Prostitution : «Wir haben eine eigene Stimme»

Nr. 16 -

Keine Polizei, viel Kohle – das sei das einzige Interesse, das SexarbeiterInnen verbinde. Obwohl es an Identifikation und Solidarität mangelt, arbeiten Angelina in Genf und Johanna Weber in Berlin am Aufbau von organisierten Strukturen. Zwei Sexarbeiterinnen erzählen aus ihrem Alltag.

  • Foto: Yoshiko Kusano
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Das Kopfkino läuft auch am helllichten Tag, wenn man sich im Hinterhaus eines Mietblocks in Berlin-Kreuzberg mit einer Domina trifft. Man ist auf einiges gefasst, nur nicht auf folgende Frage: «Mögen Sie Croissants?» Johanna Weber hat soeben ein zweites Frühstück aufgetischt.

Croissants, Brot, Käse, Honig stehen schon in der hellen, freundlichen Küche bereit, auf dem Tisch liegt die aktuelle «taz», die Kaffeemaschine macht einen Heidenlärm. Es ist ein Uhr mittags, und Johanna Weber kommt gerade von ihrem Steuerberater. Gemeinsam möchten sie einen Fortbildungskurs für Prostituierte zu Steuerfragen organisieren. Etwas weniger trocken klingen die anderen Kurse, die Johanna Weber mit ihren Kolleginnen anbieten möchte: Tantramassage und «Bizarres Arbeiten».

Johanna Weber ist politische Sprecherin des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen, den sie vor zwei Jahren mitgegründet hat. Sie war damals seit vier Jahren in der Sexarbeit tätig, im Berufsalltag angekommen, langweilte sich ein wenig und begann, die politischen Debatten über ihre Arbeit mitzuverfolgen. An einem Kongress des Bündnisses der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter (Bufas) hörte sie Vorträge über die politische Situation in anderen Ländern – Registrierungspflicht in Holland, drohendes Sexkaufverbot in Frankreich, medizinische Zwangsuntersuchungen in Österreich. Johanna Weber erschrak: «Das wird alles nach Deutschland kommen!»

Sie wandte sich an ihre Arbeitskolleginnen, die am Kongress teilnahmen. Viele waren das nicht, vielleicht sieben oder acht. Denn wie so oft, wenn über Sexarbeit gesprochen wird, taten dies auch am Bufas-Kongress in erster Linie Sozialarbeiterinnen, Wissenschaftler, Journalistinnen. «Die Damen in den Beratungsstellen haben zwar schon mehr Bordelle gesehen, mit mehr Frauen geredet als die meisten aus unserem Berufsverband», sagt Johanna Weber. «Aber es ist gut, wenn wir für uns selber sprechen. Wir haben eine eigene Stimme.»

Sieg gegen die SVP

Das Gebäude an der Rue Pellegrino Rossi im Genfer Ausgehviertel Pâquis hat schon bessere Zeiten gesehen. Die ältere Dame, die auf einem Barhocker neben der Eingangstür sitzt, zieht eine Miene, als ginge es ihr ähnlich. Wohnt Angelina hier? Mürrisch verweist sie in den ersten Stock. Das Treppenhaus ist schummrig beleuchtet und könnte mal wieder einen neuen Anstrich vertragen. Die Klingelschilder neben den Türen sind mit Frauenvornamen angeschrieben. Die Wohnungen im Haus werden alle von SexarbeiterInnen bewohnt. Wer sie betritt, steht mit einem Bein schon fast in der Küche, mit dem anderen im Bad. Das einzige Zimmer ist Wohn-, Schlaf- und Arbeitsraum in einem. Angelina überlässt dem Gast den Sessel, setzt sich selbst aufs Bett, schmust ein bisschen mit ihrem Hund und steckt sich eine Zigarette an.

Angelina ist Gründerin, Sprecherin und Gesicht der ersten und einzigen SexarbeiterInnengewerkschaft der Schweiz, des Syndicat des travailleuses et travailleurs du sexe (STTS). Der STTS hat sein Bestehen in gewisser Weise dem politischen Gegner zu verdanken, der Genfer SVP. Diese präsentierte vor drei Jahren einen Gesetzesentwurf, der die Strassenprostitution verbieten sollte. Prostituierte hätten im Umkreis von 500 Metern von Schulen nicht arbeiten dürfen.

Angelina fand das absurd. Die Schule ist zwar gleich um die Ecke, doch viele der Sexarbeiterinnen in Pâquis sind selbst Mütter und würden nicht im Traum daran denken, in Sichtweite des Schulgeländes zu arbeiten. Angelina sprach vor dem Grossen Rat und nahm der SVP den Wind aus den Segeln. Das Gesetz scheiterte. Und Angelina kam zum Entschluss: «Wir brauchen eine Gewerkschaft.»

Danke, Alice!

Johanna Weber gründete im Oktober 2013 mit sieben Kolleginnen den Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD). Heute liegt die Mitgliederzahl des BesD schätzungsweise im dreistelligen Bereich. «Nicht zuletzt dank Alice Schwarzer.»

Alice Schwarzer?

Deutschlands Prostitutionsbekämpferin Nummer eins lancierte im November 2013 einen von diversen Prominenten unterschriebenen «Appell gegen die Prostitution», der unter anderem die Bestrafung von Freiern forderte. Schwarzer ist lautstarke Befürworterin des «schwedischen Modells», das die Freier kriminalisiert. Die Folge ist, dass Sexarbeit in Schweden nur noch im Verborgenen stattfindet, die Frauen noch weniger geschützt sind als vorher. Noch vor Veröffentlichung des Appells bekamen die Frauen vom BesD davon Wind. In einer Nachtschicht verfassten sie zu dritt einen Gegenappell: «FÜR Prostitution – für die Stärkung der Rechte und die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Menschen in der Sexarbeit».

Der Gegenappell fand grosse Resonanz in den Medien und machte den BesD über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Alice Schwarzer bescherte er ein neues Feindbild. In einem Artikel in der «Emma» griff sie Johanna Weber und ihre Kollegin Fabienne Freymadl massiv unter der Gürtellinie an. Der BesD werde finanziert von der «Prostitutionslobby», Weber und ihre Kolleginnen seien von Zuhältern gesteuerte Marionetten. Andere Medien legten nach, kürzlich auch der «Spiegel», der den BesD als «dubiosen Verband» bezeichnete, der gemeinsam mit Bordellbetreibern «gegen Regeln für die Sexbranche» kämpfe.

Zu wenig Geld, zu wenig Zeit

Zur Gründungsversammlung des STTS in Genf kamen achtzig Leute – darunter auch Männer und Transfrauen –, heute zähle der STTS 300 bis 400 Mitglieder, sagt Angelina. Genaue Zahlen gibt es keine, vieles ist in Bewegung. Sexarbeit ist ein Gewerbe, das von Mobilität geprägt ist, viele Prostituierte sind WanderarbeiterInnen. Um sich der Nachfrage anzupassen, pendeln sie zwischen Bordellen, Städten und auch Ländern. Manche verbringen nicht mehr als ein paar Tage an einem Ort. Die Beratungsstelle Isla Victoria verzeichnet über 6000 Erstkontakte pro Jahr allein in der Stadt Zürich. Auch dieser Umstand macht es schwierig, selbst organisierte Strukturen aufzubauen. Konstant und über längere Zeit vor Ort bleiben vor allem die MitarbeiterInnen der Beratungsstellen.

Angelina wohnt nur wenige Hundert Meter entfernt von Aspasie, der Genfer Beratungsstelle für SexarbeiterInnen. Aspasie hat Angelina und ihre KollegInnen bei der STTS-Gründung unterstützt und im Vorfeld ein Podium organisiert, «Prostitution et Syndicalisme», mit einem Gast von der französischen SexarbeiterInnengewerkschaft STRASS.

«Aspasie ist uns eine grosse Hilfe», sagt Angelina. «Aber sie sind keine Prostituierten. Es sind diplomierte Leute mit anderen Sichtweisen. Beispielsweise vertreten sie die Interessen aller Sexarbeiterinnen nach aussen – egal ob sie legal oder illegal hier arbeiten.» Der STTS unterstütze die illegale Prostitution nicht, denn sie stelle eine illoyale Konkurrenz zur eigenen Arbeit dar.

Fehlende Solidarität unter SexarbeiterInnen sei ein grosses Problem, sagen Mitarbeiterinnen von Beratungsstellen. Sie stehen in einem direkten Konkurrenzverhältnis zueinander. Vor allem den Frauen aus Osteuropa wird nachgesagt, dass sie die Preise drückten, Sex ohne Kondom anböten. Wer sich nicht an ungeschriebene Abmachungen halte, werde auch mal verprügelt.

Politisches und gewerkschaftliches Engagement ist auch eine Frage der Zeit. «Viele der Frauen sind vollauf damit beschäftigt, Geld zu verdienen und so den Lebensunterhalt ihrer Familien zu bestreiten», sagt Marianne Schweizer von Aspasie. «Der finanzielle Überlebensdruck ist bei den meisten sehr hoch. Aber es gibt auch Frauen, die so gut verdienen, dass sie kein Bedürfnis haben, sich zu organisieren. Die einen haben zu wenig, die anderen zu viel Geld, um sich zu engagieren.»

Anonyme Mitgliedschaften

«Ja wo sind denn die Millionen der Prostitutionslobby?», fragt Johanna Weber, während sie sich die Butter aufs Croissant schmiert. Alle vierzig Aktivmitglieder des Berufsverbands arbeiten ehrenamtlich.

Nur zwölf von ihnen treten auch öffentlich auf. «Die Aussenwirkung des Berufsstandes einer Prostituierten ist nicht positiv, da will niemand dazugehören», sagt Weber. Sie kennt Frauen, die seit zwanzig Jahren in der Prostitution arbeiten und nach wie vor davon ausgehen, diese Tätigkeit nur vorübergehend auszuüben.

Das Outing ist eines der grössten Hindernisse, das der Selbstorganisation von SexarbeiterInnen im Weg steht. Wer sich outet, muss sich ein dickes Fell zulegen. Die Diskussionen werden sehr heftig geführt. Nach ihrer ersten TV-Talkshow war Johanna Weber eine Woche lang völlig fertig. Zudem sind oft auch Angehörige von einem Outing betroffen. «Keine von uns Sprecherinnen ist Mutter», sagt Weber. «Viele Frauen gehen in erster Linie wegen ihrer Kinder nicht an die Öffentlichkeit. Diese sollen nicht unter der Stigmatisierung leiden, die ihre Mütter erfahren.» So widerstrebt es vielen nur schon, sich bei einer Organisation wie dem Berufsverband anzumelden. Der BesD bietet daher anonyme Mitgliedschaften an, der Mitgliederbeitrag kann bar bezahlt werden.

Viel Identifikationsarbeit

«Wenn man von der Gesellschaft so stigmatisiert wird, bezeichnet man sich nicht gerne als Prostituierte», sagt Angelina. «Und wenn man sich dafür schämt, was man tut, verteidigt man auch seine Rechte nicht. Es geht also sehr viel um Identifikationsarbeit.»

Das Pâquis-Quartier ist in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Hier arbeiten viele langjährige SexarbeiterInnen, die teils auch schon mehrere Jahre im Quartier wohnen. Angelina selbst arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Prostituierte. Zurzeit schreibt sie an einem Buch, einer Art «Gebrauchsanweisung für die Sexarbeit». In Kolumbien geboren, lebte und arbeitete sie in Deutschland, Japan und London, bevor sie in die Schweiz kam. «Wir Sexarbeiterinnen sind gut integriert im Quartier», sagt Angelina. Wenn es etwas Wichtiges zu besprechen gibt, werden Versammlungen einberufen. Irgendjemand stellt den GewerkschafterInnen immer einen Raum gratis zur Verfügung. Der Kochkurs fand in der nahe gelegenen École de Chateaubriand statt, der Französischkurs im Kindergarten des Quartiers.

Der STTS ist sehr informell organisiert. Die Frauen zahlen keine Mitgliederbeiträge, alle arbeiten ehrenamtlich. Geld wird spontan gesammelt, wenn es nötig ist. «Einmal wurde eine von uns tätlich angegriffen und konnte nachher zwei Wochen nicht arbeiten», erzählt Angelina. «Innert kürzester Zeit haben wir genug Geld gesammelt, dass sie in dieser Zeit auch ohne Arbeit über die Runden kam.»

Raue Sitten auf dem Strassenstrich

Die Frauen vom BesD sehen sich auch dem Vorwurf ausgesetzt, nicht für alle SexarbeiterInnen sprechen zu können. Als studierte deutsche Frau könne Weber nicht die Interessen von Romafrauen aus Osteuropa vertreten, die auf dem Strassenstrich arbeiten. Aber: «Wer kann denn schon für alle sprechen?»

Wenn Johanna Weber mit ihrem Rad in Berlin unterwegs ist, legt sie oft einen Halt an der Kurfürstenstrasse ein, Berlins berühmt-berüchtigtem Strassenstrich, um mit den Frauen zu sprechen, die dort arbeiten. Viele dieser Frauen kommen aus Osteuropa, sind nur kurz in Berlin und haben in dieser Zeit anderes zu tun, als sich einem Berufsverband anzuschliessen. «Ich stelle ihnen ganz andere Fragen als ein Politiker, der mal eben eine halbe Stunde über den Strich spaziert, um sich ein Bild zu machen», sagt Weber. «Ich stelle auch andere Fragen als die Frauen von den Beratungsstellen.» Entsprechend erhält Weber auch andere Antworten, so unter Kolleginnen kann es auch sehr ruppig zu- und hergehen. «Aber wir kommen trotzdem klar.»

Sexarbeit ist ein Gewerbe mit sehr verschiedenen Facetten. Das einzige gemeinsame Interesse sei, von der Polizei in Ruhe gelassen zu werden, sagt man sich. Das und Kohle zu verdienen. Johanna Weber schaffte schon während ihres Studiums an – als «normale» Prostituierte – und war überwältigt von dem Geld, das sie verdiente. Nach fünfzehn Jahren im Marketing war sie es leid, sechzig bis siebzig Stunden die Woche «für irgendeinen Scheiss» zu schuften, und sie kehrte zurück zur Sexarbeit. Vorübergehend, wie sie sich zuerst sagte, bis sie wüsste, was sie stattdessen tun könnte. Vielleicht etwas in der Pädagogik? Nach zwei Jahren wendete sie sich dann den dominanten Dienstleistungen zu – und blieb dabei.

Ihre Arbeit im Berufsverband ist sehr realpolitisch: keine Demos, kein Eierwerfen, vielmehr bei Kaffee und Keksen ausführliche Gespräche mit PolitikerInnen führen. Ziel ist die «komplette Entkriminalisierung des Gewerbes». «Das ist eine Floskel, die ich persönlich doof finde. Denn Prostitution ist ja eigentlich legal in Deutschland», sagt Weber. «Wir meinen damit aber die Schaffung von Gesetzen, die uns nicht mehr benachteiligen.»

Erste Erfolge

Angelina ist Teil einer Kommission, die sich regelmässig trifft, um über die Situation der SexarbeiterInnen in der Stadt zu verhandeln. Mit dabei sind Staatsrat Pierre Maudet, das Einwohneramt, der Kantonsarzt, die Polizei, Aspasie und andere Institutionen. «Es ist wichtig, dass jemand von uns dabei ist, wenn es um Dinge geht, die uns betreffen», sagt Angelina. «Unser Hauptziel ist, Einfluss auf die Gesetzgebung auszuüben.»

Und das ist teilweise auch bereits gelungen. Erst kürzlich befasste sich der Genfer Rechnungshof mit dem Prostitutionsgesetz und verfügte unter anderem auf Betreiben des STTS hin, dass das Gesetz in sechzehn Punkten angepasst werden soll. Ebenfalls ist heute gesetzlich geregelt, dass SexarbeiterInnen, die ihre Miete bar bezahlen, eine Quittung erhalten müssen. Ein wichtiger Schritt im Kampf gegen die steigenden Mietzinsen in Pâquis.

Schmutzige Fantasien

Wenn Johanna Weber über ihre Arbeit spricht, wird ihre Stimme ganz sanft und weich: «Es macht mir unglaublich viel Freude, den Menschen andere Formen von Sexualität zu zeigen, den Zugang zu den eigenen, auch schmutzigen Fantasien zu ermöglichen.» Sie arbeitet nicht nur in Berlin, sondern auch in Hamburg und München. Gerade kommt sie aus Zürich zurück, wo sie dank der Aufhebung des Euromindestkurses 300 Euro mehr verdiente, ohne dafür mehr zu arbeiten. Viele SexarbeiterInnen aus Deutschland gehen in die Schweiz, um anzuschaffen. Die Gesetzeslage sei verhältnismässig angenehm, mehr als angenehm ist das Geld, das sich in der Schweiz verdienen lässt. Für eine etwas ausgedehntere Sitzung mit Johanna Weber liess ein Kunde auch schon mal 900 Franken springen. Und doch muss auch sie aufs Geld achten. Sie teilt sich die Dreizimmerwohnung in Kreuzberg, in der sich auch ihr Studio befindet, zurzeit mit einer Kollegin. Bald müssen sie sich wohl eine neue Bleibe suchen, da sie sich die Miete nicht mehr leisten können.

Noch wohnt Johanna Weber hier. Sie trinkt den letzten Schluck Kaffee und steht auf. «Kommen Sie, hier noch etwas für Ihr Kopfkino», sagt sie lächelnd und öffnet eine der verschlossenen Türen, die in ihr Spielzimmer führt …