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Sexarbeiterinnen allein in Buenos Aires verfünffacht. Für Reynaga ist klar, dass der wirtschaftliche Zusammenbruch viele Frauen in die Prostitution getrieben hat. Deshalb existiere heute ein Überangebot an käuflichem Sex, was dessen Preis extrem sinken liess. Früher existierende Preisabsprachen seien weggefallen.

Reynaga befürchtet, dass sich ohne tiefgreifende Verbesserungen des Erziehungssystems nichts an Problemen wie Prostitution oder Aids ändern wird. «Der Staat muss die Aids-Prävention unbedingt vorantreiben. Es genügt nicht, am Welt-Aids-Tag dem Obelisken auf der Avenida de Julio ein Präservativ überzustülpen, auch wenn das sehr medienwirksam ist.» Es gebe zwar entsprechende Gesetze für Prävention und Sexualaufklärung, aber sie würden nicht umgesetzt - dies auch wegen des Widerstandes der Kirche und der LehrerInnen, die der Kirche nahe stehen. «Der Staat will kein Geld für die Prävention ausgeben, doch Aidsmedikamente sind kostenlos.»

Gerade wegen der starken Zunahme der Prostitution wäre Öffentlichkeitsarbeit besonders wichtig. «Leider werden wir selten eingeladen, um über unsere Probleme berichten zu können», sagt die Generalsekretärin von Ammar. Und ein Radioauftritt ab und zu genüge bei weitem nicht, um das negative und klischierte Bild gegenüber den Prostituierten zu verändern. «Die meisten von uns machen diesen Job weder freiwillig noch gerne - sondern weil sie müssen», lautet Reynagas Botschaft an die Gesellschaft.

Ein wichtiges Ziel von Ammar bleibt deshalb die Enttabuisierung der Prostitution und der verbesserte Rechtsschutz der Prostituierten. In den nächsten Tagen will Ammar einen Dreijahresplan mit einem detaillierten Budget für die einzelnen geplanten Aktivitäten ausarbeiten. Die Arbeit wird Ammar nicht so schnell ausgehen. Trotzdem träumt Reynaga davon, «dass frau sich frei entscheiden kann, was sie machen will, und sie sich nicht mehr prostituieren muss, nur um zu überleben.»

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