Nr. 10/2006 vom 09.03.2006

In Liebe zum Islam

Islamistische Gruppierungen legitimieren Gewalttaten oft mit dem «heiligen Krieg». Eine Wurzel dieses Konzepts liegt in Deutschland.

Von Toby Matthiesen

Wenn im Irak oder in Afghanistan eine Bombe hochgeht oder sich ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengt, dann hört man oft, dies sei das Werk von Mudschaheddin oder Dschihadisten, von Leuten also, die den Dschihad - im deutschen Sprachgebrauch oft ungenau als «heiliger Krieg» übersetzt - ausführen, der ein jahrhundertealtes Konzept sei. Die Sache ist komplizierter, und sie liegt näher: Bei der Wiederbelebung des historischen Konzepts im 19. und 20. Jahrhundert hat auch Deutschland eine wichtige Rolle gespielt.

Wörtlich bedeutet Dschihad die Bemühung, ein bestimmtes Objekt zu erreichen. Dabei unterscheidet man zwischen dem spirituellen Dschihad, der eine Glaubensanstrengung meint, und dem physischen Dschihad, der im islamischen Recht eine mögliche Kriegsform zur Expansion des Islams oder zu seiner Verteidigung darstellt. Dieser Dschihad stammt aus der Anfangszeit des Islams im 7. Jahrhundert, als die frühen Muslime innert hundert Jahren durch gewaltige Eroberungen ein immenses Reich schufen, das sich von Afghanistan bis nach Spanien erstreckte. In den darauf folgenden Jahrhunderten war der physische Dschihad weniger wichtig, bis ab 1095 in der christlichen Welt der fanatische Wunsch nach einer Befreiung der heiligen Stätten auftauchte und in den Kreuzzügen umgesetzt wurde. Als Reaktion auf den christlichen heiligen Krieg riefen die muslimischen Herrscher zum Dschihad auf. Dieser Dschihad hatte allerdings eine «neue» Komponente, denn er fand im Gegensatz zu den früheren Expansionskriegen auf ehemals islamischem Gebiet statt und war auf die Verteidigung dieses Gebiets ausgerichtet. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde dann diese Form des Dschihads zur Verteidigung des islamischen Gebiets oft als Mittel im Kampf gegen die Kolonialmächte benutzt.

Revolutionärer Islam

Der deutsche Diplomat und Archäologe Max von Oppenheim erlebte einige dieser islamisch motivierten Befreiungskriege - unter anderem den Widerstand gegen den italienischen Kolonialismus in Libyen - von Kairo aus mit, wo er für das deutsche Generalkonsulat arbeitete. Oppenheim, 1860 als Sohn einer jüdischen Bankiersdynastie geboren, begeisterte sich schon im Gymnasium für die islamische Welt. Die Lektüre der «Erzählungen aus 1001 Nacht» verdrehte ihm den Kopf. Nachdem er auf Drängen seines Vaters Jura studiert hatte, begab er sich 1886 auf seine erste Forschungsreise in den Maghreb. In den folgenden Jahren bereiste er mit Turban auf dem Kopf und Sehnsucht nach dem Fremden im Herzen den Orient. 1896 wurde er in den preussischen Staatsdienst aufgenommen und als Attaché zum Generalkonsulat in Kairo entsandt. Dort führte er neben seinem Leben als Mitglied des privilegierten Diplomatenkorps ein, wie er selbst schreibt, «Sonderleben in der Eingeborenenwelt, ganz anders wie andere Diplomaten mit den Eingeborenen verkehren». In dieser Rolle versuchte er, die «Gefühle der Araber zu verstehen», er knüpfte Kontakte zu religiösen und politischen Autoritäten und liess sich in traditionellem Gewand in der Altstadt Kairos ablichten. In den Berichten, die er während seiner Kairoer Zeit verfasste, machte er die Vorgesetzten in Berlin immer wieder auf die «revolutionäre Kraft des Islams» aufmerksam.

Als sich vor dem Ersten Weltkrieg abzeichnete, dass das seit Ende des 19. Jahrhunderts eng mit Deutschland verbundene Osmanische Reich an der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns gegen die Ententemächte Grossbritannien, Frankreich und Russland in den Krieg ziehen würde, sah Oppenheim seine Chance gekommen: 1914 legte er dem deutschen Kaiser Wilhelm II. eine «Denkschrift betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde» vor. Für Oppenheim war das Osmanische Reich der ideale Verbündete. Seit dem frühen 16. Jahrhundert verlieh es den Kalifatstitel, der seinem Träger die weltlich religiöse Herrschaft über die sunnitischen Muslime gab. Vor allem Sultan Abdülhamid II., der von 1876 bis 1909 regierte, hatte seine Herrschaft wieder vermehrt mit diesem Titel zu legitimieren versucht und bezeichnete sich als «Fürsten der Gläubigen». Vor dem Hintergrund dieser panislamischen Herrschaftslegitimation forderte Oppenheim in seiner Denkschrift die Ausrufung eines partiellen Dschihads durch den obersten Scheich von Konstantinopel und den osmanischen Sultan.

Dieser partielle Dschihad sollte nicht mehr bloss gegen die «Ungläubigen» gerichtet sein, sondern vielmehr gegen die ungläubigen Ententemächte, aber unter Ausschluss Deutschlands und seiner Verbündeten. Oppenheim hoffte, die ganze islamische Welt würde sich hinter das Osmanische Reich und somit hinter Deutschland stellen, was zum Aufstand der muslimischen Soldaten in den Armeen der Ententemächte sowie der Bevölkerung in den Ländern unter französischer und britischer Kolonialherrschaft führen würde. Dem Kaiser, der sich schon anlässlich seiner Orientreise von 1898 als «Freund der Muslime» inszeniert und mit dem Bau der Bagdadbahn den deutschen Einfluss im Osmanischen Reich gefestigt hatte, leuchtete dies ein.

Pamphlete und Flugblätter

Im September 1914 gründete Oppenheim die «Nachrichtenstelle für den Orient» (NfO). Da aber im Auswärtigen Amt nicht nur Begeisterung über Oppenheim und seinen Plan herrschte, musste Oppenheim zuerst beträchtliche Summen aus seinem Familienvermögen für die NfO aufwenden. Deren Ziel war die Propagierung des Dschihads. Dieser wurde im November 1914 in Konstantinopel ausgerufen - genauso wie Oppenheim es in seiner Denkschrift gefordert hatte.

Die Behörde, die ab 1915 vom Auswärtigen Amt getragen wurde, war eine bunte Mischung aus deutschen Orientalisten, Übersetzern und Abenteurern sowie arabischen, persischen, türkischen und indischen Exilanten und Orientalisten. Die NfO produzierte Flugblätter, Propagandapamphlete, Zeitungen und Zeitschriften in den verschiedensten orientalischen Sprachen, massgeblich aber auf Arabisch und Türkisch. Eine ihrer Hauptaufgaben war die Gewinnung der muslimischen Kriegsgefangenen aus den Ententearmeen für den Dschihad. Zu diesem Zweck publizierte die NfO die Lagerzeitung «Al-Dschihad». Nachdem die ersten Ausgaben von deutschen Orientalisten in Hocharabisch verfasst worden waren, beschwerten sich die Gefangenen über die abgehobene Sprache, welche die meist aus dem Maghreb stammenden Soldaten kaum verstanden. Da aber auch die «Orientalen», die im Dienste der NfO standen, sich nicht auf das sprachliche Niveau ihrer Leserschaft herablassen wollten oder konnten, wurden die Publikationen bebildert, um wenigstens einen gewissen Grad an Kommunikation zu ermöglichen. Obwohl die NfO schon 1914 zur Dschihad-Proklamation eine Gruppe von Gefangenen als Zirkus getarnt mit dem Orientexpress nach Konstantinopel geschickt und in französischer Uniform vor der deutschen Botschaft hatte posieren lassen, fanden viele Soldaten die Vorstellung, dass sie dem Sultan in Konstantinopel nur wegen ein paar Dschihad-Fatwas Loyalität schuldeten, völlig absurd.

Ein Fiasko

Neben diesen «orientalistischen Problemen» sah sich die NfO mit immensen logistischen Schwierigkeiten konfrontiert. Oppenheim begab sich 1915 zwar nach Konstantinopel und richtete dort und im gesamten Osmanischen Reich ein Netz von Lesesälen ein, in denen die Publikationen der NfO auflagen. Doch die Propagierung in den islamischen Gebieten der Feinde klappte kaum. Pläne, die Flugblätter mit Heissluftballonen über feindlichem Gebiet abzuwerfen, mussten verworfen werden, und auch Ansprachen in klassischem Arabisch über die Drahtverhaue und Gräben an den Fronten hinweg zeigten nicht die gewünschte Wirkung. Ein Agent wurde sogar mit 200 000 Goldmark nach Mekka entsandt, um während des Pilgerfests Propaganda für den Dschihad zu machen. Stattdessen zog er sich aber ins sächsische Erzgebirge zurück und verfasste von dort aus schillernde Reise- und Erfolgsberichte, mit denen er sogar auf Vortragsreise ging.

Der deutsch-osmanische Dschihad war also ein Fiasko und für den Kriegsverlauf weitgehend bedeutungslos. Sogar Oppenheim gestand ein, das ganze Unternehmen sei «ein Schlag ins Wasser» gewesen. Fortan widmete er sich - mit mehr Erfolg - der Archäologie. Die Gründe für das Versagen sind vielfältig. Einerseits waren die organisatorischen Missstände immens und die finanziellen Mittel eng begrenzt. Andererseits hatte Oppenheim die Gesamtsituation und die Sympathien der Muslime gegenüber dem Osmanischen Reich falsch eingeschätzt. Dessen Vorstellungen widersprachen denen des entstehenden Nationalismus beispielsweise in Ägypten, aber auch in Syrien und anderswo.

Die gemeinsame Religionszugehörigkeit war nicht so wichtig wie das Aufkommen einer ethnischen Zugehörigkeit, was sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im Zerfall des Osmanischen Reiches in die türkische Republik und die unter europäischer Vorherrschaft stehenden arabischen Staaten Syrien und Irak manifestieren sollte.

Die heutige Verbreitung des Konzeptes Dschihad rührt sicher nicht nur von der Berliner Propagierung des Dschihads im Ersten Weltkrieg her. Es lässt sich allerdings nicht von der Hand weisen, dass der «Dschihad made in Germany», wie der niederländische Orientalist Christiaan Snouck Hurgronje das Unternehmen schon 1915 nannte, eine feste Rolle in der Geschichte der Wiederbelebung des Dschihads im 19. und 20. Jahrhundert spielt. Nicht zuletzt ist der «Dschihad made in Germany» ein Lehrstück über das Verhältnis von Diplomatie, Politik und Orientalistik. Die Gleichgültigkeit, die eine Mehrheit der Muslime dem deutsch-osmanischen Dschihad-Aufruf entgegenbrachte, widerlegt zudem die These einer in der islamischen Religion angelegten Gewalttätigkeit.

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