Nr. 13/2006 vom 30.03.2006

Bio? Super!

Grösseres Angebot, Supermarktstrukturen - die Bioläden haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Durchbruch oder Verrat an der Idee?

Von Beat Camenzind

Draussen auf der Obergasse preist das Winterthurer Chornlädeli an, was die Saison zu bieten hat: Rüebli, Nüsslisalat, Radiesli, Fenchel, Äpfel und Birnen, aber auch Limetten, Grapefruits und Avocados. Drinnen ist es hell, aber schmal und eng. Die Regale sind bis zur Decke gefüllt. Ökologische Waschmittel, Biowein, Traiteur-Bioravioli. Schön verkehrte Welt: Hier leiden die Eier der Freilandhühner und die Schnitzel, die mal glückliche Weiderinder waren, unter Platzmangel.

Etwas vernachlässigt steht in einer Ecke eine Tiefkühltruhe; «Schinkengipfeli 9.90», ist angeschrieben. «Wir verkaufen wenig Tiefkühlprodukte, die haben bei uns keine Priorität», sagt Esther Bauer, die seit 1982 im Laden arbeitet. Sie hat StammkundInnen, die sich im Chornlädeli wöchentlich mit dem ganzen Lebensmittelgrundbedarf einde-cken. Am Nachmittag ist der Laden nicht stark frequentiert, Esther Bauer nimmt sich Zeit für ihre KundInnen. Seit sie in der Branche arbeite, sei die Nachfrage nach Bioprodukten stets gewachsen. Die Leute steigen um, vermutet sie, weil Allergien zunehmen und die Nahrungsmittelindustrie für negati-ve Schlagzeilen sorgt.

Die Konkurrenz ist gross, Reformhäuser und Grossverteiler beanspruchen die grossen Marktanteile, die Lädeli-Nischen werden enger. Im November 2005 hat die Genossenschaft Rägeboge eines ihrer beiden Geschäfte geschlossen und dafür hinter dem Winterthurer Bahnhof auf 650 Quadratmetern den laut Eigenwerbung «grössten Bioladen der Schweiz» eröffnet. Die Genossenschaft will weg vom Laden, «der von dem lebt, was Ende Monat übrig bleibt», erklärt Geschäftsführer Jürgen Küng. Mit der Eröffnung des Biomarktes mit Biobistro und Naturdrogerie setzte die Genossenschaft zum «Quantensprung» an, um «dem Bio-Groove zu entkommen und zukunftstauglich zu werden». Für den finanziellen Rückhalt sorgen private Geldgeber und eine Kleinbank.

Die Einrichtung des Rägeboge unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht gross von andern Supermärkten, die um urbane Kundschaft buhlen: viel Holz, viel Licht, viel Platz. Doch bei ihnen sei fast alles ökologisch, sagt Küng. Sogar die Kundentrennstäbe auf dem Kassenförderband sind aus naturölbehandelter Thurgauer Buche. Das Sortiment reicht von frischem Fisch über ökologische Slipeinlagen bis zur Trisa-Zahnbürste. Letztere wird in der Schweiz hergestellt, vielleicht ist sie deshalb im Angebot.

Trotz Vollsortiment will der Rägeboge kein Supermarkt sein. Küng assoziiert Supermarkt mit Grösse, Menge und vor allem Anonymität. Die 31 Rägeboge-Angestellten, die 7,5 Millionen Franken umsetzen sollen, «wissen genau, was sie verkaufen, und pflegen engen Kontakt zur Kundschaft». Der Rägeboge soll nicht die klassischen Bioläden konkurrieren, sondern vor allem neue KundInnen ansprechen. An diesem Nachmittag ist die Kundschaft vorwiegend weiblich, in der Gesundheitsbranche tätig und ernährt sich gesund. Tamara Gonzales aus Winterthur ist keine Neukundin, sie schätzt am neuen Biomarkt die Vielfalt und dass im Unterschied zum Grossverteiler sämtliche Produkte biologisch hergestellt sind.

Und wie ist es, statt im Ecklädeli im Grossmarkt zu arbeiten? Marie-Louise Moosbrugger findet ihre Arbeit nicht eintöniger, auch wenn längst nicht mehr jede und jeder Angestellte für alles zuständig ist und die Aufgaben strikter aufgeteilt sind. Im früheren Rägeboge hatte es weniger Platz und weniger Auswahl. «Dafür sind Intimität und Transparenz etwas abhanden gekommen.» Mit der Kundschaft hat sie dennoch regen Kontakt. Sie geht aktiv auf die Leute zu; etwas, das man eher aus einem Schuhladen kennt als aus dem Supermarkt.

Forsch-fröhliches Auftreten

«Yardo hat Grosses vor. Wir werden in den nächsten Jahren noch viele Bio-Genuss-Tempel eröffnen. Grossflächige Bio-Lustwelten ganz nach dem Motto: mehr Bio, besser leben. Bio schmeckt besser. Bio macht vitaler, Bio macht schöner.» In der St. Galler Innenstadt hat im Februar der erste Biosupermarkt eröffnet, der auch mit trendiger Werbung «Schwung in die Bioszene bringen» will. Hier steht die Tiefkühltruhe nicht mehr verschämt in der Ecke. «Convenience-Produkte werden immer mehr verlangt. In diesem Bereich wird Bio noch enorm wachsen», glaubt Geschäftsleiter Albert Keel. Doch lieber verweist er auf «die grösste Biofrischfleisch-Theke der Ostschweiz».

Das Angebot an Bioprodukten wird durch Naturkosmetikartikel und Bistro ergänzt. Die zwanzig Angestellten beraten die Kundschaft aktiv: Sie fragen lächelnd nach deren Namen und informieren ungefragt über die Produkte. «Bio ist so wertvoll, das darf man selbstbewusst verkaufen», erklärt Keel. Das forsch-fröhliche Auftreten passt zur knallig bunten Einrichtung. Diese soll bald auch in Zürich, Basel oder Bern zu sehen sein. An bester Passantenlage sucht Yardo Räume. «Unser Businessplan ist zu 97 Prozent finanziert. Finden wir ein geeignetes Lokal, legen wir los.» Im Verwaltungsrat sitzt unter anderen der Sportarzt Beat Villiger. Finanziell beteiligt sind auch zwei Lieferanten von Bioprodukten. Diese verloren aufgrund ihres Engagements einen ihrer grössten Kunden, weil diese Yardo als direkte Konkurrenz betrachten.

Yardo verkauft Biofrischprodukte aus aller Welt, trotz der langen Transportwege. Vorwiegend stammten die Produkte aber schon aus der Schweiz, rechtfertigt sich Keel und redet sogleich von neuen Massstäben im Biobereich. Er hofft, dass andere Bioläden dem Beispiel folgen. «Wenn der Bioanteil nur schon auf fünf Prozent wächst, bedeutet das 900 Millionen mehr Umsatz. Wir wollen davon läppische 50 Millionen.»

Frühlingsrollen und Ravioli

«Tiefkühlprodukte entsprechen nicht unserer Philosophie», sagt Kathrin Braun vom St. Galler Stadtladen. Deren Herstellung und Lagerung verbrauche zu viel Energie. «Wir wollen unsere Kunden zum Kochen animieren, wissen aber auch, dass manchmal die Zeit dazu fehlt.» Deshalb bietet der Laden auch vorgefertigte Frühlingsrollen oder Ravioli an. Braun arbeitet seit sechs Jahren im genossenschaftlich organisierten Bioladen. Er existiert seit 1982 und ist seither stetig gewachsen. «Das verdanken wir auch den Grossverteilern», sagt sie. Diese sorgten mit ihrem Engagement auch bei den kleinen Bioläden für Umsatzwachstum.

Online-Bio

Yardo könnte denselben Effekt haben, glaubt Albert Keel. Im Stadtladen blieb jedenfalls der befürchtete Umsatzeinbruch nach der Yardo-Eröffnung bisher aus. Braun sieht andere Gründe: «Der Stadtladen positioniert sich anders. Wir beziehen viele unserer Biospezialitäten von kleinen regionalen Lieferanten. Mostbröckli, Truthahnfleisch und frisches Poulet liefert uns beispielsweise die Bauernfamilie Bamert in Wald, Appenzell Ausserrhoden. Von Peter Ackermann aus Niederuzwil kommen zurzeit die Knollengemüse - Randen, Sellerie, Rotchabis, Pastinake - und der Nüsslisalat. Unsere Kundschaft schätzt es, wenn sie weiss, wo die Produkte herkommen.» Bei Gemüse und Früchten achten die GenossenschafterInnen auf eine saisonale Auswahl und verzichten bewusst auf Ware, die mit dem Flugzeug transportiert wurde. «Direkt vom Feld in den Laden», so ist es Braun am liebsten.

«Wir liefern unsere Rüebli vom Feld direkt zu den Kunden.» Der Aargauer Biobauer Ueli Steiner hat mit vier Partnern im Sommer 2005 den Onlineshop bio-direct.ch aufgeschaltet. Einmal wöchentlich werden die Bestellungen per Kurier oder Expresspost ausgeliefert. Der Onlineshop zählt bereits über tausend KundInnen, das Angebot umfasst rund tausend Artikel. Steiner erzählt stolz von Stammkunden, die sich ihre Biofresspäckli auch in die Skiferien nachschicken lassen. Nagt die Auslieferung per Verbrennungsmotor nicht am ökologischen Gewissen? «Wenn die Post zwei Bestellungen ins gleiche Dorf liefert, fährt ein Kunde weniger zum Bioladen», sagt Steiner.

Die Biobauern kamen auf die Versandidee, weil sie in ihren Hofläden kein Vollsortiment anbieten können. Zudem umgehen sie mit dem Onlineshop teilweise den Zwischenhandel und erzielen einen besseren Preis für ihre Produkte. Sie scheuen sich nicht, Bioananas aus Uganda feilzubieten. Ob sie auch aus fairem Handel stammt, erfährt der Kunde auf der Website nicht. Fr. 19.05 kostet das Stück, ein stolzer Preis. Doch was die Preise betrifft, sind sich in der Bioszene alle einig: In den Produkten steckt Leben drin, da kauft man Qualität. Und die hat ihren Preis.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch