Nr. 41/2014 vom 09.10.2014

«Für uns sind die Serben keine ‹Bande›»

Anlässlich der Jahrhundertfeiern zum Ersten Weltkrieg kursieren antiserbische Stereotypen, die uns vertraut erscheinen. Das schweizerische Serbienbild während des Kriegs bietet dazu ein spannendes Kontrastprogramm.

Von Thomas Bürgisser

Geschichte ist Trumpf in diesem Jahr, in dem sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal jährt. In Serbien ist Geschichte schon lange Trumpf. Sowohl die jugoslawischen KommunistInnen wie die serbischen Nationalisten, die seit den späten 1980er Jahren den Ton angeben, bedienten sich historischer Inhalte, um sie für ihre ideologischen Zwecke dienstbar zu machen.

Ein bizarres Beispiel für serbisch-nationalistische Geschichtspolitik findet sich in der bosnischen Kleinstadt Visegrad. Hier lässt sich der zum serbischen Nationalisten mutierte Filmregisseur Emir Kusturica eine historisierte Fantasiestadt bauen. Die Fassaden an der Hauptstrasse ziert unter anderem ein Mosaik, das Protagonisten des Jungen Bosniens darstellt: eine Gruppe militanter serbischer Nationalisten, aus der als zentrale Figur der melancholisch dreinblickende Gavrilo Princip hervorsticht – jener Gymnasiast, der am 28. Juni 1914 in Sarajevo den habsburgischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau ermordet hatte und somit Österreich-Ungarn einen Anlass lieferte, den Krieg gegen Serbien loszutreten, der zum Ausbruch eben dieses «Grossen Kriegs» führte.

Positive Stimmen aus der Romandie

Auch in der Schweiz geniesst die Erinnerung an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs derzeit vermehrte Aufmerksamkeit. Allerdings lässt sich das Jubiläum weniger einfach instrumentalisieren. Wie viel stärker skandalisiert sind da der Zweite Weltkrieg mit Landigeist und Réduit, Raubgold und Flüchtlingen oder die Mythen um Rütlischwur und Marignano.

Zum Auftakt des Jubiläums Anfang dieses Jahrs dominierte im Feuilleton das Buch des australischen Historikers Christopher Clark. In seiner Studie «Die Schlafwandler» versucht Clark, das Deutsche Kaiserreich sowie Österreich-Ungarn von ihrer Hauptverantwortung an der Kriegsschuld freizusprechen und den aggressiven Charakter der serbischen Expansionspolitik stärker zu gewichten.

Egal was man von dieser These halten mag, das Negativbild Serbiens, das Clark entwirft, erscheint uns vertraut. So scheut sich Clark nicht, das Serbien von 1914 mit dem der Slobodan-Milosevic-Ära zu vergleichen. Der national-ethnische Charakter der jugoslawischen Bürgerkriege der 1990er Jahre und Serbiens Schuld daran dienen ihm als Folie, um den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu erklären.

Korruption und Misswirtschaft, blutdürstig und archaisch ausgetragene Konflikte, der Wahn von einem mit Gewalt zu erzwingenden «Grossserbien», der nur durch die Militärgewalt der Grossmächte zur Raison gebracht werden kann: In der heutigen Schweiz werden diese negativen Vorstellungen mit dem stark ramponierten Image der serbischen Migrationsbevölkerung ergänzt. Die rechtsbürgerliche Politik wie auch viele Medien entwarfen in den neunziger Jahren eine ganze Reihe negativer Klischees der «Jugos», darunter auch der SerbInnen. Oft wurden sie pauschal für Drogenhandel, Jugendgewalt, Missbrauch der Sozialwerke und manches mehr verantwortlich gemacht. Auf den ersten Blick scheint sich dieses Negativbild von Land und Leuten also in eine längere Tradition einzureihen.

Wenden wir uns der Wahrnehmung Serbiens in der Schweiz um 1914 zu, offenbart sich allerdings Erstaunliches. Tatsächlich schlugen die Herzen vieler SchweizerInnen bei Kriegsausbruch heftig für Serbien. Der Historiker Olivier Haener hat in seiner Lausanner Lizenziatsarbeit «L’image de la Serbie dans la presse de droite en Suisse romande» von 1998 aufgezeigt, dass zumindest in der rechtsbürgerlichen Presse der Romandie schon im ausgehenden 19. Jahrhundert ausgeprägte Sympathien für das kleine Balkankönigreich bestanden. Welsche Fachleute und PublizistInnen, die das Land bereist hatten, zeigten sich begeistert vom Gesellschaftsmodell Serbiens, das damals noch weitgehend ein Agrarstaat war. In der «Gazette de Lausanne» oder dem «Journal de Genève» verfassten sie Lobeshymnen auf den «demokratischen und egalitären Geist» der Zadruga, des traditionellen, patriarchalisch verfassten Familienverbands.

Für die Konservativen entsprachen verklärte Vorstellungen über die von der Moderne unberührte bäuerliche Gesellschaft Serbiens ihrem eigenen politischen Programm für die Schweiz. Dazu kamen Abwehrreaktionen der frankofonen Schweiz gegen das immer mächtiger werdende Deutsche Reich. Da Serbien mit dem (ebenfalls deutschen) Österreich-Ungarn im Clinch lag, beschworen sie bereits um die Jahrhundertwende eine eigentlich helvetisch-serbische Schicksalsgemeinschaft.

Doch auch in der Deutschschweiz gab es Sympathien. In den Balkankriegen von 1912 und 1913, als Serbien, Montenegro, Griechenland und Bulgarien Mazedonien vom Osmanischen Reich eroberten, war unter vielen anderen auch die «Neue Zürcher Zeitung» vom «heroischen Kampf» der «kleinen Bergvölker» gegen ein mächtiges Imperium fasziniert. Im Königreich Serbien, besonders im kleinen Montenegro, sah man Parallelen zum Freiheitskampf der alten Eidgenossen.

Durchtränkt vom Gedanken der Liebe

Dutzende Ärzte und KrankenpflegerInnen des Schweizerischen Roten Kreuzes leisteten während der Balkankriege Einsätze in serbischen Spitälern und Lazaretten. Aus ihren Erlebnisberichten, die sie nach ihrer Rückkehr in die Schweiz publizierten, spricht oft eine grosse Anteilnahme: «Wir glücklichen Bewohner eines kleinen, aber freien Vaterlandes, das seine Unabhängigkeit auch der Tapferkeit seiner Vorfahren verdankt», schrieb die Basler Krankenschwester Louise Probst, «konnten uns so gut in die Lage der unterdrückten Balkanstaaten versetzen.» Der Appenzeller Journalistin und Rotkreuz-Aktivistin Catharina Sturzenegger ging es darum, dem schweizerischen Publikum zu beweisen, dass Serbien «förmlich durchtränkt vom Gedanken der Liebe und Barmherzigkeit», das Volk voller bewundernswertem «Allgemeingeist» und «Patriotismus» sei.

Vom Ersten Weltkrieg wurde die neutrale Schweiz verschont. Der Krieg stellte allerdings in vielfacher Hinsicht eine grosse Belastung dar. Besonders in den ersten Kriegsjahren tat sich zwischen der deutschen und der französischen Schweiz ein tiefer Graben auf. Im einen Landesteil wurde für Deutschland und die Mittelmächte, im anderen für Frankreich und die Entente Partei ergriffen.

In seiner berühmten Zürcher Rede «Unser Schweizer Standpunkt» richtete der spätere Literaturnobelpreisträger Carl Spitteler einen flammenden Appell an den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Schweiz. Man dürfe sich nicht durch die Propaganda der «in Leidenschaft befangenen Kriegspresse» spalten lassen. Die Sympathien gehörten in erster Linie den Opfern des Kriegs – egal welcher Nationalität sie angehörten. «Für uns sind die Serben keine ‹Bande›, sondern ein Volk», mahnte Spitteler in Reaktion auf deutsche Diffamierungen, «und zwar ein so lebensberechtigtes und achtungswürdiges Volk wie irgendein anderes. Die Serben haben eine ruhmvolle, heroische Vergangenheit. Ihre Volkspoesie ist an Schönheit jeder andern ebenbürtig, ihre Heldenpoesie sogar überbürtig.»

Spitteler hegte schon länger eine Affinität zu serbischen Volksdichtungen wie dem Amselfeldepos, der mythisch hochstilisierten Legende über die Schlacht des christlichen Serbenreichs gegen die Türken 1389. Er verwies aber in seiner Rede auch auf die Berichte der medizinischen Hilfsmissionen: «Unsere Schweizer Ärzte und Krankenwärter (…) haben uns von den Serben im Tone der Sympathie und des Lobes erzählt.» Ein Pfeiler der Brücke, die er zwischen den Landesteilen zu schlagen versuchte, war also Serbien, das sich in einem Freiheitskampf gegen die Interessen der Grossmächte behauptete.

Die Kriegspropaganda Frankreichs, das mit Serbien verbündet war, hatte keinen unwesentlichen Einfluss darauf, dass der Abwehrkampf des Balkankönigreichs in der Romandie zum heldenhaften Schicksalskrieg glorifiziert wurde. Hier war der Lausanner Kriminalistikprofessor Archibald Reiss einer der vehementesten Verfechter der «serbischen Sache». Doch auch in der Deutschschweiz verklangen die Sympathiebekundungen Spittelers und der Mitglieder der Rotkreuz-Missionen nicht ungehört. Nicht nur die negativen Stereotype, auch die Verklärung der serbischen Bauerngesellschaft als urdemokratische und freiheitsliebende Gemeinschaft sagen dabei wohl mehr über die Haltung des Betrachters als über den Charakter seines Untersuchungsobjekts aus. Wenn der Zürcher Arzt Gottlieb Hertenstein sich zitieren liess, die Serben seien «Helden im Kriege – aber brave, liebe, gute Kinder im gewöhnlichen Leben, die man lieb haben muss!», zeugt dies von einem paternalistischen Überlegenheitsgefühl.

Das schweizerische Serbienbild während des Ersten Weltkriegs bietet demnach ein spannendes Kontrastprogramm zu den Vorstellungen, die heute vorherrschen. Die Brüche und Wandlungen, die kollektive Wahrnehmungen fremder Gesellschaften im historischen Prozess mitprägen, können zum Anlass genommen werden, solche fest gefügten Vorstellungen ganz allgemein zu hinterfragen.

Geschichte kann jedoch auch zum Anlass genommen werden, dort Kontinuitäten auszumachen, wo man sie weniger vermuten würde. «Jeder Patriot, der auf dem Land seiner Vorfahren schreitet, muss in seinem Herzen ein Serbe sein», heisst es 2007 in einem Artikel in der serbischen Zeitschrift «Geopolitika». «Denn das serbische Volk fasst in seinem Schicksal all die Leiden zusammen, welche das zügellose Ungeheuer der Neuen Weltordnung den Schwächeren zufügt, indem es internationale Gesetze und das Selbstbestimmungsrecht souveräner Nationen mit Füssen tritt.» Das ist nicht mehr der Feind von 1914, der Serbien malträtiert: nicht Österreich-Ungarn, sondern der «Westen», die USA und die EU. «Serbien hatte die Kühnheit zum Widerstand», steht da, eine Rechtfertigung der Rolle Belgrads in den Bürgerkriegen der 1990er Jahre. Autor des Artikels: der Walliser SVP-Politiker Oskar Freysinger.

Tyrannenmord als gemeinsames Motiv

Freysinger ist Mitglied des serbischen Schriftstellerverbands, wird von der serbischen Presse gerne wegen seiner Äusserungen gegen die EU, den Kosovo («Die [schweizerische] Anerkennung Kosovos ist absolut unverschämt») oder den Islam («die grösste Gefahr für Europa») zitiert. Ironie des Schicksals: Es war ausgerechnet ein ehemaliger Zuwanderer aus Serbien, der wesentlichen Einfluss auf das Serbienbild des bekannten Exponenten einer migrationsfeindlichen Partei nahm: Mit dem Schriftsteller Slobodan Despot verbindet Freysinger eine langjährige Freundschaft. Seit 2013 berät Despot den Walliser Staatsrat als externer Kommunikationsverantwortlicher. Die Medien empörten sich damals, Freysinger habe mit dem nationalistisch orientierten Despot einen «Genozid-Leugner» ins kantonale Bildungsdepartement geholt, weil dieser das von den bosnischen Serben begangene Massaker an der muslimischen Bevölkerung Srebrenicas von 1995 verharmlose. Die Ende des 19. Jahrhunderts begründete serbophile Tradition rechter Publizistik in der Romandie findet also über die Achse Despot-Freysinger eine Fortsetzung.

Ein zentrales Element dieser Geschichte muss im Lande Tells der Tyrannenmord sein. Am 28. Juni 2014 schrieb Despot anlässlich des Jahrestags des Attentats auf Franz Ferdinand in Sarajevo in seinem Blog einen Beitrag, in dem er den Attentäter Gavrilo Princip und die Protagonisten des Jungen Bosniens als Heilsbringer verklärt: «Zur Freiheit sahen sie keine andere Alternative als den Tod. Sie fehlen uns!» Darunter platzierte Despot ein Bild, auf dem Emir Kusturica einem Princip-Denkmal seinen Kuss auf die Wange drückt.

Zum Lausanner Kriminalistikprofessor und Serbienkenner Archibald Reiss erscheint 
in der nächsten Ausgabe ein Artikel auf Seite 25.

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