Biosupermarkt : Bioparadise lost?

Nr. 41 -

Die grossen Bioläden stecken in Schwierigkeiten. Yardo in St. Gallen und Rägeboge in Winterthur mussten Personal entlassen. Funktioniert das Konzept in der Schweiz nicht?

In Nordamerika ist alles grösser - auch die Bioläden. Whole Foods Market ist ein solches Beispiel: In 26 Jahren ist er von einem kleinen texanischen Geschäft auf 187 Läden angewachsen, mit durchschnittlich 3000 Quadratmetern Verkaufsfläche und insgesamt 39000 Angestellten. Das ist ein Paradies für BiofreundInnen. Allerdings wird unter dem Label Natural and Organic Food auch so einiges verkauft, was hierzulande kaum als bio gilt. «Wir etikettieren alle unsere Produkte, die nachgewiesen gentechfrei hergestellt werden», heisst nichts anderes als: «Wir führen auch gentechnisch Verändertes.»

Für Schweizer Biosupermärkte stehen lasch formulierte Richtlinien oder gar Interpretationen wie bei Whole Foods für Schweizer Biosupermärkte natürlich nicht zur Diskussion. Von Anfang an wurde die Idee des Supermarktes für Bioprodukte jedoch mit Skepsis betrachtet, und Vorwürfe wie «Verrat an der Idee» wurden laut. Fast als Beweis, dass das Konzept Biosupermarkt in der Schweiz nicht akzeptiert wird, kämpfen denn auch zwei Märkte schon nach kurzer Zeit ums Überleben.

Der grösste ist Rägeboge in Winterthur mit 500 Quadratmetern Verkaufsfläche und vor einem Jahr aus zwei kleineren, über zwanzigjährigen Filialen entstanden: Ergänzt durch eine Drogerie und ein Bistro, zog der Laden hinter den Bahnhof. Das Projekt funktionierte nicht nach Plan, die Kosten waren zu hoch, die Umsätze zu niedrig, die Investitionen zu teuer. Seit drei Monaten laufen Feuerwehrübungen: Der externe Unternehmensberater Stefan Menti reduzierte die Arbeitspensen, verhandelte neu mit LieferantInnen, musste Angestellte in der Probezeit und mit kleinen Teilzeitpensen entlassen. «Und einige Angestellte gingen freiwillig, aus Solidarität mit ihren MitarbeiterInnen», sagt Menti. Nun sei die Lage stabil - aber um in die Gewinnzone zu kommen, brauche die Genossenschaft des Rägeboge noch drei bis vier Jahre Probezeit und eine Million Franken.

Auch der St. Galler Yardo wurde erst im Februar eröffnet mit dem Ziel, innert vier Jahren auf dreizehn Supermarktfilialen in der ganzen Schweiz anzuwachsen. Anfang September musste der Geschäftsführer zwei MitarbeiterInnen entlassen. Er habe den Aufwand falsch berechnet, sagt Albert Keel: «Die Kunden wollen in einem Supermarkt nicht bedient werden, und ich dachte, Bioware ist sehr beratungsintensiv.»

Albert Keel hält die Grossverteiler für seine ärgsten Mitbewerber im Biogeschäft. Der Rägeboge versteht bio hingegen umfassender als Migros und Coop: Die Beziehungen zu den ProduzentInnen sind regional direkt, gleichzeitig wird auf faire Preise und Saisongerechtes geachtet und total aufs Einfliegen von Produkten verzichtet. Für Marie-Claire Pellerin, die Geschäftsführerin des zum Rägeboge gehörenden Bistros liegt es auch an der Qualität der Ware: «Das ist für mich etwas anderes, als was in der Migros unter Bio angeboten wird.» Deswegen lässt sie das Argument, dass Grossverteiler dieselben BiokundInnen hätten, nicht gelten. Das Bistro, laufe übrigens hervorragend, sagt Pellerin, wenn auch die Tagesumsätze selten etwas mit den Besuchszahlen im Laden zu tun hätten: «Den SupermarktkundInnen geht es vielleicht weniger um Genuss, Entspannung und Gastronomie.»

Unternehmensberater Stefan Menti ist jedoch auch für den Supermarkt optimistisch. «Unsere Kunden sind sehr solidarisch und treu», sagt er. Nachdem der «Tages-Anzeiger» vor kurzem über den Überlebenskampf des Rägeboge berichtete, seien gleichentags die KäuferInnen in Scharen gekommen - «und wir hatten einen der höchsten Tagesumsätze». BiokundInnen müssten halt speziell an den neuen Standort gelockt werden, selbst zur in Winterthur gut bekannten Marke Rägeboge. Künftig wolle er das allerdings mit Werbeaktionen hinkriegen - statt mit Zeitungsschlagzeilen.

Mit einer solchen Unterstützung langjähriger KundInnen kann der St. Galler Yardo-Markt nicht rechnen. Dass die Entlassungen und «Strukturanpassungen» die Einschätzung von potenziellen KäuferInnen trübe, glaubt Geschäftsführer Keel allerdings nicht: «Daraus wird mir sicher kein Strick gedreht - ich muss wirtschaftlich denken und kann wegen zweier Arbeitsplätze ja nicht ein ganzes Unternehmen aufs Spiel setzen.» Sein ehrgeiziges Projekt einer ganzen Yardo-Kette sieht Keel keineswegs gefährdet: Er sei in intensiven Verhandlungen in Zürich, bis Ende Jahr rechne er mit einem Vertragsabschluss und bald darauf mit der Eröffnung. «Fraglich ist nur, ob wirklich eine so grosse Verkaufsfläche nötig ist - oder ob auch dreihundert Quadratmeter reichen würden», sagt Keel. Der Laden wäre damit fast viermal kleiner als der neue Kölner Basic-Biosupermarkt. Das Konzept «Biosupermarkt» scheint nämlich in Europa durchaus zu funktionieren: Die Kette eröffnete vor zwei Wochen das achtzehnte Geschäft in Deutschland - auf 1100 Quadratmetern. Kurz zuvor expandierte Basic nach Österreich. Strikt gentechfrei.